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Extensive Beweidung mit Schweinen


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Naturschutz und Landschaftsplanung - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 27.09.2022

Jörn Buse et al., Extensive Beweidung mit Schweinen

Eingereicht am 03. 04. 2022, angenommen am 16. 08. 2022

Abstracts

Schweineweiden zählen heute in Europa zu den seltensten Weideformen. Aus historischer Perspektive war das über lange Zeiträume anders. Hausschweine wurden in Mitteleuropa bereits seit dem Neolithikum im Freiland gehalten. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts blieb dies eine weitverbreitete Nutzungsform. Die ökologische Bedeutung von Schweineweiden, zum Beispiel für Insekten, ist wenig untersucht. Wir stellen deshalb Ergebnisse einer Dungkäferuntersuchung aus Südwest-Deutschland vor. Im Schweinekot fanden sich 31 verschiedene Käferarten aus drei Käferfamilien (Staphylinidae, Geotrupidae, Scarabaeidae). Erstaunlich war die zum Teil sehr hohe Individuendichte zum Beispiel von Onthophagus taurus. Eine Literaturauswertung unter Berücksichtigung anderer europäischer Länder ergab, dass ...

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Bildquelle: Naturschutz und Landschaftsplanung, Ausgabe 10/2022

Abb. 1: Weidefläche und Unterstände ganzjährig im Freiland lebender Muttersauen. Die Vegetation ist mit langund kurzrasigen Bereichen sehr heterogen ausgeprägt. Wühl- und Suhlstellen erhöhen die Strukturvielfalt.
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... allein 29 Arten von Blatthornkäfern (Geotrupidae, Scarabaeidae) an Kot von Hausschweinen gefunden wurden. Dies ist angesichts der wenigen verfügbaren Untersuchungsflächen bemerkenswert. Genannt wurden dabei auch viele überregional gefährdete Arten, für die eine Schweinebeweidung, aber auch andere Weideformen beispielsweise mit Rindern, förderlich wären. Die extensive Freilandhaltung von Schweinen bietet Lebensraum für bedrohte Dungkäferarten und ist somit vorteilhaft für die Landschaftspflege und den Biodiversitätsschutz. Mit gibt es grundsätzlich eine in vielen Regionen bereits ausgestorbene oder stark gefährdete Dungkäferart, die fast ausschließlich im Schweinekot gefunden wird. Auf der von uns untersuchten Fläche konnten wir die Art nicht nachweisen.

3 Ist Schweinekot attraktiv für dungbewohnende Käfer?

Über die Zusammensetzung und Struktur von Schweinekot in extensiver Freilandhaltung ist wenig bekannt. Schweine nehmen sowohl tierische als auch pflanzliche Nahrung zu sich und zählen damit zu dem omnivoren Ernährungstyp. Wildschweinkot nimmt in Bezug zum Nährstoffgehalt eine mittlere Position ein zwischen reinen Pflanzenfressern und den Fleischfressern (Frank et al. 2017). Er enthält in der Regel deutlich weniger Wasser als beispielsweise Rinderkot. Der hier untersuchte Schweinekot enthielt noch auffällig viele makroskopisch gut erkennbare Reste der gegebenen Futtermittel (Erbsen, Getreide), aber auch Reste von Gräsern. Die Konsistenz des Schweinekots reicht von kleinen Fladen bis hin zu festen, gut abgrenzbaren Kotballen (Abb. 3).

In vergleichenden Experimenten zählte der Kot von Wildschweinen zu den attraktivsten Kotarten und lockte ähnlich viele Käfer an wie Rinderkot (Frank et al. 2017). Jedoch gibt es bis heute keine umfassende Bearbeitung der Dungkäferfauna an Schweinekot in Europa. Dies trifft auch auf Spanien zu, wo bis in die heutige Zeit Schweine zur Eichelmast in Wälder getrieben werden. Martin-Piera (1984) erwähnt in seiner Monografie der Onthophagini der spanischen Halbinsel nur zwei Nachweise (Onthophagus ruficapillus, O. joannae) in Schweinekot. Verteilt über mehrere Sammeltermine (19. März, 9. und 15. August, 9. Oktober 2021) konnten wir etwa zehn Liter Schweinekot von halboffenen Bereichen der Schweineweide sowie fünf Liter Schweinekot von einem Waldbereich untersuchen.

Insgesamt enthielt der Kot 3.749 Käfer aus drei Käferfamilien (Geotrupidae, Scarabaeidae, Staphylinidae) (Tab. 1). Die artenreichs-te Familie waren die Scarabaeidae mit 19 Arten, gefolgt von den Staphylinidae mit zehn Arten und den Geotrupidae mit zwei Arten. Die Probe aus dem Wald enthielt 14 dungbewohnende Käferarten, unter denen Volinus sticticus sehr dominant auftrat. Die Proben von den halboffenen Bereichen enthielten 29 dungbewohnende Arten. Auffällig waren die zum Teil hohen Dichten von Onthophagus taurus in den Augustproben und auch von Volinus sticticus in den Proben vom Oktober. Unter allen nachgewiesenen Arten werden aktuell nur Onthophagus illyricus (stark gefährdet) und Euoniticellus fulvus (extrem selten) in der Roten Liste Deutschlands geführt (Schaffrath 2021).

4 Welche Käfer leben an Schweinekot? – ein Überblick

An Wildschweinkot wurden bisher in Mitteleuropa 34 verschiedene Dungkäferarten nachgewiesen (Buse et al. 2018). Für den Kot von Hausschweinen gibt es nur wenige Angaben. Dies betrifft für deutsche Regionen die zwei sehr seltenen und gefährdeten Arten Alocoderus hydrochaeris und Euheptaulacus sus (Horion 1958). Gerade für letztere Art wird sogar eine Präferenz für Schweinekot angegeben. Die wenigen Nachweise von Dungkäfern aus Schweinekot in Italien und Skandinavien belegen, dass E. sus dort ebenfalls typischerweise in Schweinekot gefunden wird (Dellacasa & Dellacasa 2006, Roslin et al. 2014). Der Artname nimmt bereits etymologisch Bezug auf das Schwein (lat. sus = Sau oder Schwein). Allerdings findet sich in der Erstbeschreibung der Art nur ein Hinweis zu Menschenkot als Ressource: „… sehr häufig im Menschenkoth auf den Wegen.“ (Herbst 1783).

Aus Skandinavien werden weiterhin Colobopterus erraticus, Eudolus quadriguttatus und Esymus merdarius von Schweinekot gemeldet (Roslin et al. 2014). Aus Frankreich werden zusätzlich folgende Arten von Schweinekot erwähnt, die auch in Deutschland vorkommen: Euoniticellus fulvus, Onthophagus taurus, O. vacca/medius (Lumaret 1990). Altnachweise (vor 2010) von Onthophagus vacca und O. medius müssen hinsichtlich Artzugehörigkeit überprüft werden (Rössner et al. 2010). Aus der Schweiz werden Onthophagus taurus, Chilothorax melanostictus und Nialus varians von Schweinekot gemeldet (Allenspach 1970, Krell 2018). In Österreich wurde neben einigen anderen Arten außerdem die wärmeliebende Art Bodilus lugens aus dem Kot von Hausschweinen nachgewiesen (Petrovitz 1956). Aus Italien wurde Otophorus haemorrhoidalis in Schweinekot gemeldet (Dellacasa & Dellacasa 2006).

Im Rahmen unserer Untersuchung konnten wir fünf Arten der Geotrupidae und Scarabaeidae erstmals an Schweinekot nachweisen. Limarus zenkeri ist in Baden eine seltene Art (nach Frank & Konzelmann 2002 insgesamt nur drei Funde). Nach 2000 wurde nur noch ein weiterer Fund erbracht (Bleich et al. 2022). Die Art besiedelt Wälder und halboffe- ne Strukturen in Waldnähe (Rössner 2012), wie sie auch auf den von Schweinen beweideten Obstwiesen zu finden sind. Naturschutzfachlich bedeutsam sind auch die Nachweise von Euoniticellus fulvus und Onthophagus illyricus, die als extrem selten beziehungsweise stark gefährdet in der aktuellennationalen Roten Liste geführt werden (Schaffrath 2021). Unter Berücksichtigung der oben zitierten Literatur und unserer eigenen Untersuchung sind bisher 29 Arten von Blatthornkäfern an Kot von Hausschweinen nachgewiesen worden (Tab. A1 unter Webcode Unter Berücksichtigung der wenigen Flächen, die von Schweinen beweidet werden, ist dies beachtlich. 14 Arten sind mindestens regional gefährdet oder bereits regional ausgestorben. Bei neun Arten stellt die Mehrheit der berücksichtigten Roten Listen eine Gefährdung fest. Sie sind somit überregional gefährdet. Aus naturschutzfachlicher Sicht sehen wir ein großes Potenzial, die Situation dieser bedrohten Arten durch extensive Schweinebeweidung zu verbessern. Für die überwiegende Zahl der Dungkäferarten sind aber auch andere Weideformen förderlich.

Tab. 1: Artenliste und vergleichende Darstellung der Proben aus Wald und halboffenem Bereich der Schweineweide. Die mit * gekennzeichneten Arten wurden erstmals in Schweinekot nachgewiesen.

Fazit für die Praxis

• Schweineweiden sind bisher wenig auf vorkommende Insekten untersucht.

• Aus der Literatur und unserer eigenen Untersuchung sind allein 29 Arten von Blatthornkäfern an Kot von Hausschweinen bekannt.

• Auch regional seltene und überregional gefährdete Arten kommen an Schweinekot vor.

• Extensive Beweidung mit Schweinen kann einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz leisten.

Alle zehn Arten der Staphyliniden sind bisher nicht von Schweinekot bekannt. Der Nachweis der Kurzflügler Aleochara intricata und Anotylus hamatus ist besonders interessant, da es sich um seltener nachgewiesene Arten handelt. Bei den beiden Arten stellt der Fund den jeweils einzigen Nachweis der Art nach 2000 für die Region Baden dar (Bleich et al. 2022). Bei A. intricata liegen deutschlandweit nur wenige aktuelle Nachweise vor. Die Art ist wohl im Rückgang begriffen. Über die ökologischen Ansprüche der koprobionten Kurzflügler ist weniger bekannt als bei den Blatthornkäfern. Die nachgewiesenen Staphylinidae gelten alle als koprophil, aber leben nur teilweise sapro-phytophag oder koprophag (Anotylus), während andere Arten (Tachinus) zoophag leben (Koskela & Hanski 1977). Auch findet man manche Arten, wie Bisnius fimetarius, nur als Imagines im Kot, während die Larven sich in anderen Substraten entwickeln (Lipkow 2011). Die Arten sind also durchaus spezifisch eingenischt. Oxytelus laqueatus wird beispielsweise häufiger in frischem als in altem Kot gefunden, während Bisnius fimetarius eher in mittelaltem bis altem Kot nachgewiesen wird (Lipkow 2011). Acrotona parvula kommt an diversen Faulstoffen vor, wird als räuberische Art aber auch regelmäßig in Pferdekot im Nationalpark Schwarzwald gefunden (Klotz & Buse, in Vorbereitung). Aufgrund des teilweise geringen Wassergehalts im Schweinekot erfolgt wahrscheinlich eine schnelle Austrocknung in Abhängigkeit der Bedingungen vor Ort. Endokopride (oberirdisch im Kot brütende) Arten dürften bei schneller Austrocknung nur im Wald gute Bedingungen vorfinden. Parakopride (unterirdisch im vergrabenen Kot brütende) Arten können den auf offener Flur abgelegten Schweinekot wahrscheinlich gut nutzen. Dies wird anhand der Verteilung der Individuen von Onthophagus taurus als parakopride Art besonders deutlich, die ausschließlich im halboffenen Bereich nachgewiesen wurde.

Auffällig waren zum Teil hohe Gesamtindividuendichten im untersuchten Schweinekot. Im Mittel enthielten die Proben 686 mg Käferbiomasse (Trockenmasse nur Scarabaeoidea ohne O. sylvestris) pro Liter Schweinekot. Zum Vergleich kann man die Käferbiomassen aus Rinderkot heranziehen. Aus dem Schwarzwald liegen Werte von im Mittel 463 mg pro Dunghaufen vor (Buse et al. 2021). Ein Haufen Rinderkot wiegt etwa 2 kg bei einem Volumen zwischen 2 und 3 l. Die Werte sind also bei konservativer Betrachtung zu halbieren. Wir liefern hier erste Anhaltspunkte, dass Schweinekot eventuell sehr hohe Käferbiomassen erreichen kann. Weitere Untersuchungen sollten diesen Aspekt aufgreifen. Unsere Untersuchung sowie die Literaturangaben zeigen, dass viele Dungkäferarten auch in Schweinekot vorkommen, manche sogar in sehr hoher Dichte. Für insektenfressende Vogelarten könnten Flächen mit Freilandhaltung von Schweinen dadurch ein attraktiver Suchraum für Nahrung sein. Aus naturschutzfachlicher Sicht wird deutlich, dass viele überregional gefährdete Dungkäferarten an Schweinekot leben. Die extensive Freilandhaltung von Schweinen bietet somit für die Landschaftspflege und den Biodiversitätsschutz Vorteile (Neugebauer et al. 2005). Weitere Untersuchungen der Dungkäfer, aber auch anderer Insektengruppen, bei unterschiedlichen Haltungsbedingungen (Lebensräume, Schweinedichte, Weideregime) sind anzustreben, um detaillierte Aussagen zum Management ableiten zu können.

Literatur

Aus Umfangsgründen steht das ausführliche Literaturverzeichnis unter Webcode

KONTAKT

Dr. Jörn Buse studierte Umweltwissenschaften an der Leuphana Lüneburg und wurde dort gefördert durch ein Stipendium der Deutschen Bundesstiftung Umwelt mit einer tierökologischen Arbeit zu Holzkäfern an Alteichen promoviert. Seit 2016 arbeitet er im Nationalpark Schwarzwald. Im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Biologische Vielfalt Mittelbaden führt er käferkundliche Erfassungen ehrenamtlich durch. Sein besonderes Interesse gilt den Dungkäfern.

> joernbuse@gmx.de

Benedikt Feldmann studierte Geographie an der Universität Münster. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt im Bereich der Taxonomie und Faunistik der Staphylinidae (Coleoptera) der Westpaläarktis.

> bfeldmann1@aol.com

Johannes Ebert, Martin Rebbe, Dr. Flavius Popa engagieren sich ehrenamtlich in der Arbeitsgemeinschaft Biologische Vielfalt Mittelbaden im Rahmen pilzkundlicher und entomologischer Erfassungen.

> jfebert@t-online.de, MartinRebbe@t-online.de, F.Popa@gmx.de

Judith Wohlfarth studierte BWL in Frankfurt und arbeitete anschließend in Unternehmensberatungen und Banken. 2010 entschloss sie sich, einen anderen Weg zu gehen, und schloss 2012 den Master in biologischer Landwirtschaft an der Universität Hohenheim ab. Seit 2013 zusammen mit Ihrer Mutter Leitung des Hofguts Silva in Oberkirch, wo Schweine in extensiver Freilandhaltung gezüchtet und aufgezogen werden. Seit Mai 2021 werden die Schweine auch auf dem Hof geschlachtet, zerlegt und verarbeitet.

> judithwohlfarth@gmail.com, https://www.hofgut-silva.de/