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EXTRA-REPORT: Das verdrängte Tabu


Welt der Frau - epaper ⋅ Ausgabe 5/2020 vom 27.03.2020

Der Starfotograf Michael Reh deckt in einem erschütternden autobiografischen Roman den Missbrauch durch weibliche Verwandte in seiner Familie auf


Artikelbild für den Artikel "EXTRA-REPORT: Das verdrängte Tabu" aus der Ausgabe 5/2020 von Welt der Frau. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Welt der Frau, Ausgabe 5/2020

Stars wie Pamela Anderson hatte der Fotokünstler schon vor der Linse, wirkte auch bei Heidi Klums Germany’s Next Topmodel mit


Der Fotograf und Literaturwissenschaftler hat sich seinem Trauma gestellt und führt heute ein glückliches und erfolgreiches Leben


Die Zahlen sind schockierend: Rund 15 000 Kinder werden jährlich in Deutschland sexuel l missbraucht. Und dies sind „nur“ die polizeilich registrierten Fälle. Experten schätzen, dass die Dunkelziffer um ein ...

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... Vielfaches höher liegt. Ebenfalls tief im Dunkeln verborgen ist in diesem Zusammenhang ein anderes verstörendes Phänomen: der sexuelle Missbrauch durch Frauen. Laut Aussage der Betreiber des Internet- Hilfsportals unterliegt dieser aufgrund der gängigen Weiblichkeits- und Mütterlichkeitsmythen einem noch größeren Tabu als die von Männern begangenen Taten. Außerdem werde sexueller Missbrauch an einem (pubertierenden) Jungen durch eine Frau von ihm selbst und von der Gesellschaft oft nicht als sexuelle Ausbeutung eingestuft, sondern als „Einweihung ins Mannesalter“ umgedeutet. So werde oft behauptet, der Junge würde quasi mit Erfahrungen „beschenkt“, weil er jetzt wisse, wie mit Frauen „umzugehen“ sei. Sexueller Missbrauch durch eine Frau ist für die Jungen jedoch kein „Geschenk“, sondern bedeutet eine erhebliche Störung in der psychosexuellen Entwicklung. Einen Missbrauch durch eine Frau als solchen zu erkennen und zuerkennen fällt aber selbst Fachleuten oft schwer: Mütter werden von der Gesellschaft als asexuell gesehen. Als das friedfertige, versorgende Geschlecht. Generell wird Frauen ein intensiverer Körperkontakt zu Kindern zugestanden als Männern, bestimmte Handlungen werden bei Frauen noch als „normal“ angesehen, die bei Männern schon als Übergriffe wahrgenommen werden. So könnten laut durch das Sorge- und Pflegeverhalten von Müttern oder Frauen sexuelle Übergriffe gut kaschiert werden. Frauen seien jedoch nicht nur Angriffsfläche für männliche Gewalt, sondern auch in der Lage, gegen über statusniedrigeren, schwächeren Personen Gewalt auszuüben. So unglaublich das klingt. Der Schweizer Kinderarzt Markus Wopmann sagt dazu: „Es gilt bis heute als unvorstellbar, dass Frauen durch Kinder sexuell erregt werden.“ Vielmehr würden auch Angehörige dazu neigen, auffälliges Verhalten herunterzuspielen. „Wir hören dann Ausflüchte wie: ,Da ist doch bloß ihre Hand verrutscht.‘“ Dieses Verdrängen und Negieren macht es für die Betroffenen noch schwerer, über den Missbrauch zu sprechen.

Auch Sänger Gil Ofarim wurde von Reh porträtiert


Die Mutter als asexuelles Wesen


Michael Reh fotografierte Promis für den Lambertz-Kalender 2019


Ausbruch aus dem Trauma


Einer, der sich seinem erlebten Trauma gestellt hat und dessen Folgen nicht länger im Verborgenen ertragen möchte, ist der erfolgreiche Mode- und Werbefotograf Michael Reh. Er wurde als kleines Kind jahrelang von einer Tante missbraucht, hat extrem darunter gelitten und sich irgendwann sogar seinen Eltern und anderen Verwandten anvertraut. Doch es hat ihm niemand geglaubt. Später als junger Erwachsener hat er versucht, das Trauma aufzuarbeiten. Und seine Familie noch einmal mit dem erlittenen Unrecht konfrontiert - wieder ohne Erfolg. Mit diesem Nicht- Beachten und Nicht-Wahrhaben- Wollen hatte Michael Reh nach eigener Aussage fast ebenso zu kämpfen wie mit dem Missbrauch selbst. Doch mit dem permanenten Sich-Stellen hat er es geschafft, damit fertig zu werden. In seinem autobiografisch geprägten Roman Katharsis hat der Fotograf und studierte Literaturwissenschaftler seine Erlebnisse ein weiteres Mal aufgearbeitet - auch um die Öffentlichkeit für das tabuisierte Thema zu sensibilisieren. Michael Reh sagt dazu: „Dass Jungen von Männern missbraucht werden, ist in der Öffentlichkeit mittlerweile angekommen. Die Reaktionen auf eine Frau als Täterin sind sehr oft ungläubig: Wie, von einer Frau missbraucht? Wie soll das denn funktionieren? Ein Fünftel aller Täter sind Frauen. Sie können einen zwar nicht mit einem Penis penetrieren, aber mit anderen Dingen und andere Sachen machen. Beim Missbrauch geht es um Macht, nicht um die Penetration an sich. Da wird Gewalt angetan, und die Macht erregt den Täter oder die Täterin.“ Der Fotograf möchte mit seinem Buch Bewusstsein schaffen: „Wenn Ihr Kind sich extrem verändert, nicht mehr spricht, nicht mehr angefasst werden möchte, Albträume entwickelt: hingucken, hinhören, dem Kind Zeit lassen, nie drohen, nie ungeduldig werden, eine Sicherheit bieten.“ Und vor allem: ernst nehmen und Glauben schenken.

Michael Reh erzählt in WELT der FRAU über sein Trauma

Wie hat Ihre Familie darauf reagiert, als Sie ihnen von Ihrem Missbrauch das erste Mal erzählt haben?

Genauso, wie sie heute - 50 Jahre später - reagiert: mit Unverständnis, Ablehnung und Ausgrenzung. Im Alter von sechs Jahren wurde ich zum Psychiater geschleppt, in ein Kinderheim gesteckt, als schwer erziehbares, schwarzes Schaf abgestempelt. Als ich mit Ende 20 einen Großteil meiner Familie nochmals mit dem Missbrauch konfrontierte, war die Reaktion ähnlich. Ich war weiterhin der Querulant, Störenfried und Außenseiter. Einzig meine Großmutter mütterlicherseits schenkte mir von Anfang an Glauben.

Ein erschreckendes Muster, das Sie im Roman auch eindrücklich beschreiben

Bei uns zu Hause stand das Buch Die Mutter und ihr erstes Kind von Johanna Haarer, eine Neuauflage des NS-Bestsellers Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Ich wurde unbewusst von meinen Eltern in dieser Ideologie der Bindungslosigkeit erzogen: Wenn das Kind schreit, mach die Tür zu, wenn es Ärger macht, steck es ins Kinderheim. Ich wurde von meinen Eltern auch nicht aufgeklärt, das Thema Sexualität kam bei uns nie vor.

Was war das Schlimmste an Ihrer Missbrauchserfahrung?

Die größte Verletzung über die Jahrzehnte war der Unglaube und das Nicht-Akzeptieren seitens der Familie, vor allem meiner Eltern. Man wird mit dem Missbrauch allein gelassen, das macht es noch schlimmer.

Das Erlebte bleibt trotz der Aufarbeitung Thema für Sie?

Auch für jeden, der das Trauma des Missbrauchs nicht verdrängt, bleibt es ein Lebensthema. Ich habe mich dazu entschlossen, mich damit auseinanderzusetzen, nachdem die Erinnerung wieder hochkam. Da habe ich gemerkt, dass man sich entscheiden kann, ob man den Weg des Erkennens, was da pas siert ist, gehen will. Ich benutze bewusst den Begriff „Survivor“, also Überlebender, statt Opfer, denn als Survivor setzt man sich aktiv auseinander und kann aus der Opferrolle aussteigen.

Michael berichtete als Kind Angehörigen von seinem Missbrauch, aber niemand glaubte ihm


Bedeutete das Schreiben des Buchs eine Befreiung für Sie?

Auf jeden Fall, der Titel Katharsis spricht für sich. Die Hauptfiguren sind Zwillinge, die auch nicht miteinander sprechen, weil der Missbrauch sogar zwischen ihnen ein Tabu ist und ihnen nicht beigebracht wurde zu vertrauen. Das Schweigen zu brechen ist wichtig. Nicht nur für mich, sondern hoffentlich auch für andere, die das Buch lesen.

Was empfehlen Sie anderen Menschen, die als Kind missbraucht wurden?

Keine Angst vor den Gefühlen zu haben. Sie wollen gehört werden, und man sollte hinhören, gerade wenn diese sehr bedrohlichen Gefühle in einer Erinnerung hochkommen. Missbrauch ist etwas ganz, ganz Bedrohliches und hat viel mit Todesangst zu tun. Mir wurde immer gedroht, ich würde umgebracht werden, wenn ich darüber spreche. Und sich mit dem Thema auseinandersetzen, unbedingt auch mit der Familie. Das Thema darf nicht ungehört bleiben. Es in sich hineinzufressen heißt, ein Leben lang darin gefangen zu bleiben - wie mein Vater, der erst kurz vor seinem Tod einer Angehörigen erzählte, dass die Täterin versucht hat, auch ihn zu missbrauchen. Ich hoffe, mit meinem Buch Bewusstheit zu schaffen, auch bei Eltern und Angehörigen.

Michael Reh: Katharsis. Drama einer Familie. 15 Euro; Acabus Verlag


FOTOS: MICHAEL REH (5), VOX (2), ACABUS VERLAG