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EXTREM INSPIRIEREND


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 11/2018 vom 09.10.2018

Dein Chef sitzt dir im Nacken? Deine Arbeit treibt dich in den Wahnsinn? Wir haben neun Extremsportler gefragt, wie sie mit Ängsten, Stress und Leistungsdruck umgehen. Sie sagen: Unsere Tricks aus der Gefahrenzone kann jeder Mensch im Alltag nutzen.


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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 11/2018

Experte für Nervenstärke: der französische Skydiver Guillaume Galvani im freien Fall über der türkischen MittelmeerküsteTRISTAN


TRISTAN SHU

GUILLAUME GALVANI: BEWERTE RISIKEN WIE EIN SKYDIVER

„Wer allen Risiken aus dem Weg geht, entwickelt sich nicht weiter – weder persönlich noch beruflich“, sagt der Franzose Guillaume Galvani, der sich für das dezent ...

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... pulsbeschleunigende Bild auf der vorherigen Seite 2000 Meter oberhalb der türkischen Ägäis aus einem Paragleiter ausgeklinkt hat. Seine gute Nachricht: Jeder kann Risiken bewältigen. Und dafür umgehend belohnt werden – z. B. mit einer Beförderung oder mit der FinisherMedaille eines Marathonlaufs.

„Ich bin kein Superman“, sagt er, „sondern bloß ein Normalo, der seinen Traum lebt, wie ein Vogel zu fliegen.“ Galvanis Meinung nach lässt sich jedes Risiko auf ein Minimum beschränken, wenn man die nötige Zeit und Mühe investiert. „Luftsport ist gefährlich. Aber Gefahren kann man abwägen, bewerten, beseitigen oder vermeiden. Zuerst musst du geduldig an den Fertigkeiten arbeiten, die deine mentalen und körperlichen Voraussetzungen erlauben. Dabei wirst du die Ideen, Einsichten und Erfahrungen entwickeln, die dir helfen, Risiken einund Grenzen abzuschätzen. Jetzt kannst du wie ich von Felswänden springen – oder eben nicht, weil du weißt, wann es zu gefährlich ist.“

Sobald man Risiken auf ein bewältigbares Maß zusammenstutzen kann, erntet man umgehend die Früchte.


„Wer allen Risiken im Leben aus dem Weg geht, entwickelt sich nicht weiter.“


ALEX MEGOS: LOTE GRENZEN AUS WIE EIN KLETTER-PROFI

Die erste Präsentation vor der Geschäftsführung; die Organisation eines wichtigen Kunden-Events; der berufliche Aufstieg in eine höhere Position mit gänzlich neuen Herausforderungen: Wir alle kennen Aufgaben, bei denen wir uns fragen: „Ist das eine Nummer zu groß für mich?“ Oder: „Wie sehr sollte ich mich dafür verausgaben?“ Alexander Megos ist Experte für schwierige Projekte. Der 25-jährige Erlanger zählt zu den besten Extrem-Kletterern der Welt. Sein bisher spektakulärstes Hindernis überwand er 2013 in Katalonien. Dort bezwang er als erster Mensch die legendäre „Estado critico“-Route „on sight“ (also ohne Vorbereitung in einem Versuch) – ein steinernes Ungetüm mit wenigen Millimeter schmalen Griffmöglichkeiten und zehn Metern Überhang. Um solche schier übermenschlichen Aufgaben zu meistern, empfiehlt Megos zwei Regeln. Erstens: Schöpfe deine Grenzen voll aus. Zweitens: Hab keine Angst vor Rückschlägen. Megos weiß, dass auch seine Kraft irgendwann zu Ende ist. Genau in diesen Momenten macht er sich bewusst, dass er nicht mehr lange durchhält. „Aber ‚nicht mehr lange‘ bedeutet ja auch, dass ich noch für einen Moment mein Bestes geben kann“, sagt er. „Und wenn es nur zehn Sekunden sind.“ Zehn Sekunden, zehn Millimeter, die ausreichen können, um etwas zu schaffen, was einem niemand zu-getraut hat. Übersetzt in den Alltag, bedeutet das nach Megos: „Lerne durch Erfahrung, frühe Warnsignale deines Körpers zu lesen. Setz dir dann klare Limits und gib bis dahin Vollgas.“

Weil Erwartungsdruck die Leistung mindert, empfiehlt er außerdem, sich von der Angst vor dem Scheitern zu befreien. „Es gibt einen Unterschied zwischen Scheitern und keinen Erfolg haben“, sagt er. Man könne jedes Fallen als Scheitern ansehen – oder es als Fortschritt wertschätzen. „Nur wer im Kopf mit einem Projekt abschließt und es aufgibt, ist wirklich gescheitert.“


„Setz dir ein klares Limit und gib bis dahin Vollgas.“


Schön schräg: Der Kletterer Alexander Megos gilt als Spezialist für Überhänge.


THOMAS BALLENBERGER/RED BULL CONTENT POOL, KEN ETZEL/RED BULL CONTENT POOL, GUILLAUME GALVANI

JULIANA BUHRING: DURCHHALTEN WIE EINE WELTUMRADLERIN

Manchmal rauben uns schlechte Erfahrungen, Rückschläge oder Stimmungsschwankungen Energie und Motivation. Die Ultra-Endurance-Radsportlerin Juliana Buhring weiß, wie man sich in harten Zeiten durchbeißt – spätestens seit sie im Jahr 2012 als schnellste Frau der Geschichte die Welt auf dem Fahrrad umrundet hat. Auf ihrer 152 Tage und 29.060 Kilometer langen Odyssee überstand sie eine Unterkühlung in Neuseeland, einen Zyklon in Indien und die Attacken wilder Hunderudel in der Türkei. „Jeder schlimme Moment geht vorbei“, sagt die heute 37-Jährige.

In schwierigen Momenten bewahrte sie mithilfe von Selbstgesprächen ihre mentale Stärke – eine psychologische Technik, in der bestimmte Wörter oder Phrasen die Stimmung beeinflussen. Davon hatte sie eine ganze Werkzeugkiste für unterschiedliche Situationen gepackt. Gegen Schmerzen und Langeweile half Aufmunterung: „Ich überlistete mein Gehirn und sagte so etwas wie: ‚So eine geniale Tour! Das macht ja richtig Spaß.‘ Dann schaltete das Hirn den Alarmmodus ab, der mich zum Anhalten zwingen sollte.“ Ging ihre Motivation den Bach runter, stachelte sie sich mit Kritik an: „Ich sagte mir: , Komm schon, du Penner, jetzt mach aber mal.‘“ In kritischen Situationen weckte sie den Feldwebel in ihr: „Dann schimpfte ich: , Los jetzt! Ist das wirklich alles, was du zu bieten hast?‘“ Und manchmal half es, über sich selbst zu lachen: „Dann kam so etwas wie: ,Dummes Mädchen, was ist dir da wieder passiert?‘ Wenn man darüber lacht, fühlt sich ein Problem nicht mehr so schwer an.“

Ein Arsenal von Motivationssprüchen hilft auch an lustlosen Tagen im Fitnessstudio oder beim Umgang mit schlechten Neuigkeiten. Und belohnt einen mit tollen Erfolgserlebnissen: „Manchmal fühlte ich mich müde oder krank. Wenn ich es dann aber schaffte, diese Momente zu übertauchen, war ich voller Euphorie. Ich fühlte, wie viel noch in mir steckt. Und jetzt weiß ich: Ich kann alles durchstehen, was ich will.“

Juliana Buhring beim Trans Am Bike Race (2014). Im Jahr 2012 umrundete sie als bisher schnellste Frau die Welt in 152 Tagen.


„Mein Trick: Ich führe Selbstgespräche. Mit Kritik und Humor kannst du dein Gehirn überlisten.“


Ultrarunner Bragg am 3000 Kilometer langen Te Araroa Trail in Neuseeland. Bis ins Ziel verbrauchte er zwölf Paar Schuhe.


JEZ BRAGG: FINDE INNEREN FRIEDEN WIE EIN ULTRARUNNER

In der Hektik unserer vernetzten Welt könnte uns manchmal fast der Schädel explodieren. Innerer Friede? Im Gegenteil! Umso wichtiger ist es, unser Gehirn mit achtsamem Denken zu beruhigen, sagt Ultraläufer Jez Bragg – im Büro genauso wie bei einem 160-Kilometer-Lauf. „Konzentrier dich auf das Jetzt“, rät Bragg, der 2013 auf dem 3000 Kilometer langen Te Araroa Trail Neuseeland durchquerte und dabei zwölf Paar Schuhe verbrauchte. „Achte auf den Ausblick, auf das Wetter, auf die Empfindungen deines Körpers, auf alles, was du gerade erlebst. Das erdet.“

Wer fokussiert im Jetzt lebt, verliert sich nicht in Katastrophenszenarien – und hat bessere Erfolgsaussichten für seine Ziele. Denn mit dieser Technik lässt sich nicht nur der 170 Kilometer lange Ultra-Trail du Mont Blanc bewältigen (den Bragg 2010 gewonnen hat), sondern auch jeder stressige Arbeitstag. „Wenn du nur an die nächsten paar Schritte denkst und nicht an das Ziel, hat das einen unheimlich beruhigenden Effekt“, sagt der 37-Jährige. Beim Fokussieren hilft es, sich auf die Wahrnehmung möglichst vieler Sinneseindrücke zu konzentrieren, vom Geruch bis zum Luftzug – eine Methode, die man gut in den Mittagsspaziergang oder die Pause nach einem aufwühlenden Streit einbauen kann. Wer dies regelmäßig übt, hält negative Gedanken wirksam in Schach. „Beim Laufen checke ich mich regelmäßig selbst durch“, sagt Bragg, „so kann ich schnell den Grund für ein Tief herausfinden und es lösen.“

Seine Methode kommt Bragg auch in seinem Brotberuf als Bauprojektmanager zugute. „Mein Verstand wird dadurch so klar“, sagt er, „dass mir beim Tagträumen ganz von selbst die Lösungen für Probleme oder Jobaufgaben einfallen.“


„Gerüche, Schritte, Atmung: Achtsamkeit hilft dir, immer bei Verstand zu bleiben.“


Der Brite Ben Saunders legte 2013/14 auf seiner Antarktis-Wanderung 2913 Kilometer zurück – und nahm dabei 22 Kilo ab.


BEN SAUNDERS: ORGANISIERE DAS CHAOS WIE EIN POLARFORSCHER

Manchmal fühlen wir uns angesichts voller Posteingänge, knapper Deadlines und später Überstunden, als hätten wir die Kontrolle über unser Leben verloren. Der Polarforscher Ben Saunders kämpft gegen Naturgewalten grundsätzlicherer Art. „Im Polargebiet bist du dermaßen auf dich allein gestellt, dass es dich manchmal förmlich überwältigt“, sagt Saunders, der gemeinsam mit Tarka L’Herpiniere 2013/14 in der Antarktis 2913 Kilometer zurücklegte, die längste Polarreise aller Zeiten. „Die Antarktis ist der kälteste, trockenste und windigste Ort der Welt. Man fühlt sich wie ein Astronaut im Weltall. Rund um dich ist Todeszone.“

In diesem Chaos der Elemente entwickelte der Vierzigjährige psychologische Tricks, mit denen er während seiner 105-tägigen Antarktis-Expedition Ordnung ins Chaos brachte. An erster Stelle: präzise Tages-und Stundenpläne. Sie reduzieren den Stress und vermitteln Kontrolle – im Kampf gegen den Erfrierungstod genauso wie an verrückten Montagen im Büro.

„In der Antarktis legte ich großen Wert auf strikte Tagesabläufe“, erklärt Saunders. „Aufwachen, Ofen anheizen, Wasser schmelzen, den Schlitten nach einem speziellen System packen. Den übrigen Tag unterteilte ich in Zeitblöcke von 90 Minuten, nach denen ich aß und wichtige Tagesaufgaben ausführte.“ Für zusätzliche Ordnung sorgten farbcodierte Taschen: blau für Lebensmittel, rot für Schutzbrille und Fäustlinge. Was neurotisch klingt, war lebensnotwendig: „In der Antarktis kannst du wegen eines verlorenen Fäustlings sterben“, sagt er.

Klare Strukturen bringen dich auch dann durch einen harten Tag, wenn du müde bist, gestresst oder nicht im Vollbesitz deiner körperlichen oder geistigen Kräfte. „Du kannst einfach auf Autopilot schalten“, weiß Saunders, der bei seiner Antarktis-Expedition 22 Kilo Körpergewicht verloren hat. Seine Methode ergibt auch im Alltag Sinn: „Ich bin schon in der Planungsphase einer Expedition ein eingefleischter Listenschreiber“, lacht er. „Mein ganzes Leben ist in einer App namens Things organisiert, damit ich den Überblick über Training, Sponsoren, Essen und Ausrüstung behalte. Ich stelle mir dann immer vor, ich wäre der CEO meines eigenen Lebens – nur logisch, dass ich über jedes Detail informiert sein will.“


„Verschwende keine Energie an Dinge, die du nicht beeinflussen kannst.“


Wenn die Steuererklärung oder der Arbeitsbericht fertig werden muss, setzt uns der Zeitdruck oft unter zusätzlichen Stress. Das kennt auch Saunders: „2014 hätte uns jeder Tag, den wir zu spät angekommen wären, jeweils 30- bis 40.000 Dollar für die Räumung der Start- und Landebahn gekostet.“ Die Lösung: unterschiedliche Schubladen.„Ich verschwende keine Energie an Dinge wie Sicht-, Wind- und Schneeverhältnisse, die ich nicht ändern kann“, sagt er. „Und konzentriere mich auf das, worauf ich Einfluss habe: schlau navigieren, effizient vorankommen, nichts verlieren. Der Rest wird sich fügen.“

Außerdem sollten wir alle regelmäßig neue Herausforderungen annehmen, um unsere Sinne zu schärfen, empfiehlt Saunders. Es muss ja nicht gleich eine Polarexpedition sein: „Wer zum Beispiel einmal einen Marathon gelaufen ist, kann sich bei der nächsten Anstrengung sagen: ‚Ich habe schon Schlimmeres durchgestanden, also werde ich auch das schaffen.‘“

ANDY WARD, MARTIN HARTLEY


„Farbsysteme, Apps, Listen: Klare Strukturen bringen dich durch harte Tage.“


Corinna Schwiegershausen, zwölffache Weltmeisterin im Drachenfliegen


CORINNA SCHWIEGERSHAUSEN: ÜBERWINDE DEINE ANGST WIE EINE DRACHENFLIEGERIN

Enge Räume, Massenaufläufe, Flugreisen: Manche Menschen fürchten bestimmte Szenarien derart, dass sie sie um jeden Preis vermeiden und so ihr Leben einschränken. Drachenfliegerin Corinna Schwiegershausen beweist, dass wir diese Schwächen besiegen und sogar in Stärken verwandeln können. Die Bremerin leidet unter Höhenangst und ist Weltmeisterin im Drachenfliegen. Zuletzt flog sie weiter als je eine Frau zuvor, 407,8 Kilometer legte sie über Brasiliens Urwäldern zurück.

Wer über längere Zeiten unter einer Phobie leidet, sollte sich ärztlichen Rat suchen. Bei milderen Formen solcher Ängste rät Schwiegershausen: „Routinen geben Sicherheit und können dir helfen, dich ganz auf die Gegenwart zu konzentrieren.“ So legt sie ihre Ausrüstung stets in derselben Reihenfolge an, und mit jedem Klicken und Surren der Gurte vergrößert sich ihre innere Ruhe – durch den gelernten Ablauf und weil sie genau wahrnimmt, wie sie sich in eine Konstruktion begibt, die sie kennt und auf die sie sich hundertprozentig verlassen kann.

Der entscheidende Teil aber kommt beim Start: Wenn Corinna Schwiegershausen zum Abheben den Hang hinunterläuft, schlägt ihr Herz etwas höher. „Aber sobald ich ein paar Meter in der Luft bin und mich in die Liegeposition begeben habe, spüre ich bewusst mit dem ganzen Körper, dass meine Flügel mich tragen, und es stellt sich eine Freude am Fliegen ein.“ Mit anderen Worten: Indem Schwiegershausen ihre Aufmerksamkeit gezielt darauf richtet, was sie in der Höhe schützt, baut sie Vertrauen auf und kann die gefürchtete Situation sogar genießen. Eine Strategie, die auch im Alltag helfen kann: Wenn dich die Angst packt, nimm bewusst wahr, was dich schützt.


„Routinen können dir helfen, dich ganz auf den Moment zu konzentrieren.“


2013 machte Abenteurer Stafford bei der Fernsehserie „Naked and Marooned“ mit. Zuvor war er bereits den Amazonas in dessen ganzer Länge entlanggewandert.


MARCELO MARAGNI/RED BULL CONTENT POOL, SAMO VIDIC/RED BULL CONTENT POOL, DISCOVERY


„Ich ver-wandle schlechte Gedanken in Autos, die davon-fahren.“


ED STAFFORD: BLENDE NEGATIVE GEDANKEN AUS WIE EIN ABENTEURER

Geldsorgen, Angst um den Arbeitsplatz oder die Mühen eines Umzugs können dich richtig runterziehen. Der Abenteurer Ed Stafford, der im Oktober 2008 als erster Mensch den Amazonas in dessen ganzer Länge abwanderte, kennt noch ein paar andere Probleme: Bei seinem 860-Tage-Marsch machte er Bekanntschaft mit Drogenschmugglern, Giftschlangen und den Pfeilen der Eingeborenen. Ein Mann von übermenschlicher Gelassenheit? „Ich schwankte dauernd zwischen Paranoia-und Angstzuständen“, erklärt der 42-Jährige.

Zur Vorbereitung auf die sechzigtägige TV-Show „Naked and Marooned“, für die Stafford auf einer einsamen Insel ausgesetzt wurde, las er sich in Psychologie ein. Auf der Insel konzentrierte er sich auf zwei Techniken. Erstens: tägliches Meditieren. „Zu Hause benutze ich eine App namens Headspace, die zwanzigminütige Meditationssitzungen anbietet und dich ermutigt, negative Gedanken loszulassen“, sagt er. „Ich stelle mir zum Beispiel vor, an der Autobahn zu sitzen und meine negativen Gedanken in Autos zu verwandeln. Der Trick ist, ihnen weder vor die Motorhaube zu springen noch einzusteigen – sondern sie einfach davonfahren zu lassen.“ Wenn dieser Trick bei Stafford funktioniert hat, der im Fernsehen aus Hunger und Müdigkeit unter anderem an den Knochen einer toten Maus genagt hat, wird er auch bei dir klappen.

Seine zweite Taktik hat er von australischen Aborigines abgeschaut. „Sie glauben, dass wir drei Gehirne haben“, sagt er. „Das größte ist für dein Bauchgefühl und deinen Instinkt; das mittlere für deine Emotionen, das kleinste für logisches Denken. Sie nennen es ‚ngan duppurru‘, was auch ‚ein Fischernetz, das nicht mehr repariert werden kann‘, bedeutet. Sehr passend.“ Staffords Meinung nach sollten gerade wir Westler, die hauptsächlich mit dem kleinsten der drei Hirne denken, unsere Prioritäten neu ordnen. „Das Logikhirn kann gegen Ängste nichts ausrichten. Folge besser deinem Bauchgefühl und benütze die zwei anderen nur als Kontrollinstanz, bevor du handelst.“ Für Stafford ist die Aborigines-Philosophie der Schlüssel zu emotionaler Balance. Und die ist essenziell: „Unser Kopf ist das wichtigste Überlebensinstrument, das es gibt.“

Mann für alle Fälle: Kajak-Profi Ortiz 2017 auf den Spirit Falls, Bundesstaat Washington, USA


GREG MIONSKE/RED BULL CONTENT POOL, MICHAEL CLARK/RED BULL CONTENT POOL, KRYSTLE WRIGHT

RAFA ORTIZ: FINDE DEINEN FLOW WIE EIN EXTREM-KAJAKFAHRER

Für die persönliche Bestzeit auf der Hausstrecke oder für die Verhandlung mit dem schwierigen Kunden braucht es diesen gewissen Flow – ein Gefühl totaler Konzentration, das dich alle Ablenkungen ausblenden und alle Herausforderungen instinktiv meistern lässt. Wenn sich der mexikanische Extrem-Kajakfahrer Rafa Ortiz potenziell halsbrecherische Wasserfälle hinunterstürzt, ist diese Konzentration überlebensnotwendig. Schon ein winziger Moment der Unaufmerksamkeit könnte ihn das Leben kosten.

„Du musst hoch konzentriert und völlig entspannt zur selben Zeit sein“, sagt der 31-Jährige, der es 2012 mit den 57 Meter hohen Palouse Falls in Washington, USA, aufnahm und im Fallen 130 bis 150 km/h erreichte. „Dann können dir Ablenkungen nichts mehr anhaben. Die größten Fehler passieren, wenn man abgelenkt ist.“ Unglücklicherweise leben wir heute im Zeitalter permanenter Ablenkung. „Früher hattest du ,Snake‘ am Handy, jetzt wollen über tausend Apps und Benachrichtigungen deine Aufmerksamkeit. Das moderne Leben zerstört die Konzentration, die du für den Erfolg brauchst. Aber mit dem richtigen Fokus kannst du alles erreichen.“

Im Jahr 2013 bot Ortiz seinen Fokus für das steilste schiffbare Wildwasser der Welt auf – eine Abfolge von Drops im Rio Santo Domingo, Südmexiko, manche von ihnen bis zu 27 Meter tief. Für die optimale Konzentration benützt er eine Technik, die im Wildwasserfall ebenso gut anwendbar ist wie im Auto auf dem Weg zur Arbeit: „Ich stelle mir genau vor, was ich vorhabe, aufgeteilt in tausend Einzelbilder“, erklärt Ortiz. „Ich denke an die Strecke, die ich fahren werde, an meine Bewegungen, an jede kleine Welle und an jeden kleinen Stein, dem ich auf dem Weg begegnen könnte. Es ist ein bisschen wie Virtual-Reality-Training, so als würde man im Kopf ein Video abspielen.“ In der realen Umsetzung kann man sich dann völlig auf die Sache konzentrieren, weil es sich anfühlt, als hätte man jedes Detail schon einmal erlebt – der perfekte Flow.

„Wenn du die Herausforderung visualisierst“, erklärt Ortiz, „verbindest du Konzentration und Entspannung. Du kommst in einen intensiven Geisteszustand, der dein Bewusstsein schärft und Ablenkungen ausblendet, damit du in dem Moment dein Bestes geben kannst.“


„Ich stelle mir vor, was ich vorhabe, in tausend Einzelbilder aufgeteilt.“


Sarah Marquis allein in Australien. Ihr Abendessen: selbst gesammelte Früchte und Körner


SARAH MARQUIS: MEISTERE HARTE ZEITEN WIE EINE EINZELKÄMPFERIN

Sarah Marquis ist Expertin im Verlassen der eigenen Komfortzone, und das ist durchaus auch geografisch gemeint. Die „National Geographic“-Abenteurerin des Jahres 2014 bereiste die ganze Welt zu Fuß, durchwanderte tausende und abertausende Kilometer des amerikanischen und des australischen Kontinents, durchquerte Asien auf dem Fußweg von Sibirien nach Südaustralien. Und sie geht grundsätzlich immer allein.

„Ein Extremabenteuer“, sagt die 46-jährige Westschweizerin, „beginnt schon Wochen vor dem eigentlichen Start. Mit einer gezielten Vorbereitung, körperlich wie psychisch.“ Körperlich? Man denkt an beinhartes Training, knochenharte Kraft- und Ausdauereinheiten. Weit gefehlt: In Sarahs Fall bedeutet das viel essen und wenig Bewegung. Jede Menge Kohlenhydrate, jede Menge Fett, und nur ja kein Schritt zu viel. „Bevor ich aufbreche, nehme ich 15 Kilo zu. Meine Fettdepots sind meine Treibstofftanks. Mit zu geringen Reserven habe ich keine Chance.“ Und psychisch? Wie sieht da die Vorbereitung aus? „Du stellst dich gedanklich auf die Strapazen ein: Du stellst dir vor, wie du leiden wirst. Immer wieder. Dann stellst du dir vor, wie du kämpfen wirst. Und wie irgendwann der Augenblick kommt, in dem du den Flow-Zustand erreichst, in dem der Körper keine Schmerzen mehr spürt und du ewig weitergehen könntest.“

„In der Wildnis selbst geht es darum, eins zu werden mit der Natur. Ich esse den Fisch, den ich fange, die Insekten, die mir über den Weg laufen. Wilden Honig, wilde Früchte, Pflanzen, alles, was mir die Natur bietet. Du wirst zum Jäger deiner Tagesration.“ Das ist hart. Denn: „Meistens gehst du hungrig schlafen … Aber das macht dich demütig. Demut ist gut. Denn wer demütig ist, unterschätzt nichts.“

Irgendwann ist er dann da: dieser Moment. Wenn der Geist – nach all den Strapazen – frei wird, wenn der Körper plötzlich unermüdlich zu sein scheint. Und alles von allein geht.


„Demut ist wichtig. Wer demütig ist, unterschätzt nichts.“


EDDY CLARK, DAMIANO LEVATI