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F. BAUCHER UND DER ZIRKUS


Feine Hilfen - epaper ⋅ Ausgabe 30/2018 vom 10.08.2018

François Baucher war ein Genie, das die Schulreiterei auf Vollblutpferden in den Zirkus brachte und damit die Weltreiterei bis heute beeinflusst – ein historischer Abriss.


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Foto: Artequus Théâtre

Der Zirkus des 19. Jahrhunderts hatte eine wichtige gesellschaftliche Bedeutung und ist mit dem Zirkus unserer Zeit nicht vergleichbar. Sicher hängt das auch damit zusammen, dass sich in dieser Epoche die Pferdeausbildung grundlegend änderte, weil das englische Vollblut den iberischen Schulhengst abzulösen schien und sich die Reiterei immer stärker an den Bedürfnissen des Militärs orientierte.
Der Zirkus war ...

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Der Zirkus des 19. Jahrhunderts hatte eine wichtige gesellschaftliche Bedeutung und ist mit dem Zirkus unserer Zeit nicht vergleichbar. Sicher hängt das auch damit zusammen, dass sich in dieser Epoche die Pferdeausbildung grundlegend änderte, weil das englische Vollblut den iberischen Schulhengst abzulösen schien und sich die Reiterei immer stärker an den Bedürfnissen des Militärs orientierte.
Der Zirkus war Treffpunkt des gesellschaftlichen Lebens von Adel und Militär. Als Reiter tauschte man sich aus, knüpfte Bande und hatte die Möglichkeit, reiterliche Darbietungen einem auserlesenen Fachpublikum zu präsentieren. Alle namhaften Ausbilder des 19. Jahrhunderts, wie Eduard Wollschläger, Oberbereiter Gebhardt, Victor Franconi, James Fillis, ja selbst der berühmte deutsche Gustav Steinbrecht, präsentierten ihre Pferde im Zirkus, um die Aufmerksamkeit des Militärs auf sich zu ziehen. Man könnte die Zirkusvorstellungen auch als eine Art Sprungbrett zum Militär sehen, da man in der drohenden Verdrängung des Pferdes in der Gesellschaft und beim Militär des 19. Jahrhunderts nach einem „einfachen“ allgemeintauglichen System suchte, um den talentfreien Durchschnittsreiter für den Krieg beritten zu machen und gleichzeitig den Pferdeverschleiß so gering wie möglich zu halten. François Baucher war sicherlich der Querdenker und Neuerer dessen, was wir heute unter der französischen Schule verstehen.

Enfant terrible

Interessanterweise bringt niemand Pluvinel, de la Guérinière oder Saunier mit der französischen Schule in Verbindung. Vielmehr sieht man sie als die „Klassiker“ der Reitkunst.
Baucher sowie später auch Fillis werden als Scharlatane und „Enfants terribles“ wahrgenommen, die von vielen als Zirkus und demzufolge als „unklassisch“ abgestempelt werden. Ganz klar verdient Baucher aber besondere Erwähnung, da er erkannte, dass die geänderten Pferdetypen mit dem System der „École ancienne“ (franz.: alte Schule) nicht befriedigend dressiert werden konnten, sofern man mit ihnen Manegen-bzw. Schulreiterei betreiben wollte. Darüber hinaus erkannte er auch sehr rasch, dass Widerstände des Pferdes beim Reiten stets mit körperlichen Defekten oder Verspannungen einhergehen, welche sich wechselseitig beeinflussen und dadurch auch „behandelbar“ sind.
Diese Erkenntnisse waren revolutionär.

Leben und Zeit

Über das Leben und die Person François Bauchers ist wenig bekannt. Geboren am 16. 6. 1796 in Versailles in der Rue des Boucheries, geht er seinem inneren Drang folgend als 14-Jähriger zu seinem Onkel nach Mailand in die Lehre. Dieser leitete dort den Marstall des Prinzen Borghese und hatte eine Frau und einen Sohn, Henri, mit dem er gemeinsam an der sogenannten „Nouvelle méthode“ (franz.für „neue Methode“) herumexperimentierte.

Dieser Kupferstich von Victor Adam zeigt die Außenansicht des Zirkus und François Baucher als Programmpunkt. (Bild: Gallica.bnf.fr/Bibliothèque nationale de France)


Während seines Aufenthaltes in Italien wird er mit den großen Meistern der ausklingenden neapolitanischen Schule konfrontiert.
Zurück in Frankreich, tritt die Militärreiterei immer stärker in den Vordergrund. Die Steigbügel werden kürzer geschnallt, es wird englisch getrabt und das Geländereiten und Springen forciert. Unter Ludwig XVIII. sorgt die Militärreform für eine immer stärker vereinfachte Reiterei, sodass möglichst viele Soldaten beritten gemacht werden konnten. Vor diesem politischen Hintergrund sucht Baucher nach seiner Italienheimkehr seine reiterlichen Ideen zu realisieren. 1820 leitet er in Le Havre die Reitschule des Monsieur de Chantillons. Nach dem Tod seines Vaters kann er mit dem Erbe seinem Arbeitgeber die Reitschule abkaufen und weiterführen. Außerdem übernimmt Baucher in Rouen eine Reitbahn, die zuvor dem berühmten Zirkusreiter Antoine Franconi gehörte. Da es bis zu diesem Zeitpunkt nur wenige Aufzeichnungen seiner Arbeit gibt, ist unklar, mit welchen Methoden der Ausbildung er sich damals beschäftige.

Ein Wörterbuch der Reitkunst

Erst 1833 veröffentlicht er erstmals sein „Dictionnaire raisonné d’Equitation“, ein Reitkunstwörterbuch, in dem er versucht, für ihn relevante Begriffe und Abläufe der Reitkunst zu definieren. In großen Zügen sind darin schon damals die Grundlagen seiner 1842 erscheinenden und in Fachkreisen heftig umstrittenen „Nouvelle méthode“ enthalten. Letztere wurde dennoch in 14 Auflagen veröffentlicht und machte auch deshalb so von sich reden, weil Baucher darin selbstsicher alles bis daher Geschriebene als falsch oder unvollständig abstempelte. Das sorgte in Reiterkreisen für Unmut. Die letzte Auflage erschien posthum und wurde von Bauchers Sohn Henri und dem General Faverot de Kerbrech veröffentlicht.
Die Reiterei der Hohen Schule, die zuvor hauptsächlich in Versailles praktiziert wurde, etablierte sich jetzt auch in anderen Teilen Frankreichs. Dadurch stieg das Interesse an Bauchers Arbeit, die sich recht schnell verbreitete. Aufgrund seiner engen Verbindung mit der alteingesessenen Zirkusfamilie Franconi war es Baucher auch möglich, in Paris mit dem damals berühmten Jules-Charles Pellier zu arbeiten.

Paris – Zentrum der Künste

1834 wurde Baucher Teilhaber der Pellier’schen Reitbahn und hatte in Jules-Charles Pellier, Maxime Gaussen und Louis Rul seine ersten auch für die französische Reitkunst bedeutenden Schüler. Maxime Gaussen öffnete ihm aufgrund seiner guten gesellschaftlichen Kontakte auch die Türen zu der Bourgeoisie des Bürgerkönigs Louis Philippe von Orléans. In dieser Zeit wurde Baucher auch vom alternden Antoine Franconi (selbst Schulreiter im Zirkus nach Versailler Vorbild, siehe Kasten) überredet, seine Kunst im Zirkus einer breiteren Masse zugänglich zu machen.

François Baucher auf Partisan in der Piaffe. (Bild: Archiv Dr. Stodulka)


Eine Karikatur François Bauchers, der sich gerne als Professor der Reitkunst sah. (Bild: Archiv Dr. Stodulka)


Zu dieser Zeit dressierte Baucher seine bekannten Schulpferde Partisan, Buridan, Capitaine und Neptune, die er dann später unter dem Zirkusdirektror Laurent Franconi im Cirque Manège du Pecq vorstellte. Glaubt man Fillis Aufzeichnungen in seinen „Erklärenden Bemerkungen über Baucher“ aus dem Jahre 1894, soll Baucher in seinem Leben 26 Schulpferde ausgebildet haben.
Um 1840 konnte Baucher aufgrund seiner außergewöhnlichen reiterlichen Leistungen im Cirque d’Été auf den Champs-Elysées (siehe Kasten) auftreten, wo er dann auch von hohen reitenden Militärs wahrgenommen wurde. Abwechselnd mit der damals berühmtesten Schulreiterin Caroline Loya trat Baucher hier als Schlussnummer in einer Präsentation der Haute École auf. Die Abschlussnummer eines solch hochrangigen gesellschaftlichen Ereignisses, wie es der Zirkus zu dieser Zeit war, präsentieren zu dürfen war nicht nur eine besondere Ehre, sondern zeigte auch die extreme Wertschätzung der präsentierten Kunst. Die Schulreiterei im Sinne der Haute École entwickelte sich erst jetzt. Zuvor waren Freidressuren, Akrobaten und Voltige-Vorführungen hauptsächliche Programmpunkte. Der Zirkus war zu diesem Zeitpunkt, ähnlich der Oper und dem Theater, der Mittelpunkt des damaligen Pariser Gesellschaftslebens.

Kritiker

Aufgrund Bauchers außergewöhnlicher Darbietungen seiner Fantasiegänge wie Galopp rückwärts und Galoppwechsel à tempo spaltete er zu dieser Zeit die französische Reiterwelt in zwei Lager: Auf der einen Seite die d’Auristen, welche eine manegenbezogene Schulreiterei als zweckentfremdet und das Wesen der Reitkunst in der unversammelten Gelände-bzw. Gebrauchsreiterei sahen. Auf der anderen Seite die Anhänger Bauchers. Die d’Auristen monierten stets, dass sich Baucher mit seinen Pferden ausschließlich in der Manege aufhielt und niemals im Gelände oder über Sprünge ritt. Auch zeigte Baucher, ganz untypisch für die damaligen letzten übriggebliebenen Vertreter der Versailler Schule, keine Schulsprünge. Kritiker wie z. B. Louis Seeger sahen sich dadurch bestätigt in der Annahme, dass dies die mangelnde Hankenbeugung der von Baucher ausgebildeten Pferde zeige.
Mangelnde Sattelfestigkeit kann es wohl kaum gewesen sein, denn Baucher hat sich zeit seines Lebens nur mit sehr schwierigen und vom Gebäude äußerst benachteiligten Pferden mit großen Rittigkeitsproblemen auseinandergesetzt.

Das Militär

Baucher war besessen von der Idee, mit seiner Lehre beim Militär Fuß fassen zu können. Sein Wunsch schien es, offenkundig die breite Masse von seinen Entdeckungen begeistern zu können. Höchstwahrscheinlich war ihm der Ruhm und das aufgrund seiner reiterlichen Darbietungen tosende Publikum in der Zirkusmanege nicht genug. Er fürchtete, dass seine Kunst von hippologisch sehr Unbedarften oder wenig gebildeten Zuschauern nicht entsprechend gewürdigt würde. Abfällig stellte er einmal nach einer gelungenen Vorstellung mit großer Bitterkeit fest: „Wahrlich, ich muss mit Seiltänzern zusammen auftreten und mich wie dieses Volk für zehn Sous sehen lassen!“

Doch auch einige sehr kritische, hochrangige Militärangehörige saßen im Publikum. Im Rahmen seines Engagements im Cirque d’Été konnte Baucher mithilfe von Louis Dejean, dem Direktor dieser Institution, eine sehr lange Auslandstournee starten. Seine unvergleichlichen reiterlichen Leistungen in Berlin entzückten auch König Friedrich Wilhelm IV., der ihm als Anerkennung seiner Kunst sogar eine Tabatière (Tabaksdose) schenkte. Unter den Zuschauern war auch der damalige deutsche Oberst Willisen, der nicht nur Bauchers Werk als Erster ins Deutsche übersetzte, sondern auch bei König Friedrich Wilhelm IV. eine Prüfung des Systems Baucher in der Ausbildung eines deutschen Kavallerieregiments erwirken konnte. Erneut versuchte Baucher mit seinem System in der Armee Fuß zu fassen. Solange Baucher die Kavalleristen persönlich angeleitet und die Fehler schnell selbst korrigiert hatte, konnte er auch mit den Durchschnittsreitern entsprechende Erfolge erzielen.

François Baucher um 1859 (Bild: Sammlung Alain Fabre, www.ling.fi)


Missverständnisse und Übertreibungen

Problematisch waren die vom Meister nicht kontrollierbaren, da am späten Abend von den Rekruten durchgeführten „Kniebeleien“. Die Rekruten hatten den Kern der Arbeit nicht verstanden, und so wurden die wohldosiert anzuwendenden, heilversprechenden Biegeübungen durch François Baucher um 1859 (Bild: Sammlung Alain Fabre, www.ling.fi) maßlose Übertreibung dieser Sachunkundigen zu einem buchstäblichen „Rasiermesser in der Hand eines Affen“ (Waldemar Seunig). Das Ergebnis beschreibt Herr von Monteton, ein Augenzeuge, in einem Tatsachenbericht für die Zeitschrift „Das Pferd“ wie folgt:
„Mein Schwadronschef war vom siebten Kürassierregiment, in welchem die Pferde von 1842 bis 1843 auf Befehl des Königs probeweise nach der Baucherschen Methode ausgebildet wurden. Dieser Versuch machte trotz des vorzüglichen Reiters und Kommandeurs des älteren Oberst von Willisen, dessen Name dafür bürgt, dass die Ausbildung fachgemäß und nach Vorschrift war, bei dem großen Kavallerie-Exerzieren und Wrangel 1843 bei Berlin solch Fiasko, dass dies berühmte Regiment (welches Napoleon III. nach dem Todesritt der Legionen bei Vionville,Bismarck-Kürassiere‘ nannte und welches jetzt den fast ebenso stolzen Namen,Seydlitz-Kürassiere‘ führt, obgleich der Fürst Bismarck zeitlebens dessen Uniform getragen und Seydlitz nie etwas mit dem Regiment zu tun gehabt hatte, da es erst 1815 errichtet wurde) beim Schwadronsparademarsch in der Karriere (Anm.d. Autors.: im vollen Galopp), womit die Manöver der 56 Schwadronen täglich vor dem König schlossen, immer aus der Suite heraus mit dem Rufe:
,Baucher-Kürassiere‘ begrüßt wurde, weil sie durch dieses unglückliche Bauchersche System wie Piccolominins Pappenheimer, keinem Zügel mehr gehorchend, dahinstürmten.“ Sofort nach der Revue kam denn auch die königliche Kabinettsorder, nie wieder Versuche mit der Baucherschen Dressurmethode in der Armee zu machen. Etwas Gutes hat aber die Bauchersche Methode doch gehabt: Sie hat die Vorteile der Arbeit an der Hand mit der Kandare, die beinahe in Vergessenheit geraten war, wieder aufgefrischt, und diese wurde täglich des Abends eine Stunde lang vorgenommen, um die Hälse biegsam zu machen. Sie sehen also, dass alles denkbar Mögliche geschah, um den Ruin der Kriegsbrauchbarkeit hinauszuschieben.

Durch dieses für die Miltärreiterei Deutschlands so prägende Ereignis sowie die Schmähschrift Louis Seegers an die deutsche Reiternation wurde der „Baucherismus“ im Deutschland des 19. Jahrhunderts zu Grabe getragen, obgleich es sich um ein in sich geschlossenes Dressursystem gehandelt hatte (Heydebrand).

Beobachtungen durch Zeitgenossen

Alexis L’Hotte kommentiert die reiterliche Arbeit Bauchers im Jahre 1849 (Erste Manier) und hebt die damaligen Hauptpunkte seines Wirkens hervor. Um die Wandlung seiner Methodik und v.a.auch die Kritik seiner Gegner besser verstehen zu können, sind l’Hottes Kommentare sehr hilfreich. Letztlich war Baucher stets ein nach der Wahrheit Suchender, der viele Irrwege beschritten, es aber durch eigene Kraft doch geschafft hatte, den richtigen Weg zu finden. All dies hat er in einem Menschenleben erreichen können. Baucher suchte eine vollkommene Abspannung der Muskulatur der Vorderextremität und des Halses durch ein völlig geöffnetes Maul zu erreichen, wobei das Mundstück losgelassen werden sollte (ähnlich der Maularbeit, die Fillis propagierte).

L’Hotte merkt hierzu an, dass diese übermäßige Öffnung des Unterkiefers das für die Entspannung des Unterkiefers notwendige Maß bei Weitem überschreite. Das sanfte Abstoßen vom Gebiss kann nicht mehr sein als ein sanftes „Murmeln“, um den Gehorsam herzustellen. Diese Nachgiebigkeit muss sich im Laufe der Arbeit wohl entwickeln und erst durch ein „Nachfragen“ des Reiters mittels Halbspannung der Zügel auslösbar sein und nicht spontan auftreten. Nach L’Hotte solle das Pferd weder „stumm“ noch zu „geschwätzig“ sein.
Auch Racinet unterscheidet sehr deutlich zwischen einer „Cession de Mâchoire“, dem weichen Nachgeben des Unterkiefers mit Schluckbewegung, und einer bloßen „Flexion de Mâchoire“ einer Öffnung des Mauls, die lediglich eine Vergrößerung des Öffnungswinkels des Kiefergelenks zur Folge hat.

In den Seitwärtsbiegungen des Halses musste der Kopf die Schultern erreichen und das Pferd mit beiden Augen nach rückwärts schauen, wodurch eine maximale Dehnung der gegenüberliegenden Halsmuskelpartien erreicht werden sollte. Diese die Halsbeweglichkeit fördernden Mobilisationen mussten der Beizäumung (Ramener) vorausgehen und diese begleiten. Durch diese übermäßige Halsmobilisation wurde der Halsaufsatz dergestalt mobil und außerstande gesetzt, den Hals zu tragen, dass eine Tiefzäumung mit Tendenz zur Überzäumung die logische Konsequenz sein musste, von der unparteiische Beobachter wie Theodor Heinze berichten.

Exzessiver Einsatz der Mittel

Auch L’Hotte erkannte diese Problematik und meinte, dass hier in dieser Phase der Meister durch den exzessiven Einsatz der Mittel über das Ziel hinausgeschossen wäre und so selbstverschuldet vor neue, durch maßvollen Einsatz der Techniken durchweg vermeidbare Probleme gestellt wurde. Im Zuge seiner reiterlichen Entwicklung erkannte Baucher die Wichtigkeit einer gewissen Stabilität des Halses und der daraus resultierenden Aufrichtung für das Erreichen einer wahren Versammlung. In seiner letzten Schaffensperiode entschärfte er zunehmend seine Einwirkungen und reduzierte die Halsbiegungen auf „Achtelbiegungen“ in Aufrichtung.
Der Sporeneinsatz war hart und häufig und von einer schnellen Aufeinanderfolge (effet d’ensemble). Dieser starke Beineinsatz war der Preis für die durch die Extremmobilisationen des Halses übermäßig instabil gewordenen Hälse. Durch den starken und v.a.relativ gleichzeitigen Einsatz der Sporen und der Stange im „effet d’ensemble“ lernten die Pferde, sich der Kandarenwirkung nach hinten zu entziehen und begannen, sich im Gange zu verhalten, weshalb der Sporeneinsatz sehr hart werden musste, um die Pferde vorwärts zu bekommen.
L’Hotte betonte nochmals in seiner Schrift die große Schwierigkeit in der gleichen Arbeit, den Hals weich zu machen und ihn so zu erhalten, die Schwungkraft zu erlangen und auch noch die Hanken zu einem Untersetzen nach vorne zu animieren. Durch die Verpflichtung, ständig die Beizäumung beizubehalten, wurden die Pferde in wenig befähigten Händen sehr schnell schwunglos und zeigten gewisse Tendenzen, störrisch zu werden. Sehr häufig waren die Pferde infolge des starken Sporengebrauchs durch die spitzen Räder blutig an den Seiten. Baucher rechtfertigte dies mit dem den meisten Pferde innewohnenden Mangel an Vorwärtsdrang. Die Pferde würden in der Hinterhand stecken und forderten demzufolge unaufhörlich, die Schwungkraft zu erhalten. Durch den übermäßigen Sporengebrauch wurden die Pferde stumpf und gegen die Sporen unempfindlich. Baucher musste seine Waden häufig eng bandagieren, um die Schmerzen der Muskelkrämpfe zu lindern, unter denen er aufgrund seines exzessiven Schenkeleinsatzes litt. Relativ schnell erkannte Baucher, dass der Einsatz der Reitgerte auf den rechten Hinterschenkel zur Auffrischung der Vorwärtstendenz gute Dienste leistete. Auch dieses Mittel übertrieb er wie so manches, was auch von Seeger in seinen Darstellungen auf das Heftigste kritisiert wurde. Obwohl Bauchers Pferde, und das bestätigen viele Zeitzeugen unabhängig voneinander, nach den Gesichtspunkten der klassischen Lehre, bei der die Erhaltung und Verbesserung der Reinheit der Grundgangarten sowie die Erhaltung des Vorwärtsdrangs Grund-bedingung ist, mit deutlichem Verlust der Vorwärtstendenz, hinter der Hand und ohne echte Hankenbeugung geritten wurden, gelang es Baucher, seinen Pferden die unglaublichsten Produktionen zu entlocken. Mit dem äußeren Schenkel wurden Wendungen, Galoppwechsel sowie das Angaloppieren verlangt.

Programm des Cirque d’Été. (Bild: Sammlung Alain Fabre, www.ling.fi)


Schenkt man den Beschreibungen seiner Zeitgenossen Glauben, so war Baucher von mittelgroßer Gestalt, mit eher rundlichen und kräftigen Oberschenkeln und mit einem sehr langen Oberkörper, eher ein „Sitzriese“ (Seunig). Sein etwas üppiges Gesäß wurde aufgrund seines Hohlkreuzes leicht nach hinten gestellt. Die sehr prominente Nase war oftmals Anlass für Karikaturen und Witze. Sein Blick war scharfsinnig und der eines Denkers. Seine rechte Backe zeigte an der Jochbeinbasis eine alte Narbe infolge eines Hufschlages. Auch seine Herkunft aus bürgerlichem Hause verleitete seine adeligen Kritiker häufig in Anspielung auf den Beruf seines Vaters zu dem Wortspiel „Baucher-Boucher“ (franz.: „Baucher-Metzger“). Seeger und Heinze, die Baucher selbst reitend erlebt haben, stellten ihm hinsichtlich der Korrektheit des Sitzes kein gutes Zeugnis aus. So sagte einst ein Berliner Fachmann ob Bauchers hängender Kopfposition, seiner hochgezogenen Schultern und seiner wegstehenden Ellenbogen: „Baucher schnäuzt sich in seine Weste, während sein Pferd am Boden Trüffeln sucht.“ Zweifelsohne muss es sich um eine Präsentation Bauchers in seiner ersten Schaffensperiode gehandelt haben, da er zu diesem Zeitpunkt die Pferde übermäßig tief und überzäumt einzustellen pflegte, wenngleich er in seinem Werk stets eine korrekte Beizäumung mit der Stirn-Nasen-Linie an der Senkrechten fordert. Erst in den letzten Jahren seines Schaffens entdeckt Baucher den Wert der Aufrichtung.

Kritiker wie Seeger hielten ihm seine sehr weit nach hinten positionierten Schenkel und den deutlichen, für den Betrachter sichtbaren Einsatz der Gewichtshilfen bei den fliegenden Galoppwechseln vor. L’Hotte, der 1849 sehr eng mit Baucher zusammenarbeitete, stellt diese Behauptung richtig, als er angibt, dass Baucher speziell auf seinem Pferd Partisan eine untadelige Beinhaltung habe.

Hand ohne Bein, Bein ohne Hand

Erst viel später, etwa um 1860, stellt Baucher nach Modifikation seiner ersten Methode sehr trocken fest: „Ich frage mich, wie wir überhaupt noch Beine haben, nach dem Missbrauch, den wir damit getrieben haben!“ Dies war der Zeitpunkt nach Bauchers schwerem Unfall – ein Wendepunkt auch für seine Reiterei. Er hatte zuvor Paris verbittert verlassen und trat in verschiedenen Zirkussen auf. Er verfasste seine Werke und unterrichtete wie besessen. Der schwere Unfall ereignete sich 1855. Beim Aufsitzen auf sein Pferd fiel ein Kronleuchter direkt auf ihn und brach ihm beide Beine. Nach diesem Unfall ritt Baucher zwar noch seine Pferde, trat aber nie mehr öffentlich auf. Aufgrund des Verlustes der Kräfte seiner Beine überdachte er seine zuvor sehr auf Schenkelschluss ausgerichtete erste Manier und kam zu der wichtigsten Erkenntnis seiner Arbeit der zweiten Manier, dem „Hand ohne Bein, Bein ohne Hand“. Er wurde nach diesem fatalen Unglück von seinem Arbeitgeber mit einer schmalen Pension und dem Wohnrecht für ihn und seine Pferde bedacht. 18 Jahre nach seinem schweren Unfall starb Baucher am 13. 3. 1873 im Alter von 77 Jahren.

Gerade weil das System Bauchers viel Feinsinningkeit, Reitertakt und vor allem einen unabhängigen, ausbalancierten Sitz fordert, ist der Baucherismus, so wie ihn sein Begründer betrieben hat, kein System für jedermann, und konnte sich deshalb auch nicht im Militär durchsetzen. Für viele Durchschnittsreiter wird es zu einer unüberwindbaren Klippe. Diejenigen, die aber mithilfe ihres Gefühls verstanden haben, es sinnvoll und wohldosiert einzusetzen, wie z. B. Nuno Oliveira oder Racinet, waren und sind in der Lage, ungeahnte reiterliche Leistungen mit ihrem Pferd vollbringen zu können. Bis in die heutige Zeit können wir Elemente des Baucherismus in zahlreichen „neuen“ Reitlehrsystemen wiederfinden, welche unter fachkundiger Anleitung zum Wohle des Pferdes arbeiten, jedoch in vielen Fällen auch hochgezogene, aktiv aufgerichtete und ohne Rücken gehende Pferde produzieren, in der Hoffnung, so das Pferd auf die Hanken setzen zu können. Vieles von dem Gedankengut Bauchers kann mit den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen in pferdegerechten Ausbildungssystemen eingebaut werden – doch eben nicht alles. Wie schon Paracelsus sagte: „Die Dosis macht das Gift!“

DR. ROBERT STODULKA

… ist Fachtierarzt für Physikalische & Rehabilitationsmedizin, Gerichtsgutachter, Dozent und Begründer der Medizinischen Reitlehre nach Dr. Stodulka® sowie Fachbuchautor.

Weitere Infos: www.drstodulka.com,
www.meinsattel.at

BUCHTIPP:

Dr. Robert
Stodulka
Das Phänomen
François Baucher

WuWei Edition
ISBN 978-3-930953-52-3, 48,00 €