Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 5 Min.

FABELWESEN: DIE ERFINDER DER LANGSAMKEIT


Terra Mater - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 08.10.2020

In ihrem Kielwasser steht die Zeit still: Rundschwanzseekühe sind unaufgeregte Meeresbewohner, und sie lassen sich beim Müßiggang gerne zusehen.


Artikelbild für den Artikel "FABELWESEN: DIE ERFINDER DER LANGSAMKEIT" aus der Ausgabe 6/2020 von Terra Mater. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Terra Mater, Ausgabe 6/2020

Ein Leben im Schweben. Seekühe – wie hier in Florida – nehmen täglich bis zu 15 Prozent ihres Eigengewichts an pflanzlicher Nahrung zu sich, das sind 70 bis 90 Kilogramm Seegras und Algen. Die übrige Zeit wird mit Muße zugebracht.


NAPLES AM GOLF VON MEXIKO, FLORIDA, IST EIN FRIEDLICHER FLECKEN VOLLER MÜSSIGGANG. Palmen wedeln, das Meer bläut, Sandstrände gleißen, Restaurants und Shoppingmalls locken. Der Kitsch-Anteil an diesem Ambiente ist hoch, Touristen, die ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Terra Mater. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 6/2020 von LOGBUCH. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LOGBUCH
Titelbild der Ausgabe 6/2020 von WELTBILD. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
WELTBILD
Titelbild der Ausgabe 6/2020 von ÖKOLOGIE: MENÜ FÜR MIKROBEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ÖKOLOGIE: MENÜ FÜR MIKROBEN
Titelbild der Ausgabe 6/2020 von EIN TAG, DER DIE WELT VERÄNDERTE: DAS FOTO, DAS ALLES ZEIGT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
EIN TAG, DER DIE WELT VERÄNDERTE: DAS FOTO, DAS ALLES ZEIGT
Titelbild der Ausgabe 6/2020 von INTERVIEW: Im Gespräch mit Michael Braungart: „ ABFALL HAT EIN QUALITÄTS-PROBLEM, SONST NICHTS.“. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
INTERVIEW: Im Gespräch mit Michael Braungart: „ ABFALL HAT EIN QUALITÄTS-PROBLEM, SONST NICHTS.“
Titelbild der Ausgabe 6/2020 von EIN WUNDER NAMENS SAIGA-ANTILOPE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
EIN WUNDER NAMENS SAIGA-ANTILOPE
Vorheriger Artikel
ÖKOLOGIE: MENÜ FÜR MIKROBEN
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel EIN TAG, DER DIE WELT VERÄNDERTE: DAS FOTO, DAS ALLES ZEIGT
aus dieser Ausgabe

... ihm nicht verfallen, müssen allerdings erst geboren werden. Beim Flanieren am Strand und Dösen unterm Sonnenschirm fällt jeglicher Stress ab: Wer es eilig hat, erhole sich langsam.

Dem für diese Bedächtigkeit maßgeschneiderten Tier nähert man sich in der Regel per Eintrittskarte und Schiff: Es sind schlichte Boote mit achem Boden – überdimensionale Schachteln zwar, aber wendig genug, um in den engen, von Schilf gesäumten Uferkanälen und Wasserwegen jede Ecke auszufahren auf der Suche nach landestypischer Fauna. Die Boote lärmen wie die Rotzbuben, und die Kapitäne sind gesprächig; doch vielleicht kommt es einem nur so vor, weil es hier am Rande der Everglades sonst so still ist.

An der schüchternsten Attraktion im Gewirr der Sandbänke, Mangroven und Buchten, den Rundschwanzseekühen oder Manatis, perlt der Wirbel ab: Sie gehen wenige Handbreit unter der Wasseroberfläche unbeeindruckt auf Futtersuche. Das hängt auch damit zusammen, dass sie schlecht hören, vor allem tiefe Frequenzen. Träge hängen die Tiere zwischen oben und unten und weiden – als Pflanzenfresser – im Leerlauf Seegras und Algen ab. Im Lauf der Evolution schwer gewordene Knochen helfen ihnen dabei, im durchsichtigen Wasser in den Schwebezustand zu kommen. Nur zum Atmen recken die Manatis alle drei, vier Minuten ihre Nase aus dem Wasser, dokumentiert sind Tauchgänge von bis zu zwölf Minuten.

Manatis sind von ihrer Physiognomie her seltsame Tiere. Was sie gerade denken? Es bleibt im Ungewissen: Eine Mimik, die es verraten önnte, haben sie nicht. Von vorn sind bloß winzige Nasen- und Ohrlöcher auszumachen, dazu kleine Knopfaugen, ein kuhähnliches Flotzmaul und drum herum zarte Tasthaare. Die rissig-raue algenbesetzte Haut erinnert an jene von Elefanten (mehr über diese kuriose Verwandtschaft auf der letzten Seite dieser Geschichte). Der runde Schädel der Meeressäuger ist trotz seiner Grobschlächtigkeit von hohem Knuddelfaktor und ähnelt entfernt jenem der Shar-Peis, chinesischen Faltenhunden.

Gut getarnt in der Bucht In den seichten Ausläufern der Everglades in Florida finden Manatis ideale Lebensbedingungen: genügend Nahrung, Ruhe und sauberes Wasser.



Die weite Verbreitung der Manatis hat sie zur Legende gemacht: Liebeskranke Matrosen missverstanden die Tiere in den Frühzeiten der christlichen Seefahrt als Meerjungfrauen – wofür es allerdings etwas Fantasie braucht.


Was noch ins Auge sticht, sind zwei Vorderbeinstummel, groß genug zum Manövrieren, zur Kontaktaufnahme mit Artgenossen und als Hilfsmittel bei der Nahrungsaufnahme, aber zu limitiert, um Landgänge zuzulassen. Diese verhindert auch der massige Körper: Drei bis dreieinhalb Meter lang und walzenförmig (wir reden von 400 bis 600 Kilo Gesamtgewicht), endet er in einer spatenförmigen oder runden Schwanzflosse, der Fluke. Mit ihr wirken Manatis optisch schneller, als sie sind: Die Tiere bevorzugen ein gemütliches Tempo, und nur wenn Flucht gefragt ist, können sie kurz auf maximal 25 km/h beschleunigen.

Der Alltag der sowohl tag- als auch nachtaktiven Manatis besteht aus einer sechs- bis achtstündigen Fressphase und einer zehn- bis vierzehnstündigen Ruhephase – dabei treiben sie unter der Wasseroberfläche oder liegen wie moosbedeckte Steine rudelweise auf dem Grund, während sie ihre Seele baumeln lassen. Erstaunlich an diesem Sozialverhalten: Manatis sind zwar zärtlich zueinander, entwickeln dabei offensichtlich keinerlei Rangordnung. Nur bei der Fortpflanzung löst sich das harmonische Nebeneinander auf: Die Bullen, die sich zu Paarungsherden zusammenfinden, gehen dann durchaus rabiat (und offenbar in noch unerforschter signalgesteuerter Absprache) gegenüber paarungsbereiten Kühen vor, die allerdings diese Vielmännerei zu schätzen scheinen.

Rundschwanzseekühe leben nicht nur an den westlichen Küsten von Florida bis hinauf nach Georgia. Wir finden sie auch von Mittelamerika über die Karibischen Inseln bis zum nördlichen Südamerika, in den Flusssystemen des Orinoco und des Amazonas im Herzen Südamerikas und entlang der Westseite Afrikas, von den Küsten Senegals bis Angola und in einigen afrikanischen Flüssen, etwa dem Niger. Salz- oder Süßwasser? Einerlei, solange die Temperatur stimmt: Rund 20 Grad ist fein; je kälter, desto schlechter.

Je nach Lebensraum differieren Rundschwanzseekühe weltweit ein wenig, doch dafür braucht es Spezialisten. Gesamt gehören die Tiere zur Ordnung der Seekühe, die noch eine zweite Spezies beinhaltet: Die Gabelschwanzseekühe oder Dugongs unterscheiden sich sichtbar durch eine speziell geformte Fluke und – weniger sichtbar – durch einen zusätzlichen Halswirbel (sieben statt sechs) von Rundschwanzseekühen. Auch in der Verbreitung gibt es Unterschiede: Dugongs besiedeln die afrikanischen Küsten des Indischen Ozeans, die Küsten des Roten Meeres und die südostasiatische Inselwelt inklusive Nordaustralien.

Friedlich – auf den ersten Blick. Seekühe sehen aus, als ob sie sich untereinander perfekt vertrügen. Das gilt aber nicht, wenn die Paarung ansteht – dann ist Aggressivität Trumpf.


Manatis besitzen keine Stimmbänder. Zudem hören sie hohe Frequenzen besser als tiefe: Das macht sie anfällig für Unfälle mit Motorbooten, die sie schlicht nicht rechtzeitig hören können.


Muttersöhnchen und -töchterchen: Junge Manatis nehmen zwar bereits mit drei Monaten pflanzliche Nahrung zu sich, sie werden aber bis zu zwei Jahre lang gesäugt. Forscher vermuten, dass die Tiere damit für eine höhere Widerstandsfähigkeit ihrer Nachkommen sorgen.


Die weite Verbreitung der Tiere hat sie einst zu einer Legende gemacht. Liebeskranke Matrosen missdeutenden sie in der Frühzeit der christlichen Seefahrt als Meerjungfrauen, was allerdings etwas Fantasie voraussetzt. Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau nannte sie noch „vergessene Nixen“, als er in den 1970er-Jahren mit seinem Forschungsschiff „Calypso“ in Florida auf sie stieß.

Manatis haben keine natürlichen Feinde, außer – Sie ahnen es bereits – den Menschen. Aktuell geht es nicht mehr um ihr Fleisch (ein Verwandter, die Stellersche Seekuh, diente noch als Schiffsproviant und starb daher vor 250 Jahren aus), sondern um Unfälle. Weil die Tiere so knapp unter der Wasseroberfläche weiden und so schlecht hören, geraten sie häufig in Schiffsschrauben. Auch mit der Meeresverschmutzung kommen sie nicht zurecht. Am meisten kümmert sich Florida um Manatis; dort sind sie seit 1893 geschützt, weshalb der Bestand recht stabil bei mehreren tausend Exemplaren liegt. Die Tiere werden auch intensiv beforscht, etwa ihre Art der elterlichen Fürsorge.

Seekühe investieren, wie ein großer Teil der Säugetiere generell, viel Zeit und Energie in ihre Nachkommen. Obwohl Jungtiere bereits drei Monate nach ihrer Geburt – gleich danach werden sie von ihren Müttern zum ersten Atemzug an die Wasseroberfläche bugsiert – normal fressen, hätscheln die Muttertiere sie bis zu zwei Jahre lang. Eine Theorie für diese Umsicht: Die Jungtiere brauchen so lange, um die Routen durch ihr Revier zu automatisieren und sich die besten Jagdgründe zu merken, mit Mama als Reiseführer.

WO ES MANATIS GUT GEHT

In Florida gibt es die ambitioniertesten Schutzprojekte. Dass die Manatis dort damit zur Touristen­ attraktion werden, dürfte sie kaum stören.

HÄTTEN SIE’S GEWUSST?

Die engsten lebenden Verwandten der Seekühe sind keineswegs Meeresbewohner, sondern die Elefanten.

Beide haben gemeinsame Vorfahren, die vermutlich in der späten Kreidezeit (also vor rund 70 Millionen Jahren) lebten und sich später in eine Wasser-und eine Landlinie aufspalteten – mit allen notwendigen körperlichen Änderungen. Erste gefundene seekuhartige Fossilien sind rund 50 Millionen Jahre alt. Indizien für die weitschichtige Verwandtschaft mit Elefanten sind zum Beispiel fehlende Schweißdrüsen bei beiden Ordnungen, auch stimmen verkümmerte Zehennägel an ihren Flossen mit denen an Elefantenzehen überein. Das Herz der Seekühe liegt in Kopfnähe zwischen den Lungen und hat einen tiefen Einschnitt zwischen den beiden Hohlräumen an der Herzspitze: Diese „Zweizipfeligkeit“ findet sich nur bei Seekühen und Rüsseltieren.

Für die herbeifantasierte Ähnlichkeit der Tiere mit Meerjungfrauen fand übrigens der Zoologe Bernard Heuvelmans 1990 einen „Beweis“: Seekühe tragen ein Paar brustständige Zitzen wie Elefanten und Menschen – was diese Interpretation durchaus erleichtern mag.

Laune der Natur. Elefanten und Seekühe haben einen gemeinsamen Vorfahren, der vor Millionen Jahren ausgestorben ist.


FOTOS: PASCAL KOBEH

Zusatzfotos: Getty Images