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FacetoFace Tabea Kemme


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FFussball Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 15.09.2022

„Wir müssen lauter werden, unbequem sein, rausgehen und Probleme ansprechen.“

"Tabea, mit dem Kapitel Turbine Potsdam hast du abgeschlossen, aber dein Herz ist noch immer dort verankert, richtig?

Tabea Kemme: Ja, tagtäglich. Das geht ja nicht spurlos an mir vorbei. Ich war dort zwölf Jahre.

Ich bin mit 14 Jahren nach Potsdam auf die Sportschule und bin den Weg Turbine Potsdam von klein auf nach ganz oben gegangen. Ich kenne die Strukturen und Abhängigkeiten, wo ich auch damals schon gesagt habe, dass wir bessere Bedingungen schaffen müssen. Das fängt beim Rasenplatz an und bis heute hat sich nicht groß etwas geändert.

Woran liegt es, dass man die Bedingungen für die Spielerinnen bisher noch nicht verbessert hat?

Durch die Kandidatur habe ich erlebt, wie verzahnt das System ist. Es ist schwer nachzuvollziehen wer die Position wegen des eigenen Interesses oder die der Entwicklung des Vereins nutzt. Es ...

Artikelbild für den Artikel "FacetoFace Tabea Kemme" aus der Ausgabe 5/2022 von FFussball Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: FFussball Magazin, Ausgabe 5/2022

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... ist kein ehrliches Miteinander und mir fehlte ebenfalls das Vertrauen zu den Funktionären. Man versuchte mich durch eine nicht neutrale Mediationssitzung zu beeinflussen und riet mir von einer Kandidatur ab. Die Strukturen haben sich seither nicht gebessert. Der Trainer wurde entlassen, woraufhin der Präsident zurückgetreten ist und viele erfahrene Spielerinnen verlassen den Verein. So wie über die Jahre gehandelt wurde, funktioniert es heutzutage einfach nicht mehr. Es ist traurig, dass gerade die Spielerinnen darunter so leiden.

Das erklärt auch die vielen Wechsel von Potsdamerinnen. Wie kann es jetzt einen erfolgreichen Neustart geben?

Ich glaube, es fängt damit an sich ehrlich ins Gesicht zu schauen. Man muss sich hinterfragen und reflektieren, ob man wirklich im Sinne der Weiterentwicklung gehandelt hat und man braucht eine Krisenkommunikationsstrategie. Man geht wieder auf Ignoranz und Vermeidung und so funktioniert das in meinen Augen nicht. Ma muss sich damit Auseinandersetzen. Du fängst wieder von Null an und musst dir erstmal eine Grundlage legen wie man sich ausrichten will. Es ist dem Verein zu wünschen! So sehr wie mir auch ins Schienbein getreten wurde. Dafür war ich zulange in diesem Verein tätig. Ich wünsche den Spielerinnen und der Fankultur, dass irgendein Weg in Aussicht ist!

„Im Innercircle war bei Turbine schon viele Jahre so. Da wurden die Bedingungen mit Erfolg wettgemacht.“

Für Einige kam der „Zusammenbruch“ sehr plötzlich. Wie hast du es erlebt?

Die Öffentlichkeit hat es als Scherbenhaufen dargelegt und irgendwie ähnelt es auch einem. Das sind für mich alles keine überraschenden Dinge. Das ist die Außensicht auf die Geschehnisse. Im Innercircle war bei Turbine schon viele Jahre so. Da wurden die Bedingungen mit Erfolg wettgemacht, aber seit zehn Jahren bleibt der Erfolg aus.

Was ist dein Appell an den Verein, um wieder Erfolg zu erlangen?

Ich möchte, dass wir uns hinterfragen woran das liegt. Wo müssen wir etwas ändern? Was müssen wir für Bedingungen schaffen? Dann kommt immer die gleiche Argumentation, wir haben das Geld nicht wie die Lizenzverein. Aber Leute, dann macht etwas! Da fehlt es am Handling. Das habe ich auch gemerkt bei meiner Kandidatur : Reden können wir alle, aber dann geht es auch darum auf die Themen zu setzen und zu handeln.

Du hast deine Kandidatur angesprochen und viele Ideen gebracht, wie man in einer Führungsposition handeln sollte. Was ist das Hauptproblem, dass es immer noch so wenige Frauen im Fußball in Führungspositionen gibt? Das Potential scheint ja da zu sein?

Bei mir hieß es: zu jung und zu unerfahren. Es gab sogar einen Brief von Bernd Schröder, dass man mich vor der Präsidentschaft schützen müsse, denn ich mache nebenher noch ein Studium und hätte gar keine Zeit. Vor allem das Studium war ja gerade für mein Engagement in den fußballerischen Strukturen, Fachwissen zu erhalten. Dieses System Turbine Potsdam ist wahrscheinlich auch auf andere Vereine zu übertragen. Menschen sind sehr lange auf ihren Positionen und haben dadurch gesellschaftliche und politische Vorteile. Mit meiner Kandidatur kam ich als Jungspund rein, habe Dinge kritisch angesprochen und sogar Lösungen vorgeschlagen. Ich war ein Fremdkörper. Ich war das rote Tuch, ein Signalkörper. Sie hatten das Gefühl ihnen könnte etwas weggenommen werden. Es kommt zu einer Machtaufteilung und damit können die meisten Menschen einfach nicht umgehen. Es ist nicht das große Geld, vor allem nicht im Frauenfußball, aber die Macht und die Gier. Das ist für mich einfach ein Cocktailmix, der scheiße schmeckt.

Du hast auch den Offenen Brief von Bernd Schröder angesprochen. Wie hast du das aufgenommen, dass dein langjähriger Trainer, der dir auch den Schritt in die Profimannschaft von Turbine ermöglicht hat, sich plötzlich so gegen dich stellt? Da muss es doch früher auch ein gegenseitiges Vertrauen zwischen euch gegeben haben?

Dazu muss ich sagen, ich habe ihm nicht vertraut. Ich wusste um die Abhängigkeit, weil er mich aufstellte. Ich hatte meinen Kopf und den habe ich auch durchgesetzt und ich wusste, mit meiner Leistung muss er mich setzen. Es gab auch die Phase, wo er mich als Kapitänin gesetzt hat, ohne mich zu fragen. Ich habe dann innerhalb eines Jahres gemerkt, dass für mich eine Kapitänin die Vermittlerin zwischen Spielerinnen und Staff ist. Wir Spielerinnen haben Bedürfnisse, die überhaupt nicht wahrgenommen werden. Das ist nicht mein Verständnis von dieser Arbeit und ich lege hiermit die Kapitänsbinde ab. Ich kannte ihn natürlich. Das ist eine Autorität bei Turbine. Wenn man diese hinterfragt, dann schmeißt sie um sich. Und auch zwei Tage vor meiner Kandidatur, habe ich ihn angerufen und ihn Kenntnis gesetzt. Einfach aus Respekt davor, was er für den Verein geleistet und geschaffen hat. Ich wollte, dass er es von mir persönlich erfährt. Am Telefon hat er mich dann mehr oder weniger dargestellt wie Mensch Kemme, du weißt nicht wie du das machen willst und der Vorstand reißt doch eh nichts. Meine Antwort war: „Bernd, das ist so, wie als hättest du mich auf die Ersatzbank gesetzt. Das hätte ich auch nicht gewollt. Das ist nicht mein Anspruch.“

Kandidiert hast du letztendlich trotzdem, was zu einer „Schlammschlacht“ wurde.

Dabei war es null meine Absicht, dass in der Öffentlichkeit von einer Schlammschlacht gesprochen wird. Das war es doch überhaupt nicht. Das Einzige, was war: Ich habe mich zur Wahl aufgestellt. Diese Wahl zwischen zwei Menschen gab es vorher nicht. Also, insgesamt hat mich das Ganze sehr enttäuscht. Es muss viel mehr das Verständnis geben, diesen Weg gemeinsam zu gehen.

„Ich habe das System zu Teilen von innen gesehen und verstanden, dass es schlichtweg nicht um Fußball geht.“

War es vielleicht auch ein Generationenproblem, weshalb es solche Debatten gab?

Ja, und man ist nicht in der Lage etwas gemeinsam zu machen. Es sind wertvolle Erfahrungen, die wir gemacht haben, aber man braucht auch einen frischen Wind. Warum schafft man es nicht Kompromisse zu finden und Energien zu nutzen im Sinne der Weiterentwicklung des Vereins. Da ist die Bereitschaft nicht gegeben. Es steht und fällt mit den handelnden Personen. Ich wollte den Weg gemeinsam gehen und habe dies gegenüber Rolf Kutzmutz geäußert. Er meinte: „Mit dir Tabea ist das etwas anderes, aber nicht mit deinem Team.“ Das wäre natürlich die große Gefahr. Innerhalb des gleichbleibenden Vorstands, werde ich alleine dann verbrannt. Ich werde ohne mein Team keine Themen umsetzen können. Deswegen hatte ich mich ja so breit aufgestellt.

Konntest du aus der negativen Erfahrung dennoch persönlich etwas mitnehmen?

Ich habe das System zu Teilen von innen gesehen und verstanden wie es schlichtweg nicht um Fußball geht, sondern darum sich zuzusetzen. Der Weg zur Politik ist kürzer und man hat da dann Verbindungen. Was ich noch mehr mitnehme Wir als Spielerinnen müssen lauter werden. Wir müssen unsere Stimme nutzen. Wir müssen sie setzen. Wir müssen unbequem sein und rausgehen und Probleme ansprechen. Es ist nicht in deren Interesse, gleichberechtigte und faire Bedingungen zu schaffen. Das müssen wir ansprechen und in den Austausch gehen.

Das Interview wurde zur Verfügung gestellt von Jasmin Bauch vom Jugendonlinemagazin f1rstlife.

1. FFC Turbine Potsdam

Hintere Reihe v.l.: Maria Plattner, Maya Hahn, Jennifer Cramer, Onyinyechi Zogg, Sophie Weidauer, Adrienne Jordan, Alisa Grincenco, Amelie Woelki. Mittlere Reihe v.l.: Sebastian Middeke, Ann-Sophie Temmen, Pauline Deutsch, Amber Barrett, Louisa Aniwaa, Amy König, Adrijana Mori, Laura Radke, Sonja ONeill, Martyna Wiankowska, Callum Dehner-McLean, Dirk Heinrichs. Vorn v.l.: Anna Gerhardt, Viktoria Schwalm, Wibke Meister, Jil Frehse, Anna Wellmann, Vanessa Fischer, Noemi Gentile, Mollie Rouse, Mai Kyokawa.

Vereinsdaten

Voller Name: 1. Frauenfußballclub Turbine Potsdam 71 e. V.

Vereinsgründung: 03. März 1971

Ausgliederung der Frauenfußball-Abteilung: 01. April 1999

Anschrift: Olympischer Weg 3a 14471 Potsdam Telefon: (0 33 1) 9 51 38 41 Telefax: (0 33 1) 9 51 48 65 E-Mail: presse@turbine-potsdam.de Internet:

Spielstätte

Karl-Liebknecht-Stadion Karl-Liebknecht-Straße 90 14482 Potsdam

Kapazität: 10.700

Das Stadion, liebevoll „Karli“ genannt, teilen sich Turbine Potsdam und der SV Babelsberg 03. Es wurde im Juli 1976 eröffnet und wurde 2010 und 2011 für etwa acht Millionen Euro saniert.

Personal

Präsident: vakant

Geschäftsstelle: Stephan Schmidt

Trainer: Sebastian Middeke (seit 2022)

Größte Erfolge

2x Europapokalsieger 2005, 2010

6x Deutscher Meister 2004, 2006, 2009-2012

3x DFB-Pokal-Sieger 2004-2006

6x DDR-Meister 1981-1983, 1985, 1986, 1989

7x DFB-Hallenpokal-Sieger 2004, 2005, 2008-2010, 2013, 2014

Zugänge

Maya Hahn (Oregon Ducks)

Noemi Gentile (SC Sand)

Mai Kyokawa (INAC Kobe Leonessa)

Jil Frehse (Alemannia Aachen)

Martyna Wiankowska (Czarni Sosnowiec)

Amber Barrett (1. FC Köln)

Laura Radke (VfL Bochum)

Noa Selimhodzic (AC Mailand)

Jennifer Cramer (Pink Bari Calcio)

Louisa Aniwaa (Ghana Police FC)

Sonia O’Neill (ŽNK Split)

Wichtigste Abgänge

Melissa Kössler (TSG 1899 Hoffenheim)

Dina Orschmann (Glasgow Rangers WFC)

Luca Graf (RB Leipzig)

Gina Chmielinski (FC Rosengård)

Merle Barth (Atlético Madrid)

Selina Cerci (1. FC Köln)

Małgorzata Mesjasz (AC Mailand)

Lena Uebach (1. FC Köln)

Sara Agrež (VfL Wolfsburg)

Neue Chancen auf Europa? Platz drei ist wohl künftig das Saisonziel der „Torbienen“!

Turbine ging aus Frauenfußballmannschaft der BSG Turbine Potsdam hervor. Als eigenständiger Verein existieren die Frauen seit dem 1. April 1999. Mit zwei Europapokalsiegen, sechs gesamtdeutschen Meisterschaften, sechs DDR-Meisterschaften und drei gesamtdeutschen Pokalsiegen gehört Turbine Potsdam zu den erfolgreichsten Vereinen im europäischen Frauenfußball und ist zudem der erste und bis heute einzige Verein aus den neuen Bundesländern, der nach der Wiedervereinigung eine gesamtdeutsche Fußballmeisterschaft im Erwachsenenbereich gewinnen konnte. In den letzten Jahren musste man allerdings die finanzstarken Lizenzvereine vorbeiziehen lassen. Seit dem Europapokal-Halbfinale 2014 spielte Potsdam nicht mehr international. Durch die UWCL-Reform könnte aber bald das Comeback folgen.