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FAHRZEUGE: 54 1632 „Die ranschiert in Schwaanau!“


LOK Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 10/2020 vom 18.09.2020

DIE LETZTE BAYERISCHE G 3/4 H ■ Ende der 1960er-Jahre waren die letzten Splitterbaureihen der DB Jagdobjekte von Eisenbahnfreunden. Herbert Stemmler jagte damals den letzten Loks der Baureihe 54.15 nach. Erinnerungen in Farbe!


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Bildquelle: LOK Magazin, Ausgabe 10/2020

@@Die Firma Otto Wolff lag auf der Nordseite der Gleisanlagen in Nürnberg-Schweinau. Den Schüler Herbert Stemmler ließ man freizügig fotografieren und filmen und lud ihn dann sogar zur Mitfahrt auf 54 1632 ein


Als das Lok Magazin gerade mal ein Jahr alt war, gab es ein gut funktionierendes Netzwerk von Eisenbahnfreunden. Diese wussten, wo unter anderem die letzten ...

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... Splitterbaureihen der DB-Dampfloks fuhren oder auch schon abgestellt waren. So wurden Mitte der 1960er-Jahre die Tenderloks der Reihen 74.4, 75.4, die 80er oder die bayerischen PtL 4/4 und PtL 4/5, Baureihen 98.8, 98.10 und 98.11, auf das Abstellgleis geschoben. Man spürte einer 85er nach, die im Bw Warburg in Westfalen hinterstellt war. Das „Steppenpferd“ der Baureihe 24, Kultlok der Bahnfreunde (und der Modellbahnindustrie), fristete ein Restdasein in Rahden und Rheydt.

Mund-zu-Mund-Informationen

Dies und vieles mehr erfuhr ich von meinem Kölner Freund Peter Schramm, der damals als Ingenieurstudent ein Praktikum im DB-Ausbesserungswerk Schwerte an der Ruhr absolvierte. In diesem AW rangierte noch eine preußische T 3, und einige Jahre später zog der damalige Leiter und Eisenbahnfreund Manfred van Kampen diverse Museumsloks in Schwerte zusammen.

Doch weiter: Es kursierte die Nachricht, dass in Nürnberg – und nur noch dort – zwei bayerische Güterzuglokomotiven der Gattung G 3/4 H im Einsatz seien, die letzten beiden ihrer Art. Was lag also näher, als diese aufzusuchen? Die bayerische Mogul-Type mit der Achsfolge 1’C war, verglichen mit der legendären S 3/6, eher unscheinbar, aber als Rarität ein begehrtes Objekt. Als gelungene, vielseitig verwendbare und sparsame Konstruktion war sie einstmals in großer Stückzahl hergestellt worden. Die beiden letzten Exemplare trugen die Nummern 54 1632 und 54 1685.

Es wurde „eine schwere Geburt“: Mit einer Freifahrkarte, die ich als Schüler für eine Foto-Ausstellung auf einer DB-Jubiläumsveranstaltung „100 Jahre Obere Neckarbahn“ erhalten hatte, wählte ich Hof in Oberfranken als Zielbahnhof. Wie groß war jedoch die Enttäuschung, als ich in den Weihnachtsferien 1964/65 im Rahmen dieser Fahrt erstmals Nürnberg ansteuerte und das Bahnbetriebswerk des Rangierbahnhofs aufsuchte: Beide Maschinen standen kalt im Schuppen! Es ergaben sich nur zwei kärgliche Teilfotos der Frontpartien.

Immerhin gab es im verschneiten Hofer Hauptbahnhof eine Doppelbespannung der Reichsbahn-P 10 der Reihe 22 vor dem Interzonenzug D 146 Dresden – München zu sehen sowie eine weitere Reichenbacher 22er, die den D 145 nach „drüben“ brachte.

Im Frühling 1965 dann mehr Glück

@@Die Übergabe 15711 im Buchfahrplan; als Tfz wird 1969 dann schon eine 86er geführt


@@Fabrikgebäude aus der Kaiserzeit in Nürnberg-Schweinau 1965: VDM bedeutet Vereinigte Deutsche Metallwerke. Niederbordwagen mit Rungen sind da äußerst praktisch


Eine Frühjahrstour nach Unter- und Mittelfranken war von mehr Glück beschienen: Dieses Mal, am 20. März 1965, sagte mir der Lokleiter des Bw Nürnberg Rbf bereitwillig in schönstem Fränkisch: „Die 54 1632 ranschiert in Schwaanau“.

Kurz im Kursbuch nachgeschaut: Es handelte sich um Nürnberg-Schweinau, den ersten Bahnhof an der Strecke nach Crailsheim. Dort konnte ich die Maschine in allen Lagen beobachten, filmen und fotografieren. Zwischendurch passierte auch der P 8-geführte P 1704 mit der 38 3438 nach Ansbach – Crailsheim den Bahnhof, und der E 237 aus Stuttgart mit der 01 125 rauschte durch. Vermutlich befuhren noch andere Dampfzüge die Stelle, aber die beachtete ich damals kaum. Hatte ich schon der P 8 wenig Beachtung geschenkt, da sie mir zu Hause täglich vor der Haustür vorbeifuhr und auf den täglichen Schulfahrten oder bei Exkursionen mit der Bezirkswochenkarte meinen Zügen vorgespannt war, so waren mir die 50er erst recht gleichgültig.

Die G 3/4 bediente zuerst südlich der Bahn an der Eisenstraße diverse Industrie-Gleisanschlüsse, darunter die Firmen Südeisenbau und Bosch, sodann das beiderseits der Bahn liegende große Gelände der Vereinigten Deutschen MetallwerkeVDM. Dann kamen die nördlichen Gleisanschlüsse der VDM dran, deren Stammkomplex aus stattlichen stilvollen Backsteinbauten aus der Gründerzeit bestand, die heute alle verschwunden sind. Es folgten die Metallfirma Otto Wolff AG und andere Betriebe, die alle Verladerampen zur Bahnseite besaßen. Für sie war damals die Bahn der alleinige Hauptverfrachter.

Dann stellte die Lok aus allem den langen Übergabezug Ü 15711 mit 56 Achsen zusammen. Das Lokpersonal der 54 1632, das mein Treiben wohlwollend beobachtet hatte, lud mich sogar ein, auf dem Führerstand zum Nürnberger Rangierbahnhof mitzufahren.

Die allererste Lokmitfahrt!

Das Schild an der Feuerbüchsrückwand verriet: „J. A. Maffei, 5988, 13 atm, 1920“. Es war meine erste Lokmitfahrt, und das auch noch auf einer bayerischen Maschine, die auf der roten Liste stand! Ich filmte das unverhoffte Ereignis.

Es ging Tender voraus nach Nürnberg-Stein. Dort setzte die Lok um und stand nun stolz vor ihrer langen Wagenschlange. Auf dem Nebengleis wartete die 50 2452 mit einem Schotterzug. Nun ging es „richtig herum“, Schornstein voraus, mit dem stattlichen „Sammler“ rechts ab in Richtung Nürnberger Rangierbahnhof, wo die Wagen in Durchgangsgüterzüge eingereiht werden sollten. Ich notierte „52 km/h“.

Auf Höhe des Abzweigs „Hohe Marter“, wo unsere Strecke die Linie Nürnberg – München übersetzt, begegnete uns die E 94 270 mit einem Güterzug. Und bei der Vorbeifahrt am Bw Rangierbahnhof sah ich die Schwestermaschine 54 1685 bereits auf dem Schrottgleis stehen – die 54 1632 war also die definitiv letzte ihrer Art.

Nach dem Abstellen der Wagenreihe im Einfahrbahnhof ging’s ins Betriebswerk Rangierbahnhof zur Abrüstung. Ich verabschiedete mich ganz dankbar von der Lokmannschaft. Mit dieser Führerstandsmitfahrt hatte ich nicht gerechnet, was dazu führte, dass mein Schmalfilm trotz sparsamster Verwendung vorzeitig zu Ende ging. Tagelang war ich noch ganz benommen von dem unverhofften Erlebnis.

Kurz vor dem Siegeszug des Lkw

Auf der Osterferienfahrt des selben Jahres schaute ich wiederum in Nürnberg vorbei, um die G 3/4 vielleicht nochmals zu erwischen. Damals sah ich im Bw des Rangierbahnhofs die E 50 001. Immerhin rangierte wiederum die 54 1632, und zwar im ausgedehnten Ortsgüterbahnhof in Fürth, wo hauptsächlich Quelle, Grundig und Siemens angedient wurden. Am Tender prangte die vielleicht ironische Aufschrift „Loewe von Bayern“, die wohl ein Witzbold des Bws angebracht hatte.

Der junge Reserve-Lokführeranwärter Manfred Kaiser gestattete mir, auch hier wieder einige Rangierbewegungen auf dem Führerstand mitzufahren, wofür ich mich hinterher mit einigen Fotos bedankte. Beide Begebenheiten waren auch Lehrstücke über den Güterverkehr der 1960er-Jahre auf der Eisenbahn, als diese noch das Rückgrat des Verkehrs war.

@@Im Bahnhof Nürnberg-Stein kam es zur Begegnung des Übergabezuges 15711 mit einem Schotterzug, den die 50 2452 zu bewältigen hatte. Auch die Reisenden am Bahnsteig zeigen sich interessiert


Alle Fotos Herbert Stemmler