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familie&entwicklung: Mein Körper DAS BIN ICH!


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 8/2018 vom 04.07.2018

Pflegen, wärmen, trösten: Wie Eltern ihrem Kind einpositives Körpergefühl vermitteln – und so sein Selbstbewusstsein stärken


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Bildquelle: familie & co, Ausgabe 8/2018

Liebe und Geborgenheit erfahren Kinder am intensivsten, wenn Mama und Papa mit ihnen kuscheln und schmusen


Gerlinde Mosbacher reibt sich die Hände. Nicht etwa, weil sie sich auf den abendlichen Kinobesuch mit ihrer Freundin Marlies freut, sondern weil sie für die kleine Svenja warme Hände braucht. Die liegt bäuchlings vor ihr auf der flauschigen Decke – und wartet nur darauf, von ihrer Mutter massiert zu werden.
Schon früh hat die zweifache Mutter damit begonnen, ihre Tochter mit ...

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Gerlinde Mosbacher reibt sich die Hände. Nicht etwa, weil sie sich auf den abendlichen Kinobesuch mit ihrer Freundin Marlies freut, sondern weil sie für die kleine Svenja warme Hände braucht. Die liegt bäuchlings vor ihr auf der flauschigen Decke – und wartet nur darauf, von ihrer Mutter massiert zu werden.
Schon früh hat die zweifache Mutter damit begonnen, ihre Tochter mit liebevoller Zuwendung und zärtlichen Berührungen zu verwöhnen. „Bereits ein paar Tage nach ihrer Geburt habe ich mitbekommen, dass ihr die körperliche Zuwendung große Freude bereitet“, erinnert sie sich. Besonders nach dem Baden habe ihr Svenja durch Gestik und Mimik zu verstehen gegeben, dass sie gern noch etwas mit ihrer Mutter zusammensein möchte – am liebs ten im Schaukelstuhl und gemeinsam warm eingehüllt in eine dicke, weiche Kuscheldecke.
Das ist ein paar Jahre her. Auf den ausgiebigen körperlichen Kontakt mit ihrer Mutter möchte die Achtjährige aber auch heute nicht verzichten. Also schließt Svenja die Augen – und genießt das intensive körperliche Wohlbefinden, das ihr die behutsam über den Rücken kreisenden Fingerspitzen ihrer Mutter bereiten. Manchmal huscht ein Lächeln über ihr Gesicht, Gänsehaut bildet sich an besonders empfindsamen Stellen. Man spürt: Svenja weiß, was ihr bzw. ihrem Körper guttut.
Dass die bewusste und aufmerksame Wahrnehmung des eigenen Körpers und seiner Bedürfnisse Voraussetzung ist für eine gelungene Entwicklung des Selbstbewusstseins, gilt unter Entwicklungspsychologen als unumstritten. „Sich wohlfühlen im eigenen Körper ist eine der Voraussetzungen für ein solides Selbst wertgefühl“, schreibt zum Beispiel die Diplom-Psychologin Helga Gürtler.

Die Sinne sind der Schlüssel zum Körper

Wie zu Hause sich ein Mensch in seinem Körper fühlt, hängt ganz entscheidend davon ab, wie er ihn in seiner Kindheit erleben durfte. Den Zugang zum eigenen Körper finden Kinder durch die Sinne – indem sie sehen, hören, riechen, schmecken und tasten. Also muss eine Erziehung, die den Körper mit seinen Bedürfnissen und Empfindungen ernst nimmt, die Sinne anregen.
Eltern tun gut daran, den Sinnesorganen viel „Nahrung“ zu geben. Dies geschieht dadurch, dass die Grundbedürfnisse Wärme, Schlaf, Bewegung, Nahrung sowie menschliche Nähe und Zuwendung erfüllt werden. Nur dann fühlen sich Kinder in ihrer Haut wohl – und können auf dieser Basis ein solides Selbstbewusstsein entwickeln. Den Verlauf dieses Prozesses skizziert Prof. Dr. Renate Zimmer, Direktorin des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) in Osnabrück und Expertin für Bewegungserziehung, so: „Die Erfahrungen, die das Kind in den ersten Lebenswochen über seine sensorischen Systeme macht, führen zur ersten Stufe in der Entwicklung des Selbst, dem Körper-Selbst. Das Körper-Selbst wiederum bildet die Basis für das Bewusstsein von der eigenen Person.“
Dabei steht – zumindest in der frühen Kindheit – die Haut ganz oben in der Rangordnung der Sinnesorgane. Denn anders als die „Fernsinne“ Sehen und Hören, bedeutet Haut Nähe, Wärme, Geborgenheit.

Körperkontakt schafft Selbstvertrauen

Über den Kontakt mit dem Körper der Eltern wird dem Kind versichert: Hier ist jemand, der dich schützt, tröstet und bei dem es sich kuscheln lässt. So entwickelt das Kind ein Grundvertrauen in seine Eltern – und bekommt Vertrauen in sich selbst.

Mit allen Sinnen sich selbst entdecken

Michael Thiel, Diplom-Psychologe und familie&co-Experte, über die natürliche Entwicklung des Körperbewusstseins bei Kindern:
„Für Eltern ist es wichtig zu wissen, dass Kinder beim Erkunden ihres Körpers keine Tabuzonen kennen, das heißt alle Körperteile werden mit der gleichen Neugier erforscht. Die Entdeckungen, die sie dabei machen, sind für ihre Entwicklung genauso wichtig wie die positiven Erfahrungen, die sie sammeln, wenn sie von ihren Eltern geschaukelt und gekost werden. Denn aufgrund all dieser Eindrücke entwickeln die Kinder ein inneres Bild von sich und ihrem Körper, das ihnen die Gewissheit gibt: Ich bin liebenswert, und mit meinem Körper ist alles in Ordnung. Und weil Kinder dieses Bild lebenslang mit sich tragen, können ihnen auch Selbstzweifel und abwertende Kommentare anderer Kinder, z. B. ‚Du siehst aber doof aus!‘, nichts anhaben.“

Dabei brauchen Eltern keine Bedenken zu haben, sie könnten ihr Kind durch zu viel liebevolle Zuwendung verwöhnen. Im Gegenteil: Die Haut des Kindes braucht Zärtlichkeit, sie braucht das „Vitamin Z“ – sei es in Form des alltäglichen liebevollen Umgangs miteinander, z. B. beim Stillen oder Wickeln, oder in Gestalt gezielter körperlicher Zuwendung durch Massagen, Streichelspiele oder das „Krabbel-Stündchen“ vor dem Einschlafen (siehe Kasten unten). Wichtig ist allein, dass das Kind spürt: Das ist mein Körper – und in dem fühle ich mich richtig wohl.
Ein gutes Körpergefühl entwickeln Kinder auch, indem sie aktiv sind, sich ausgiebig – und manchmal bis zur Erschöpfung – bewegen und ihre Sinnenlust ungebremst ausleben. Alles kosten, an allem riechen, alles anfassen, sich in einer Wiese wälzen, rennen, toben, kreischen, schmusen, spielen; all das vermittelt Kindern ein posi tives Körpergefühl – und lehrt sie Geschicklichkeit und dass sie die Verfügungsgewalt über ihren Körper haben. Die Aufgabe der Eltern besteht dabei darin, ihrem Kind einen unbefangenen Umgang mit seinem Körper zu ermöglichen. Darüber hinaus können Eltern die Körperwahrnehmung ihres Kindes schärfen, indem sie es etwa dazu ermuntern, auf seine Empfindungen zu achten, und ihm Fragen stellen wie: „Warum schmeckt dir gerade Zitroneneis so gut?“ Oder: „Ist dir kalt?“

Sinnliche Erfahrungen sind das A und O, wenn es darum geht, ein Gespür für den eigenen Körper zu entwickeln


Wichtig ist ein Gespür für Nähe und Distanz

Zu einer körperfreundlichen Erziehung gehört auch, dass der liebevolle Umgang miteinander im Familienleben einen selbstverständlichen Platz einnimmt, dass Eltern sich mit einem Kuss begrüßen, ihr Kind innig umarmen und trösten, miteinander schmusen, einander beruhigend die Hand halten – sich also auch körperlich zeigen, dass sie sich mögen und gernhaben.
Bei aller Vertrautheit im Umgang mit ihrem Kind und dem Wunsch, ihm so nah wie möglich zu sein, sollten Eltern aber auch registrieren, wenn ihr Kind Nähe als störend empfindet, weil es sich z. B. ganz auf sich selbst oder eine Sache konzentrieren will. Denn auch dies gehört zur Entwicklung des Körper- und Selbstbewusstseins: dass ein Kind Nein sagen und sich gegen die oft nicht wirklich beliebten Küsse von Tante Hilde zur Wehr setzen kann.

SPIELE FÜR JEDES ALTER: Was Kindern richtig guttut

Babys genießen es, massiert zu werden, ältere Kinder lieben Berührungs- und Streichelspiele. Hier einige Ideen und Vorschläge

BABYMASSAGE

• Von der medizinischen Massage unterscheidet sich die Babymassage dadurch, dass alle Bewegungen sanft ausgeführt werden. Im Vordergrund steht die wohltuende, leicht stimulierende Berührung der Haut. Achten Sie darauf, dass Ihr Baby weder müde noch hungrig ist, die Massage nicht länger als 15 Minuten dauert, die Raumtemperatur ungefähr 25 Grad beträgt – und verreiben Sie vor Beginn der Massage ein wenig angewärmtes, kaltgepresstes Naturöl zwischen Ihren Handflächen.

• Führen Sie die folgenden Bewegungen symmetrisch, langsam und ruhig aus. Kopf: Lassen Sie Ihre Hände langsam und gleichmäßig über Nase und Wangen gleiten, anschließend streichen Sie mit beiden Händen von der Stirn über die Schläfen. Brust: Streichen Sie mit beiden Händen von der Brustmitte langsam nach beiden Seiten. Bauch: Führen Sie ihre Hände in Kreisbewegungen über den Bauch (im Uhrzeigersinn!). Rücken: Streichen Sie mit beiden Händen quer über den Rücken, wobei Sie die Hände gegeneinander bewegen. Arme und Beine: Das Baby liegt auf dem Rücken. Umfassen Sie mit einer Hand einen Oberschenkel oder -arm des Kindes. Dann ziehen Sie die Hand langsam bis zum Fuß bzw. bis zur Hand. Bevor das Bein/der Arm losgelassen wird, umfasst die andere Hand den Oberschenkel bzw. -arm. Abwechselnd ziehen beide Hände über das Bein/den Arm. Anschließend die Seite wechseln.

HAUTZEICHNUNGEN

• Zeichnen Sie mit dem Zeigefinger einfache geometrische Figuren oder Bilder, z. B. einen Ball, einen Baum oder eine Schlange, auf den Rücken Ihres Kindes und lassen Sie es raten, was Sie aufgemalt haben.

• Ist Ihr Kind im Grundschulalter, können Sie auch Ziffern, Buchstaben, kurze Wörter oder einfache Rechnungen auf seinen Rücken schreiben.

MERK-SPIEL

• Berühren Sie nacheinander vier Körperstellen Ihres Kindes, z. B. den kleinen Zeh, die Nasenspitze, den Ellenbogen und ein Knie. Fordern Sie Ihr Kind auf, diese Körperstellen in der gleichen Reihenfolge bei Ihnen zu berühren und zu benennen.

• Variieren Sie das Spiel, indem Sie jede Körperstelle anders berühren, z. B. kleinen Zeh – leicht ziehen, Nasenspitze – einen Kuss darauf geben, Ellenbogen – mit den Fingerspitzen kitzeln, Knie – die flache Hand auflegen.


FOTOS: JACOB LUND - STOCK.ADOBE.COM; IMAGESOURCE