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familie&erziehung: ALLE ANDEREN DÜRFEN DAS!


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 12/2018 vom 01.11.2018

Kinder orientieren sich bei ihrenInteressen und Wünschen oft stark an den Freunden. Eltern gefällt das nicht immer. Wie man sich verhalten sollte – und wo es aufzupassen gilt


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Bildquelle: familie & co, Ausgabe 12/2018

Gut, dass diese Kinder Helm und Schützer tragen: Dann müssen die Eltern nicht diskutieren! Nur das eigene Kind zu überzeugen, kann sonst schwierig sein


„Meine Mutter erlaubt mir keine Ohrlöcher. Sie sagt, das ist Körperverletzung. Ich fifinde das sehr zimperlich von ihr.“
OLIVIA, 7 JAHRE


Alle paar Tage verhaken sich mein elfjähriger Sohn und ich in der Fahrradhelm-Diskussion. Ich: „Tschüs! Aber setzt du bitte noch den Helm auf?“ ...

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Alle paar Tage verhaken sich mein elfjähriger Sohn und ich in der Fahrradhelm-Diskussion. Ich: „Tschüs! Aber setzt du bitte noch den Helm auf?“ Er: „Mama! Ich brauche keinen Fahrradhelm. Keiner sonst setzt einen Fahrradhelm auf. Es sieht lächerlich aus. Ich fahre vorsichtig. Unter dem Helm schwitzt man …“ – eben all die Argumente, die Kinder auspacken, um uns bei diesem Thema auf ihre Seite zu ziehen.
In der Helmfrage nützt ihm der verbale Großeinsatz nichts, letztlich fährt er doch mit dem Helm auf dem Kopf zur Schule. In diesem Fall gehört er in seiner Klasse damit tatsächlich zur Minderheit, doch das ist zumutbar. Zumal er die Diskussion in letzter Zeit eher noch aus sportlichen Gründen zu führen scheint, wie ein liebgewonnenes kleines Ritual, den Helm schon in der Hand.

Das schöne Leben der anderen
Wenn man den eigenen Kindern zuhört, müssen alle anderen Kinder ein wahnsinnig gutes Leben mit sehr großzügigen Eltern führen. Sie dürfen regelmäßig Cola trinken, sehr viel fernsehen, haben grundsätzlich die neuesten elektronischen Geräte und sehr lange Internetzeiten, müssen sich bei Kälte nicht warm anziehen, im Sommer nicht eincremen lassen und natürlich dürfen alle anderen abends länger wach bleiben. Nur das eigene Kind, dieses arme Hascherl …
Bald merkt man dann: Die Argumentation der Kinder ist die eine Sache. Nachfragen bei den Eltern ergeben oft etwas ganz anders. Nämlich: „Alle anderen“ sind oft nur einzelne Kinder. Und: Auch meine eigenen Kinder wurden gegenüber anderen Eltern schon als „alle anderen“ dargestellt. Alle anderen dürfen James Bond gucken. Alle anderen dürfen sich die Haare färben. Stimmt gar nicht! Es waren unsere Kinder, und das auch nur in zwei ganz besonderen Situationen. Dennoch, selbst wenn die Realität damit zuweilen verkannt wird: Kinder bekommen schnell das Gefühl, als einzige etwas nicht zu dürfen. Und das gefällt ihnen nicht.

Kinder wollen ein „Ja“ erkämpfen
Was andere Jungen und Mädchen vermeintlich machen, haben oder dürfen, möchten auch die eigenen Kinder erlaubt bekommen. Um mithalten zu können. Dr. Heidemarie Arnhold, Vorstandsvorsitzende des Arbeitskreises Neue Erziehung e.V. (ANE), sieht die Sache entspannt: „Es ist ein legitimes Anlegen der Kinder, dazugehören zu wollen. Das grundsätzlich Gute an der Sache: Die Kinder lernen so das Argumentieren. Sie müssen ihre Eltern im Gespräch davon überzeugen, warum es für sie so wichtig ist.“
Und was sollten wir Eltern tun – nach Möglichkeit nachgeben, um die Kleinen glücklich zu machen? Nein, darum geht es nicht: „Eltern dürfen nein sagen, sie müssen ihre Meinung aber gut begründen. Sie müssen Vorbilder im Argumentieren sein“, so Arnhold. Phrasen wie: „Ach, und wenn dein Freund aus dem Fenster springt, springst du dann hinterher?“ sind also keine passende Antwort.

Was gibt’s Neues im Klassen-Chat? Reden über Social Media!


Die Social-Media-Versuchung

Alle Kinder wollen es, fast jedes Kind hat es: Die meisten Fünftklässler haben ein Smartphone und Social Media Accounts, sind auf Whats App, Snapchat, Instagram oder YouTube aktiv. Und das, obwohl das Mindestalter etwa bei WhatsApp gerade auf16 Jahre erhöht wurde. Eltern sehen bisher großzügig weg, niemand möchte das eigene Kind durch Social Media-Verbot zumAußenseiter machen. Dennoch: Das Thema muss kritisch auf Elternabenden besprochen werden. Es birgt viel Stoff auch fürrechtlichen Ärger, einmal mehr, seit im Mai die Datenschutzgrundverordnung der EU in Kraft trat.Eltern haften für alles, was die Kinder auf Social Media tun. Das fängt ganz banal mit den Telefonnummern von Freunden an, die nicht ungefragt von der Kontaktliste in WhatsApp übertragen werden dürfen. Weitere Hinweise gibt’s aufwww. klicksafe.de – der „EUInitiative für mehr Sicherheit im Netz“. Reinklicken lohnt!Mehr dazu ab S. 84.

Kein „Nein“ ohne eine echte Begründung
Seien es neue teure Jeans, das elektronische Gerät, der Wunsch nach einer Übernachtungsparty während der Schulzeit: Auch wenn Eltern spontan und aus ganzem Herzen dagegen sind, ist es wichtig, die Wünsche nicht einfach abzubügeln. Dr. Heidemarie Arnhold rät: „Eltern stärken das Selbstbewusstsein, indem sie das Kind ernst nehmen und Verständnis äußern für den Wunsch, indem sie nachfragen – und auch Wertschätzung für die gute Argumentation äußern!“ Sätze wie „Ich verstehe das“ oder auch „Es kostet viel Geld, und das ist in diesem Monat nicht möglich“ drücken grundsätzliche Anerkennung aus.
Wenn die Eltern sich nicht sicher sind oder merken, dass sie in ihrer Argumentation herumeiern, brauchen sie nicht wie aus der Pistole geschossen zu antworten. Bedenkzeit zu erbitten und sagen, dass man darüber noch nachdenken muss – auch das ist eine Art, die Kinder ernst zu nehmen.

Kinder müssen lernen, es auszuhalten
Grundsätzlich braucht niemand seinem Kind nur deshalb etwas zu erlauben, weil Freunde es dürfen. Es traumatisiert Kinder nicht, gelegentlich zur Minderheit zu gehören. Im Gegenteil: „Ein gut begründetes Nein stärkt die Fähigkeit des Kindes, mit solchen Situationen umzugehen. Es lernt eigene Ideen zu entwickeln, wie es aus der Lage herauskommt. Und erkennt, dass es zum Beispiel auch ohne die teure Jeans etwas wert ist“, weiß Heidemarie Arnhold.
Kinder lernen so auch: Eine Clique zu haben ist eine feine Sache – trotzdem muss man letztlich seinem eigenen Urteil vertrauen und darf die Ansichten der Gruppe nicht über alles stellen. Man darf sich mit seiner eigenen Meinung sogar gegen die Gruppe stellen, wenn es nötig ist. Dafür sind die Diskussionen mit den Eltern eine gute Übung – ebenso wie das gelegentliche „Nein“, das daraus resultieren kann.


„Alle anderen dürfen immer mit dem Handy spielen. Nur ich soll immer was anderes spielen.“
JULA, 5 JAHRE


Wunsch ist nicht gleich Wunsch
Kinderwünsche fallen ins unterschiedliche Kategorien, wie Dr. Heidemarie Arnhold erklärt: „Ein kalter Tag ohne Jacke ist etwas ganz anderes als Radfahren ohne Helm. Im ersten Fall droht nur eine lästige Erkältung, damit können Kinder selbst ihre Erfahrung machen. Der zweite Wunsch kann im schlimmsten Fall lebensgefährlich sein.“
Wenn es um Sicherheit geht oder um Recht und Gesetz (siehe Kasten S. 22), ist kein wirklicher Spielraum für Entscheidungen da. Und auch für überteuerte Jacken, Jeans oder Turnschuhe können – oder möchten – zu Recht nicht alle Eltern ihr sauer verdientes Geld ausgeben. Oder sie halten die Spielsachen oder Klamotten für nicht kindgerecht (siehe Kasten links).
Ob wir Eltern den Kindern also nachgeben oder bis zuletzt an unserer Argumentation festhalten und dafür manchmal ein schlecht gelauntes Gesicht oder sogar Wutanfälle in Kauf nehmen: Es hängt immer von der Art des Wunsches ab.

Mädchen-Mode – riskanter Trend

Was Kinder schön finden, istGeschmacks-und Modesache. Feenmotive etwa mögen vielen Eltern nicht gefallen, doch sie schaden erst mal keinem. Anders ist es mit Mädchenmode, die„sexy“ machen soll. Die gibt’s nicht? Und ob es die gibt: In einer Studie des Kenyon College in Ohio (USA) enthieltenein Viertel der untersuchten Kleidungsstücke sexualisierende Elemente. Miniröcke mitLeopardenmuster, bauchfreie Tops, Spitzenwäsche: Eltern übersehen dieaufreizenden Attribute oft. Und Kinder verstehen nicht, was Erwachsene mit bestimmten Schnitten oder Mustern verbinden. Was also tun? Vor allem:Gut hinschauen – und erklären, warum man bestimmte Sachen nicht kaufen möchte. Wer merkt, dass das Kind mit seiner Kleidung erotische Signale aussendet, sollte mit ihmdarüber sprechen. Zum Beispiel: „So etwas in deinem Alter zu tragen, kann dazu führen, dass du komisch angesprochen wirst. Und was machst du dann?“ Verhaltenstipps geben! Etwa: Dumme Bemerkungen mit Blicken, Körperhaltung, lauten Worten selbstbewusst verbieten, weggehen, wenn nötig, andere Erwachsene dazuholen.

Angst vor Außenseitertum
Das bisher Beschriebene ist der Normalfall. Es gibt aber auch Fälle, in denen die Eltern merken, dass ihr Kind ernsthaft verzweifelt, wenn sie ihm etwas abschlagen. Dass es richtige Angst hat, durch das „Nein“ zum Außenseiter zu werden. Solch ausgeprägter Gruppendruck ist ein Alarmsignal. Die Eltern sollten deshalb checken, was hinter der Angst steckt. Denn: „Jetzt geht es nicht mehr um die Jeans oder die gute Argument, sondern um die Stellung des Kindes in der Gruppe“, sagt Heidemarie Arnhold. Sozial läuft irgendwas nicht rund, und in der Regel macht es sich auch an anderen Dingen bemerkbar. Wird es zu Geburtstagen eingeladen? Bekommt es Anfragen zu Verabredungen? Wer als Eltern solche Probleme erkennt, sollte in Ruhe mit dem Kind darüber sprechen – und mit seiner Zustimmung dann auch mit den Erziehern oder Lehrern.

Ist das der Schuh, den alle haben? Das macht ihn interessant!


Das eigene Verhalten überprüfen
Manchmal haben Eltern den Eindruck, dass sich ihre Kinder allzu stark daran orientieren, welche materiellen Dinge andere Kinder besitzen oder welche begehrenswerten Neuheiten es auf der Welt gibt. Auch dies ist ein wichtiger Gesprächsanlass. Denn schon kleine Kinder sind im Internet und im Fernsehen massiv der Werbung ausgesetzt. Sie sollten wissen, dass auch hinter dem coolsten Spot nur der Wunsch der Unternehmen steht, Geld zu verdienen. Und, natürlich, dass nicht alles Gold ist, was glänzt.
„Der Einfluss des Marketings darf nicht unterschätzt werden, “sagt Dr. Heidemarie Arnhold dazu. „Letztlich ist es eine Frage der Wertehaltung, wie weit man sich zum Konsum verführen lässt und ob man auf jeden Zug aufspringt. Eltern sollten sich hier auch selbst checken: Was lebe ich meinen Kindern in Sachen Konsum vor?“
Wie man sieht: Die „Alle anderen dürfen das“-Diskussion kann anstrengend sein, aber auch anregend und erkenntnisreich. Sie gehört zur Erziehung dazu. Und sie macht nicht nur die Kinder stärker, sondern manchmal auch uns selbst.


„Die Sneakers sind richtig teuer, ich muss sie mir als großes Geschenk zum Geburtstag wünschen. Vielleicht mache ich das.“
KARL, 10 JAHRE


FOTOS: SERGEY NOVIKOV, -/KADMY -STOCK.ADOBE.COM; GETTY IMAGES/CULTURA RF