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familie&erziehung: Das macht doch nichts!


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 6/2018 vom 09.05.2018

Wer vorankommen will, muss als Erstes lernen, dassMissgeschicke und Irrtümer zum Leben dazugehören. Wie Sie Ihr Kind bei diesem wichtigen Prozess begleiten


Artikelbild für den Artikel "familie&erziehung: Das macht doch nichts!" aus der Ausgabe 6/2018 von familie & co. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: familie & co, Ausgabe 6/2018

Vor einigen Jahren wanderten Freunde von uns mit ihrem damals siebenjährigen Sohn in die USA aus. Als ich einige Monaten später wieder einmal ausgiebig mit meiner Freundin telefonierte, berichtete sie mir von einem kleinen Erlebnis in der neuen Schule ihres Sohnes, das sie nachhaltig beeindruckt hatte. Birgit stand auf einem Schulfest am Buffet und beobachtete, wie ein etwa achtjähriges Mädchen versuchte, ein Stück Sahnetorte in eine Tüte zu ...

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... bugsieren. „Ich konnte kaum hinschauen, weil klar war: Das klappt nie. Und genauso war es. Der Kuchen fiel klatschend zu Boden“, erzählte Birgit.

Wer sich bemüht hat, verdient dafür ein Lob

Was sie verblüffte, war die Reaktion der Mutter. Die schimpfte nicht etwa mit ihrer ungeschickten Tochter, sondern sagte ermunternd: „You’ve tried it, baby!“. Birgit war perplex. Die Mutter hatte ihre Tochter nicht kritisiert, sondern sogar gelobt, weil sie es immerhin versucht hatte. „Ich selbst hätte meinen Sohn garantiert angeraunzt: ‚Das war doch klar! Überleg doch vorher, was du machst!“, gestand meine Freundin.
Birgit und ich fühlten uns ertappt – weil wir selbst wissen, dass wir unsere Kinder ganz schön oft anmotzen, wenn etwas schiefgeht. „Pass doch auf!“ Oder: „Das kann doch nicht funktionieren!“ Offenbar ist es uns beiden wichtig, möglichst immer alles richtig zu machen. Und von unseren Kindern erwarten wir das ebenso.

Fehler sind die Sprossen auf der Leiter zum Erfolg

Das Problem dabei: Es ist unmöglich, immer alles richtig zu machen. Uns passieren Flüchtigkeitsfehler, wir vergessen wichtige Termine, verhalten uns undiplomatisch, irren, stolpern, sind ungerecht zu anderen und versprechen uns. Fehler in allen Variationen sind in jedem Lebensbereich treue Begleiter.
Neurowissenschaftler wissen heute, dass unser Gehirn auch gar nicht dafür gemacht ist, Fehler zu vermeiden. Würde unser Denkapparat arbeiten wie ein Computer, könnten wir weitgehend fehlerfrei agieren. Aber der Preis wäre hoch: Wir verlören unsere Kreativität und wären nicht in der Lage, uns auf wechselnde und unerwartete Herausforderungen einzustellen, die das Leben mit sich bringt.


Es ist absolut unmöglich, stets alles richtig zu machen


Der Neurobiologe Henning Beck lobt deshalb die Neigung unseres Gehirns, auch mal aufs falsche Pferd zu setzen. „Irren ist nützlich. Warum die Schwächen des Gehirns unsere Stärken sind“, so der Titel eines Buches, das er zu diesem Thema geschrieben hat (siehe Buchtipps S. 18).
Henning Beck sagt: „Würde unser Gehirn auf ein logisches Denksystem umstellen, würden wir unsere ganze geistige Flexibilität einbüßen.“ Aber das Gehirn ist eben – zum Glück! – kein Computer. Wir denken nicht erst A und dann B. Vielmehr produziert jeder Sinnesreiz im Gehirn eine Vielzahl von Handlungsmustern. Manche davon sind sinnvoll, andere sind es nicht. Und manchmal setzt sich eben das falsche durch – wir machen Fehler.
„Gerade weil wir manche Fehler nicht vermeiden können, müssen wir das Beste daraus machen. Und das ist eben, aus ihnen zu lernen“, so der Neurobiologe. Und genau diese Fähigkeit ist äußerst nützlich. „Fehler zeigen uns Grenzen auf, lehren Demut und Toleranz“, sagt der Wissenschaftsjournalist Jürgen Schaefer, der sich ebenfalls mit den Vorteilen des Irrtums auseinandergesetzt hat. Fehler eröffnen die Möglichkeit, es beim nächsten Mal anders, besser zu machen. Ein Scheitern, das wir nicht schamvoll verdrängen, sondern interessiert annehmen, öffnet den Blick auf neue Möglichkeiten. Kinder, die Fehler nicht fürchten müssen, entwickeln Kreativität und Mut, Neuland zu erkunden. Der amerikanische Nobelpreisträger Carl Wieman vertritt mit seinem Konzept vom „aktiven Lernen“ sogar die Auffassung, dass wir Fehler lieben lernen sollten. „Ohne das Risiko, Fehler einzugehen, gibt es auch nicht den Mut für Neues“, sagt Henning Beck.

Fehler toler ieren – so funktioniert es

Fehler 1: Zu spät mit dem Lernen begonnen
Sich für einen zukünftigen Erfolg in der Gegenwart anzustrengen ist schwer. Wenn es anders wäre, würden Diäten ein Leichtes sein, und jeder hätte eine Menge Gespartes auf dem Konto. Was hilft? Milde urteilen, gutes Vorbild sein und feste Regeln mit dem Kind vereinbaren (am besten schriftlich), auf deren Einhaltung genau geachtet wird. Das ist auch für die Eltern anstrengend …

Fehler 2: Ein Versprechen nicht halten
Als Erstes gilt es zu klären: Hat das Kind überhaupt schon den Überblick, um das Versprochene angemessen zu erledigen? Ein Fünfjähriger lebt (zum Glück) noch viel zu sehr in der Gegenwart, um sich im rechten Moment zu erinnern, was er am Tag zuvor zugesagt hat. Für eine Elfjährige, die ihr Zimmer nicht aufgeräumt hat, ist es hingegen die Chance zu begreifen: „Mein Tun (oder hier: mein Nicht-Tun) hat Folgen.“ Das heißt: Eltern sollten freundlich, aber standhaft darauf bestehen, dass die Aufgabe erledigt wird, bevor andere Aktivitäten gestartet werden.

Fehler 3: Zu viel wagen – und hinfallen
Ein Klassiker, der für Eltern eine echte Herausforderung darstellt. Dabei ist die Lösung relativ einfach: Abchecken, ob bei einer Aktion ernsthafte Gefahr droht. Wenn nicht, dann ein Mal (!) auf mögliche Risiken hinweisen – und trösten, wenn es schiefgegangen ist. Eigene Erfahrungen sind die besten Lehrmeister. Kinder werden vor allem durch Ausprobieren risikokompetent.

Nicht vorsagen! Hausaufgaben zeigen Kindern (und Lehrern), ob der Lernstoff verstanden wurde


In jedem Irrtum steckt ein kreatives Potenzial

Und gar nicht so selten gelingen Erfindungen erst durch Fehler. Alexander Fleming ließ Bakterien verschimmeln – und fand das Penizillin. Die Mikrowelle verdanken wir einem geschmolzenen Schokoriegel in der Hosentasche eines Ingenieurs, der vor einem Gerät zur Erzeugung von elektromagnetischen Strahlen stand. Teflon, Gummi-Autoreifen, Post-its, Herzschrittmacher – dies alles sind Zufallsprodukte, die durch menschliche Fehlleistungen entstanden sind.

Krönchen richten – und einfach weitermachen!

Das beste Beispiel für einen gelungenen Umgang mit Fehlschlägen zeigen unsere Kinder, wenn sie laufen lernen. Sie fallen hin und stehen wieder auf, fallen nochmals hin, stehen wieder auf. Kämen wir auf die Idee, zu ihnen zu sagen: „Du darfst erst gehen, wenn du es garantiert fehlerfrei hinbekommst“?
Auch beim Fahrradfahren erwartet niemand, dass es sofort gelingt. Uns ist intuitiv klar, ohne Übung geht es nicht. Also, Krönchen richten und weitermachen!
Doch während unsere Kinder oft bereit sind, es immer wieder aufs Neue zu versuchen, reißt uns Erwachsenen viel zu oft der Geduldsfaden.
Doch wir können lernen, Fehlern gelassener zu begegnen. Dazu gehört, mit uns selbst weniger unbarmherzig zu sein; nicht dem „inneren Kritiker“ das Feld zu überlassen, der uns verurteilt, wenn wir etwas falsch machen. Nur wenn uns das gelingt, werden wir auch nachsichtiger unseren Kindern gegenüber sein.
Hilfreich ist auch, sich zu fragen: Warum macht mich das Scheitern oder die Ungeschicklichkeit meines Kindes gerade in diesem Fall so wütend, nervös oder verzweifelt? Da hat jeder andere Empfindlichkeiten. Und die haben in der Regel viel mit ihm selbst und der eigenen Geschichte zu tun – und oft sehr wenig mit dem Kind.


Irrtümer sind immer eine Chance, sich weiterzuentwickeln


Spaß beim Tüfteln: Kinder, die viel herumprobieren dürfen, lernen am schnellsten dazu


Ein Beispiel: Ich selbst bin motorisch nicht besonders talentiert, maximal durchschnittlich begabt. Meine Kinder sind, meiner Einschätzung nach, geschickter und sportlicher als ich. Das finde ich toll. Und wenn ihnen mal etwas nicht gelingt? Kein Problem! Ich finde wirklich, sie sind auch dann noch gut genug. Eine Freundin hingegen, die sehr sportlich und wettbewerbsorientiert ist, leidet regelrecht, wenn ihr Sohn beim Fußball über seine eigenen Füße stolpert oder einen Elfmeter verschießt.
Es ist hilfreich zu erkennen, wann uns unsere eigene Geschichte einholt und wir beginnen, die eigenen Maßstäbe auf unsere Kinder zu projizieren. So können wir besser verstehen, warum uns gerade dieses Missgeschick oder jene Dummheit so in Rage versetzt – und gerechter darüber urteilen.

Bitte nicht ärgern!

Zwei Ideen, wie wir lernen können, Fehler besser zu akzeptieren

Tipp 1: Einen neuen Blickwinkel finden. Fehler sind uns unangenehm. Das steckt tief in uns drin. Vielleicht, weil unsere eigenen Eltern oft geschimpft haben, wenn wir etwas falsch gemacht haben. Auch den Rotstift im Schulheft vergisst man nie. Trotzdem: Stellen Sie doch einmal die Buchstaben um: Fehler sind – genau: Helfer. Sie beweisen, dass wir etwas ausprobiert haben und dass wir den Kurs ändern sollten. Fragen Sie sich freundlich: Wie geht’s besser?
Tipp 2: Teilen Sie Ihre Erfahrungen. Wir neigen dazu, die unangenehmen Gefühle, die in uns hochkommen, wenn wir scheitern, möglichst schnell loswerden zu wollen. Doch das macht die Sache meistens nur schlimmer. Wenn wir uns mit anderen Menschen darüber austauschen, können wir von Herzen verstehen, dass Irrtümer und Fehler normal sind und es anderen nicht anders geht. Wir können unsere Energie dann aufs Lernen konzentrieren, anstatt darauf, Fehler zu vertuschen und unangenehme Gefühle wegzudrücken.


Wer keine Angst vor Fehlern haben muss, traut sich etwas


Ständige Kritik bringt niemanden weiter

Aber: Fehlerfreundlich zu erziehen bedeutet natürlich nicht, alles hinzunehmen oder gutzuheißen. Vielmehr brauchen unsere Kinder uns immer wieder als Trainingspartner, damit sie aus ihren Fehlern tatsächlich lernen können. Aber wie geht das am besten?
Studien haben gezeigt, dass Kinder, die viel gerügt und kritisiert werden, nicht schlauer, sondern vor allem ängstlicher und verzagter werden.
Ein gutes Vorbild zu sein funktioniere viel besser, sagt der Neurobiologe Henning Beck. „Anstatt bei einem kindlichen Sprachfehler gleich den Besserwisser zu spielen („Es heißt nicht die Auto, sondern das Auto –DAS Auto! Mensch, streng dich mal an!“), geht man mit gutem Beispiel voran, ignoriert den Flüchtigkeitsfehler und macht einfach vor, wie es besser geht („Tatsächlich, da ist das Auto!“).

Kinder, die ehrlich sein dürfen, sind es auch

Andere Studien haben gezeigt, dass Kinder, deren Eltern auf Fehlereingeständnisse milde reagierten, weiterhin ehrlich sagten, wenn etwas schiefgelaufen war. Jene hingegen, die ein Donnerwetter erlebt hatten, machten deshalb nicht weniger Fehler; sie vertuschten sie nur besser, anstatt aus ihnen zu lernen. Man muss Fehler nicht bejubeln. Und vielleicht wäre dem amerikanischen Mädchen noch mehr geholfen gewesen, wenn ihre Mutter sie nicht nur für den Versuch gelobt, sondern ihr auch gezeigt hätte, wie man Torte erfolgreich verpacken kann. Aber wenn unsere Kinder ohne Angst vor Fehlern ins Leben gehen, haben wir schon mal ganz viel richtig gemacht.

BUCHTIPPS

RENÉ BROWN: LAUFEN LERNT MAN NUR DURCH HINFALLEN
Das 3-Stufen-Programm der amerikanischen Psychologin hilft, Krisen emotional kompetent zu bewältigen. Kailash, 19,99 Euro

VA LERIJA SIPOS/ ULRICH SCHWEIGER: GLAUBEN SIE NICHT ALLES, WAS SIE DENKEN
Typis che Fehlleistungen unseres Gehirns – und wie wir am besten damit umgehen. Herder, 19,99 Euro

JÜRGEN SCHÄFER: LOB DES IRRTUMS
Der Appell des Wissenschaftsjournalisten: Lernt Fehler lieben! Denn durch sie lernen wir eine Menge und entdecken neue Möglichkeiten. btb, 9,99 Euro

HENNING BECK: IRREN IST NÜTZLICH
Unser Gehirn ist kein Computer, sondern ziemlich fehleranfällig. Aber genau das unterscheidet uns von Maschinen und ermöglicht Kreativität. Hanser, 20 Euro

CHARLOTTE MITSCH: DIE PERFEKTIONSFALLE
Das Buch hilft Eltern zu verstehen, dass sie nicht fehlerlos sein müssen, und schärft den Blick für das Wesentliche. Goldegg, 22 Euro


FOTOS: MASTERFILE RF; GETTYIMAGES.COM/TETRAIMAGES; AFRICA STUDIO - STOCK.ADOBE.COM; PR (5)