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familie&erziehung: FAMILIENRITUALE Sicherheit für die Seele


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 12/2018 vom 01.11.2018

Lieb gewonnene Gewohnheiten geben Kindern (und Erwachsenen) Halt,strukturieren unseren Alltag – und können immer wieder neu erfunden werden. Eine kleine Gebrauchsanleitung


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Bildquelle: familie & co, Ausgabe 12/2018

Der Klassiker unter den Familienritualen: Die Gute-Nacht-Geschichte. Sie lässt Kinder wunderbar zur Ruhe kommen


Von der Schnullerfee bis zur konfirmation

Wie Rituale Kindern und Jugendlichen helfen, Entwicklungsschritte zu bewältigen

Das menschliche Gehirn mag es am liebsten, wenn alles so ist wie immer.Bloß keine Veränderungen! Aber, das wissen wir alle, im Leben ist es genau andersherum. Alles ist im Fluss. Wir verändern uns, unsere Umwelt verändert sich. Besonders anstrengend ist es für uns Menschen, wenn das Alte nicht mehr .... Redensarten wie „zwischen Baum und Borke stecken“ oder „weder Fleisch noch Fisch sein“ drücken das damit verbundene Unbehagen aus. Gerade in der Kindheit erleben wir eine Menge solcher Phasen des Wechsels. Sogenannte (der französische Ethnologe Arnold von Gennep hat diesen Begriff 1909 geprägt) helfen, sie wahrzunehmen und zu bewältigen. Es ist also keine törichte Idee, den Abschied von der Kleinkindzeit mit einem Besuch der zu gestalten, den Beginn des systematischen Lernens mit einer zu markieren und den Übergang ins Erwachsensein mit zu begehen. Dies hilft einem Kind zu erkennen, dass es der-oder diejenige, der er oder sie einmal war, nun nicht mehr ist. Gleichzeitig schenken Rituale und geben die nötige Kraft für die Herausforderungen, die es in der nächsten Lebensphase zu bewältigen gilt.

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Das menschliche Gehirn mag es am liebsten, wenn alles so ist wie immer.Bloß keine Veränderungen! Aber, das wissen wir alle, im Leben ist es genau andersherum. Alles ist im Fluss. Wir verändern uns, unsere Umwelt verändert sich. Besonders anstrengend ist es für uns Menschen, wenn das Alte nicht mehr gilt, aber das Neue noch nicht richtig angefangen hat –Zwischenzeiten und Übergänge . Redensarten wie „zwischen Baum und Borke stecken“ oder „weder Fleisch noch Fisch sein“ drücken das damit verbundene Unbehagen aus. Gerade in der Kindheit erleben wir eine Menge solcher Phasen des Wechsels. SogenannteÜbergangsrituale (der französische Ethnologe Arnold von Gennep hat diesen Begriff 1909 geprägt) helfen, sie wahrzunehmen und zu bewältigen. Es ist also keine törichte Idee, den Abschied von der Kleinkindzeit mit einem Besuch derSchnullerfee zu gestalten, den Beginn des systematischen Lernens mit einerSchultüte zu markieren und den Übergang ins Erwachsensein mitJugendweihe oder Konfirmation zu begehen. Dies hilft einem Kind zu erkennen, dass es der-oder diejenige, der er oder sie einmal war, nun nicht mehr ist. Gleichzeitig schenken Ritualesoziale Anerkennung und geben die nötige Kraft für die Herausforderungen, die es in der nächsten Lebensphase zu bewältigen gilt.

Jeden Morgen sitzen wir in kuschelige Wolldecken eingemummelt auf dem Sofa und schlürfen unsere Heißgetränke, unser elfjähriger Sohn einen extra milchigen Milchkaffee, wir einen starken Cappuccino. Dabei plaudern wir über das im Radio Gehörte, über die Schule, das Wetter oder was uns gerade so einfällt. Wir alle genießen diesen gemeinsamenMoment der Ruhe und Entspannung. Nach etwa 15 Minuten löst mein Mann die Runde auf, der Tag beginnt. Obwohl wir unseren „Morgenkreis“ alle lieben – ist er ein Ritual?

„Nicht alles, was wir regelmäßig tun, ist gleich ein Ritual“, meint Tanja Totzeck, Ritualbegleiterin aus Hamburg. „Aber der Übergang zwischen lieb gewonnener Gewohnheit und Ritual ist fließend. Auch kleine Aktivitäten können durchaus wirksame Rituale sein. Und zwar immer dann, wenn es ein bewusster Prozess mit einer symbolischen Absicht ist.“
Das klingt erstmal kompliziert, ist aber im Grunde ganz einfach: Schlürfe ich meinen Kaffee, während ich schnell für die Kinder das Schulbrot schmiere, ist das sicherlich kein Ritual. Auch dann nicht, wenn ich es jeden Morgen tue. Zelebriere ich das morgendliche Kaffeetrinken jedoch, halte Tag für Tag einen Moment inne, um den Übergang vom Privaten in den Arbeitstag bewusst wahrzunehmen, dann ist das auf jeden Fall ein Ritual.

Orientierung im Meer des Lebens
Worin liegt eigentlich derZauber von Ritualen? Sie sind wie Bojen im Meer des Lebens. Sie helfen uns, auf unserem Kurs zu bleiben! Rituale, die wir positiv bewerten, rufen zudem auf der Ebene des Unbewussten Wohlbefinden hervor. Vertrautes und Bekanntes sorgen dafür, dass im Körper Botenstoffe ausgeschüttet werden, die gute Gefühle produzieren. Und: Rituale machen im Alltag vieles einfacher – das Skript steht fest, jeder weiß, was er zu tun hat.
Bestes Beispiel: das Händeschütteln. Rechte Hand vor, mittelfest drücken, etwa drei Mal – fertig ist die gesellschaftlich anerkannte Begrüßung. Ritter versicherten sich auf diese Weise einst davon, dass ihr Gegenüber unbewaffnet ist. Müssten wir uns über solche Alltagsdinge jedes Mal neu verständigen oder sie gar individuell gestalten – das Leben wäre ziemlich anstrengend. Auch unser „Morgenkreis“ verläuft immer in denselben Bahnen, zuverlässig und akkurat wie ein Schweizer Uhrwerk. Nichts muss besprochen werden, alle teilnehmenden Personen wissen Bescheid, was als Nächstes geschieht.

„SolcheFixpunkte im Tagesablauf spielen für die psychische und physische Gesundheit von Kindern eine ganz wichtige Schlüsselrolle. Rituale geben Kindern Sicherheit, Halt und Geborgenheit, sie fördern die Selbstständigkeit und machen den Alltag vorhersehbarer. Rituale können aber auch das Lernen und die Konzentration fördern. Insgesamt betrachtet führen Rituale bei Kindern zu einer starken Persönlichkeit“, schreibt Melanie Gräßer, Psychotherapeutin und Autorin des Buches „Kinder brauchen Rituale“ (s. Buchtipps Seite 18).

INTERVIEW: Freier, aber unsicherer

Tanja Totzeck ist Ritualbegleiterin in Hamburg. Sie entwickelt und gestaltet individuelle Zeremonien für Lebensumbrüche


familie&co: Was ist der Unterschied zwischen einem Ritual und einer Gewohnheit?
Tanja Totzeck: Äußerlich erscheinen Ritual und Gewohnheit oft ähnlich. Sie unterscheiden sich jedoch durch die innere Haltung und die Sorgfalt, mit der sie vollzogen werden. Und durch das Bewusstsein, das wir dabei haben.

Wie wirken Rituale auf unsere Psyche?
Ritualisierte Gewohnheiten vermitteln Orientierung, struktieren den Alltag und geben uns daher Sicherheit. Gerade Kinder sprechen darauf an und fühlen sich geborgen. Rituale sind auch gemeinschafts-und identitätsstärkend. Sie verbinden uns als Familie und stärken die Partnerschaft. Ritualisierte Gewohnheiten, wie etwa dem Partner jeden Sonntag ein Croissant ans Bett zu bringen, werden nie langweilig, denn sie sind ein Symbol, eine Rückversicherung, die lautet: „Bei uns ist alles in Ordnung.“

Haben wir derzeit wieder ein stärkeres Bedürfnis nach Ritualen?
Ich würde sagen, wir haben ein ungebrochen starkes Bedürfnis danach. Was heute anders als früher ist: Wir müssen uns selber darum kümmern, Rituale zu leben oder sie sogar völlig neu zu kreieren. Früher war dies maßgeblich Aufgabe von Gesellschaft und Kirche. Heute ist alles viel freier, aber dadurch auch unsicherer geworden. Die Sehnsucht nach zeremonieller Begleitung und Würdigung bedeutsamer Lebensumbrüche ist aber nach wie vor da.

Viele Rituale übernehmen wir aus unserer Herkunftsfamilie. Wie gehe ich damit um, wenn mein Partner, etwa vom Weihnachtsfest, eine ganz andere Vorstellung hat?
Neugierig und offen am besten! Denn es ist spannend herauszufinden, warum mein Partner an seiner Vorstellung festhält. Was für eine Bedeutung hat es für ihn und warum? Was für Sehnsüchte, Hoffnungen oder auch Befürchtungen sind damit verknüpft? Sich darüber auszutauschen kann spannend sein und sehr viel Nähe schaffen. Wir entdecken uns selbst und unseren Partner neu – und können dann gemeinsam überlegen, ob es nicht Zeit ist, ein ganz eigenes Familienritual zu etablieren.

Mehr Infos: www.atelier-fuer-rituale.de

Geburtstagstorte, Ostereier, Lebkuchenhaus – Leckereien spielen bei Festtagen eine wichtige Rolle


Als Familie neue Rituale (er) finden
Es ist kaum möglich, ohne Rituale zu leben. Denn in uns Menschen steckt ein tiefesBedürfnis nach Wiederholung und Vergewisserung. Der Nachteil daran: Nicht selten kracht es, wenn unterschiedliche Vorstellungen, wie ein Ritual aussehen soll, aufeinander treffen – zum Beispiel an Weihnachten. Während es für den einen absolut zwingend ist, dass es Heiligabend Kartoffelsalat mit Würstchen vor der Bescherung gibt, kann sich der andere den 24.12. ohne Besuch in der Kirche nicht denken. Zwischen Weihnachtsbaum und Gabentisch findet manchmal ein regelrechter „Kulturkampf“ statt. Paare müssen sich nach und nach von den Ritualen ihrer Herkunftsfamilien lösen und eigene finden, sonst sind Konflikte programmiert. Das gilt auch für Patchworkfamilien, die sich gründen.


Ein Fahrplan, der hilft, den Alltag bewusst zu gestalten


Veränderungen sollten angenommen werden
Die Kulturmanagerin Tanja Totzeck, die sich zur Ritualbegleiterin ausbilden ließ, entwickelt mit ihren Kunden individuelle Rituale, zum Beispiel für denWiedereintritt in den Beruf nach der Babypause, für die Trennung von einem Partner oder für den Abschied von einem Zuhause bei einem Umzug.
„Veränderungen erschüttern uns, selbst wenn wir sie herbeigewünscht haben. Das Alte ist nicht mehr da, das Neue noch nicht vertraut“, sagt sie. Rituale helfen unserer Seele in solchen Phasen, den steinigen Weg zu meistern. Wer das Ende eines Lebensabschnitts bewusst durchlebt, dem gelingt meist leichter ein Neuanfang. „In einem Vorgespräch möchte ich herausbekommen, was das Ritual bewirken soll. Warum ist ein bestimmtes Ereignis wichtig? Was soll sich verändern? Dann erkunde ich, welche Ästhetik die Person als passend und angenehm empfindet und schlage dann vor, wie das Ritual aussehen könnte“, erklärt Totzeck.

DenAuszug der Kinder aus dem Elternhaus kann eine Familie zum Beispiel rituell zelebrieren, indem sie gemeinsam eine Pflanze umtopft. Die Erde wird ins Beet gestreut, um damit zu zeigen: Ja, dies ist ein Abschied.
Mit der Blumenerde kann die Familie auch symbolisch ihre guten Wünsche ausdrücken und das Vertrauen stärken, dass die Wurzeln jetzt stark genug sind für das Neue. „Schmerz und Zuversicht bekommen so gleichermaßen einen Raum“, sagt Totzeck. Rituale können aber auch mit der Zeitihre Wirkkraft, ihren Sinn verlieren. Der spielerische Gruß, mit dem man einst jeden Mittag den Grundschüler begrüßte – irgendwann ist unpassend.
„Zwanghafte regelmäßige Übungen, die durch Eltern veranlasst werden, wirken kontraproduktiv“, so die Kinder-und Jugendlichenpsychotherapeutin Gräßer.

Kinder nabeln sich ab – ein beglückender Prozess
Gleichwohl: Wenn Kinder sich von einervertrauten Familientradition abwenden, kann das für Eltern schmerzlich sein. Ich erinnere mich bis heute an den Tag, als meine Tochter zu mir sagte: „Ich glaube, Du brauchst mir nicht mehr vorzulesen.“
Mit diesem Satz beendete sie kurzerhand das, was zehn Jahre lang (für uns beide!) so wichtig gewesen war: das allabendliche Vorlesen und Kuscheln. Sie war dem ent-wachsen. Ich musste schwer schlucken. So einen Verlust kann man durchaus betrauern. Größer sollte jedoch die Freude auf das Neue sein, das sich damit ankündigt!
Plötzlich hatten mein Mann und ich jeden Abend eine halbe Stunde länger für uns. Unsere Tochter, die nun abends allein schmökerte, kannte mit einem Mal Bücher, die wir nicht kannten. Sie nabelte sich ab. Und es ist beglückend für Eltern, Zeuge sein zu dürfen, wie dieser Prozess gelingt.
„Ich bin eine große Verfechterin derspielerischen Leichtigkeit, wenn es um Rituale geht. Neues auszuprobieren, zu entdecken und wieder zu verabschieden, das ist genau das Richtige im bewussten Umgang mit Ritualen“, sagt Tanja Totzeck. Und so freue ich mich jeden Morgen wieder auf das gemeinsame Kaffeetrinken mit unserem Sohn. Auch diese Zeit wird irgendwann vorbei sein. Aber etwas Neues wird kommen.


Rituale zeigen, welche Werte und Normen uns wichtig sind


Von der Geburt an verändern sich unsere Lebensumstände immer wieder. Mit Festen wie der Taufe zelebrieren wir diese Einschnitte


BUCHTIPPS

WIR FEIERN DURCH DAS GANZE JAHR
von Ilka Sokolowski & Sophie Schmid. Gerstenberg, 25 Euro
Rosenmontag, Ramandan und Eisheilige: In diesem schön illustrierten Hausbuch werden große und kleine Traditionen und Feiertage vorgestellt, ab 6 Jahren

DAS ANDRÉ-SPIELEBUCH
von André Gatzke. Beltz, 22,95 Euro
Ausgelassenheit stärkt und macht glücklich. Der gelernte Ergotherapeut stellt Spiele für jeden Tag vor. Viel Spaß dabei!

KINDER BRAUCHEN RITUALE
von Melanie Gräßer und Eike Hovermann. Humboldt, 19,99 Euro
Anregungen für Rituale, die Kinder in ihrer Entwicklung unterstützen und Eltern helfen, den Familienalltag stressfreier zu bewältigen.


FOTOS: MONKEY BUSINESS -THOMAS ROETTING/SYLVIA POLLEX -FOTOLIA.COM (2); GETTY IMAGES/ISTOCKPHOTO; PRIVAT; PR (3)