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familie&erziehung: WAS IST DAS? WIE GEHT DAS?


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 10/2018 vom 05.09.2018

Viel mehr als „die Nase in alle Dinge stecken“ – Neugier ist der Motor, derKinder lernen und die Welt verstehen lässt. So können Eltern diese wunderbare Fähigkeit erhalten und fördern


Artikelbild für den Artikel "familie&erziehung: WAS IST DAS? WIE GEHT DAS?" aus der Ausgabe 10/2018 von familie & co. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: familie & co, Ausgabe 10/2018


Respekt und Neugier: Kinder interessieren sich sehr für Tiere. Diese Präferenz hat auch evolutionäre Gründe, sie diente einst dem Überleben


Der Bademeister wollte vermutlich nur ganz ruhig seinen Job erledigen – und so wäre es wohl auch gekommen, wäre da nicht die große Neugier von zwei etwa zehnjährigen Jungen gewesen. Die stellten sich neben ihm auf, als er gerade drei Röhrchen aus seinem Kasten nahm, um die üblichen ...

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Der Bademeister wollte vermutlich nur ganz ruhig seinen Job erledigen – und so wäre es wohl auch gekommen, wäre da nicht die große Neugier von zwei etwa zehnjährigen Jungen gewesen. Die stellten sich neben ihm auf, als er gerade drei Röhrchen aus seinem Kasten nahm, um die üblichen Wasserproben zu nehmen. Und dann fragten sie ihm die sprichwörtlichen Löcher in den Bauch: Warum gleich drei Röhrchen? Wo ist das Labor? Was passiert, wenn etwas im Wasser gefunden wird? Was könnte überhaupt gefunden werden? Wie lange dauert es, um das Wasser einmal auszutauschen?
Der Bademeister hatte nicht nur die Hände voll zu tun, – sondern auch eine Menge zu erklären! Irgendwann meinte er: „So, nun ist es auch mal gut, Jungs!“ Die beiden verabschiedeten sich kurzerhand mit einer (verbotenen) Arschbombe ins kühle Naß!

Was ist Neugier eigentlich?

Das Wort verrät schon viel: Es ist die „Gier“ nach Neuem, der Reiz, das Verlangen, etwas Neues zu erfahren, Unbekanntes zu entdecken, Verborgenes zu enthüllen, noch Unerklärtes zu verstehen. Es ist der Antrieb, hinter die Kulissen zu schauen. Neugier dient also dem Erkenntnisund Erfahrungsgewinn. Neugier ist uns angeboren, damit wir unsere Umwelt verstehen lernen und sich unser Gehirn entwickeln kann.
US-amerikanische Forscher der Universität von Michigan untersuchten den Zusammenhang zwischen dem Ausmaß von Neugier, das kleine Kinder zeigen, und deren späteren akademischen Erfolgen. Nicht sehr überraschend: Neugier macht klug! Aber interessant ist: Die Wissenschaftler fanden auch heraus, dass neugierige Kinder auch ihre Gefühle oft besser regulieren können und ihnen Freundschaften leichter fallen.
Wie kommt das? Eine mögliche Erklärung: Beim Neugierigsein sammelt ein Kind nicht nur Wissen an, sondern es bildet nebenbei auch eine Menge Kompetenzen aus: Erfindungsreichtum, Vorstellungskraft, Ausdauer und Aufmerksamkeit sowie die Fähigkeit, Beziehungen zu bilden und mit Gefühlen umgehen zu können.
Und tatsächlich: Die Jungs im Schwimmbad hatten ja nicht nur Wissen über Wasserqualität gewonnen. Sie hatten auch ihre kommunikativen Fähigkeiten geübt („Welche Frage bringt uns weiter?“) und in kurzer Zeit einen so guten, verbindlichen Kontakt mit dem Bademeister hergestellt, dass der geduldig ihre Fragen beantwortete. Und die beiden Jungs hatten sich selbst in der Situation erfahren, ihre Stärken und Schwächen besser kennengelernt („Wie fühle ich mich, wenn ich einen fremden Menschen anspreche?“). Sie hatten vielleicht Hemmungen überwunden, um auf den Bademeister überhaupt zuzugehen.


Anfassen und ausprobieren: Kinder verstehen ihre Umwelt am besten, wenn sie sie mit allen Sinnen erfahren können


AUSFLUGSZIEL: Museen für Neugierige

Die Idee kommt ursprünglich ausNew York/USA. 1899 wurden im Brooklyn Children’s Museum die erstenAusstellungsräume speziell für Kinder eingerichtet, die Exponate der kindlichen Körpergröße entsprechend niedrig aufgestellt. Seit etwa 40 Jahren gibt es auch bei uns Kindermuseen – Orte zumExperimentieren und selbstständigen Forschen, zum Mitspielen, für Aktion und Interaktion. Hier gilt das „Hands on“-Prinzip, das heißt: Anfassen ist nicht nur erlaubt, sondern erwünscht!

In manchen Häusern stehen dieNaturwissenschaften im Mittelpunkt, in anderen Geschichte oder Kultur. Tipp: Ein Museum in Ihrer Umgebung finden Sie über die Website des Bundesverbandes deutscher Kinder- und Jugendmuseen,www.bv-kindermuseum.de

Entdecker fühlen sich sicher

Warum ist ein Kind besonders neugierig? Und ein anderes so viel weniger? Damit Kinder ihre Neugier lustvoll ausleben können, brauchen sie einen sicheren Hafen. Man kann das bei ganz kleinen Kindern besonders gut beobachten. Sie verlassen den elterlichen Schoß, um zu dem interessanten Spielzeug in der Ecke zu krabbeln. Oft schauen sie sich dabei um, wie um zu prüfen: Alles noch in Ordnung? Ist Mama (oder Papa) noch da? Und wie gern kehren sie auf den sicheren Schoß zurück, wenn sie ihre Neugierde befriedigt haben?
Und so geht es (im Grunde ein Leben lang) weiter: Je sicherer die Bindung zu den Eltern ist, desto leichtfüßiger entfernen Kinder sich von ihnen, um die Welt zu erkunden, desto mehr Energie haben sie, Dinge zu hinterfragen. Am Anfang sind vor allem die Lippen und die Hände die Instrumente der Welterfahrung.
Babys nehmen alles in den Mund. Etwas später kommen die Augen hinzu. Und dann beginnt der Verstand zu arbeiten: „Ich sehe etwas, das ich vielleicht gar nicht anfassen kann oder will – finde es aber mächtig interessant.“ Und die Sprache wird zum wichtigen Helfer der Neugier: Wir befragen uns selbst und andere, wir tauschen uns über unsere Erfahrungen aus. „Die deutsche Sprache beschreibt den Erkenntnisprozess sehr anschaulich: Ich begreife etwas – ich fasse es an. Ich verstehe etwas – ich bleibe stehen. Ich halte inne. Und zuletzt: nachdenken. Vor dem Denken muss etwas geschehen sein. Ich habe Erfahrungen gesammelt“, sagt Margot Reinig, Leiterin des KL!CK Kindermuseum in Hamburg.

Zweimal hinschauen

Neugier kann vor allem durch eigene Erfahrungen befriedigt werden. Es ist ein großer Unterschied, ob wir eine Spinne als Abbildung im Buch sehen – oder ob wir sie lebendig in ihrem Lebensraum beobachten können, in ihrem Netz. Denn unser Gehirn arbeitet assoziativ. Es sucht nach Zusammenhängen, die verstanden werden können. Und es sind die Details, die zum Nachbohren und Nachfragen anregen. Genau die will auch das Team im Kl!CK Museum vermitteln, etwa in der Ausstellung zum menschlichen Körper: „Dort sind die Organe, hier die Knochen – das wissen die meisten Kinder. Langweilig. Viel aufregender sind die Kleinigkeiten. Etwa, warum wir im Unterarm nicht einen Knochen, sondern eben Elle und Speiche haben – für die bessere Beweglichkeit, damit wir den Arm weit drehen können. Wir möchten, dass Kinder aus der Ausstellung die Erfahrung mitnehmen: Wow! Der Körper, tolles Teil!“, sagt Reinig.

Die Welt ist interessant

Was lässt die Neugier noch gedeihen? Erwachsene, die Kinder nicht volltexten! Die nicht alles besser wissen, sondern interessiert nachfragen: Wie bist du auf diesen Gedanken gekommen? Und es ist hilfreich, Kindern nicht gleich alles reflexhaft zu verbieten, sondern eher zu fragen: Warum machen die das?

Wie neugierig sind Sie?

Kinder lieben es zum Beispiel, Sand auf eine Rutsche zu werfen. Das macht zunächst einmal einfach nur Spaß. Und man kann ja mal fragen: Aha, was passiert da?Auf trockenem Sand kann man noch prima rutschen. Der nasse Sand stoppt den Schwung! Ist der Wissensdurst gestillt, bleibt immer noch Zeit genug, um die Rutsche wieder sauber zu machen.
„Ganz bedeutsam ist die Haltung, die Eltern vorleben“, sagt Margot Reinig. Dabei geht es nicht darum, Kinder ständig auf etwas hinzuweisen: „Guck mal hier, schau mal da.“ Kinder bleiben die neugierigen Wesen, als die sie geboren wurden, wenn ihre Eltern ihnen das wunderbare Gefühl vermitteln: Das Leben ist so interessant!


Mitmachen und Wissen teilen: Gemeinsam bereiten sich Kinder auf ein großes Abenteuer vor – auf die Zukunft


INTERVIEW: Machen lassen!

familie&co: Wie zeigt sich Neugier?

Margot Reinig: Manche Kinder werkeln wild herum, hauen vielleicht sogar mit dem Hammer auf etwas ein, weil sie wissen wollen, was passiert. Andere sind eher Puzzler, die sich vorsichtig nähern. Neugier hat ganz verschiedene Wege, Formen und Herangehensweisen. Fast immer verläuft sie aber in Wellenbewegungen. Kinder bekommen vielleicht eine erste Antwort, die ihren Wissensdurst stillt. Aber oft entwickeln sich daraus wieder weitere Fragen und die Neugier erwacht aufs Neue.

Wecken vielfältige Angebote die kindliche Neugier? Oder ersticken sie sie eher?

Kommt darauf an! Handelt es sich um ein offenes Angebot – wie zum Beispiel hier bei uns im Museum – dann ist es sinnvoll, dass es viel Verschiedenes gibt und jeder sich das aussuchen kann, was ihn interessiert und inspiriert. Bei einem Kurs ist es oft besser, das Angebot zu beschränken, um in die Tiefe gehen zu können. Ein Beispiel: Ich habe mit Kindern mal einen Indianer-Korb untersucht und nachgeflochten. An dem haben die Kinder so viele Details entdeckt und Fragen dazu entwickelt, unglaublich. Hätte es drei, vier oder fünf Körbe gegeben, wäre die Betrachtung wahrscheinlich oberflächlicher geblieben.

Was fördert kindliche Neugier?

Sie einfach mal machen lassen. Keine Fragen beantworten, die gar nicht gestellt wurden. Erfahrungen ermöglichen. Ein Ausflug in den Wald ist prima. Oder eine Radtour. Das sind alles wunderbare „Gehirnfutterplätze“. Es muss gar nichts Großes und Teures sein. www.kindermuseum-hamburg.de

WEISST DU DAS?

Dorling Kindersley, 16,95 Euro
Wie wachsen Pflanzen? Wann regnet es? Warum bricht ein Vulkan aus? Dieses schlaue Buch stillt den Wissensdurst von Vorschulkindern.

WO IST DIE SONNE IN DER NACHT?

von Susanne Orosz. Ellermann, 15 Euro
Sachwissen zum Thema Nacht spielerisch in kurzweilige Vorlesegeschichten verpackt, ideal für Kinder ab vier Jahren.

STARK IN DIE SCHULE

von Adolf Timm & Klaus Hurrelmann.
Beltz,14,95 Euro Die neun wichtigen Kernkompetenzen für den Schulerfolg (und fürs Leben). Ganz wichtig: Neugier.


FOTOS: IRYNA, -/CHRISTIAN SCHWIER-STOCK.ADOBE.COM, ODYSSEUM/UWE VOELKNER; FANCY/OLIVER ROSSI; PRIVAT