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familie&erziehung: WIR MACHEN unser eigenes Ding!


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 7/2018 vom 06.06.2018

Kinder brauchen Freiheit, um groß zu werden. Wie Eltern einegute Balance finden zwischen Haltgeben und Loslassen


Artikelbild für den Artikel "familie&erziehung: WIR MACHEN unser eigenes Ding!" aus der Ausgabe 7/2018 von familie & co. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: familie & co, Ausgabe 7/2018

Höher, weiter, wilder! Kinder wollen und müssen sich ausprobieren und eigene Erfahrungen sammeln. Dabei können wir sie nicht an die Hand nehmen


Mein Sohn und ich fuhren neulich mit der Hafenfähre von den Hamburger Landungsbrücken hinüber nach Finkenwerder und wieder zurück. Einfach aus Spaß. Um die Elbe anzuschauen. Die Fähre hält auf der Strecke etwa vier Mal. Ich sonnte mich auf dem Vorderdeck. Mein Elfjähriger war auf dem Schiff unterwegs. Als die Fähre gerade vom Fischmarkt abgelegt ...

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... hatte, kam mein Sohn zu mir und berichtete mir stolz: „Ich bin eben mal kurz aus- und wieder eingestiegen. Als Mutprobe.“ Mir stockte kurz der Atem. Ich überlegte am Abend noch: Hätte ich ihn „engmaschiger“ beaufsichtigen sollen? Oder ist das vielleicht einfach okay, dass Kinder so etwas machen? Wie viel Freiheit ist richtig, wie viel Risiko erlaubt? Der Erziehungsexperte Jan-Uwe Rogge rät, sich in dieser Frage so manches von den Raben abzuschauen. Natürlich lassen sich Menschen nicht mit Vögeln vergleichen, doch eine ganz spezifische Verhaltensweise dieser Tiere ist durchaus empfehlenswert: Raben lassen ihre Jungen früh los, geben ihnen Raum für Eigenständigkeit und Wachstum. „Und wir Menschen? Wir neigen oft in bester Absicht dazu, Kindern selbst bei der kleinsten Stufe die Hand zu reichen – und nehmen ihnen damit die Chance, in kleinen Schritten selbstständig zu wachsen“, sagt Rogge.

Vorsagen gilt nicht – trotz größerer Erfahrung
Natürlich, wir haben die größere Lebenserfahrung, wissen oft besser, wie etwas funktioniert, sind abgeklärter und haben den größeren Überblick. Aber warum? Weil unsere Eltern uns damals, als wir selbst Kinder waren, so gut erklärt haben, wie die Welt funktioniert, wie Menschen ticken, wo man etwas wagen kann und wann man aufpassen sollte? Natürlich nicht! Weil wir selbst Erfahrungen sammeln und eigene Fehler machen durften. Anders geht es nicht!
Aus der Lernpsychologie weiß man: 10 bis 20 Prozent behält man von dem, was man hört, 30 bis 40 Prozent von dem, was man gelesen hat, aber 80 bis 90 Prozent von dem, was man selbst ausgeführt hat. Ein sehr überzeugendes Argument, Kinder, so oft es geht, machen zu lassen, statt sie anzuleiten und zu kontrollieren!
Die berühmte Pädagogin Maria Montessori hat es in sechs Worten zusammengefasst: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Und: Loslassen hat ja nichts mit Fallenlassen zu tun. Kinder trauen sich vor allem dann etwas, wenn es den „sicheren Hafen“ gibt, zu dem sie von ihren Erkundungen und Abenteuern zurückkehren können. Selbst wenn sie mal Bockmist gebaut haben. „Eltern haben ein Erfahrungswissen, auf das Kinder bauen können und wollen.
Das Erfahrungswissen ist nur dann ein Problem, wenn es als Besserwisserei, als Bevormundung missverstanden wird, wenn es dazu führt, den Kindern eigene, manchmal eben auch schmerzhafte Erfahrungen vorzuenthalten.“, sagt Rogge. Kinder brauchen eigene Irrwege – und Halt und Geborgenheit.

Hinaus ins Leben!

Drei- bis Vierjährige : Geschafft! Kinder sind jetzt mächtig stolz, wenn ihnen etwas allein gelingt: anziehen, balancieren, mit der Schere schnippeln. In der Kita finden sie ihren Platz in der Gruppe. Großes Abenteuer: allein bei Oma und Opa übernachten.
Fünf- bis Sechsjährige : Schule! Kinder gehen nun selbstständig verbindliche Freundschaften ein, lernen sich zu organisieren und eigenständig mit Taschengeld umzugehen. Und sie erweitern ihren Radius – besonders, wenn sie den Schulweg allein absolvieren können.
Sieben- bis Zehnjährige: Will ich! In den späten Grundschuljahren fordern Kinder nahezu täglich neue Freiheiten ein. Wichtiger Lernprozess: Dazu gehören auch Pflichten, etwa im Haushalt zu helfen oder das Haustier zuverlässig zu pflegen.

Unterwegs! Sich selbst, andere Menschen und Risiken richtig einzuschätzen, müssen Kinder erst lernen


Der Schmerz der ersten kleinen Abschiede
Trotzdem: Kindern Freiheit(en) zu lassen erfordert Überwindung. Denn was könnte alles passieren! Sind sie dafür überhaupt schon groß genug? Es fällt einem schon ein (kleiner) Stein vom Herzen, wenn die Siebenjährige stolz wie Bolle und vor allem wohlbehalten vom Einkaufen zurückkommt. Und kann die Elfjährige den Streit in der Schule allein klären? Oder braucht sie doch Hilfe?
Später stellen sich dann Fragen: Was tun, wenn der 15-Jährige sich immer noch nicht um einen Praktikumsplatz gekümmert hat? Einmischen? Oder darauf vertrauen, dass er sein Ding schon machen wird? Kindern immer mehr Freiheiten zu geben ist auch für Eltern ein Reifungsprozess. Loslassen ist nervenaufreibend, anstrengend – aber durchaus auch beglückend.
Zum Beispiel, wenn man beobachten kann, wie das Kind jeden Monat und jedes Jahr selbstständiger wird. Und dann wieder ist es schmerzlich, wenn wir die ersten Zeichen einer „herzlosen“ Abnabelung wahrnehmen: die verschlossene Zimmertür. Oder ein schnippisches „Oh Mama, du bist peinlich!“. Plötzlich fühlt man sich außen vor. „Es ist normal, dass Kinder ihre Eltern verlassen. Aber auch wenn es normal ist, heißt das nicht, dass es nicht wehtun darf“, sagt die Schweizer Psychotherapeutin Verena Kast.

Kinder anleiten – und dann ziehen lassen
Aber: Vielleicht machen wir das alles gar nicht mal so schlecht! Das findet zum Beispiel die Amerikanerin Sara Zaske, die einige Jahre mit ihrer Familie in Deutschland gelebt hat. Sie hat Berliner Eltern beobachtet und nach ihrer Rückkehr in die USA ein Buch über den deutschen Erziehungsstil geschrieben. Es heißt: „Achtung Baby: An American Mom on the German Art of Raising Self-Reliant Children“.
Die Autorin lobt darin, wie gut es deutschen Eltern gelingt, ihren Kinder Freiheiten zu gewähren und sie zu Selbstständigkeit zu erziehen. Viele Dinge, die deutsche Eltern ihren Kindern selbstverständlich erlauben, seien für Amerikaner schockierend, etwa Vierjährige ein Messer benutzen oder Zehnjährige allein in die Schule gehen zu lassen. In den USA sei es normal, dass ein Erwachsener Kinder überall hinbringe, selbst zum „Playdate“ bei der Freundin um die Ecke.

Stopp! Dass Kinder sich abgrenzen, ist normal

CD-TIPP: Aus Fehlern wird man klug

„Die Punkies“ ist eine Hörspielserie rund um eine coole Jugend-Band. In Folge 8 „Der perfekte Deal“ unterschreiben die jungen Musiker einen vermeintlich lukrativen Vertrag bei einem Skater-Modelabel – und merken hinterher, dass, das keine gute Idee war. Aber: Aus Irrtümern kann man eine Menge lernen. Infos: www.die-punkies.deEuropa, Audio-CD 6,99 Euro

Geschafft! Kinder erfassen die Welt im Tun


In einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ meinte Zaske: „Du musst deine Ängste zügeln, damit dein Kind lernen kann, selbstständig zu werden.“ Das habe sie begriffen, als sie ihre Tochter zum ersten Mal allein zum Brötchenholen schickte. „Sie war unglaublich stolz. Seitdem weiß ich, es ist nicht meine Aufgabe als Mutter, sie permanent zu kontrollieren. Ich muss mein Kind anleiten – und ziehen lassen.“ Übrigens: Der Begriff „Helikopter-Eltern“, der derzeit in aller Munde ist, ist gar nicht so neu. Für einen Erziehungsratgeber interviewte der Psychologe Haim Ginott 1969 einen Teenie, der sich beklagte: „Meine Mutter schwebt wie im Hubschrauber über mir.“
Was können wir daraus lernen? Kinder ins Leben zu entlassen – das war schon immer eine Herausforderung. Und: Wir schaffen das!

BUCHTIPPS

JAN-UWE ROGGE:
WARUM RABEN DIE BESSEREN ELTERN SIND … ODER WIE WIR WIEDER LERNEN KÖNNEN LOSZULASSEN
Klammern oder mehr Eigenständigkeit? Der bekannte Erziehungsexperte erklärt, wie die gute Balance gelingt. Mit Test.
GU, 14,99 EURO

HEIDE MAIER-HAUSER:
LIEBEN – ERMUTIGEN – LOSLASSEN: ERZIEHEN NACH MONTESSORI
Auf unnötiges Eingreifen verzichten, die Eigenverantwortung stärken: Kinder brauchen Raum zum Selbstlernen.
BELTZ, 14,95 EURO

LENA GREINER & CAROLA PADTBERG:
VERSCHIEBEN SIE DIE DEUTSCHARBEIT – MEIN SOHN HAT GEBURTSTAG! VON HELIKOPTER-ELTERN UND PREMIUM-KIDS
Übermotivierte Eltern: eine amüsante Realsatire darüber, wie Kinder vom Säuglings- bis ins Erwachsenenalter rund um die Uhr überwacht werden.
ULLSTEIN, 9,99 EURO

HERBERT RENZ-POLSTER:
MENSCHENKINDER: ARTGERECHTE ERZIEHUNG – WAS UNSER NACHWUCHS WIRKLICH BRAUCHT
Der Kinderarzt (rechts im Interview) beschreibt, wie Eltern ihre Kinder in die Zukunft begleiten können. Jetzt auch als Hörbuch!
KÖSEL, 17,99 EURO

MARGRIT STAMM:
LASST DIE KINDER LOS: WARUM ENTSPANNTE ERZIEHUNG LEBENSTÜCHTIG MACHT
Die Erziehungswissenschaftlerin wirbt dafür, Kinder nicht überzubehüten und weniger zu kontrollieren.
PIPER, 11 EURO


FOTOS: GETTY IMAGES/NICK DAVID, -/ANNA PEIS; MMPHOTOGRAPHIE.DE - STOCK.ADOBE.COM; MASTERFILE RF; DOROTHEA POLSTER