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familie&erziehung:GUTE GESPRÄCHE wollen gelernt sein!


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 11/2018 vom 04.10.2018

„Verstehen wir uns?“ – Einegelungene Kommunikation erleichtert den Familienalltag und sorgt für Geborgenheit und Zusammenhalt. Und: Nur Kinder, die sich verstanden fühlen, entwickeln ein stabiles Selbstwertgefühl


Artikelbild für den Artikel "familie&erziehung:GUTE GESPRÄCHE wollen gelernt sein!" aus der Ausgabe 11/2018 von familie & co. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: familie & co, Ausgabe 11/2018

Gespräche gelingen, wenn wir einander wirklich zuhören, klare Worte finden und die eigene Sichtweise immer wieder hinterfragen


ALLTAGSFALLEN
Das stört die Kommunikation

1 Ablenkung. Der Blick ist aufs Smartphone gerichtet, die Gedanken sind woanders: Viele Probleme entstehen, weil wir mehrere Dinge gleichzeitig tun und nur halb zuhören. Fast alles gelingt besser, wenn wir uns auf unser ...

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1 Ablenkung. Der Blick ist aufs Smartphone gerichtet, die Gedanken sind woanders: Viele Probleme entstehen, weil wir mehrere Dinge gleichzeitig tun und nur halb zuhören. Fast alles gelingt besser, wenn wir uns auf unser Gegenüber wirklich einlassen.
2 Zeitmangel. Ein „Schnell, schnell!“ bewirkt oft das Gegenteil. Kinder reagieren auf Druck häufig mit Trotz. Kleine Liebeserklärungen zwischen Tür und Angel sind wunderbare Gegenmittel. Um Konflikte wirklich aufzulösen, braucht es Zeit und Ruhe.
3 konfliktumleitung Sind wir sauer, weil die Elfjährige das Zimmer nicht aufgeräumt hat? Oder fühlen wir uns eigentlich vom Partner im Stich gelassen, der uns mit der Erziehung alleine lässt? Es führt zu hilfreicher Klarheit, sich immer wieder zu fragen: „Worum geht es wirklich?“
4 Stress. In anstrengenden Phasen verengt sich die Wahrnehmung, wir entwickeln einen Tunnelblick und hören dann häufig nur noch das, was unserer negativen Stimmung entspricht. Dann hilft Innehalten und tief durchatmen – so wird der Blick wieder offener und wir gewinnen Übersicht zurück.

Du verstehst überhaupt gar nichts!“ Diesen Satz feuerte meine Tochter mir regelrecht an den Kopf. Sie war damals acht Jahre alt. Ich weiß gar nicht mehr genau, worum es ging. Aber ich erinnere mich noch, wie unglücklich wir beide in diesem Moment waren. Meine kleine Tochter wütete – und ich wusste nicht, was ich tun sollte! Obwohl unsere Kinder uns so nahe sind wie kaum ein anderer Mensch, ist es manchmal gar nicht so leicht, zueinander zu finden. „Kommunikation ist eine verzwickte Angelegenheit – vor allem, wenn sich Eltern und Kinder an ihr versuchen. Denn häufig senden die Eltern auf UKW, während die Kinder auf Mittelwelle empfangen. Da bleiben Missverständnisse nicht aus“, schreiben die Kommunikations- und Erziehungsexperten Jan-Uwe Rogge und Angelika Bartram. Was hilft?
Achtsam und aktiv zuhören : Kindern lernen erst nach und nach, ihre Wünsche und Meinungen klar zu äußern. Häufig dauert es, bis sie auf den Punkt kommen, besonders, wenn ihnen etwas auf dem Herzen liegt. Deshalb ist es so wichtig, sich Zeit zu nehmen und ihnen aufmerksam zuzuhören – und nicht nur ihre Worte, sondern auch ihre Körpersprache, ihr Verhalten und ihren Wunsch nach Kontakt wahrzunehmen. (Mehr dazu im Interview S. 16).
Eindeutig und zuverlässig äußern : Wirkungsvolle Kommunikation beginnt mit der eigenen Klarheit. Oft „eiern“ wir aber herum, sagen „nein“ oder „ja“, denken aber „na ja“. Dann wird zum Beispiel mit Worten eine Grenze gezogen, ohne dass wir ernst meinen, was wir sagen, beziehungsweise ohne dass wir willens sind, ein Verbot auch durchzusetzen. Was Kinder brauchen, sind freundliche, aber eindeutige Botschaften, hinter denen ihre Eltern voll und ganz stehen. Alles andere bleibt ungehört und folgenlos. Das sollte man nicht den Kindern übel nehmen, sondern vielmehr sich selbst hinterfragen. Gilt mein Wort?
Authentisch und ehrlich sein : Widersprüchliche Äußerungen verwirren und verunsichern Kinder. Sie spüren, wenn ihnen etwas vorgemacht wird. „Kinder sind empfänglich auch für die Zwischentöne, sie, hören die Flöhe husten‘, also die Botschaft hinter der Botschaft“, sagen Rogge und Bartram. Haben Eltern z. B.berufliche Sorgen, sagen aber „Alles in Ordnung, Schatz“, kann dies für das Kind verwirrend sein. Es spürt an der Atmosphäre, am Tonfall oder der Mimik, dass etwas nicht stimmt und reagieren ratlos, ängstlich oder trotzig. Besser wäre einzugestehen: „Wir haben gerade einige Probleme, aber das bekommen wir hin.“

Kurz und bündig: Seien Sie keine Geräuschtapete! Kinder hören irgendwann nicht mehr hin, wenn stetig ein Schwall von Ermahnungen oder Vorschlägen auf sie einprasselt. Weniger ist mehr! Es ist hilfreich, sich in einem ruhigen Moment einmal zu fragen: Welche Punkte sind mir wirklich wichtig? Und wo „plappere“ ich reflexhaft los? Ich musste etwa bei mir selbst beobachten, dass ich bei jeder Gelegenheit automatisch „Pass auf!“ zu meinen Kindern sagte. Es hat richtig Mühe gekostet, diese Gewohnheit abzulegen. Direkt sein: Es lohnt sich, auf die eigene Sprache zu achten. Sage ich tatsächlich, was ich will und erwarte? Oder „verpacke“ ich meine Aufforderungen häufig in eine Frage? Oft geschieht es, dass wir zwar „Wir gehen jetzt nach Hause!“ meinen, aber fragen: „Na, wollen wir mal los?“. Auch wenn dies höflich klingt – wir sollten nur Wahlmöglichkeiten in den Raum stellen, die es tatsächlich gibt. Andernfalls sind Konflikte programmiert.

Nicht Strafe, sondern kritisches Verständnis sorgt für Einsicht


INTERVIEW
„Mehr als nur Worte“

Der Pädagoge Dr. Udo Baer ermuntert, das Verhalten von Kindern achtsam zu deuten

familie&co: Wie kommunizieren Kinder mit uns?
Dr. Udo Baer: Nicht nur über Worte, sondern mindestens genauso über die Körpersprache, mit Blicken und über den Klang der Stimme. Und eben über ihr Verhalten. Manches mag vordergründig schräg oder unverständlich erscheinen, doch enthält das Verhalten der Kinder oft eine Botschaft für uns. Es ist an uns, nach dem Sinn des „Unsinns“ zu fragen. Ein weiterer Weg der Kommunikation sind die Gefühle, die Kinder in uns zum Klingen bringen. Wir empfinden, was die Kinder ausdrücken wollen, wofür sie aber keine Worte haben. Wenn wir zum Beispiel den Eindruck haben, gegen eine Wand zu laufen, dann hat vielleicht mein Kind genau dieses Gefühl. Da gibt es keine Gewissheit, aber wir sollten solche Wahrnehmungen ernst nehmen.

Was verstellt im Alltag unsere Sicht, was verschließt unsere Ohren für die Botschaften unserer Kinder?
Wir sind sehr trainiert darin, immer sofort zu reagieren, statt erst einmal zu erfassen, was eigentlich los ist. Oder wir sind in Gedanken noch bei der Arbeit, sind abgelenkt oder haben Zeitdruck. Umso wichtiger ist es, innerlich einen Schritt beiseite zu treten. Es muss kein Urlaub, kein Monat, keine Stunde sein. Drei Atemzüge reichen. Dieser kleine Augenblick hilft oft schon zu erfassen, worum es in dem Moment genau geht.

Irritierendes, vielleicht sogar unerwünschtes Verhalten von Kindern als Botschaft zu verstehen, erfordert Mut …
Ja. Es ist oft leichter, zu verbieten, zu ermahnen, zu erziehen. Aber es geht nicht nur um die pädagogische Sichtweise „Wo will ich mit dem Kind hin?“, sondern auch um die Frage „Was braucht es jetzt in diesem Moment?“.

Zum Beispiel, wenn es dazwischenredet?
Ja, das nervt. Und das darf es auch. Trotzdem kann ich innehalten und zumindest fragen, welchen Sinn das hat. Die Frage „Was mache ich damit?“ steht erst an zweiter Stelle. Ich muss, weil ich versuche, mein Kind zu verstehen, deshalb ja nicht sofort auf seinen Wunsch eingehen. Verstehen ist nicht Handeln. Aber keine Sorge: Wir machen alle Fehler, hören mal nicht richtig hin. Das ist normal. Ich habe drei Kinder und drei Enkel. Es passiert mir bis heute. Es kommt auf die Grundmelodie an.

Woran spüre ich, dass ich die Botschaft des Kindes verstanden habe?
Wir alle, Erwachsene wie Kinder, haben einen Sensor für Beziehungen. Wenn Kommunikation gelingt, merken wir es am Lächeln des Kindes, an den Bewegungen. Und der eigene Atem wird ruhiger, der Blick offener – für die Beziehung, für die Atmosphäre. Manchmal spürt man es auch nicht sofort, sondern erst Tage später.

BUCHTIPPS

BARBARA HENNINGS/ GISELA NIEMÖLLER :
ERMUTIGEN STATT KRITISIEREN
Aufmerksam zuhören, aus Machtkämpfen aussteigen: ein Elternratgeber nach Rudolf Dreikurs, HERDER SPEKTRUM, 13 EURO

JAN-UWE ROGGE:
WIE SIE REDEN, DAMIT IHR KIND ZUHÖRT UND WIE SIE ZUHÖREN, DAMIT IHR KIND REDET
Humorvoll arbeitet der Bestsellerautor typische Verhaltensmuster heraus. GU, 17,99 EURO

FRIEDEMANN SCHULZ VON THUN:
MITEINANDER REDEN 1
Wie läuft zwischenmenschliche Kommunikation ab? Was sind die typischen Probleme? Und wie können wir sie beheben? RORORO, 10,99 EURO

UDO BAER:
DIE WEISHEIT DER KINDER.
Wie sie fühlen, denken und sich mitteilen: Der unbewusste Sinn kindlicher Äußerungsformen aller Art wird entschlüsselt und verstehbar gemacht. KLETT COTTA, 16 EURO

APP-TIPPS

www.privalino.de
Chat mit Kindersicherung : Um kleine Leute vor Online-Übergriffen zu schützen, entwickelte das Gründerteam diesen Messengerdienst.

www.threema.ch/de
Wir können auch anders : Der schweizerische Dienst Threema ist eine Alternative zu WhatsApp. Kostet allerdings 3 Euro.

www.famanice.de
Multitalent für den Alltag:
Sichere Familiennachrichten, Termine, Chat-Gruppen, To-dound Einkaufslisten können über die App organisiert werden.

Kinder brauchen geduldige, interessierte Zuhörer


Ruhig auch mal übers „Reden reden“
Mindestens genauso wichtig wie alltagspraktisches Kommunikations-Know-how ist die innere Haltung: unsere Bereitschaft, uns wirklich auf unser kleines Gegenüber einzulassen, es wirklich verstehen zu wollen. „Die Art und Weise, wie und was wir kommunizieren, hat nicht nur Auswirkung auf unsere Beziehung zu ihnen, sondern prägt maßgeblich ihr Selbstbild und ihr Selbstgefühl“, schreibt der Achtsamkeits-Experte Lienhard Valentin.
Schon mit jüngeren Kindern kann man in einem ruhigen Moment erstaunlich gut Metakommunikation betreiben, also darüber sprechen, wie man miteinander spricht und umgeht. Mein elfjähriger Sohn und ich hatten im mer wieder Zoff wegen der Hausaufgaben. Einmal fragte ich ihn nach dem abendlichen Vorlesen, als wir beide entspannt und gut gelaunt waren, wie es anders gehen könnte, ob diese Streitereien wirklich sein müssten. Ich war erstaunt, wie konstruktiv er darauf einging. Er sagte mir, was ihn an meinem Verhalten nervt. Ich war verblüfft, wie gut er mich beobachtet hatte! Aber er wusste auch ziemlich genau, wo seine eigenen Fehler liegen.
Bis heute gibt es gelegentlich Diskussionen darüber, wann die Hausaufgaben gemacht werden sollen. Aber wir können uns inzwischen viel schneller als früher verständigen und einigen. Wir haben in dieser Frage eine andere Ebene der Kommunikation erreicht.

Selbstreflexion zu vermitteln ist ein Geschenk
Kinder lernen erstaunlich schnell, die Dinge auch einmal aus der Vogelperspektive zu betrachten – und haben oft sogar richtig Freude daran. Ein guter Einstieg können Gespräche über Figuren aus Büchern sein, die zum Nachdenken über eigene Erfahrungen anregen. Kindern die Fähigkeit zur Selbstreflexion zu vermitteln ist ein Geschenk, das ihnen in ihrem ganzen Leben hilfreich sein und ihre Zufriedenheit steigern wird. Denn sich selbst und andere besser zu verstehen macht das Leben so viel beglückender und einfacher. Konflikte können frühzeitiger und befriedigender gelöst werden, Beziehungen werden intensiver.


FOTOS: GETTY IMAGES/CAMILLE TOKERUD; SHUTTERSOCK.COM/GOODLUZ, -/WAVEBREAKMEDIA; FOTOSTUDIO-CHARLOTTENBURG; PR