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familie&gesundheit: ALLERGIEN: Das sind die Fakten


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 04.04.2018

Es kursieren alle möglichen Theorien, wie man seine Kinder vor Allergien schützen kann. Was wirklich bei der Prävention hilft, erklärt einer von Deutschlands führenden Allergologen


Artikelbild für den Artikel "familie&gesundheit: ALLERGIEN: Das sind die Fakten" aus der Ausgabe 4/2018 von familie & co. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: familie & co, Ausgabe 4/2018

Ihr Sohn Paul hatte eine frühe Episode mit einer allergischen Reaktion auf Milcheiweiß im Babyalter längst hinter sich gelassen – so hoffte Michaela Brandt natürlich, dass das Thema Allergien sich für sie erledigt hätte. Doch als sie den damals fünfjährigen Paul eines Morgens zur Kita wecken wollte, lag der schon wach und klagte, dass er schlecht Luft kriegen würde. Das Pfeifen beim Atmen, das Paul von sich gab, ließ Michaela ...

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Ihr Sohn Paul hatte eine frühe Episode mit einer allergischen Reaktion auf Milcheiweiß im Babyalter längst hinter sich gelassen – so hoffte Michaela Brandt natürlich, dass das Thema Allergien sich für sie erledigt hätte. Doch als sie den damals fünfjährigen Paul eines Morgens zur Kita wecken wollte, lag der schon wach und klagte, dass er schlecht Luft kriegen würde. Das Pfeifen beim Atmen, das Paul von sich gab, ließ Michaela Brandt Schlimmes befürchten, und ein Besuch beim Kinderarzt brachte dann auch die schon fast erwartete Diagnose: Asthma. Dabei war sich Michaela Brandt sicher, alles dafür getan zu haben, um Paul vor weiteren allergischen Erkrankungen zu schützen …
Paul ist alles andere als ein Einzelfall. Allergien sind ein Massenphänomen und gefühlt auf dem Vormarsch. Das Informationsbedürfnis gerade bei Eltern ist also groß. Aber in der Diskussion über die beste Vorbeugung vor Allergien vermischen sich allzu oft Dichtung und Wahrheit.
Dabei ist die Medizin heute in der Lage, einige Faktoren ganz genau benennen zu können, die die Entstehung von Allergien begünstigen. Und es gibt auch einen brei-ten Konsens darüber, was bei der Vorbeugung hilft. Wir klopfen die gängigsten Thesen zum Thema Allergien bei Kindern auf ihren Wahrheitsgehalt ab – es muss sich also niemand auf Gerüchte oder Wundermittel (die es im Übrigen bei Allergien nicht gibt) verlassen.

Nur die wenigsten Kinder wachsen auf dem Bauernhof auf – für das Immunsystem gibt es jedoch kaum einen besseren Start


These 1:

Haben die Eltern Allergien, bekommen auch die Kinder welche.
„Kinder und Jugendliche mit mindestens einem allergischen Elternteil sind deutlich häufiger von Heuschnupfen betroffen als Kinder ohne familiäre Vorbelastung“ – so eindeutig stellt es das Robert Koch-Institut in der letzten KiGGS-Studie, der großen Erhebung über die Gesundheit von Kinder in Deutschland, fest. Dieser Zusammenhang ist auch für Asthma und Neurodermitis bestätigt.

Was aber folgt daraus für die Eltern?
Als Leiter des Universitäts AllergieCentrums Dresden und Vorstandsvorsitzender der Gesellschaft für pädiatrische Allergologie ist Professor Christian Vogelberg mit dieser Frage in seiner täglichen Praxis konfrontiert, er sagt: „Der stärkste Einfluss ist sicher die genetische Veranlagung, die sich dadurch kennzeichnet, dass ein Elternteil oder beide von allergischen Erkrankungen betroffen sind. Dies kann man naturgemäß nicht beeinflussen, andere Dinge wohl. Dazu gehört auf jeden Fall Zigarettenrauch, der ein starker Faktor für die Asthma-Entwicklung ist. Das gilt, wenn das Kind dem im Mutterleib ausgesetzt ist, genau so wie nach der Geburt.“ Nichtrauchen sollte also für Eltern (und werdende Eltern!) eine Selbstverständlichkeit sein – die Schädlichkeit von Zigarettenrauch ist eindeutig belegt. Was dagegen Schimmel und Schadstoffe angeht, erhöhen sie zwar das Risiko, sind aber entgegen einer weitverbreiteten Meinung kaum jemals der eigentliche Auslöser.

QUELLE: ROBERT KOCH-INSTITUT, GESELLSCHAFT FÜR PÄDIATRISCHE ALLERGOLOGIE


Reine Provokation: Das Immunsystem will regelmäßig und auch frühzeitig herausgefordert werden, damit es richtig arbeiten kann


These 2:

Schimmel und Innenraumschadstoffe können Allergien auslösen.
Die Weichen für oder gegen eine Allergieneigung werden schon viel früher gestellt, weiß Prof. Christian Vogelberg und erklärt: „Für das Neuauftreten spielen Schimmel und Schadstoffe eine untergeordnete Rolle. Ein entscheidender Faktor ist ganz offensichtlich, ob das Kind auf natürlichem Weg oder per Kaiserschnitt auf die Welt gekommen ist. Der Reiz durch die Vaginalbesiedlung, der das Immunsystem des Kindes herausfordert, sich mit Keimen statt mit Allergenen zu beschäftigen, fehlt bei Kaiserschnitt-Kindern. Kin-der, die mit Kaiserschnitt geboren werden, kommen von einer keimfreien Umgebung in die nächste und verpassen diesen Reiz.“
Wenn also nicht medizinische Gründe zwingend für einen Kaiserschnitt sprechen, sollten sich werdende Eltern, die von ihrem Allergierisiko wissen, für eine natürliche Geburt entscheiden.

These 3:

Impfungen können Allergien auslösen oder verschlimmern.
Beleg für diese These gibt es nicht, wie Prof. Christian Vogelberg erläutert: „Eine Impfung ist ja nichts anderes als eine kontrolliert gestartete Infektion, die eine immunologische Reaktion hervorrufen soll. Wenn das einen Effekt auf Allergien hat, dann eher schützend als fördernd.“

These 4:

Man soll kleine Kinder ruhig im Matsch spielen lassen, damit ihr Immunsystem zu tun bekommt.
Es sprechen immer mehr Daten dafür, dass das Fehlen von Reizen gerade durch bakterielle Erreger das Entstehen von Allergien begünstigt. Vogelberg: „Das ist durch die fehlende Herausforderung des Immunsystems zu erklären. Alle therapeutischen Präventionsstrategien, die momentan erforscht werden, zielen deshalb auch genau darauf ab, das Immunsystem des Kindes frühzeitig zu provozieren.“

Matsch und Erde: Helfer bei der Vorbeugung vor Allergien


These 5:

gesunde und ausgewo-gene Ernährung bewahrt vor Allergien.
Auch in dieser Frage beginnt die Prävention schon vor der Geburt – eindeutige Zusammenhänge sind aber nicht nachgewiesen, legt Vogelberg dar: „Es gibt keine spezifische, allergievorbeugende Diät während der Schwangerschaft. Allenfalls kann Fisch einen präventiven Effekt während der Schwangerschaft und auch in der Stillphase haben.“ Wo eine Lebensmittelallergie nachgewiesen ist, sind die Auslöser natürlich zu vermeiden – ansonsten gilt, wie Prof. Vogelberg sagt: „Grundsätzlich müssen Kinder, bei denen kein erhöhtes Risiko besteht, auch keine besonderen Vorschriften einhalten.“

These 6:

Viele Allergien „verwachsen sich“ mit zunehmendem Alter.
Hierbei muss man zwischen verschiedenen Zeitphasen unterscheiden, so Prof. Vogelberg: „Bei Säuglingen, die auf Ei und Milcheiweiß reagieren, funktioniert das am ehesten. Das Problem ist nur: Kinder, die das hatten, entwickeln dann oft Atemwegsallergien.“ Nur bei leichten Fällen von Heuschnupfen und Asthma ist wirklich ein „Herauswachsen“ aus der Allergie zu erwarten, stellt Vogelberg fest: „Bei denjenigen, die schon eine klare Symptomatik haben, sollte man nicht erwarten, dass mit der Pubertät schon alles besser wird. Aber durch eine frühe Diagnosestellung und Desensibilisierung mit einer spezifischen Immuntherapie kann man den Verlauf positiv beeinflussen und sogar eine Asthmaentstehung bei Heuschnupfenpatienten verhindern.“
Kurz: Je früher man vorbeugt, desto besser. Denn ist eine Allergie erst einmal zutage getreten, kann es meist nur noch darum gehen, die Folgen zu mildern.

DIE S3-RICHTLINIE: Wo die Experten einig sind

Die medizinische Richtlinie zur Allergieprävention fasst zusammen, was Eltern wissen müssen

Was ist eine S3-Richtlinie?
Sie fasst den wissenschaftlichen Stand auf einem medizinischen Fachgebiet zusammen. Die Empfehlungen darin beruhen auf der Auswertung einer großen Zahl von Studien. Daher auch die Stufe „S3“, die der höchste Grad ist, was die Faktenlage und Übereinkunft der Experten betrifft. Alle fünf Jahre erscheint eine überarbeitete Neufassung; die nächste Aktualisierung zur Allergieprävention gibt es 2019.

Welches sind die wichtigsten Aussagen zur Vorbeugung?
Die Empfehlungen beziehen sich auf vier Lebensabschnitte: Schwangerschaft und Geburt, die ersten Lebensmonate (Stillzeit), das Baby- und Kleinkindalter und die weitere Entwicklung in Kindheit und Jugend:

Schwangerschaft und Geburt
Werdende Mütter sollten sich ausgewogen ernähren und keinesfalls rauchen. Kaiserschnittgeburten bringen ein erhöhtes Allergierisiko für das Neugeborene mit sich.

Stillzeit
Voll zu stillen wird während der ersten vier Lebensmonate des Babys empfohlen. Danach kann Beikost eingeführt werden; damit länger zu warten als bis zum 5. Monat hat keinen nachweisbaren positiven Effekt auf die Allergievorbeugung.

Baby- und Kleinkindalter
Auch im Hinblick auf Allergien sollten Kinder nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission geimpft werden – tendenziell führen Impfungen sogar zu einem niedrigeren Allergierisiko. Die Richtlinie nennt auch Hinweise darauf, dass bestimmte Lebensumstände dem Ausbruch von Allergien vorbeugen; hierzu gehört das oft als allergiehemmend genannte Aufwachsen auf einem Bauernhof (oder allgemein Kontakt zur Landwirtschaft); aber auch der Besuch einer Kita schon vor dem zweiten Geburtstag ebenso wie eine größere Anzahl älterer Geschwister verringern das Allergierisiko.

Kindheit und Jugend
Übergewicht schon im Kindesalter begünstigt Asthma – der Zusammenhang ist inzwischen hinreichend belegt. Haustiere dagegen sind ein geringerer Risikofaktor. Sie können nach den Richtlinien ohne Einschränkung gehalten werden; nur von Katzen im Haus wird all denjenigen abgeraten, bei denen ein erhöhtes Allergierisiko vorliegt.


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