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familie&gesundheit: WIE GESUND sind unsere Kinder wirklich?


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 8/2018 vom 04.07.2018

Die ersten Ergebnisse der neuen KiGGS-Studie liegen vor: Diegrößte Langzeitstudie zur Kindergesundheit bringt harte Fakten zu Bewegungsmangel, Übergewicht und Allergien ans Licht


Artikelbild für den Artikel "familie&gesundheit: WIE GESUND sind unsere Kinder wirklich?" aus der Ausgabe 8/2018 von familie & co. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: familie & co, Ausgabe 8/2018


Je älter die Kinder werden, desto weniger Bewegung gehört zu ihrem Alltag


Autsch! Loris guckt lieber in die entgegengesetzte Richtung, als ihm die Arzthelferin eine Nadel in die Armvene sticht, um Blut abzunehmen. Und auf die freundliche Frage „Geht’s?“ antwortet er eher wenig überzeugend „Gut“. Aber was tut man nicht alles für die Wissenschaft …! Wir sind an diesem Nachmittag mit unserem zwölfjährigen Sohn im Bezirksamt ...

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... Hamburg-Altona, wo Mitarbeiter des Robert Koch-Instituts für ein paar Tage Station machen, um die Teilnehmer der KiGGS-Studie aus Hamburg und Umgebung zu untersuchen. Bei der größten Studie zur Kindergesundheit in Deutschland (s.auch Kasten rechts) kann sich niemand bewerben, sondern man wird anhand bestimmter demografischer Daten nach dem Zufallsprinzip ausgewählt. So ist Loris nun einer von knapp 1000 Zwölfjährigen, die stellvertretend für alle 700 000 Mädchen und Jungen seines Jahrgangs stehen.

Datensammeln ist harte Arbeit – für die Getesteten

Wie steht es um die Gesundheit unserer Kinder? Sind Allergien und Übergewicht, Zahnschäden durch gezuckerte Getränke und psychische Probleme tatsächlich auf dem Vormarsch? Um dabei an die Fakten zu kommen, muss man genau hinschauen – und das heißt: sich so viele Kinder wie möglich anschauen, um Rückschlüsse auf die Gesamtheit ziehen zu können.
Das Berliner Robert Koch-Institut macht genau das seit 15 Jahren. Damals begann die KiGGS-Studie, für deren aktuelle Untersuchungswelle auch Loris etwas Blut opfert, auf dem Ergometer ins Schwitzen gerät, eine Urinprobe abgibt und noch Größe und Gewicht gemessen bekommt.
Aber nicht nur das: Im anschließenden Gespräch will der Arzt genau wissen, ob Krankheiten und Allergien vorliegen, wie es mit Ernährungsgewohnheiten und mit Sport und Bewegung in der Freizeit aussieht. Denn darauf kommt es den Gesundheitsforschern an: Daten, die mit den vor zehn Jahren erhobenen verglichen werden können.

Die Ergebnisse: Licht und Schatten

Fast ein Jahr, nachdem die letzten Untersuchungen stattgefunden haben, liegen nun die ersten Ergebnisse vor– und sie zeigen: Die gefühlte Verschlimmerung auf breiter Front gibt es nicht; allerdings sind die Fallzahlen bei Übergewicht und unzureichender Bewegung nach wie vor viel höher, als es den Gesundheitsforschern lieb wäre.

KiGGS: die Fakten im Überblick

Die „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ startete 2003. An der aktuellen „zweiten Welle“ von Untersuchungen und Befragungen haben
15 023 Mädchen und Jungen zwischen 0 und 17 Jahren neu teilgenommen. Außerdem wurden fast 11 000 Teilnehmer, die schon zwischen 2003 und 2006 dabei gewesen waren, erneut untersucht, um Langzeitdaten zu gewinnen.
An 167 Orten in Deutschland fanden zwischen 2013 und 2017 die Untersuchungen statt. Allein mit den Terminen vor Ort waren 15 Mitarbeiter des Robert Koch-Instituts (RKI) in Vollzeit beschäftigt.
Die Teilnehmer wurden aus den Daten der Einwohnermeldeämter zufällig ausgewählt. Um am Ende auf eine repräsentative Zahl von ca. 1000 Kindern pro Jahrgang zu kommen, wurden über 40 000 Familien angeschrieben und zur freiwilligen Teilnahme eingeladen.
Die Auswertung der Daten wird noch Jahre dauern; erste Zwischenergebnisse hat das RKI jetzt veröffentlicht.

Alles im grünen Bereich? Kinder im Kita- und Grundschulalter bewegen sich mehr als Jugendliche


Gewicht und Ernährung hängen eng zusammen

„Unsere Kinder sind zu dick“, heißt es oft. Tatsache ist: Der Anstieg bei Übergewicht und Fettleibigkeit, der in den 1970er-Jahren begann und scheinbar unaufhaltsam war, ist gestoppt. Allerdings ist die Rate übergewichtiger Kinder mit über 15 Prozent „unverändert relativ hoch“, wie Dr. Cornelia Lange vom Robert Koch-Institut sagt, die maßgeblich an der KiGGS-Studie beteiligt war.
Wieso der Trend gebrochen werden konnte, lässt sich aus anderen Daten der Studie erahnen: Beim Konsum zuckerhaltiger Getränke hat es in den vergangenen zehn Jahren einen starken Rückgang gegeben (siehe Kasten unten). Nur noch 3,3 Prozent der Mädchen und 4,7 Prozent der Jungen nehmen täglich viermal und öfter Softdrinks und Ähnliches zu sich – diese Kandidaten für starkes Übergewicht sind aber eben nur eine kleine Minderheit.

Bewegung ist bei vielen eine Altersfrage

Übermäßige Kalorienzufuhr ist das eine, mangelnder Kalorienabbau das andere: Aus den Befragungen ergab sich, dass sich nur sehr wenige Kinder im Alltag so viel bewegen, wie es nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO mindestens nötig wäre. Auf die geforderten 60 Minuten aktiver Bewegung kamen ge-rade einmal 22,4 Prozent der Mädchen und 29,4 Prozent der Jungen.

Hier verdeckt der Mittelwert aber einen großen Unterschied zwischen den Altersgruppen: Während bei den Drei- bis Sechsjährigen noch knapp die Hälfte aktiv ist, sind es unter den 14- bis 17-Jährigen nur noch 16 Prozent der Jungen und gerade einmal 7,5 Prozent der Mädchen. Bei Teenagern nimmt die Schule mehr und mehr Zeit in Anspruch; Social Media und Computerspiele als wenig aktive Arten der Freizeitgestaltung tun ein Übriges.

Erste Ergebnisse der KiGGS-Studie

Übergewicht 15,4 Prozent der Kinder zwischen drei und 17 Jahren sind übergewichtig; darunter sind 5,9 Prozent, die an Adipositas leiden. Vor zehn Jahren waren die Werte (mit 15 bzw. 6,3 Prozent) fast identisch. Zwischen Jungen und Mädchen gibt es dabei kaum einen Unterschied.
Zuckerhaltige Getränke Sie gelten als ein bedeutsamer Faktor bei der Entstehung von Übergewicht und Adipositas im Kindesalter und auch von Diabetes und anderen chronischen Krankheiten. Trotzdem nehmen 16,9 Prozent der Mädchen und 22,2 Prozent der Jungen täglich solche Getränke zu sich. Allerdings ist die Zahl deutlich gesunken: Vor zehn Jahren waren es noch 28,2 bzw. 34 Prozent.
Bewegungsmangel 60 Minuten aktive Bewegung pro Tag empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation als Mindestdauer. Diesen Wert erreichen aber nur 22,4 Prozent der Mädchen und 29,4 Prozent der Jungen. Dabei ist in der Altersgruppe zwischen 14 und 17 Jahren der Anteil derer, die sich ausreichend bewegen, am geringsten.
Heuschnupfen und Asthma Bei den Drei- bis 17-Jährigen leiden 9,9 Prozent an Heuschnupfen – fast unverändert gegenüber den 9,6 Prozent aus der ersten Erhebung vor zehn Jahren. Bei Asthma bronchiale stieg der Wert in diesem Zeitraum leicht von 3,7 auf 4 Prozent. Dabei sind Jungen (mit 5 Prozent) häufiger betroffen als Mädchen (3 Prozent).

Wer auch als Teenager noch aktiv ist, lebt gesünder


Heuschnupfen und Asthma: stabile Werte

Sind allergische Erkrankungen wie Asthma und Heuschnupfen wirklich weiter verbreitet als noch vor wenigen Jahren? Die Zahlen der KiGGS-Studie bestätigen diese Ansicht nicht. Richtig ist aber auch, dass auch dies eine Stagnation auf hohem Niveau darstellt: Bei knapp zehn Prozent aller Heranwachsenden zwischen drei und 17 Jahren ist Heuschnupfen diagnostiziert; vier Prozent haben Asthma bronchiale. Zusammen macht das über 1,5 Millionen betroffene Kinder und Jugendliche – die große Zahl sorgt allein schon für den gefühlten Anstieg.

Die Folgerungen aus der KiGGS-Studie

Eine solche Studie liefert zunächst einmal nur Daten – die Schlussfolgerungen daraus müssen andere ziehen. Als Bundesbehörde, die dem Gesundheitsministerium unterstellt ist, macht das Institut keine Neben-Gesundheitspolitik. Aber die Forderungen ergeben sich auch so ziemlich klar: Gesundheitsförderung und Prävention bleiben auf der Tagesordnung. Mit neuen Gesetzen wie etwa einer „Zuckersteuer“ allein ist es nicht getan.
So sind etwa Schulen gefordert, mehr für die Bewegung zu tun oder Softdrinks aus Kantine und Schulkiosk zu verbannen. Auch die Eltern haben Hausaufgaben auf: nämlich dafür zu sorgen, dass im Alltag genug Raum für körperliche Aktivität bleibt und auf eine ausgewogene Ernährung geachtet wird. Denn frühkindliches Übergewicht bleibt mit hoher Wahrscheinlichkeit in späteren Jahren erhalten. Wenn KiGGS eines zeigt, dann das: Prävention funktioniert. Und das ist eine erfreuliche Nachricht!

Ausgewogene Ernährung ist gesund und hilft, Übergewicht zu vermeiden


INTERVIEW

Raum für Gesundheit

Dr. Cornelia Lange leitet das Fachgebiet Gesundheitsverhalten am Robert Koch-Institut

familie&co: Wie bewerten Sie die Entwicklung, dass nach wie vor mehr als jedes siebte Kind übergewichtig ist?
Dr. Cornelia Lange: Das beinhaltet eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Wir haben keine weiteren Zuwächse und liegen damit im Zielbereich der WHO, die den weltweiten Anstieg bis 2025 stoppen will. Die schlechte: Die Rate ist unverändert relativ hoch.

Wie kann das Elternhaus unterstützen?
Generell beobachten wir, dass Bewegung in sehr vielen kleinen Bereichen des Alltags mehr und mehr herausgenommen wird, etwa indem Kinder mit größerer Regelmäßigkeit mit dem Auto zur Schule gebracht werden, anstatt mit dem Rad zu fahren. Umso wichtiger ist es, dass man in der Freizeitgestaltung einen aktiven Lebensstil pflegt und dass das, was der Gesundheit förderlich ist, im Alltag genug Raum hat.

Ein Ergebnis ist, dass die täglichen Zeiten aktiver Bewegung mit zunehmendem Alter immer weniger werden. Hat das auch mit der stärkeren Belastung durch die Schule zu tun?
Durch die Entwicklung hin zur Ganztagsschule verbringen Kinder mehr Zeit dort. Insgesamt sind die schulischen Anforderungen gestiegen, und das heißt, es bleibt weniger Zeit für Bewegung. Manche Schulen reagieren darauf, indem sie sportliche Angebote am Nachmittag anbieten – und man kann sie darin nur bestärken.

Worin sehen Sie die Ursachen für die doch weite Verbreitung von Heuschnupfen und Asthma?
Direkte Ursachen kann man aus den Daten nicht ableiten. Eine Annahme ist u.a.aber, dass diese Krankheiten stärker im Blick bei Eltern und Ärzten sind und daher weniger Fälle unentdeckt bleiben.

Wie lässt sich Gesundheitsrisiken wie Übergewicht im Erwachsenenalter vorbeugen?
Bewegung und Ernährung sind extrem wichtige Faktoren. Ein Punkt ist zum Beispiel zu lernen, unverarbeitete Nahrungsmittel zu verwenden. Elternhaus und Schule sollten die Grundlage legen, dass Kinder und Jugendliche aus frischen Zutaten eine Mahlzeit zubereiten können.

Was sollten Eltern außerdem noch tun?
Darauf achten, dass sie an den U-Untersuchungen teilnehmen: Entwicklungsverzögerungen und Krankheiten können dort früh entdeckt werden. Und auch die späteren Untersuchungen J1 und J2 sollte man nutzen, auch wenn pubertierende Jugendliche vielleicht nicht mehr so gern zum Kinderarzt gehen mögen.


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