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familie&schule: Aufgeweckt in die Schule


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 16.01.2019

Schulbeginn um acht Uhr ist zu früh, sagen Schlafmediziner. Was Eltern und Lehrer tun können, damit Kinder trotzdemputzmunter in die Schule gehen


Artikelbild für den Artikel "familie&schule: Aufgeweckt in die Schule" aus der Ausgabe 1/2019 von familie & co. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: familie & co, Ausgabe 1/2019

Um 6.50 Uhr weckt Ingrid Hörnle ihren Sohn: „Schatz, werd wach, es ist Zeit zum Aufstehen!“ – Matthis rührt sich nicht. Erst als sie das Licht anmacht und ihn in den Arm nimmt, kommt der Siebenjährige langsam zu sich. „Ich bin aber noch sooo müde!“, klagt Matthis. Dann schleicht er ins Bad, putzt sich die Zähne, fährt mit dem Waschlappen durchs Gesicht, zieht sich an, frühstückt, gibt Mama einen Kuss und schlurft müden Schrittes aus dem Haus. Um acht Uhr ...

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... sitzt er dann in der Schule – reichlich lustlos. „Im Winter ist es am schlimmsten“, sagt Ingrid Hörnle.

Damit noch ein bisschen Zeit zum Strecken und Räkeln bleibt, sollten Kinder morgens nicht zu spät geweckt werden. So starten sie ausgeglichener und entspannter in den Schultag


Auch Thomas Rapp, Vater von vier Kindern, klagt in einem Internet-Forum: „Unsere beiden ältesten Töchter (10 und 12 Jahre alt) müssen morgens kurz nach sechs Uhr aufstehen, damit sie den Bus erwischen und schon um 7.30 Uhr in der Schule sind. Ich finde das eindeutig zu früh. Jeder weiß, dass Schüler nicht vor neun Uhr wirklich Leistung bringen können. Trotzdem wird nicht darüber nachgedacht, ob das geändert werden sollte.“

Schlafforscher kritisieren den frühen Schulstart
Unterstützung erhalten Kritiker des frühen Schulanfangs von rennomierten Schlafforschern wie Prof. Jürgen Zulley: „Die Wachheit ist bei Kindern um acht Uhr noch so niedrig, dass es eigentlich nicht zulässig ist, dann schon Leistung von ihnen zu fordern“, sagt der ehemalige Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums an der Universitätsklinik Regensburg (siehe dazu auch das Interview rechts).

INTERVIEW

„Aufnahmebereit sind Kinder erst ab 9 Uhr“

Interview mit Prof. Jürgen Zulley, Schlafforscher und Chronobiologe aus Regensburg, über frühes Aufstehen und einen späteren Schulbeginn

familie&co: Warum haben so viele Kinder Probleme mit dem frühen Schulbeginn?
Prof. Zulley: Zwei Gründe spielen dabei eine Rolle: Erstens entspricht der Schul beginn um acht Uhr – vielerorts beginnt die Schule sogar noch früher – nicht dem biologischen Rhythmus der meisten Kinder, deren Leistungskurve um diese Zeit so niedrig ist wie um Mitternacht. Zweitens wird Kindern – insbesondere solchen, die längere Anfahrtswege haben – durch das frühe Aufstehen ein Teil des benötigten Schlafs geraubt. Da ein früheres Zubettgehen die innere Uhr nicht beeinflusst, hilft es auch nichts, wenn Eltern ihr Kind abends zeitig ins Bett schicken. Daraus folgt, dass ein Schulbeginn um acht Uhr für Kinder ohne Wenn und Aber zu früh ist. Einigermaßen fit sind sie erst gegen neun Uhr.

Wie wirkt sich der zu frühe Schulbeginn auf die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit der Kindern aus?
Kurz gesagt: Sie ist geringer. Vom Wach-und-fit-Standpunkt aus können sich Kinder morgens um acht Uhr noch nicht konzentrieren, geistig nichts aufnehmen und sich folglich auch nichts merken. Nur wer ausgeschlafen ist, ist ausreichend aufmerksam, um Informationen gezielt aufzunehmen, zu verarbeiten und zu behalten. Andernfalls landen sie nicht einmal im Kurzzeitgedächtnis. Sie gehen, wie der Volksmund sagt, zum einen Ohr rein und zum anderen wieder heraus. Wichtig ist ausreichender Schlaf aber auch für das körperliche Wachstum. So leiden Kinder mit chronischen Schlafstörungen bzw. mit zu wenig Schlaf nicht selten unter Wachstumsstörungen, weil die hormonellen Prozesse nicht geordnet ablaufen können. Gerade für Kinder und Jugendliche ist der Schlaf also absolut heilig.

Apropos Jugendliche: Warum verschärf t sich das Problem des frühen Unterrichtsbeginns bei ihnen sogar noch?
In der Pubertät, also mit etwa 14 Jahren, kommt es zu einer Verschiebung des biologischen Rhythmus nach hinten. Das heißt, die Jungen und Mädchen werden abends später müde und müssten dementsprechend morgens eigentlich länger schlafen. Da das aber – zumindest in Deutschland – nicht geht, baut sich im Lauf der Woche ein Schlafdefizit auf, das dazu führt, dass sich die Schüler im Unterricht immer weniger konzentrieren können. Ein späterer Schulbeginn würde also bei Kindern und Jugendlichen zu einer deutlichen Leistungssteigerung führen.

Auch der Hamburger Erziehungswissenschaftler Prof. Peter Struck hält nichts von dem frühen Unterrichtsbeginn: „Acht Uhr ist eindeutig zu früh. Gerade im Winter, wenn es bis neun Uhr dunkel ist, fehlt das Licht als wichtigster Zeitgeber zum Aufwachen“, sagt der Pädagoge – und verweist auf Länder wie Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien, in denen der Unterricht traditionell erst um neun Uhr beginnt.

Heute ist es normal, spät ins Bett zu gehen
Problematisch ist der frühe Schulbeginn auch deshalb, weil sich unsere Zubettgeh- Zeit generell verschoben hat: „Die Verlängerung des Tages durch künstliches Licht, längere Einkaufs- und Arbeitszeiten, die multimediale Vernetzung von Kinder- und Wohnzimmern sowie die Tatsache, dass das Familienleben oft erst abends stattfindet, führen dazu, dass wir heute später ins Bett gehen als früher. Da die Aufstehzeiten aber gleich geblieben sind, kommen vor allem jüngere Kinder morgens todmüde in die Schule“, beobachtet Experte Peter Struck.

Aaron (8) kennt das: „In der ersten Stunde bekomme ich fast gar nichts mit. Da schlaf ich noch halb“, gibt der Drittklässler unumwunden zu. Später zur Schule gehen? Das fände er super.

Im Schlaf wird Gelerntes erst richtig verarbeitet
Schwer wiegt der langfristige Schaden, der dem Lernen durch das ständige Schlafdefizit entsteht. Denn eine wichtige Aufgabe des Schlafes ist es, „die Gedächtnisleistung zu unterstützen und das, was tagsüber gelernt wurde, im Gehirn zu verankern“, sagt der Chronobiologe Prof. Till Roenneberg von der Universität München. Diese Prozesse aber finden im letzten Viertel der Nachtruhe statt – und exakt diese Zeit wird den Schülern genommen.

Hellwach und leistungsfähig sind Kinder erst ab der zweiten Schulstunde. Stehen vorher Fächer wie Sport oder Musik auf dem Stundenplan, erleichtert das den Einstieg ins konzentrierte Lernen


So kommen viele Schulkinder heute nur selten auf die durchschnittlich benötigten zehn Stunden Schlaf. Besonders hart trifft es die sogenannten „Eulen“, also Kinder, die – im Gegensatz zu „Lerchen“ – abends nur schwer ins Bett kommen, morgens aber gerne lange schlafen. Sie können sich am wenigsten auf den in aller Herrgottsfrühe angebotenen Lernstoff konzentrieren.

Zu verdanken haben die Schüler von heute die morgendliche Quälerei den alten Preußen. Die legten den frühen Unterrichtsbeginn fest, als sie vor 250 Jahren die allgemeine Schulpflicht einführten.

Dass bisher nichts daran geändert wurde, liegt vor allem an den Erwachsenen. Insbesondere Eltern, die beide berufstätig sind, und Lehrer, die mehrheitlich nicht auf den unterrichtsfreien Nachmittag verzichten wollen, plädieren entschieden für die Beibehaltung des frühen Schulanfangs.

Ganztagsschulen bieten mehr zeitliche Flexibilität
Immerhin können Schule und Elternhaus einiges dafür tun, dass Kinder körperlich fit und geistig munter in den Schultag starten:
• Ritualisierte Morgenanfänge: Heike Krüger, Grundschullehrerin in Varel, mutet ihren Schülern in der ersten Stunde weder neuen Stoff noch Klassenarbeiten zu. Stattdessen gibt sie den Kindern erst mal Gelegenheit, in Ruhe anzukommen, lässt sie im Morgenkreis erzählen, was ihnen auf dem Herzen liegt, oder sie initiiert ein Bewegungsspiel. „Erst wenn die Schüler richtig wach sind, können wir uns gemeinsam auf ein Thema konzentrieren“, so ihre Erfahrung.

Energiespender Frühstück: So bleibt die Leistungskur ve stabil

Nur Kinder, die morgens ausgewogen und ausreichend frühstücken und ein gesundes Pausenbrot im Ranzen haben, können sich in der Schule richtig konzentrieren - und damit besser lernen. Warum die erste Mahlzeit des Tages so wichtig ist und welche Lebensmittel auf dem Teller bzw. in der Brotbox landen sollten.

Untersuchungen zeigen: Mit einem gesunden Frühstück im Bauch können Schulkinder schneller reagieren und ermüden deutlich langsamer. Damit ist die Zwei in Mathe zwar noch lange nicht geschrieben, aber Eltern schaffen eine wichtige Grundlage, um die Leistungskurve ihrer Kinder zu stabilisieren. Die verläuft über den Vormittag gesehen nämlich alles andere als gleichmäßig. Nach dem Aufstehen befindet sie sich erst mal ganz tief im Keller. Über Nacht sind die Kohlenhydratreserven in Leber und Muskulatur aufgebraucht, und weil unsere Gehirnzellen nur daraus Energie gewinnen können, herrscht zunächst einmal gähnende Leere im Kopf. Wenn die Kinder ihren Speicher jetzt nicht wieder mit einem richtig guten Frühstück auffüllen, wird sich daran auch nichts ändern.

Energiereserven auffüllen: Um die Gehirnzellen mit Energie zu versorgen, sind vor allem Kohlehydrate wichtig – aber nicht irgendwelche: Zwar liefert auch Zucker in Nussnougat creme, Frühstückscerealien und Konfitüre Brennstoff fürs Gehirn, aber leider nur sehr kurzfristig. Damit unser Denkapparat ausdauernd arbeiten kann, sind andere Kohlehydrate besser geeignet. Vor allem solche, die an Ballaststoffe gekoppelt sind. Denn diese werden langsam und gleichmäßig ans Blut abgegeben und stehen so länger für geistige Höchstleistungen zur Verfügung. Sie stecken vor allem in Vollkornbrot und Haferflocken bzw. in Müsli. Um auch den Eiweißspeicher zu füllen, sind Milchprodukte wie z. B. ein Joghurt, ein Glas Milch oder eine Scheibe Käse die passende Ergänzung. Ein wenig Obst oder Gemüse sicher die Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen. Wichtig ist auch das Trinken, denn bereits ein Flüssigkeitsverlust von etwa zwei Prozent beeinträchtigt die Konzentrationsfähigkeit. Tee, Mineralwasser und Fruchtsaftschorlen bringen das Gehirn auf Trab.

„Neun-Uhr-Ef fekt“ vermeiden: Wer nach dem Aufstehen nur Weißmehlprodukte und Zucker zu sich nimmt – also z. B. Weißbrot mit Konfitüre – macht unweigerlich schon am frühen Vormittag wieder schlapp. Ein Phänomen, das Experten auch als „Neun-Uhr-Effekt“ bezeichnen. Denn etwa zu diesem Zeitpunkt reißt die Energieversorgung der grauen Zellen dann wieder ab und die Leistungskurve zeigt steil nach unten. In besonderem Ausmaß lässt sich dies bei Grundschülern beobachten: Sie werden zappelig und müde, ruckeln und rutschen auf ihren Stühlen herum, gähnen und kriegen die letzte halbe Stunde vor der großen Pause kaum noch etwas mit. Wer dagegen ausgewogen und ballaststoffreich gefrühstückt hat, kommt bis dahin locker über die Runden.

Pausensnack als Muntermacher: In der ersten großen Pause ist dann aber ein „Nachschlag“ notwendig. Am bes ten ist auch hier wieder das bewährte Vierer- Gespann aus Vollkornbrot, Milchprodukt, Obst oder Gemüse und einem Getränk. Faustregel: Wenn das erste Frühstück schon sehr üppig war, reicht jetzt eine kleine Menge von allem – wer aber frühmorgens nur wenig herunterbekommt, sollte jetzt ruhig etwas kräftiger zulangen. Wenn Frühstück und Pausenbrot optimal aufeinander abgestimmt sind, steigt die Leistungskurve bis etwa elf Uhr immer weiter an, erreicht dort ihren absoluten Tageshöhepunkt – und sinkt anschließend sachte wieder ab.

Fit in den Nachmittag: Ein gesundes Mittagessen mit frischem Gemüse, Salat, Kohlehydraten, und etwas Fleisch, Fisch oder Hülsenfrüchten bringt kleine Kopfarbeiter wieder auf die Beine. Nach ein wenig Entspannung, am besten mit etwas Bewegung im Freien, haben sie wieder Schwung für ihre Hausaufgaben.

• Ganztagsschule: Ziehen Sie die Einschulung bzw. den Wechsel Ihres Kindes auf eine Ganztagsschule in Erwägung. Anders als die Halbtagsschule bietet sie die Möglichkeit, durch rhythmisierten Unterricht (Wechsel zwischen Konzentration und Entspannung) auf die innere Uhr der Kinder Rücksicht zu nehmen und tageszeitabhängige Leistungspotenziale besser zu nutzen.
• Ruhiger Tagesausklang: Essen Sie mit Ihrem Kind möglichst vor 19 Uhr zu Abend und achten Sie darauf, dass es genügend Zeit zum Abschalten hat. Danach wird vorgelesen oder ein wenig auf der Bettkante geplaudert - der Fernseher, Smartphone & Co. sollten in den Stunden vor dem Zubettgehen ausbleiben.
• Ausreichend Schlaf: Sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind rechtzeitig schlafen geht - und zwar auch am Wochenende. „Bis zur Pubertät ist es notwendig, dass ihr Kind jeden Tag zur gleichen Uhrzeit schlafen geht. Nur so entwickelt es einen stabilen Schlaf-Wach-Rhythmus“, erklärt der Schlafforscher Jürgen Zulley.
In welchem Maße man andernorts auf die innere Uhr von Schülern Rücksicht nimmt, zeigt das Beispiel Oslo: Dort müssen 16- bis 18-Jährige erst nachmittags zum Unterricht erscheinen. Im wahrsten Sinne „traumhafte“ Verhältnisse…


FOTOS: CONTRASTWERKSTATT, -/PHOTOGRAPHEE.EU - STOCK.ADOBE.COM; FANCY; GETTY IMAGES/ISTOCKPHOTO/LJUBAPHOTO