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familie&schule: PRÜFUNGSANGST – HAB’ ICH NICHT!


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 6/2018 vom 09.05.2018

Immer häufiger leiden heutzutage schon Grundschüler unter Prüfungsängsten. Eltern können mitEinfühlungsvermögen und Fördermaßnahmen aber wirkungsvoll helfen


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Bildquelle: familie & co, Ausgabe 6/2018

Nicht nur an weiterführenden Schulen stehen Schüler heute unter Leistungsdruck. Langfristig kann das bei Kindern zu negativen Auswirkungen führen


Als ich die Grundschule besuchte, kannte ich noch keine Prüfungsangst. Erst am Gymnasium änderte sich das, weil Klassenarbeiten und Noten einen Stellenwert bekamen, der mir gelegentlich sogar Albträume bescherte. Heute jedoch haben oft schon Grundschulkinder eine sogenannte Testophobie. Sie leiden bei ...

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... Klassenarbeiten oder Abfragen unter so starkem Druck, dass sie blockieren können. Eine derartige Angst vor der Bewertung der eigenen Leistung betrifft in der Sekundarstufe rund jedes vierte Kind – Mädchen deutlich häufiger als Jungen.

Was ist eigentlich Prüfungsangst genau?

Prüfungsangst ist weit mehr als normale Nervosität, die ja sogar Leistungsreserven mobilisieren kann. Sie ist auch etwas anderes als jener Respekt vor der Situation, der notwendig ist, um sich frühzeitig und ernsthaft auf eine Prüfung vorzubereiten.
Prüfungsangst kann sich schon deutlich vor der Situation zeigen und das Lernen durch Schlaf- und Appetitlosigkeit, Magen- und Darmprobleme oder Herzrasen behindern. Sie kann sich aber auch erst in der Prüfung bemerkbar machen. Dann steigern sich ihre körperlichen Symptome noch; der Blutdruck steigt, trockener Mund, verschwitzte Hände und sogar erhöhte Körpertemeperatur treten auf.
Für die Situationsbewältigung viel gravierender jedoch sind die seelischen Auswirkungen: Unfähigkeit, sich zu konzentrieren, Vergesslichkeit bis hin zur Blockierung des Denkens und Verzweiflungsreaktionen wie die Flucht aus der Situation oder sogar ein Suizidversuch.
Ein wichtiger Hinweis für Eltern ist es, wenn ihr Kind das Lernen und Üben für eine Klassenarbeit aufschiebt bis zur letzten Minute. Psychologen bezeichnen das als „Vermeidungstendenz“.

Mahnungen bewirken oft das Gegenteil

So war es auch bei Anton. Seine Mutter kam zur Beratung zu mir, nachdem er zweimal ein Diktat „verhauen“ hatte, weil er einfach nicht zum regelmäßigen Üben bereit gewesen war. Ihre Mahnungen wie „Stell dich nicht so an, du willst doch gut sein“ oder „Wenn wir jetzt nicht üben, kriegst du sicher keine gute Note“ hatten nicht geholfen. Im Gegenteil – sie hatten die Angst vor dem Diktat noch verstärkt. Doch das konnte Anton mit seinen neun Jahren nicht durchschauen und seine Mutter hatte es ja nur gut gemeint.
In unseren Gesprächen ohne den Jungen erkannte sie rasch, dass ihre Mahnungen das Gegenteil von dem bewirkt hatten, was sie wollte. Aus ihrer Ungeduld heraus hatte sie stets nur Drohungen ausgesprochen und die Negativfolgen seiner Übungsverweigerung betont. Anton hingegen, der schon länger das Gefühl hatte, seine Freunde könnten viel besser rechtschreiben als er, konnte daraus natürlich keine Zuversicht schöpfen.
So steigerte er sich in einen Teufelskreis aus Misserfolg, Angst, Vermeidung und erneutem Misserfolg hinein. Dagegen konnten nur Ermutigung und Lob schon für kleinste Erfolge helfen.

Tipps für einen dauerhaften Lernerfolg

Bei gemeinsamen Sitzungen lernte Antons Mutter, wie das funktioniert. Diktierte ich ihm ein einzelnes Wort, lobte ich ihn schon, wenn er den Anfangsbuchstaben richtig groß- oder kleingeschrieben hatte. Nach jedem Laut oder spätestens nach jeder Silbe kam ein „ja“, „richtig“ oder „prima“ zum Einsatz. Bei Fehlern sagte ich sofort „stopp“ und ließ ihn überlegen. Meistens verbesserte Anton dann richtig, was stets mein Lächeln und ein „genau“ zur Folge hatte. Schnell verstand seine Mutter das Prinzip und übte es in meiner Anwesenheit mit ihm ein.

INTERVIEW
Kinder einfach akzeptieren

familie&co: Herr Seifried, was sind denn Ihre Erfahrungen in Sachen „Prüfungsangst“?
Klaus Seifried: Der Leistungsdruck beginnt bereits in der Grundschule. „Was, du hast nur eine Drei geschrieben? Du willst doch aufs Gymnasium“, sagen manche Eltern. Das setzt sich fort im Übergang zur gymnasialen Oberstufe und in der Vorbereitung auf das Abitur. Ist der Erwartungsdruck der Eltern zu groß, kann das zu massiven Versagensängsten führen.

Was machen Schulen anders, in denen weniger Prüfungsangst vorkommt?
Schulen, die besonderen Wert auf das soziale Miteinander ihrer Schüler, auf gegenseitige Wertschätzung und Akzeptanz legen sowie eine Vielzahl von sportlichen, künstlerischen oder handwerklichen Angeboten machen, können den Leistungsdruck abmildern. Individualisierung und Leistungsdifferenzierung stärken die Kinder und lassen sie Erfolge erleben, die ihr Selbstwertgefühl erhöhen.

Was empfehlen Sie Eltern gegen Prüfungsängste ihres Kindes?
Das Wichtigste ist, sein Kind so zu akzeptieren, wie es ist, mit seinen Stärken und Schwächen. Eltern können ihm zwar eine Vielzahl von Fördermöglichkeiten geben, aber lernen und wachsen, Motivation und Verantwortung entwickeln – das muss ein Kind allein. Im Zweifel sollten Eltern sich mit ihren Kindern von einem Schulpsychologen beraten lassen.

Entspannungsübungen und Mutmach-Sprüche

Wichtig war für sie auch zu verstehen, wie man das Lernklima positiv gestaltet. Gemeinsam besprachen wir drei, wie das Lernen und Üben zu Hause organisiert werden sollte. Wir legten einen Wochenplan an, in dem die Hausaufgaben- und Übungszeiten für jeden Tag eingetragen wurden, aber auch die Freizeittermine und Zeiten für das Spielen mit Freunden. Sehr hilfreich war zudem eine Entspannungsübung, die Anton nicht nur zu Hause, sondern auch vor den nächsten Schuldiktaten erfolgreich ausprobierte. Sie dauert etwa eine Minute und geht so: „Falte deine Hände. Welcher Daumen liegt oben? Drehe eine Hand weiter, sodass jetzt der andere Daumen vorne liegt. Falte die Hände wieder, sodass nun der andere Daumen oben ist. Das fühlt sich ungewohnt an. Knete jetzt die gefalteten Hände dreimal. Dann falte die Hände wieder normal, knete sie dreimal, falte sie wieder verkehrt, knete sie dreimal – insgesamt 20 Mal hin und her. Jetzt bist du wieder konzentriert!“
Gut geholfen haben auch Mutmach-Sprüche, die sich Anton in eine Ausweishülle steckte und ins Federmäppchen legte. Darauf stand beispielsweise: „Ruhig Blut und guter Mut, dann geht jede Arbeit gut!“ Ein anderer war: „Keine Panik auf der Titanic – in der Ruhe liegt die Kraft.“ Im Laufe der Zeit dachte er sich weitere Sprüche selbst aus und lernte so, seine Aufgeregtheit aktiv zu beruhigen.

Eltern sollten darauf achten, für ihr Kind ein positives Lernklima zu gestalten. Dann macht Lernen zu Hause Spaß


Manchmal reicht auch ein Stück Traubenzucker

Es war gut gewesen, dass Antons Mutter schon nach einem Vierteljahr der Vermeidungsprobleme die Beratung aufgesucht hatte. So waren die Symptome noch so frisch, dass meine lerntherapeutischen Möglichkeiten für ihre Überwindung ausreichten bzw. Wirkung zeigten.
Haben Prüfungsängste sich jedoch verfestigt, kommt man um fachärztliche Hilfe nicht mehr herum. Ein Kinderpsychiater oder ein „Sozialpädiatrisches Zentrum“ in der Kinderklinik sind in der Lage, die Prüfungsangst aufzulösen.
Was mir übrigens bei meinem Schulstress früher am Gymnasium immer geholfen hatte, war ein simpler Trick meiner Mutter. Sie hatte mir vor Klassenarbeiten stets ein Täfelchen Traubenzucker mitgegeben. „Das ist pure Energie, damit schaffst du alles“, sagte sie damals – und es hat funktioniert.

RATGEBER SOZIALE ÄNGSTE UND LEISTUNGSÄNGSTE


von H. Büch, M. Döpfner, U. Petermann. Hogrefe, 8,95 Euro
Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher


FOTOS: CONTRASTWERKSTATT - STOCK.ADOBE.COM; MAURITIUS IMAGES/WESTEND61/MAREEN FISCHINGER; PRIVAT; PR