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familie&schule: SCHÖPFERISCH die Welt begreifen


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 03.04.2019

Malen und Zeichnen schulen Hand und Verstand: Im Kunstunterricht werden nicht nur Motorik und das ästhetische Empfinden gefördert. Auch das Bewusstsein der eigenen Individualität und der Vielfalt unserer Welt wird gestärkt


Artikelbild für den Artikel "familie&schule: SCHÖPFERISCH die Welt begreifen" aus der Ausgabe 4/2019 von familie & co. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: familie & co, Ausgabe 4/2019

Mit Fantasie & Farbe: Beim kreativen Gestalten lernen Kinder, sich selbst auszudrücken – ein wichtiger Schritt bei der Entwicklung ihrer Persönlichkeit


So schnell hat man Bäume selten wachsen sehen – es dauert nur Minuten, dann sind aus filigranen Stämmen Äste gesprossen. Im Schulhof haben die Kinder ihr Material aufgelesen – echte Zweige, die eine steife Hamburger Brise verstreut ...

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... hatte. Kunststunde in Klasse 1, Lehrerin Gabi Ludwig fixiert die „Baumstämme“ mit der Heißklebepistole auf Karton, die Kinder platzieren das Geäst mithilfe von Tubenleim.

Versuch und Irrtum als Teil des Gestaltens

Dann wollen die Kinder improvisieren. Es soll schneien auf ihrem Bild! Mit der faszinierenden Heißklebepistole wird nun geflockt. Doch leider verschwindet der schöne Schnee bald wieder. Denn Heißkleber wird nach dem Abkühlen transparent. Also wird nachgebessert. Diesmal entsteht der Neuschnee mithilfe von Wattestäbchen – und das Weiß bleibt liegen.
Allerlei kreative Werkzeuge lernen Kinder bereits in der Kita kennen: die verschiedenen Arten von Stiften mit ihrer unterschiedlichen Deckkraft, Strich- und Farbstärke, die Schere und die Wasserfarben.

Bunte Materialvielfalt fördert die Kreativität

In der Grundschule wird die Auswahl dann noch größer. Die aktuellen Bildungspläne legen Wert auf Materialvielfalt beim Malen, Zeichnen, Collagieren und Basteln. Beim Gestalten sollen nicht nur Geschicklichkeit und Sinn für Ästhetik vermittelt werden. Die Kinder sollen auch erfahren, dass Material nicht immer teuer gekauft werden muss. Ein Werk aus Filzresten zu gestalten oder mal nur mit drei Grundfarben zu arbeiten stärkt die Fähigkeit zur Improvisation und die Konzentration auf das Wesentliche.
Lehrerin Gabi Ludwig und ihre Erstklässler nutzen aber auch die Möglichkeiten der Metropole: In der Hamburger Kunsthalle sind sie schon gewesen, haben den berühmten „goldenen Fisch“ von Paul Klee bestaunt und ihn mit dicken Ölpastellkreiden nachempfunden. Klee, so erfahren die Kinder, wurde wegen seines Stils zu Lebzeiten oft für „kindisch“ gehalten. Tatsächlich aber kann jedes Kind sehen, wie raffiniert er bei seinem Fisch Öl- und Wasserfarben kombiniert hat. Auch viele andere Ausstellungsstücke zeigen, wie bedeutsam die Wahl der Mittel für Ausdruck und Wirkung eines Kunstwerkes ist.
Um dieses Potenzial zu nutzen, braucht es Lust am Experimentieren. Und Geduld. Klee übte sich zunächst als Zeichner, reifte dann zum Maler und fand seinen unverwechselbaren Stil.

Schon im Grundschulalter können Kinder lernen: Farbe ist etwas anderes als Form, flächig malen funktioniert anders als zeichnend konstruieren. Sven, ein junger Maler aus der Meisterklasse der Hamburger Hochschule für Bildende Kunst, sagt es so: Man lernt, „in Licht zu denken statt in Linien“ – und weiß dann, was der Pinsel kann und was der Stift. Sven hat sein Pädagogik-Studium vor drei Jahren abgeschlossen und unterrichtet selbst in Schulen. Seitdem hat er viel Erfahrung beim Vermitteln künstlerischer Ausdrucksformen gesammelt. Er ist überzeugt, dass das kreative Gestalten für Kinder ein kostbarer Ausgleich zu den zahllosen Unterhaltungsangeboten unserer Zeit sein kann.

Das Schöne muss kein Wettkampf sein. Auch das Gemeinschaftsgefühl kann beim gemeinsamen Gebrauch der vielfältigen Geräte und Materialien wachsen


Auch die klassischen Lernfdcher profitieren

Gelingt den Kindern die Konzentration auf etwas Schöpferisches und das Durchhalten beim Gestalten, dann wirke diese Kompetenz auch in die klassischen Lernfächer hinein, sagt Gabi Ludwig: „Es ist so ähnlich wie mit den Sportstunden. Wenn die Kinder etwas geschaffen haben, fällt ihnen das Begreifen in Mathe für mein Gefühl oft leichter.“ Der ungezwungene Umgang mit dem Stift übt die Geschicklichkeit frei vom Korsett der Buchstabenform und der Schreiblinien. Auf mitt- lere Sicht erleichtert er aber häufig auch das Schreiben. Formgefühl für Ecken, Linien, Kanten und Kreise spiegelt sich in der Geometrie wider, ein Gespür für Ästhetik hilft bei der Aneignung von Literatur oder Musik. Kunsterziehung ist ein Querschnittsfach, das viele Kompetenzen stärken kann. Ein Knackpunkt allerdings ist das Bewerten. Denn je persönlicher ein Kunstwerk gerät, desto heftiger kann Kritik daran schmerzen.

Aber, wie bei uns Großen auch, kommt es vor allem darauf an, ob Kritik konstruktiv ist – und Mut macht weiterzuüben. Dabei helfen Lehrerin Gabi Ludwig die beliebten Muggelsteine (in der Ära vor Harry Potter hießen sie noch „Mugelsteine“). Jedes Kind bekommt drei Steine. Diese darf es vor jene Kunstwerke aus der Klasse legen, die ihm besonders gefallen – Wertung durch Abstimmung. So entsteht eine Diskussion darüber, warum ein Werk besonders gelungen ist. Es ist eine Anregung, gemeinsam über Schönheit und handwerkliches Können nachzudenken.

Die besten Mittel zu finden, um sich selbst auszudrücken, gehört zu diesem Können dazu. Deswegen wird in den unteren Grundschulklassen heute auch so gern mit ungewöhnlichen Materialien experimentiert.


Kunsterziehung ist ein Querschnittsfach, das viele Kompetenzen stärken kann


Erstaunliche Werke aus Kohlköpfen und Schaum

Da sind zum Beispiel die gespaltenen Kohlstrünke. Eingefärbt lassen sich mit ihnen wunderbar organische Texturen auf Flächen stempeln. Besonders beliebt ist die Kombination aus Rasierschaum und Lebensmittelfarbe: Die Kinder legen einen regelrechten Schaumteppich auf ein Tablett, färben ihn mit Lebensmittelfarbe ein, ziehen, z. B. mit Zahnstochern, Muster hinein und nehmen dann vorsichtig Abdrücke von der Oberfläche. Dabei entstehen nicht nur erstaunliche Grafiken – es ist auch eine anspruchsvolle Übung für die Feinmotorik. Denn anders als beim Malen auf Papier wird nicht nur in zwei Dimensionen gearbeitet. Auch die „Tauchtiefe“ des Werkzeugs bietet Variationsmöglichkeiten.

Der Kunstunterricht ist in besonderem Maße geeignet, feinmotorische Fähigkeiten einzuüben und das Gefühl für Proportionen zu schulen. Durch Versuch und Irrtum werden diese Kompetenzen immer weiter ausgebaut – dabei zeigt sich auch die Spannweite in der Entwicklung dieser Talente. Nach heutiger Unterrichtskonzeption sollen die Fähigkeiten der Schüler in den ersten beiden Jahren so weit ausgeprägt werden, dass in der dritten und vierten Grundschulklasse das Entwickeln eigener Bild- und Gestaltungsideen immer stärker in den Vordergrund tritt. Die Kunstpädagogen der weiterführenden Schulen achten dann gezielt auf Originalität und Kreativität und verzeihen bei genialen Einfällen auch mal technische Unvollkommenheiten.

Künstlerisches Schaffen im Alltag verankern

Wir Eltern können ebenfalls zur künstlerischen Entwicklung unserer Kinder beitragen. Indem wir Zeit für gemeinsames schöpferisches Tun reservieren und geeignetes Material dafür beschaffen. Aber auch, indem wir selbst öfter mal etwas erschaffen, anstatt es fertig zu kaufen. Oder indem wir beim gemeinsamen Betrachten von Bilderbüchern oder Comics den Blick auf Strich, Perspektive und flächige Gestaltung lenken. Auch Museumsbesuche regen die eigene Kreativität an, kindgerechte Ansätze gibt es reichlich. Auch digitale Angebote bieten wertvolle Anregungen. Werden Sie kreativ!

Unser Werkzeugkasten

Das erste Zeichengerät ist oft derZeigefinger – z. B. auf der beschlagenen Fensterscheibe. Bald folgenFingerfarben . Während der Kitazeit können Kinder die Eigenschaften vonPinsel, Filzern, Buntstiften, Kreiden und Wachsmalern vergleichen. Die einen leuchten, manche Farben decken, Buntstifte lassen sich korrigieren. Die Vielfalt macht’s! Mit zunehmendem Alter werden die Werkzeuge dünner.Feinmotorik und Hand-Auge- Koordination erlauben das Malen immer feinerer Details undgeometrischer Figuren aus der freien Hand. In den ersten Klassen wird der Umgang mit solch präziseren Instrumenten verfeinert, auch im Hinblick auf das Schreiben. Gerade in der Kunst gilt aber: Wo es passt, sind alle Materialien zum Ausdruck erlaubt – unter Aufsicht auch mal dieSprühdose .

INTERVIEW Individualität betonen

Dr. Joachim Penzel ist Kunstdidaktiker an der Universität Halle-Wittenberg


familie&co: Herr Dr. Penzel, was lehrt der Kunstunterricht fürs Leben?
Dr. Penzel: Ich wünsche mir, dass Kinder dort erst einmal Selbstwirksamkeit erfahren und dabei lernen: Ich kann mit Material gestalten. Und dabei erleben, dass auch andere eigene kreative Fähigkeiten haben.

Also nicht: Alle zeichnen dasselbe, und wer es am präzisesten kann, bekommt eine Eins?
Mein Kollege Prof. Mario Urlaß nennt das „Schneemannästhetik“ – am Ende hängen 30 gleiche Schneemänner an der Wand. Seit etwa 20 Jahren betont die Kunstpädagogik aber die Individualität stärker. Es kann dann sein, dass ich nachher 30 verschiedene Lösungen sehe – und Individualität bewerten muss.

Was verraten die Kunstwerke der Kinder?
Ihr Herangehen ist sehr verschieden. Unser großer Sohn etwa ist ein Sportler. Er malt genau so, wie er Sport macht: grobmotorisch, sehr expressiv und schnell. Für eine detaillierte Durchgestaltung hat er sich lange gar nicht interessiert.

Vergleichen Sie sich mit Ihrem Sohn?
Jeder geht seinen eigenen Weg: Ich habe Zeichnen von meinem Vater gelernt. Er hatte eine sehr gute Zeichenausbildung und gab sie gern weiter. Meine Freizeit war bestimmt durch die Aneignung der Welt in Zeichnungen, das hat mich geprägt.

„Visuelle Alphabetisierung“ wird heute als sehr wichtig angesehen, worum geht es da?
Wir leben heute in einer regelrechten Bilder-Gesellschaft, es wird häufiger über Bilder kommuniziert als über Texte. Es gehört heute zu den Schlüsselkompetenzen der Kindheit zu verstehen, wie Bilder wirken, wie man sie für eigene Ausdrucksinteressen nutzen kann und auch kritisch betrachten lernt.

Da sind die Chancen ungleich verteilt, auf dem Land lebt man fern vom Museum …
Aber es gibt nichts im Alltag, was nicht gestaltet ist! Sehen Sie mal mit Kindern einen Fahrradhelm an, sein Design, die Materialien, die Oberflächengestaltung. Das geht mit jedem Gegenstand, und für den Moment wird dieser Gegenstand zum größten Wunder der Welt.

Weitere Anregungen finden interessierte Eltern unter:www.integrale-kunstpaedagogik.de


FOTOS: WESTEND61; SHUTTERSTOCK.COM/INNA FELKER; MASTERFILE RF; PRIVAT