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familie&schule: STÖRFÄLLE IM KLASSENKLIMA


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 10/2018 vom 05.09.2018

Außenseiter und Eckensteher hat jede Klasse. Was aber, wenn es das eigene Kind trifft?Wenn das Kind keinen Anschluss findet , sollten Eltern unterstützend eingreifen – dabei aber keine sofortige Patentlösung erwarten


Artikelbild für den Artikel "familie&schule: STÖRFÄLLE IM KLASSENKLIMA" aus der Ausgabe 10/2018 von familie & co. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: familie & co, Ausgabe 10/2018

Nicht jedes Kind kann oder will bei dem mitmachen, was bei der Mehrheit in der Klasse angesagt ist. Oft ist die Folge Ausgrenzung – ein alltägliches Vorkommnis in der Schule


Wie war’s in der Schule?“ – „Gut.“ Was aber, wenn sich hinter der Standardantwort, die alle Eltern kennen, verbirgt, dass es in Wirklichkeit gar nicht gut läuft und dass das eigene Kind Schwierigkeiten hat, seinen Platz ...

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... im Klassengefüge zu finden? Bei aller Erziehung zur Selbstständigkeit: Wenn Eltern merken, dass da etwas ist, was ihr Kind psychisch belastet, bleibt nichts übrig, als aktiv zu werden.

Zu wenig Selbstvertrauen oder aktive Ausgrenzung?
Für den Schulerfolg ist es schließlich eminent wichtig, dass das Kind sich in seinem Lernumfeld wohlfühlt – und dazu gehört vor allem, sich in die Klasse harmonisch einzufügen und Freunde zu gewinnen. Das allerdings fällt oft gar nicht so leicht. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von übermäßiger Schüchternheit bis zu aktiver Ausgrenzung. Aber ganz unabhängig davon, ob das eigene Kind nicht will, nicht kann oder von anderen gehindert wird, Anschluss zu finden: Für Eltern ist die Ursachenforschung stets ein Problem, da sie nun einmal allenfalls indirekt vom Klassengeschehen erfahren.
Herauszukriegen, wie es „wirklich“ zugeht, hält Michael Schulte-Markwort, Kinder- und Jugendpsychiater am Hamburger Universitätsklinikum UKE, für illusorisch. „Bei 20 Kindern gibt es 20 Realitäten“, erklärt er (s. auch Interview Seite 28). „Was können Eltern tun? Ziemlich wenig“, sagt Franz Petermann, Professor für Klinische Psychologie an der Uni Bremen, der immer wieder zu Schulkonflikten geforscht hat. Das gilt zumindest dann, wenn es darum geht, der Vorgeschichte des Konflikts auf den Grund zu gehen: „Natürlich glaubt man erst einmal seinem eigenen Kind. Man sollte zwar nicht immer automatisch das Kind in Schutz nehmen, aber man muss es natürlich schützen, wenn es um Mobbing geht.“ Rückwärtsgewandtes Aufdröseln, wer wann was zu wem gesagt hat, ist dabei selten zielführend.
Vielmehr geht es darum, die Fähigkeit zur Selbstbehauptung zu stärken, denn das ist die beste Prävention, so Petermann. Sozialer Rückzug ist die fast schon logische Folge, wenn überbehütete Kinder auf die oft harsche Schulrealität stoßen – was zwangsläufig irgendwann passiert, wie Petermann sagt: „Verschonungsstrukturen müssen Sie irgendwann sowieso aufgeben, und dann doch lieber kontrolliert.“ Mit anderen Worten: Man hilft seinem Kind, sich angemessen durchzusetzen, indem man es rechtzeitig auf das Ende des Behütet-Seins vorbereitet.

Wie harmonisch ist die Klasse?

■ Ist es in der Klasse oft zu unruhig, um sich auf den Unterricht konzentrieren zu können?
■ Wird schadenfroh gelacht, wenn ein Schüler eine Frage nicht beantworten kann oder eine schlechte Note bekommt?
■ Gibt es Cliquen, die sich gegen andere verbünden?
■ Gibt es bestimmte Schüler oder Cliquen, die den Ton angeben und andere herumkommandieren?
■ Werden manche Schüler regelmäßig von gemeinsamen Aktivitäten ausgeschlossen?
■ Gibt es Schüler, die sich weigern, mit bestimmten Mitschülern zusammenzuarbeiten?
■ Machen manche Schüler abwertende Gesten oder äffen andere Schüler nach?
■ Versuchen manche Schüler, gut dazustehen, indem sie andere schlecht machen?
■ Werden im Klassenchat oder in anderen sozialen Medien über manche Mitschüler gelästert oder Gerüchte verbreitet?
■ Werden heftige Schimpfwörter benutzt?

INTERVIEW: Sozialverhalten lernen

Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, ist Klinikdirektor des Zentrums für Psychosoziale Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

familie&co: Wenn sich eine Klasse in Grüppchen und Cliquen sortiert – welche Kinder sind am ehesten gefährdet, übrig zu bleiben?
Prof. Michael Schulte-Markwort: Zentral ist das Kontaktverhalten. Ein Kind, das in der Lage ist, andere Kinder für sich einzunehmen, wird auch keine Probleme haben, sich in eine neue Schulklasse einzufügen. Ein kontaktscheues oder ängstliches Kind dagegen, das gewissermaßen schon mit der Erwartung hineingeht, dass es ausgegrenzt wird, kann durch seinen Rückzug genau dies begünstigen.
Wenn die Ursache bestimmte Verhaltensweisen des Kindes sind – wo lässt sich die Grenze zwischen akzeptierter Selbstbehauptung einerseits und sozial unverträglichem Verhalten andererseits ziehen?
Gruppen stabilisieren sich nun einmal darüber, dass sie einen Außenseiter kreieren. Wenn die Klasse bestimmte Eigenheiten an diesem Kind wahrnimmt, die als anders gelten, nutzt sie es, um sich über diese Abgrenzung eine Identität zu verschaffen. Das muss noch nicht einmal etwas mit bestimmten Charaktereigenschaften des Außenseiters zu tun haben; es können auch ganz banale Äußerlichkeiten wie zum Beispiel rote Haare sein. Passieren kann das in allen Klassenstufen; es hat nicht so sehr etwas mit dem Alter zu tun, sondern vielmehr mit der Reife.
Wie können Eltern, die sich mit einer unguten Dynamik in der Klasse ihres Kindes konfrontiert sehen, zu einem objektiven Bild der Klassensituation kommen?
Speziell bei Mobbing und Ausgrenzung erzählen Kinder oft nichts. Man muss immer wieder das Gespräch suchen und sich auch umhören, wie andere Eltern und Mitschüler die Situation sehen. Man sollte sich als Eltern aber von vornherein davon verabschieden, dass man herauskriegt, wie es „wirklich“ in der Klasse zugeht. Bei 20 Kindern gibt es 20 Realitäten; man kann sich den tatsächlichen Verhältnissen deshalb nur annähern.
Was können Eltern tun, um die Selbstbehauptung ihres Kindes zu stärken?
Eine Möglichkeit ist soziales Kompetenztraining, das etwa in Form einer Gruppentherapie angeboten wird. Dabei üben Kinder, beispielsweise im Rollenspiel, sich zu behaupten, gleichzeitig aber auch nicht das Falsche an anderen wahrzunehmen.

Zählt der Notenschnitt mehr als das Kind?
Die Problematik steigert sich in der fünften und sechsten Klasse, wenn vieles zusammenkommt: der Übergang auf die weiterführende Schule, in vielen Fällen Leistungsdruck durch die Eltern, die beginnende Pubertät. „Neben dem Wissens-Lehrplan bräuchte die Schule auch einen Emotions-Lehrplan“, sagt Petermann. Den gibt es aber nicht, und so fällt es an die Eltern, ihr Kind zu befähigen, durch den Schulalltag zu navigieren.
Gute Schüler sind dabei im Vorteil: Sie haben mehr Zeit, sich mit den Entwicklungsanforderungen auseinanderzusetzen, die jenseits des Lehrstoffs auf sie warten. Machen die Eltern übermäßig Druck, weil die Noten nicht den Erwartungen entsprechen, laufen sie Gefahr, das eigentliche Ziel aus den Augen zu verlieren.
Was ist das Ziel? Doch wohl, das Kind zu einer selbstbewussten Persönlichkeit heranwachsen zu lassen. Petermann fasst die Intention so zusammen: „Dazu gehört, sich durchzusetzen, aber auch zu kooperieren, sich einzufühlen, Mitleid zu haben und zu helfen, andererseits aber auch sagen zu können: Das lasse ich mir nicht gefallen!“

Eine harmonische Klasse zeichnet sich auch dadurch aus, dass alle Schüler die Eigenheiten der anderen akzeptieren


Positives Selbstbild durch Fairness und Kooperation
Die Fähigkeit, sich adäquat abzugrenzen, schließt Fairness und Kooperation nicht aus. Genau daraus erwachsen ein positives Selbstbild, und daraus wiederum Freundschaften. Dieser Lernprozess verbraucht verschiedene Ressourcen, ist aber wichtiger als die Frage, ob es eine Drei oder Vier in Mathe wird.
Kann sein, dass die guten Noten später kommen – zumindest steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die schulische Leistung stabil gezeigt wird.

Emotionstraining als kleiner Schubs
Um die eigene Problemlösekompetenz zu stärken und sich in der Klasse zu behaupten, brauchen manche Kinder einen Schubs: Emotions-bzw. soziales Kompetenztraining, um in kleinen Gruppen und im Rollenspiel zu erlernen, die Emotionen anderer gut zu erkennen. Denn wer das kann, der hat auch kein Problem, mit den eigenen Emotionen umzugehen.
Manchmal hilft alles Emotionstraining nicht, um eine verfahrene Situation zu verändern. Prof. Schulte-Markwort warnt davor, zu früh aufzugeben: „Klassen- oder Schulwechsel sehe ich nur als Ultima Ratio.“ Das Risiko besteht, dass es durch den Wechsel nicht besser wird und Kinder zudem die Erfahrung einer persönlichen Niederlage, einen „Rucksack“ (Schulte-Markwort), mitnehmen. Das eigene Selbstbewusstsein zu stärken ist allemal besser, als den Störern des Klassenklimas nachzugeben.


FOTOS: MASTERFILE/CULTURA RM; GETTY IMAGES/BRAUNS; PRIVAT