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Familienbande


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 19/2019 vom 03.05.2019

Filme Das Superheldenepos »Avengers: Endgame« bricht gerade Kassenrekorde. Die Marvel Studios, inzwischen Tochter des Disney-Konzerns, haben die große Saga unserer Zeit geschaffen und werden auch das Kino der kommenden Jahre bestimmen.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 19/2019

Werbemotiv für »Avengers: Endgame«: Eine Art Band Aid der Superhelden, die nun ihr Abschiedskonzert geben


IMAGO

Nach der Schlacht, bei der die Erde einmal mehr mit großem Getöse und knapper Not gerettet werden konnte, wird einer der Helden zu Grabe getragen. Die Kamera gleitet an den Trauernden entlang, in einer langen, elegischen Bewegung. In der Geschichte des Kinos gab ...

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... es selten eine Einstellung, die so viele Stars vereinte.

Der Film »Avengers: Endgame«, der gerade Kassenrekorde bricht, versammelt sie in dieser Szene noch einmal, alle in Schwarz, alle gleich, ohne ihre Superheldenoutfits. Gwyneth Paltrow als Pepper Potts, Chris Hemsworth als Thor, Mark Ruffalo als Hulk, Chris Evans als Captain America, Jeremy Renner als Hawkeye, Brie Larson als Captain Marvel oder auch Michael Douglas als Hank Pym.

Doch diese Einstellung müsste eigentlich noch viel weitergehen, durch die Leinwand hindurch in die Wirklichkeit. Denn es kondolieren gerade viele Millionen Menschen, all die Fans, die seit Jahren in die Kinos strömen und nun mittrauern, dass eine der größten Filmreihen der Welt ein vorläufiges Ende gefunden hat. Die 22 von den Marvel Studios produzierten Filme geben ihren Fans das Gefühl, zur großartigsten Familie zu gehören, die man sich vorstellen kann.

Mehr als 1,2 Milliarden Dollar hat »End - game« am ersten Wochenende eingespielt, mehr als je ein Film zuvor. Es wird die erfolgreichste Produktion der Marvel Studios sein, die seit ihrem ersten »Iron Man«- Film 2008 rund 20 Milliarden Dollar eingenommen haben. Möglicherweise wird »Endgame« am Ende sogar James Camerons »Avatar« hinter sich lassen, den bislang größten Blockbuster aller Zeiten.

Für einige Marvel-Helden soll dieser Film der letzte sein. Manche von ihnen sterben, andere gehen in den Ruhestand. Das Ende einer Ära. Doch im Marvel-Universum ist das Ende nie das Ende. Sondern nur der Anfang einer neuen, noch erfolgreicheren »Phase«, wie Kevin Feige, 45, Chef der Marvel Studios, die jeweils nächste Etappe seiner Firma nennt.

Er ist ein freundlicher Mann, der einem im Interview ständig zeigt, wie schlau und witzig jemand sein kann, den man für den Ober-Nerd von Marvel hält. Feige verdankt seinen und den Erfolg seiner Firma, die seit 2009 Tochter des Disney-Konzerns ist, einer Mischung aus typisch amerikanischem Hasardeurkapitalismus und sozialistischer Planwirtschaft.

Nachdem der erste »Iron Man«-Film, für den er 140 Millionen Dollar verballert hatte, im Frühjahr 2008 erfolgreich angelaufen war, kündigte Feige sofort die nächsten Produktionen an und entwickelte das Konzept, Helden wie Hulk oder Thor, denen er zunächst einzelne Filme widmen wollte, regelmäßig als »Avengers« zusammen auf der Leinwand zu zeigen.

Drei solcher »Avengers«-Filme, in denen sich die Superhelden gegenseitig auf die Füße treten, gab es bislang. Der vierte, »Endgame«, soll nun der letzte sein. Eine Art Band Aid der Superhelden also, die sich zur Weltenrettung zusammengetan haben und nun ihr Abschiedskonzert geben. Oder doch nicht?


Nicht einmal Captain America teilt Donald Trumps »America First«-Ideologie.


Im vorletzten Film »Infinity War« zerfiel die halbe Menschheit zu Staub. In »Endgame« wird sie mithilfe einer Zeit - reise ins Leben zurückgeholt. Fleisch zu Staub, Staub zu Fleisch, das ist der Circle of Life im Marvel-Universum. Der Tod ist ein Vorruhestand, aus dem die Figuren zurückgeholt werden können, wenn die Welt oder Marvel sie braucht.

Als der 1939 gegründete Comicverlag Marvel, der Hefte mit Superhelden wie Captain America, Thor, Daredevil, Spider-Man oder Blade herausgebracht hatte, 2008 anfing, seine Stoffe selbst zu verfilmen, war dieser Erfolg nicht zu erahnen. Marvel hatte lange zuvor die Kinorechte an Comics wie »Spider-Man« oder »XMen « verkauft und wollte nicht länger zusehen, wie andere damit Geld verdienen.

Marvel-Chef Feige suchte sich für die erste Eigenproduktion einen Helden aus der zweiten Reihe aus, der bei den Fans weniger beliebt war als viele andere: Iron Man, den Milliardär Tony Stark, der einen Waffenkonzern besitzt und durch einen Reaktor in der eigenen Brust übermenschliche Kräfte entfaltet.

Hauptdarsteller Robert Downey Jr mach - te aus Stark einen coolen Helden, gab ihm Intelligenz, Witz und Selbstironie. Sein Iron Man wirkte abgeklärter als Batman, der über die Ermordung seiner Eltern nie hinwegkommt, oder als Spider-Man, der Teenager, der in der Pubertät stecken bleibt. Downey spielt auch weniger den Rächer, der sich um die Opfer kümmert, sondern vielmehr einen Mann, der halb auf der Täterseite steht.

In der Comicwelt, in der archaische Gefühle oft dominieren, ist Iron Man eine moderne Figur, ein Mann, der an den Fortschritt glaubt und die Technik nutzen will, um Tod und Gewalt einzudämmen. Doch er muss lernen, dass dies nicht funktioniert. Im zweiten »Avengers«-Film »Age of Ultron « erschafft er, um die Probleme der Welt zu lösen, eine künstliche Intelligenz. Doch die entwickelt einen Gotteskomplex und terrorisiert die Menschen.

Seit dem ersten »Iron Man«-Film, der in Afghanistan beginnt, zeichnet es die Marvel-Produktionen aus, dass sie oft mitten in die Wirklichkeit springen und aktuelle Debatten aufgreifen. Und dass sie feststellen, wie kompliziert alles ist und wie schwer zu bestimmen, wer gut ist und wer böse. Die Marvel-Filme wissen oft nicht so genau, wo der Feind steht.

Der Bösewicht in den letzten beiden »Avengers«-Filmen etwa will die Menschheit um die Hälfte reduzieren, weil er davon überzeugt ist, dass sie wegen der schwindenden Ressourcen nur so über - leben kann. Tatsächlich stellen sich Mil - lionen Menschen auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag die Frage, ob wir mit der Hälfte von uns nicht besser bedient wären.

In »Captain America: The Winter Soldier « lässt ein Industrieller eine Superdrohne bauen, um Terroristen auszuschalten. Gespielt wird er von Robert Redford, auf der Leinwand und im wirklichen Leben eine Ikone des liberalen Amerika. Doch im Film wird er zum Vertreter eines tota - litären Überwachungsstaats.

All diese Filme stehen quer zu Donald Trumps Weltsicht. Nicht einmal Captain America teilt Trumps »America First«-Ideo - logie. Oft führt die Suche der Helden nach den Bösewichtern zurück ins eigene Land.

»Avengers«-Helden: Der Erfolg zwingt Marvel zur Diversität


IMAGO

Siegreiche Schlachten
Einspielergebnisse der erfolgreichsten Marvel-Filme weltweit; in Mrd. Dollar

Quelle: www.boxofficemojo.com

Wenn man sich fragt, was Marvel so ungeheuer erfolgreich macht, dann ist es diese Vielschichtigkeit. Man kann diese Filme als Popcornvergnügen genießen und sich mit kindlicher Freude an witzigen Dialogen oder an rasanter Action erfreuen. Man muss nicht groß nachdenken. Aber auch wer nachdenkt, wird von diesen Filmen nur selten beleidigt.

»The Winter Soldier« funktioniert auch als Politthriller über den Krieg gegen den Terror oder als Hommage an das Paranoiakino der Siebzigerjahre. Alle Zuschauer sehen denselben Film, und doch kann jeder von ihnen darin etwas anderes finden. Geschickt bieten die Filme dem Publi kum einen popkulturellen Anspielungsreichtum an, der jedem Zuschauer das Gefühl gibt, mehr zu wissen als die anderen. Gerade am Erfolg der Filme in Deutschland zeigt sich, dass es gelungen ist, weit mehr als die Fans der Comics in die Kinos zu locken. Der erste »Iron Man«-Film fand in Deutschland insgesamt gut 800000 Zuschauer; »Endgame« sahen an den fünf Tagen mehr als zwei Millionen.

Der erste »Iron Man«-Film spielte noch deutlich mehr als die Hälfte seines weltweiten Box Office in den USA ein, bei »Infinity War« war es nur noch ein Drittel. Der Erfolg von Marvel ist ein globales Phänomen geworden, selbst in China brachte »Infinity War« fast 360 Millionen Dollar ein.

Als Marvel vor ein paar Jahren für die Rolle einer asiatischen Figur in dem Film »Dr. Strange« die Britin Tilda Swinton verpflichtete, gab es einen Aufschrei der Empörung. Nun plant das Studio einen Film über den chinesischen Superhelden Shang-Chi und sucht einen asiatischen Star und einen Regisseur mit asiatischen Wurzeln.

Der Erfolg zwingt Marvel zu Diversität. Am Ende von »Endgame« übergibt Captain America seinen Schutzschild an seinen schwarzen Mitstreiter. Eine politische Botschaft? Vielleicht. Eine ökonomische ist es auf jeden Fall. Der Film »Black Panther «, an dem fast nur schwarze Darsteller mitwirkten, nahm mehr Geld ein als der erfolgreichste Captain-America-Film.

Auch Inklusion war bei Marvel von Beginn an selbstverständlich, sind doch die Superhelden zugleich Menschen mit Behinderungen. Ihre Kräfte gehen meist mit Schwächen und Gebrechen einher, die immer wieder lebensbedrohlich werden. Das macht die Figuren menschlich.

Die Marvel-Filme sind zur großen Saga unserer Zeit und unserer globalisierten Welt geworden, weil sie das Gefühl, dass alles mit allem zusammenhängt und sich jeder mit jedem anfreunden oder verfeinden kann, in ihre Struktur aufnehmen – und dabei tatsächlich mit dem Umstand Ernst machen, die Weltbühne zu bespielen. Fragen nach Diversität, die innerhalb der westlichen Gesellschaften rasch in zwanghafte Streitereien über Identität abgleiten können, sind für das Großkunstwerk des Marvel-Figurenreichs Grundvoraussetzung: Wer überall in der Welt gesehen werden will, muss aussehen wie die Bewohner dieser Welt.

In den Filmen gibt es ein dichtes, filigranes Gewebe von Querverweisen zwischen den Figuren und ihren Geschichten. Hardcore-Fans können darüber ewig debattieren. Das Marvel-Universum ist ein riesiges Netz, das die Helden, ihre Gegenspieler und alle anderen Figuren durch Raum und Zeit hinweg verbindet. Und die Filme schaffen es, ihre Zuschauer so zu verstricken, dass sie sich als Teil dieser Familie fühlen.

Vor einigen Jahren machte der deutsche Verleih der Marvel-Produktionen den Filmkritikern ein schönes Geschenk und schickte ihnen einen prächtigen, 400 Seiten starken Bildband: »The Marvel Encyclopedia «. Darin werden die Helden des Marvel-Universums vorgestellt.

Da gibt es Balder the Brave oder Chemistro, Glob oder Hellstorm, Jocasta oder She-Thing. Wie? Kennen Sie nicht? Noch nie von ihnen gehört? Egal, Sie werden sie eines Tages zu sehen bekommen. Marvel ist eine Familie, die auch ihre sehr weit entfernten Verwandten nicht vergisst.

Die Botschaft des Buchgeschenks war unmissverständlich. Es sagte den Filmkritikern klar und deutlich: Was auch immer ihr schreibt, wenn ihr euch in vielen Jahren mit Rollator und klapperndem Gebiss ins Kino schiebt, werden wir immer noch Superheldenfilme drehen.

Video
Ausschnitte aus »Avengers: Endgame«

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