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Fantasymärchen mit Humor und Tiefe in Hanau


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 3/2018 vom 24.05.2018

Dornröschen« als Uraufführung der Brüder Grimm Festspiele


Artikelbild für den Artikel "Fantasymärchen mit Humor und Tiefe in Hanau" aus der Ausgabe 3/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Dornröschen (Sophia Euskirchen, ganz vorn) wohnt im Traum ihrer Tauffeier bei, bei der alle Geschenke bringen, worum Hofmarschall von Ziethen (Fabian Böhle, 5.v.l.) ausdrücklich bittet; (vorne v.l.): Meghana (Mirjam Wolf), Telora (Lisa Katharina Toh), Aurora (Joana Fee Würz), Königin Gloria (Lisa-Marie Sumner) und König Albrecht (Sascha Oliver Bauer)

Foto: Hendrik Nix

Die 34. Brüder Grimm Festspiele überraschen 2018 mit ihrer neuen Festspielbotschafterin Marie-Luise Marjan und einem Publikumspreis, der in Zusammen-arbeit mit dem Hanauer Anzeiger ...

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... vergeben wird. Die positive Resonanz, die sich auch in den hohen Zahlen des Kartenvorverkaufs ausdrückt, weist darauf hin, dass die professionelle Arbeit der letzten Jahre unter Intendant Frank-Lorenz Engel immer mehr Anerken-nung in ganz Deutschland findet. 2017 gelang mit der demnächst in München aufgeführten Produktion »Vom Fischer und seiner Frau« (Marc Schubring & Kevin Schroeder) ein großer Erfolg. Und auch in diesem Jahr konnten mit Marian Lux (Musik) und Wolfgang Aden-berg (Buch und Liedtexte) erfahrene Musicalautoren gewonnen werden, die ein »Dornröschen« auferweckt haben, welches im zweiten Akt noch mehr als im ersten Akt mit einer mit Augenzwinkern gepaarten Ernsthaf-tigkeit begeistert.

Wolfgang Adenberg hat einen Weg gefunden, Dorn-röschen (Sophia Euskirchen) selbst, obwohl es doch 100 Jahre schläft, zur Hauptfigur zu machen, indem er sie zur Heldin ihrer eigenen Träume erhebt. Ermöglicht durch die gute Fee Aurora, die in ihre Träume eindringt, erlebt Dornröschen ihre Verfluchung bei der Taufe, eine Kindheit unter dem Kontrollwahn ihrer Eltern, der es an Liebe fehlt (›Ich bin es leid‹) und schließlich ihren Versuch, aus dieser »Übergriffigkeit« auszubrechen, und die schwerwiegenden Folgen. Dadurch entwickelt sich die Märchenhandlung zu einer Mischung aus Tragi-komödie und Fantasyfilm.

Nicht nur die Titelfigur gewinnt an Tiefe, sondern auch die Eltern und weitere Personen erhalten mehr Profil: Der Fluch Selenas hat die vorher sich liebenden Königin Gloria (Lisa-Marie Sumner) und König Albrecht (Sascha Oliver Bauer) entzweit. Jeder der beiden gibt dem anderen die Schuld daran, dass die böse Fee Selena (Kerstin Ibald) aufgetaucht ist: Gloria macht ihren Mann verantwortlich, der sie nicht einladen wollte, und Albrecht seine Frau, weil sie Selena einst verärgert hat. ›Deine Schuld‹ ist ein emotionales, schwungvolles Duett zwischen Lisa-Marie Sumner und Sascha Oliver Bauer. Während Albrecht mit Gewalt gegen Selena vorgehen will, drängt Gloria auf Versöhnung. Die Leidtragende ist Dornröschen. Albrecht baut, wie er glaubt, eine enge Verbindung zu seiner Tochter auf und lässt sie nicht aus den Augen. Für ihn bleibt sie auch sein Kind, als er sie an einen Mann zu verlieren droht: ›Soll das vorbei sein?‹ Wie egoistisch Albrechts Liebe ist, zeigt sich da-ran, dass er sie lieber schlafen sehen will, als sie ziehen zu lassen. Bei Mutter Gloria hingegen führt die Angst um ihr Kind zur Strenge, sodass sich das Mädchen von der Mutter ungeliebt fühlt. Als das ständige, vergebliche Ausrücken der Armee gegen die Zauberin zum Verlust des Vermögens führt, verpflichten sich die Eltern, Dorn-röschen zu ihrem 17. Geburtstag Prinz Alexander zur Ehefrau zu geben, dessen Vater die Pleite des Königrei-ches abwenden soll. ›Auf keinen Fall‹: Sowohl Dornrös-chen als auch Prinz Alexander (Kurosch Abbasi) lehnen die Verbindung ab. Jeder glaubt vom jeweils anderen, dass er verwöhnt und nur auf Äußerlichkeiten bedacht ist. Beide müssen feststellen, dass die Realität eine ganz andere ist: Er entpuppt sich als humorvoll und selbstlos (›Ich gebe alles auf für dich‹) und sie ist so erfrischend anders als eine Modepuppe. Sophia Euskirchen gelingt eine erfolgreiche Gratwanderung zwischen authenti-schem Spiel und herrlich komödiantisch-überdrehten Momenten, die sie mit ausdrucksvoller Mimik unter-streicht. Zu ihrer eigenen Überraschung fühlen sich Prinz und Prinzessin daher zueinander hingezogen: ›Es kann so schnell gehen‹. Obwohl es auch im Stück schnell geht, wirkt das Ganze mit dem unprätentiösen Text der schwungvollen Ballade und dem ebenso unge-künstelten Spiel von Sophia Euskirchen und Kurosch Abbasi glaubhaft und wenig kitschig. Zudem leitet der Schlussteil des Songs zu einer ernsten Betrachtung über: »Es kann so schnell gehen, dass die Welt um dich in Trümmer fällt«, singt die böse Fee Selena. So geschieht es den Bewohnern des Schlosses, die mit Dornröschen zusammen in einen hundertjährigen Schlaf versetzt wer-den, aus dem sie nur erwachen werden, wenn, auf den Tag genau nach 100 Jahren, Dornröschen ein Kuss der Liebe erweckt. Doch inzwischen hat Selena eine Schre-ckensherrschaft im Lande errichtet und jeden Prinzen getötet, der es gewagt hat, die Dornenhecke zu über-winden – mit Ausnahme von Prinz Alexander. In einem humorvollen Spiel der Traditionen (»Siegfriedsage« und »Harry Potter«) wurde diesem ein Zauberumhang zu-teil, der ihn unsichtbar und nahezu unverletzlich macht. Dank der Hilfe von Aurora fällt nachträglich auch Ale-xander in Schlaf, um zum rechten Moment sein Dorn-röschen wachküssen zu können. Doch vor dem Happy End liegt noch ein temporeicher – wie es der zweite Akt insgesamt ist –, spannender Fantasycountdown, in dem Edmund (mit bewegender Darstellung, ausdrucksvol-ler Körperlichkeit und guter Gesangsstimme: Markus Fetter) eine Schlüsselrolle spielt. Dabei wird auch of-fenbart, weshalb Selena das Königspaar und ihr Dorn-röschen so sehr hasst und verletzen will. Ähnlich wie in Disneys »Maleficent« oder durch die Geschichte der grünen Hexe in »Wicked« wird das Handeln der bösen Fee Selena verständlich (›Verrat‹). Kerstin Ibald lässt von Anfang an in ihrem Spiel und Gesang eine Verzweiflung spürbar werden, die dem Hass zugrunde liegt (›Mondlo-se Nacht‹). Der komödiantische Gegenpart zur großen Liebesgeschichte von Dornröschen und Alexander und dem Schicksal der armen bösen Fee bildet Alexanders Diener Roderich. Dieser ist hinreißend besetzt mit An-dré Haedicke, welcher alle Register zieht und für zahl-reiche Lacher sorgt mit seiner Darstellung des verfresse-nen, verwöhnten Freundes seines Herrn, der im Schloss eine Liebe-geht-durch-den-Magen-Beziehung zu Küchen-magd Greta (Lisa Katharina Toh überzeugt im Rahmen der eher blassen Rolle) entwickelt. Insgesamt begeistert das gesamte Ensemble mit guten Stimmen, die auch klar verständlich ankommen.

Prinz Alexander (Kurosch Abbasi) betet darum, dass sein Dornröschen (Sophia Euskirchen, liegend) endlich erwacht


Foto: Hendrik Nix

Ein neues Leben‹ – Im Wachtraum erlebt Dornröschen (Sophia Euskirchen, hinten) die Freude über ihre Geburt (vorne v.l.): André Haedicke, Greta (Lisa Katharina Toh), Andreas Nützl und Mirjam Wolf


Der unglückliche Diener Edmund (Markus Fetter, r.) wagt, um Gnade für Dornröschen zu bitten, was ihn seine Herrin Selena (Kerstin Ibald, Mitte mit Ensemble) büßen lässt


Dornröschen (Sophia Euskirchen) sieht zum ersten Mal Spinnräder – mit folgenschwerer WirkungFoto: Cettina Colantoni


Roderich (André Haedicke), der sich Luxus und gutes Essen wünscht, und Prinz Alexander (Kurosch Abbasi), dem das nicht wichtig ist, auf der Reise zum Schloss


Fotos (3): Hendrik Nix

Du wachst nie mehr auf‹ – Verzweifelter Hass quält Fee Selena (Kerstin Ibald) seit damals


Foto: Cettina Colantoni

Unterstrichen und durchdrungen wird dieses fri-sche »Dornröschen« durch Marian Lux’ filmische Un-derscore-Musik, die angereichert ist mit romantischen Balladen: dramatisch für Selena, swingend und schwe-bend für die entstehende Liebe zwischen Dornröschen und ihrem Prinzen. Ein besonderes Highlight ist ›Ver-rat‹, nach ›Wer kann schon ohne Liebe sein‹ aus »3 Mus-ketiere« endlich mal wieder ein starkes Damen-Terzett, auch dank der guten Stimmen von Kerstin Ibald, Joana Fee Würz und Lisa-Marie Sumner in den Rollen von Selena, Aurora und Gloria. Dazu kommen moderne Pop-Rock-Ensemblenummern eher spielerisch-komö-diantischer Natur, die Choreograph Bart De Clercq Anlass für ebensolche Tanznummern bieten – ob als Tanz mit Tellern und rosa Plüscheinhörnern bei der Ge-burtsfeier, als südamerikanisch angehauchte ›Segen und Flüche‹-Nummer der Feen oder in Gestalt der skurrilen Geburtstagspyramide in ›Hundertsiebzehn

Ausreichend Raum dafür bietet das Bühnenbild von Tobias Schunck: Eine scherenschnittartige Kulisse in Gestalt eines eleganten, kühlen, weißen Schlosses auf teils drehbarer Fläche bildet den Hintergrund. Davor liegt ein schmales Plateau, von dem zwei große Freitrep-pen an den Seiten abgehen, die sich nach vorne und zu den Seiten erweitern. Die Tücher und Netze bilden das Spiel, die in der Beleuchtung von Steven Stratford und Oliver Ehmes sowohl romantisches Rosendekor abbil-den, als auch Dornenhecken beschwören, die wie Spin-nennetze den Bau überziehen, nachdem die in grünem Nebel erscheinende Selena ihre Schreckensherrschaft er-richtet hat, während die wahren Herrscher des Schlosses im 100-jährigen Schlaf Dornröschens auf einer anderen Zeitebene gefangen sind

Kostümbildnerin Ulla Röhrs hebt Dornröschen als trotzigen Teenager von 17 Jahren mit einem kurzen Rosenkleidchen und den für heute typischen Converse-Schuhen von der Hofgesellschaft ab, deren Kleidung, einschließlich Königspaar, auch noch aus dem vorigen Jahrhundert stammen könnten. Das Auftreten der gu-ten Fee Aurora, welches vom Charakter stark an die wei-ße Hexe Glinda (»Wicked«), insbesondere in der über-drehten Szene ›Popular‹, erinnert, unterstreicht Röhrs wirkungsvoll mit derem schwingenden Feenballkleid. Im Kontrast dazu stehen Selenas beeindruckende Kos-tüme, deren scharfe Drachenzacken auf Umhang und Krone Assoziationen an die böse Königin von »Schnee-wittchen« bzw. Filme wie »Snow White and the Hunts-man« oder »Frozen – Die Eiskönigin« wecken.

Marian Lux’ Kompositionen wurden von dem mu-sikalischen Leiter Markus Syperek orchestriert und ar-rangiert für eine schwungvoll aufspielende 5-köpfige Live-Band (Piano: Markus Syperek / Marian Lux, Cello: Tobias Schneider, Gitarre: Kai Picker, Bass: Stefan Kreu-scher, Schlagzeug: Thomas Elsner), die mit ihrem Live-Sound in diesem Jahr zum zweiten Mal das Festspiel-erlebnis krönt. Das aufgeweckte Hanauer »Dornröschen« ist mehr als einen Besuch wert und dürfte Jung und Alt begeistern.

Mit einem Albtraum beginnt Akt 2: »Bald ist Schluss mit dir« – Dornröschen (Sophia Euskirchen) träumt ihren 117. Geburtstag mit allen Eingeschlafenen (v.l.): Königin Gloria (Lisa-Marie Sum-ner, 2.v.l.), Roderich (André Haedicke), Prinz Alexander (Kurosch Abbasi), Greta (Lisa Katharina Toh) und Ensemble


Foto: Hendrik Nix