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FARBE


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 19.11.2021

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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 12/2021

DIE FARBEN EINES VULKANS sind so intensiv, dass man sie fast fühlen kann. Die heißeste Lava des Vulkans Fagradalsfjall auf Island, etwa 30 Kilometer von der Hauptstadt Reykjavík entfernt, leuchtet weißlich gelb. Sie kühlt zu Orange, Rot und schließlich Mitternachtsschwarz ab. Es sind Phänomene von expressiver Farbenpracht, die der Fotograf Stephen Wilkes in seinem Bild von der Eruption festhält. Es zeigt den Übergang der Landschaft vom Tag in die Nacht in einer einzigen Aufnahme. Wilkes erzeugte den Effekt, indem er 70 der 1123 Fotos kompilierte, die er binnen 21 Stunden von ein und derselben Stelle aus aufgenommen hatte. Die Komposition beginnt rechts unten mit einem Foto, das um 13.54 Uhr entstand, und verläuft diagonal nach links oben. Dabei hat Wilkes seine Lieblingsmomente zusammengefügt. „Ich erschaffe in vielerlei Hinsicht meine Erinnerung neu“, sagt er.

Der Weg zum Bild verlief rasant. ...

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... Nach einem Nachtflug nach Island, einem Coronatest und einem schnellen Mittagessen suchte Wilkes per Hubschrauber nach dem besten Standort. Seine Wahl fiel auf einen steilen Hügel östlich des Fagradalsfjall; von dort aus sollte die untergehende Sonne genau auf den feurigen Vulkangipfel treffen. Windgeschwindigkeiten von 70 Stundenkilometern quälten Wilkes und sein Team, während sie Pfosten in den Boden trieben, um das Stativ zu befestigen. Dann hielt Wilkes die sich ständig verändernde Szene fest. Er stand den ganzen Tag und die ganze Nacht auf dem felsigen Hang – doch müde Beine und eisige Finger lenkten ihn nicht von dem vulkanischen Lichtspektakel ab. Als die Sonne sich dem Horizont näherte, sah Wilkes mit Sorge, dass der Vulkan sich beruhigte. Plötzlich erwachte er wieder zum Leben, und ihm gelang das ersehnte Bild. Als er die sich vertiefenden Farben des Sonnenuntergangs über der goldenen Lava des Vulkans sah – Kräfte, die die Oberfläche unseres Planeten seit seiner Entstehung geformt haben –, habe er eine fast spirituelle Verbindung verspürt: „So hat alles begonnen.“

Die National Geographic Society setzt sich dafür ein, die Wunder unserer Welt zu zeigen und zu schützen. Seit 2017 unterstützt sie die Arbeit von NATIONAL- GEOGRAPHIC-Explorer Stephen Wilkes über die Welt der Natur.

VULKANAUSBRÜCHE SCHAFFEN EINE LEERE LEINWAND FÜR DAS LEBEN MIT ALLEN SEINEN SCHATTIERUNGEN.

ALS IM VERGANGENEN April der Wind Hagel beinahe waagrecht über die felsige Landschaft Islands peitschte, kehrte Solange Duhamel ihm den Rücken zu. Sie schützte ihr Gesicht vor den Körnern. Und doch bewunderte sie die Szenerie. Ein Strom glühender Lava ergoss sich aus dem Krater des nahe gelegenen Vulkans Fagradalsfjall, der seit Wochen aktiv war und das Tal, in dem Duhamel stand, mit tiefschwarzem Gestein fast aufgefüllt hatte. Traf der Hagel auf die brodelnde Oberfläche des Lavafelds, verdampfte das Wasser augenblicklich und stieg in Nebelschwaden auf.

Duhamel, Molekular- und Zellbiologin an der University of Arizona, wollte hier untersuchen, wie neues Land entsteht. Für viele Menschen sind Vulkanausbrüche Ereignisse, die Tod und Zerstörung bringen. Die Eruptionen erschaffen jedoch eine leere Leinwand, auf der der bunte Regenbogen des Lebens seine Farben hinterlassen kann. Vulkane haben mehr als 80 Prozent des Gesteins auf der heutigen Erdoberfläche erzeugt, sowohl über als auch unter Wasser. Dabei wurden Krater ausgesprengt, Berge, Inseln und Hochebenen geschaffen. Eruptionen bringen Nährstoffe aus dem Inneren der Erde nach oben und verteilen sie in Form von Gestein und Asche, die sich in fruchtbare Böden verwandeln. Wind, Wasser und Mikroben setzen die Nährstoffe frei. Und so verwandelt sich die Vulkanlandschaft mit ihren Grautönen in eine Gegend mit rostroten und senfgelben Böden, auf denen schon bald üppiges Grün explodiert.

Ein farblich dezenterer Regenbogen entsteht unter den vulkanischen Oberflächen. Dort bieten unterirdische Hohlräume Nischen, in denen Mikroben gedeihen können. Möglicherweise ernähren sie sich auch von organischen Stoffen, die von oben nach unten sickern. Manche sind schon mit bloßem Auge zu sehen. Wenn ultraviolettes Licht auf die Höhlenwände trifft, kommt eine ganze mikrobielle Galaxie zum Vorschein.

DAS HEFTIGE ERWACHEN des Fagradalsfjall am 19. März bot Duhamel eine einmalige Gelegenheit, einen der frühesten Schritte bei der Umwandlung der Lava zu untersuchen: die mikrobielle Besiedlung der erkalteten Oberfläche. Zunächst ist abgekühltes Lavagestein steril, die Temperaturen von mehr als 1100 Grad sind viel zu hoch für irgendeine Art von Leben. Duhamel und ihre Kollegen sammelten wöchentlich Proben an der Oberfläche, um herauszufinden, was sich dort zu welchem Zeitpunkt entwickelt. „Es ist ziemlich selten, dass man einen Vulkanausbruch von Anfang an untersuchen kann“, sagt sie.

Auch in abgekühltem Zustand bleibt frisches Lavagestein eher lebensfeindlich. Asche und Gestein sind reich an Magnesium, Eisen, Kalzium und Kalium, doch sind diese nicht ohne Weiteres zugänglich. Viele Zutaten des Lebens wie Stickstoff sind ebenfalls knapp, sodass die Mikroben einfallsreich sein müssen. Zu den Pionieren könnten Mikroorganismen gehören, die Stickstoff aus der Luft verbrauchen und umwandeln, sodass er für andere Organismen nutzbar wird. Sie bereiten das Feld für spätere Ankömmlinge.

In der Zwischenzeit beginnen Gestein und Asche langsam zu zerfallen. Wind und Wasser sind zum Teil für die physikalischen und chemischen Veränderungen verantwortlich. Aber auch einige Mikroben können die Metalle im Gestein umwandeln, sie sind in vielerlei Hinsicht die Maler auf der Leinwand.

Der Schlüssel zu dieser farbenfrohen Verwandlung ist der schnelle Zerfall von vulkanischem Glas, das sich beim Abkühlen der Lava aus Asche und Teilen des Gesteins bildet. Die Geschwindigkeit, mit der sich vulkanische Böden bilden, und der Farbton, den sie annehmen, hängen aber auch von Temperatur, Wassergehalt, Vegetation und weiteren Faktoren ab. Rote Böden gibt es häufig dort, wo das Land trocken und spärlich bewachsen, das Gestein eisenhaltig ist. In kühlen, feuchten Umgebungen mit vielen Pflanzen färbt ein Überschuss an organischem Material die Böden gelb oder braun.

Als Erstes erscheinen Flechten, mit gesprenkelten Blättern und Rüschen in staubigem Grün, leuchtendem Orange und Senfgelb. Sie überleben in einem rauen Umfeld, in dem Pflanzen oft versagen. Ihre winzigen, wurzelartigen Strukturen erzeugen Säure, die das Gestein zersetzt und so für komplexere Lebensformen vorbereitet.

VULKANAUSBRÜCHE liefern auch die Leinwand für das Leben unter der Erde. Basalt ist arm an Silizium und dadurch recht flüssig, wie am Fagradalsfjall zu sehen ist. Während das geschmolzene Gestein wie ein Fluss herabströmt, können die oberen Schichten abkühlen und eine dicke Kruste bilden, die den darunterliegenden Strom isoliert. Wird der Strom jedoch umgeleitet oder endet die Eruption, verbleibt eine Lavaröhre. In einigen Röhren breiten sich Kolonien von Actinobakterien in wasserabweisenden, goldfarbenen Biofilmen aus. Andere Mikroben scheinen zusammen mit winzigen weißen Zweigen von „Höhlenkorallen“ oder gelbbraunen Polypen zu wachsen. UV-Licht bringt noch mehr von dieser Vielfalt zum Vorschein, in blauen, orangen und grünen Neontönen.

Diese schillernden Farben bilden das Zusammenspiel von Geologie und Leben ab, das unseren Planeten geformt hat und weiter formt. Manche Szenerien wirken wie nicht von dieser Welt. Tatsächlich könnte ihre Erforschung Wissenschaftlern bei ihrer Suche nach außerirdischem Leben in anderen Welten helfen.

Maya Wei-Haas ist Wissenschaftsredakteurin bei NATIONAL GEOGRAPHIC.