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FASCHISMUS: BRUTALE FREUND SCHAFT


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 28.05.2019

HITLER und die italienischen Faschisten unterBENITO MUSSOLINI beschworen 1936 eine »Achse« zwischen Rom und Berlin. Harmonie herrschte aber nur kurz zwischen den totalitären Staaten.


Deutschlands oberster Nazi verbeugte sich bereits in seinen politischen Anfängen vor einem Ausländer. In seinem Buch »Mein Kampf« bekundete Adolf Hitler schon 1924 seine »tiefste Bewunderung für den großen Mann südlich der Alpen«. An Benito Mussolini gefalle ihm, so Hitler, dass der »mit dem inneren Feinde Italiens nicht paktierte, sondern ihre Vernichtung auf allen Wegen und mit allen Mitteln erstrebte.«

Um von Mussolini ...

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... zu lernen, entsandte der »Führer« Ende Mai 1933 seinen treuesten Kampfgefährten nach Italien. Joseph Goebbels, zwei Monate zuvor zum »Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda« ernannt, reiste nach Rom. Dort empfing ihn Mussolini.

»Studium des Faschismus«, so beschrieb Goebbels die Aufgabe in seinem Tagebuch. Dazu passte auch die gönnerhafte Bemerkung des 49-jährigen Mussolini gegenüber dem 35-jährigen Gast: »Ihr seid auf dem richtigen Weg.« Goebbels, Europas jüngster Minister, war gerührt von der »überschwänglichen Gastfreundschaft«. Er notierte in sein Tagebuch: »Ich habe einen ganz großen Mann kennengelernt.«

Was begann wie eine stürmische politische Liebesaffäre, wurde zur wohl dramatischsten Episode in den Beziehungen beider Länder. Die Ära des Nationalsozialismus und des Faschismus unter Mussolini war eine Zeit der Illusionen, der Enttäuschungen und des Schreckens. Beide Regime präsentierten sich als Inbegriff des sozialen Fortschritts. Doch sie brachten finsteren Terror und einen der grausamsten Kriege der Menschheitsgeschichte.

Dabei waren die Diktaturen Hitlers und Mussolinis, oft unter dem Begriff des Faschismus subsumiert, in ihren politischen Zielen wie in ihrem Vorgehen durchaus gegensätzlich. Die daraus erwachsenden Konflikte zerrütteten ihr Verhältnis, von dem sich anfangs beide Seiten viel erhofft hatten.

So durchzog einen Vortrag, den Propagandaminister Goebbels nach der Reise vor Parteigenossen 1933 hielt, eine geradezu euphorische Stimmung. In der Rede über den »Faschismus und seine praktischen Ergebnisse« hieß es, die italienischen Faschisten hätten »das falsche Humanitätsideal der liberalen Demokratie vernichtet«. Mussolini habe den Liberalismus ersetzt »durch eine neue Art des Denkens, eine Art von stählerner, eiserner, männlicher, heroischer Romantik«. Mussolini, schwärmte Goebbels, sei »ein preußischer Römer«. Den Faschismus stufte der NS-Propagandist als »die typisch italienische Form« einer »neuen Haltung« ein, so wie »der Nationalsozialismus die typisch deutsche« sei.

Diese Sicht prägte anfangs das Bild der Nationalsozialisten vom italienischen Faschismus. In den ersten Jahren nach der »Machtergreifung« kupferten die Nazis immer wieder beim Partito Nazionale Fascista ab. So war die NS-Gemeinschaft »Kraft durch Freude«, die preiswerte Freizeitgestaltung für Werktätige organisierte, inspiriert vom faschistischen Freizeitwerk Opera Nazionale Dopolavoro.

Hitler und Mussolini am 9. Mai 1938 bei einem gemeinsamen Besuch in Florenz


Ciano als Pressechef in seinem Amtszimmer 1934.


Bald aber empfanden die Nazis mit ihrer mächtigen Massenorganisation »Deutsche Arbeitsfront« die italienischen Partner »als unterentwickelt und statisch«, so die Historikerin Daniela Liebscher. Die Deutschen organisierten mit »Berufswettkämpfen « und »Musterbetrieben« das Werben um Werktätige weit wirkungsvoller als die Faschisten.

Auch im Verhältnis der Partei zum Staat zeigten sich gravierende Unterschiede zwischen der NSDAP und den italienischen Kameraden. Mussolini dozierte: »Angelpunkt der faschistischen Doktrin ist die Idee des Staates.« Aus Sicht des Faschismus, so Mussolini, sei »der Staat ein Absolutum«. Es sei »für den Faschismus alles im Staate beschlossen«.

Hitler hingegen hatte in »Mein Kampf« verkündet: »Der Staat ist ein Mittel zum Zweck.« Seine »höchste Aufgabe« sei »die Erhaltung und Steigerung der Rasse«.

Daraus ergab sich für die Nazis, dass der Staat sich der Partei unterwerfen sollte, um zum Instrument einer völkischen Bewegung zu werden. Die Faschisten in Italien hingegen ordneten die Partei dem Staat unter. Dabei machten sie mehr Kompromisse gegenüber den alten Eliten, dem Königshaus und der katholischen Kirche als die Nationalsozialisten gegenüber den als »reaktionär« verpönten Oberschichten.

Auch in ihren Rassendoktrinen unterschieden sich beide Diktaturen. Die Nazis entließen schon 1933 alle Juden aus dem Staatsdienst, mit den »Nürnberger Gesetzen« von 1935 erreichte der staatliche Antisemitismus einen ersten Höhepunkt. Die italienischen Faschisten verkündeten erst im Juli 1938 ein rassis -tisches Programm, das »Rassenmanifest«. Darin hieß es: »Die Juden gehören nicht zur italienischen Rasse.« Doch im September 1938 verkündete Mussolini einschränkend, »dass Juden, die italienische Staatsbürger sind, sofern sie unbestreitbare militärische oder staatsbürgerliche Verdienste gegenüber Italien und dem Regime haben, Verständnis und Gerechtigkeit finden«.

Die Faschisten beschlossen im November ein Gesetz zum »Schutz der italienischen Rasse«. Demnach durften Juden nicht mehr im Militär dienen, sie mussten den öffentlichen Dienst verlassen – und ebenso die faschistische Partei. Denn auch Juden waren der faschistischen Partei beigetreten, teils, zu Beginn, aus Begeisterung, teils um vor Anfeindungen geschützt zu sein. Die NSDAP hingegen hatte Juden grundsätzlich den Beitritt verboten.

Italien war unter Mussolini zwar ein faschistischer Staat, aber er ließ manche Hintertür offen. Dies sorgte bei den Nazis immer wieder für Missstimmung. Zudem entwickelte sich hinter der Freundschafts-Fassade zunehmend eine geopolitische Rivalität zwischen beiden Regimen.

In Österreich unterstützte Mussolini das klerikal-autoritäre Regime von Engelbert Dollfuß. Der sollte Deutschlands Einfluss begrenzen. Doch österreichische Nazis brachten Dollfuß im Juli 1934 bei einem Putschversuch um, mit Wissen Hitlers. Der »Juli -putsch« war ein erstes Beispiel der sich nun entwickelnden »brutalen Freundschaft«, wie der britische Historiker Frederick William Deakin den brüchigen Diktatorenbund nannte.

Mussolini unterstützte auch das Regime des Dollfuß-Nachfolgers Kurt Schuschnigg. Dennoch näherten sich ab 1935 Nazis und Faschisten außenpolitisch an. Mussolini träumte von einer Neuauflage des Imperium Romanum. Deshalb ließ er im Oktober 1935 Abessinien, das heutige Äthiopien, überfallen. Im Mai 1936 annektierte er das afrikanische Land. Die Folge waren Wirtschaftssanktionen der westlichen Demokratien im Völkerbund, dem Vorläufer der Vereinten Nationen. Das NS-Regime, das Ende 1933 aus dem Völkerbund ausgetreten war, widersetzte sich dem Boykott.

Ciano (l.) begleitet Österreichs Kanzler Engelbert Dollfuß (M.) und Mussolini am Strand von Rimini.


Das Bündnis zwischen Deutschland und Italien vom 22. Mai 1939, unterzeichnet von den Außenministern Joachim von Ribbentrop und Galeazzo Ciano – links deutschsprachig, rechts auf Italienisch.


»DIE DEUTSCHEN HABEN UNS GELIEBT, OHNE UNS ZU ACHTEN.«


Ein erstes Rendezvous der beiden radikalen Nationalisten Hitler und Mussolini hatte im Juni 1934 in Venedig stattgefunden, atmosphärisch aufgelockert mit einem Konzert aus Werken Wagners und Verdis im Hof des Dogenpalasts.

Politisch näher kamen sich Nazis und Faschisten auch bei der Hilfe für die Putschisten von General Franco im Spanischen Bürgerkrieg von Sommer 1936 an.

Der wortgewaltige Mussolini fand für den Bund der deutschen Braunhemden und italienischen Schwarzhemden einen klangvollen Begriff. Anfang November 1936 bekannte sich der »Duce« auf einer faschistischen Massenkundgebung in Mailand zur »Achse Berlin–Rom«. Diese »Achse« wurde bald zu einem geflügelten Wort in der Propaganda der Nazis und der Faschisten. Der Begriff symbolisierte Stärke, Beweglichkeit und eine Dynamik der Völkerfreundschaft.

Wie wirksam dieses Vorgehen war, zeigte sich am 28. September 1937 in Berlin auf dem Maifeld. Da traten die beiden Diktatoren vor Hunderttausenden Deutschen auf. Hitler, von Mussolini zuvor zum »Ehrenkorporal der Faschistischen Miliz« ernannt, beschwor vor begeistertem Publikum die »Gemeinsamkeit der faschistischen und der nationalsozialistischen Revolution«. Der »tiefste Sinn dieser Völkerkund -gebung«, so Hitler, sei es, den »Frieden zu garantieren«.

In diese Kerbe schlug auch Mussolini mit einer Rede auf Deutsch: »Wir, Nationalsozialisten und Faschisten, wollen den Frieden und werden immer bereit sein, für den Frieden zu arbeiten.« Der »Duce« prophezeite: »Das Europa von Morgen wird faschistisch sein.« Trotz strömenden Regens waren die Massen begeistert. Viele im Publikum hatten noch den Ersten Weltkrieg erlebt, in dem Deutsche und Italiener gegeneinander gekämpft hatten. Sie hielten die proklamierte Freundschaft wohl tatsächlich für die Liebesbeziehung, als die sie inszeniert wurde.

Wie brüchig die »Achse« aber von Anfang an war, zeigt eine Notiz des Mussolini-Schwiegersohns und Außenministers Galeazzo Ciano in seinem Tagebuch kurz nach der Großkundgebung: »Wird die Solidarität der Regime genügen, zwei Völker wirklich vereint zu halten, die nach Rasse und Kultur, Religion und Neigungen an entgegengesetzten Polen stehen?«

Im Jahr darauf wuchsen Cianos Bedenken noch. Im Februar 1938, Hitler ging daran, sich Österreich einzuverleiben, warnte Ciano den italienischen Botschafter in London davor, dass »Großdeutschland mit dem wachsenden Gewicht 70 Millionen auf unseren Grenzen lastet«. Im Oktober notierte Ciano nach einem Gespräch mit NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop, dieser habe »sich die Idee des Krieges in den Kopf gesetzt, er will den Krieg, seinen Krieg«.

Und im November 1938 klang der Tagebucheintrag wie die Zwischenbilanz einer schwer kriselnden Ehe: »Die Deutschen haben uns geliebt, ohne uns zu achten. Wir haben sie geachtet, ohne sie zu lieben.«

Cianos Zweifel gingen bald darauf in herbe Enttäuschung über. Als die Nazis im März 1939 in Prag einmarschierten und damit die Tschechoslowakei zerschlugen, schrieb Ciano in seinen Aufzeichnungen, Hitler sei »treulos und unzuverlässig, mit ihm kann keine Politik betrieben werden«.

Dennoch schloss Ciano im Auftrag des »Duce« mit Ribben -trop im Mai 1939 in Berlin ein Militärbündnis, genannt »Stahlpakt «. Indem sie Österreich »angeschlossen« und die »Tschechei « im März in ein »Protektorat« verwandelt hatten, waren die Deutschen das Machtzentrum in Mitteleuropa geworden. Hitlers Reich zog die zögerlichen Italiener immer mehr als Satelliten in seine Umlaufbahn.

Das Zögern hatte der misstrauische Goebbels bemerkt. Am Tag nach der Paktunterzeichnung zweifelte er in seinem Tagebuch an der Festigkeit des Bundes: »Hoffentlich halten die Italiener ihn auch.«

Als Hitler den Überfall auf Polen vor -bereitete, notiert Ciano im August 1939, »dass es ein Wahnsinn wäre, jetzt einen Krieg zu entfesseln«. Die italienischen Kriegsvorbereitungen seien noch »ungenügend«. Trotzdem trat Italien im Juni 1940 in den Krieg ein, gegen das von den Deutschen schon fast besiegte Frankreich. Auch im Krieg gegen die Sowjetunion, den Deutschland am 22. Juni 1941 entfacht hatte, beteiligte sich seit Juli zunächst ein italienisches Expeditionskorps mit rund 62000 Mann.

Wie hilflos Mussolini angesichts der Dominanz der Deutschen war, zeigt ein Tagebucheintrag Cianos vom Oktober 1941. Der »Duce«, so Ciano, habe ihm gesagt, jeder Versuch, sich den Deutschen zu widersetzen, brächte Italien »in die wesentlich schlechtere Lage einer Kolonie«.

Ciano selbst verabscheute die Verbündeten inzwischen regelrecht, wie er in seinem Tagebuch schon im April 1940 bekannt hatte. Als in Rom ein deutscher Propagandafilm über den Sieg in Polen gezeigt wurde, schrieb er, das Publikum habe »zum Teil aus berufsmäßigen Germanophilen und zum Teil aus freiwilligen Zuhältern bestanden«.


GOEBBELS NANNTE MUSSOLINI EINEN MANN »OHNE GESCHICHTLICHES FORMAT«.


Die Beziehungskrise war nicht mehr zu leugnen. Am 26. März 1941 urteilte Goebbels: »Faschistische Korruption stinkt zum Himmel. Ciano hat den ganzen Verein versaut.« Ein halbes Jahr später notierte er, der Faschismus habe »seine Revolution nur auf halbem Felde durchgeführt«. Und im November 1942 kam er zu dem Fazit, der Faschismus sei »nicht in der Lage, mit den großen Gegenwartsaufgaben fertig zu werden«.

Nicht weniger desillusioniert war Ciano von den die Natio -nalsozialisten. Im Mai 1942 schrieb er in sein Tagebuch über den Krieg an der Ostfront, die »Brutalität der Deutschen« sei »jetzt zu einem beständigen Verbrechen ausgewachsen«. Hitlers Truppen betrieben in den besetzten sowjetischen Gebieten die »Massakrierung ganzer Bevölkerungsteile«. Goebbels wiederum verdächtigte im Februar 1943 die Italiener, bei ihnen habe sich »um Ciano eine Clique des Defaitismus gebildet«.

Tatsächlich suchte Ciano nach einem Ausstieg aus dem Krieg. Mit seiner Stimme stürzte der Faschistische Großrat am 24. Juli 1943 Mussolini, zwei Wochen nach Beginn der alliierten Landung auf Sizilien. Goebbels hämte in seinem Tagebuch: »Die harmlose Lebensfreude, die diese führenden Faschisten bis zur letzten Stunde zur Schau getragen haben, ist doch jetzt gewichen.«

Im August 1943 schrieb er, Hitler wolle künftig »auf den Faschismus keine besondere Rücksicht nehmen«. Selbst öffentlich ließ Goebbels seinem Ressentiments freien Lauf. Auf einer Kundgebung in Hannover sagte der Propagandaminister am 5. November 1943: »Ich kann mir nicht eine deutsche Frau vorstellen, die heute einen Italiener heiraten möchte. Und ich kann mir keinen deutschen Mann vorstellen, der heute eine Italienerin heiraten möchte.«

Mit der Absetzung Mussolinis war Italien zum Kriegsgegner geworden, deutsche Truppen besetzten weite Teile des Landes. Die politische Ehe zwischen den Nationalsozialisten und den italienischen Faschisten war ruiniert. Doch beide Seiten hielten sie aus Berechnung aufrecht. SS-Fallschirmjäger hatten am 12. September 1943 Mussolini aus der Haft auf dem Berg Gran Sasso in Mittelitalien befreit. Im von den Deutschen besetzten Norditalien durfte der »Duce« von Ende September an sein Regime errichten, die »Soziale Republik Italien«. Für diese politische Wiederauferstehung des »Duce« aber zeigte Goebbels wenig Respekt.

Die Nazis müssten »den Schein eines eigenen italienischen Regimes wahren«, schrieb er im Dezember 1943 in sein Tagebuch. Und fügte hinzu, »von einer Regeneration des Faschismus « könne »überhaupt keine Rede sein«.

Die Einschätzung, dass Mussolini gescheitert sei, teilte im selben Monat auch Ciano. In Zelle 27 des Gefängnisses von Verona wartete der von den Nationalsozialisten an die Faschisten ausgelieferte Ex-Außenminister auf seine Hinrichtung, wegen des »Verrats« am »Duce«.

Mussolini, so dessen langjähriger Gefolgsmann, sei von »Huren und Zuhältern« umrahmt. Und die Politik Berlins gegenüber Rom sei, so Ciano, »nichts als ein Netz von Betrügereien, Intrigen und Lügen« gewesen.

Die Polemik der betrogenen Betrüger setzte Goebbels 1943/44 in seinem Tagebuch fort. Der »Duce« habe »es nicht verstanden, den Faschismus zur tragenden Volksbewegung Italiens zu machen«, was zum »Verfall des faschistischen Staates « geführt habe, klagte er. Mussolini, so Goebbels, »lebe vollkommen neben den Tatsachen« und umgebe sich »mit einem heroischen Brimborium«, sei aber »kein Mann von wirklichem geschichtlichem Format«.

Die politische Verliebtheit von 1933 war in gegenseitigen Hass und Verachtung umgeschlagen. Dazu trug auch der Terror der deutschen Besatzer, vor allem der SS, und ihrer faschistischen Hilfstruppen im Norden Italiens bei. Etwa 24000 Italiener wurden zwischen 1943 und 1945 bei insgesamt 6000 Übergriffen von deutschen und faschistischen Soldaten getötet, zu diesem Ergebnis kam eine Historikerkommission 2012.

Der »Duce« war aus Sicht Goebbels’ nutzlos geworden. Mussolini sei »nur noch eine Puppe in den Händen seiner Umgebung«, notierte er 1944. Er werde »in der italienischen Öffentlichkeit schärfstens abgelehnt«. Der Faschismus, so Goebbels im November 1944, sei »eine überlebte Größe, und wir tun gut daran, ihn endgültig ad acta zu legen«.

Hitler selbst allerdings suchte noch im Untergang demonstrativ den Schulterschluss mit Mussolini. Am 21. April 1945, die sowjetische Artillerie begann auf Berlin zu feuern, dankte der »Führer« dem »Duce« für seine Glückwünsche zum Geburtstag. Er sandte Mussolini seine »herzlichsten Grüße« und beschwor den Endsieg: Durch »einzigartigen Heldenmut« lasse sich noch der »Verlauf des Krieges ändern«. Sieben Tage später war Mussolini tot, erschossen von Partisanen.

Auf makabre Weise hatte sich erfüllt, was Mussolini im September 1937 in Berlin gerufen hatte: Der Faschismus habe »seine Ethik«, die decke sich »mit meiner persönlichen Moral: klar und offen reden und, wenn man einen Freund hat, mit ihm zusammen bis ans Ende marschieren«.

Propagandaminister Joseph Goebbels (l. in hellem Anzug) mit seiner Gattin Magda 1936 auf der Piazza San Marco in Venedig.