Lesezeit ca. 4 Min.
arrow_back

Fashionszene in der DDR »WIE OSTLER WOLLTEN WIR NICHT AUSSEHEN«


Logo von Grazia
Grazia - epaper ⋅ Ausgabe 43/2022 vom 20.10.2022

LIFESTYLE

Artikelbild für den Artikel "Fashionszene in der DDR »WIE OSTLER WOLLTEN WIR NICHT AUSSEHEN«" aus der Ausgabe 43/2022 von Grazia. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Grazia, Ausgabe 43/2022

Aelrun Goette, früher Model, heute erfolgreiche Drehbuchautorin und Regisseurin (?Tatort?, ?Unter dem Eis?). Ihr aktueller Film ?In einem Land, das es nicht mehr gibt? ist ihr Herzensprojekt

SIE SEI NERVÖS, VERRÄT SIE LACHEND.ABER DAS SIEHT MAN IHR NICHT AN.Nur Stunden vor der Weltpremiere ihres wunderbaren Spielfilms „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ (aktuell im Kino) treffen wir Aelrun Goette (56) in einem Hamburger Luxushotel. 14 Jahre hat die Berlinerin an dem autobiografischen Stoff gearbeitet – und ist nun gespannt auf die Reaktionen: „Mal sehen, ob die Zuschauer die Story auch so großartig finden wie ich“, flachst sie selbstironisch. Vor der Wiedervereinigung arbeitete Goette als Model erfolgreich mit namhaften DDR-Fotografen und den Macherinnen der Frauenzeitschrift „Sibylle“ zusammen – und hat in Sachen Fashion einen gewaltigen Erfahrungsschatz…

Sie waren in den Achtzigern Covergirl des Modemagazins „Sibylle“, das als „Vogue“ der DDR galt. Wie fühlte sich das an?

Ich konnte nicht glauben, dass ich das bin! (lacht)InteressiertenSiesichdamalsfürMode?Ach, ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Grazia. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 43/2022 von GONNEN SIE SICH ETWAS SCHONES!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GONNEN SIE SICH ETWAS SCHONES!
Titelbild der Ausgabe 43/2022 von FASHION CHARTS. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FASHION CHARTS
Titelbild der Ausgabe 43/2022 von ECHT JETZT?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
ECHT JETZT?
Titelbild der Ausgabe 43/2022 von SAD and the City. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SAD and the City
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
GO FOR CARGO
Vorheriger Artikel
GO FOR CARGO
Auf den Spuren der »Women Warriors«
Nächster Artikel
Auf den Spuren der »Women Warriors«
Mehr Lesetipps

... Hauptsache, man trug die richtige Jeans. Wir wollten auf Teufel komm raus nicht so aussehen wie Ostler. Es ging um Abgrenzung. Zum Glück hatten wir Verwandte im Westen, die schickten uns ab und zu ihre abgelegten Sachen. Auf eine türkisfarbene Cordhose mit einer kleinen US-Flagge hinten drauf war ich besonders stolz. Aber in der Klasse musste ich mich deshalb an die Tafel stellen, umdrehen, und dann hieß es: Was ist falsch an Aelrun? „Aelrun macht Werbung für den Klassenfeind“, meldete sich ein Mitschüler. Ich bekam eine Schere in die Hand gedrückt und sollte die Flagge rausschneiden. Das wollte ich nicht – und wurde mit einem Tadel nach Hause geschickt.

WiehatmanSieentdeckt?

Ich wurde angesprochen, erst auf dem Alexanderplatz, kurz darauf in der S-Bahn. Beim ersten Mal habe ich das ignoriert, dachte, die spinnen. Aber beim zweiten Mal sagte ich mir, jetzt schaust du mal bei der „Sibylle“ vorbei. Das Heft kannte ich natürlich. Die Weltläufigkeit, dieses Elitäre, was ich dort erlebte, hat mich sehr beeindruckt.

DerModeljobkamIhnenganzgelegen,oder?

Ich durfte ja kein Abitur machen, auch weil die Polizei mich wegen des Aufnähers der Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ verhaftet hatte. Ich musste Krankenschwester lernen, um eine „reife sozialistische Persönlichkeit“ zu werden.

WiereagiertendieKolleginnen,alsSiealsMannequin,wieesdamalshieß,durchstarteten?

Im Krankenhaus Friedrichshain kam das nicht sehr gut an. Sie sorgten dafür, dass ich jeden Morgen die Scheißtöpfe schrubben musste, und versteckten vorher die Handschuhe. Irgendwann hatte ich keine Haut mehr auf den Händen. Das Gute: Das Institut für Arbeitsmedizin schrieb mich deshalb arbeitsunfähig, und dann erhielt ich eine Zulassung als staatlich geprüftes Mannequin.

Dass es in der DDR eine echte Modeszene gab, dürfte für die meisten neu sein. Konnten sich eigentlich viele Frauen ein Hochglanzmagazin wie „Sibylle“ leisten?

Der Preis war nicht das Problem. 200 000 Exemplare wurden gedruckt – und zwei Millionen Menschen lasen sie. Jede Ausgabe war also sofort vergriffen und wurde wahnsinnig oft weitergereicht. „Sibylle“-Abonnements wurden ja sogar nach dem Tod vererbt! (lacht)

ImFilmzeigenSieIhreHeldinSuziebeieinemModelcasting,dassichkaumvonderFleischbeschauunterscheidet,wiemansieheuteetwabeiHeidiKlumerlebt:MädcheninknappenBadeanzügenundHighHeelsmüssensichvonMännernbegutachtenlassen…

So was passiert immer wieder. Wenn ich in eine solche Situation geriet, habe ich immer ohne Nachzudenken laut reagiert, so nach dem Motto: Was soll das denn jetzt?! Etwas Traumatisches ist mir zum Glück nie passiert. Ich glaube, da hat mir mein Widerspruchsgeist geholfen. Schließlich hat man mir bereits in der achten Klasse bescheinigt, ich sei frech, zu selbstbewusst und würde mich zu wenig an die Regeln halten.

SieschilderndieOstberlinerModeszenealsNische,inderdieMenscheneinegewisseFreiheitundihrGlückfanden.

Ja, das war auch so. Da gab es solche Freiräume.

TrotzdemmusstesichauchdiesesillustreVölkchensystemkonformverhalten,oder?

Na ja, es war ein ständiger Balanceakt. Jeder musste sich letztendlich fragen, was es ihm wert ist, seinen Traum zu leben. Manche nahmen in Kauf, zumindest mit der Stasi Kontakt zu haben, auch wenn sie keine IMs waren. Manchmal ließ sich das auch nicht vermeiden, wenn es berufliche Westkontakte gab. All die dramatischen und verrückten Vorkommnisse meines Films sind so oder ganz ähnlich passiert, mir und anderen. Aber es ist natürlich Kino, zugespitzt und bigger than life, und die Menschen sind vielleicht ein bisschen schöner…

NurnichtderParteibonzeHorstSindermann.DempräsentiertderVEBExquisit,daseinzigeLuxuslabelderDDR,vorabseineEntwürfeinIhremFilmschautdergriesgrämigerausderWäschealsAnnaWintourinderFrontRow.

(lacht) Aber Sindermann und andere SED-Typen fanden es natürlich toll, sich die hübschen, elegant gekleideten Mädchen anzugucken. Ich bin überzeugt, die dachten, wir sehen auch im Alltag dermaßen schick aus, so groß war ihr Realitätsverlust!

SchauenIhreTöchter„Germany’sNextTopModel“immerhinwarihreMutterjaModel?

Nein. Die orientieren sich woanders, stehen auf Vintage. Auch bei ihnen ist Abgrenzung jetzt das Stichwort. Meine Große ist 19 und erinnert mich an mich selbst in dem Alter: Sie hat was Widerständlerisches und will trotzdem sexy sein. (lacht)

Interview: Kalle Schäfer