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Faszination Gehirn


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Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 30/2022 vom 11.02.2022

„HORSE BRAIN, HUMAN BRAIN“

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Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 30/2022

Die Signale des Menschen beeinflussen das Gehirn des Pferdes und umgekehrt. Dennoch sehen beide die Welt auf unterschiedliche Art und Weise und denken auch anders

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Ob im täglichen Umgang oder beim Training – wir erwarten oft ganz selbstverständlich, dass unsere Pferde die menschliche Welt und uns verstehen. Weltweit werden heutzutage etwa 60 Millionen Pferde gehalten. Alleine in Deutschland gibt es laut einer Studie der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) knapp drei Millionen aktive Reiter. Dabei finden ganz unterschiedliche Pferd-Reiter-Paare zusammen. Wer nun davon ausgeht, dass jeder Vierbeiner nahezu von Natur aus weiß, was ein Mensch denn gerade von ihm möchte, der setzt voraus, dass beide Spezies die Welt ähnlich sehen und ähnlich denken. Klar, beide besitzen ein Gehirn, und genau das beeinflusst auch den Erfolg der Beziehung. Das Denkorgan kontrolliert jedes Verhalten: vom Blinzeln bis zum Bocken. Wer mit ...

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... seinem Pferd ein gutes Team bilden möchte, sollte sich daher mit der Gehirnfunktion beschäftigen.

ERFAHRUNGEN VERÄNDERN DAS GEHIRN

Bestimmte überlebenswichtige Verhaltensweisen sind evolutionär bedingt beim Pferd genetisch fixiert. Sie können nicht verändert werden. Wenn Sie als Reiter diese Verhaltensweisen respektieren, können die Angst des Pferdes reduziert und die formbaren Bereiche seines Gehirns verändert beziehungsweise für das Training genutzt werden.

„Verknüpfungen im Gehirn entstehen durch tägliche Erfahrungen. Die wenigsten Menschen machen sich darüber Gedanken, dass Lernen ein physischer Prozess ist“, betont Janet L. Jones. Bei einem Fohlen, das die ersten Schritte auf einen Menschen zu macht, werden neue physische Verbindungen zwischen Neuronen in bestimmten Gehirnbereichen geformt. Zwar sind diese Verbindungen anfangs noch sehr schwach und verschwinden wieder, wenn sie nicht häufig benutzt werden, doch sie festigen sich mit jedem Mal, mit dem sie genutzt werden. Aus diesem Grund gewöhnt sich das Fohlen Schritt für Schritt an den Menschen und die Bindung verstärkt sich. „Im Verlauf dieses Prozesses bilden sich im Fohlengehirn neue Netzwerke von verknüpften Neuronen, die die Grundlage für eine Bindung an Menschen darstellen“, erklärt unsere Expertin. „Diese ersten Verknüpfungen legen die Basis für alles, was das Fohlen später in der menschlichen Welt machen wird.“ Solche neuronalen Verknüpfungen formen und verändern sich das ganze Leben lang: Das Gehirn des Pferdes verändert sich, und gleichzeitig stößt das Pferd auch Veränderungen im Gehirn des Menschen an. „Sie formen das Gehirn Ihres Pferdes, und Ihr Pferd formt Ihr Gehirn“, hebt Janet L. Jones hervor.

Besser als ein Supercomputer

Das Gehirn ist ein komplexes und überaus effizientes Organ zur Informationsverarbeitung. Es ist ständig in Bewegung und hat ähnlich viele Rechenelemente wie die größten Supercomputer, braucht jedoch rund eine Million Mal weniger Energie. Außerdem lernt es ständig dazu. Auf engstem Raum sind rund 1.000 Milliarden Nervenzellen zu einem Netzwerk verbunden. Kein Wunder, dass manche Wissenschaftler das menschliche Gehirn für das komplexeste Gebilde des Universums halten. Wie die Zellen des Gehirns genau Informationen verarbeiten, also wie sie beispielsweise lernen oder sich erinnern, wird immer noch rege erforscht. Die Arbeitsweise des Denkorgans zu kopieren, ist bisher nicht gelungen. Ein Gehirn lässt sich nicht einfach durch einen Computer nachbauen und bleibt so zum Teil immer noch eins der ewigen Geheimnisse der Menschheit. Im Reitsport wird gerade erst damit begonnen, die Wissenschaft über die Gehirnfunktionen (die Neurophysiologie) häufiger zu berücksichtigen. „In der Vergangenheit wurden Pferd und Reiter hauptsächlich nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum sowie durch gezielten Unterricht ausgebildet“, schreibt Janet L. Jones in ihrem neuen Buch „Horse Brain, Human Brain“. „Man setzte sich ein Ziel für das Pferd, probierte verschiedene Methoden aus, um es zu erreichen, und nutzte diejenigen, die funktionierten. Diese ausgewählten Methoden gaben die Trainer dann an andere Reiter weiter.“ Doch das Arbeiten nach Versuch und Irrtum bedeutet auch, dass eine Menge Fehler passieren können. So besteht jedes Mal das Risiko, dass das Pferd etwas lernt, was es eigentlich nicht lernen sollte. Das unerwünschte Verhalten muss schlussendlich wieder abtrainiert werden, was nicht nur schwierig, sondern teilweise sogar gefährlich sein kann, zum Beispiel weil es das Pferd irritiert oder sogar verärgert.

UNSERE EXPERTIN

JANET L. JONES litt nach einem Sturz lange Zeit unter einer Amnesie und beschäftigte sich von da an mit der Funktion des Gehirns. Sie lehrte als renommierte Hirnforscherin 23 Jahre an der Universität und trainierte viele Pferde. www.janet-jones.com

WISSEN HILFT VERSTEHEN

Wenn Sie sich mit der Funktion Ihres Gehirns und des Ihres Pferdes beschäftigen, können Sie …

• die Bindung zwischen Ihnen und Ihrem Pferd vertiefen, indem Sie Ihre Kommunikation dem Pferd anpassen. So erzeugen Sie Vertrauen und Ihr Pferd wird Situationen, die Angst auslösen, eher meistern oder schwierige Aufgaben entspannt durchführen.

• Ihr Pferd mit Respekt, Rücksicht und Freundlichkeit trainieren statt mit Druck und Zwang. Wenn Sie die Angst Ihres Pferdes wirklich verstehen und im Training berücksichtigen, stellt sich eher Erfolg ein.

• ein mögliches Fehlverhalten Ihres Pferdes nachvollziehen und daraus kreative neue Lösungen erarbeiten. Gibt es zum Beispiel Probleme beim Verladen, dann schauen Sie sich an, was im Gehirn des Pferdes passiert und was es Ihnen mit seinem Verhalten sagen möchte.

• sich Gedanken über die Unterschiede in Gehirnfunktion und Verhalten des Pferdes machen und so Ihre eigenen Fehler reduzieren.

Reiten gegen das Gehirn

Wenn Mensch und Pferd zusammentreffen, begegnen sich zwei Individuen – mit unterschiedlicher Herkunft, verschiedenen Erfahrungen, mit Stärken, aber auch Schwächen. Selbst Zwillinge erleben im Alltag unterschiedliche Situationen und machen dadurch unterschiedliche Erfahrungen. „Deshalb kann eine Trainingsmethode, die für das eine Pferd-Reiter-Team sehr gut funktioniert, für das nächste Team problematisch oder nutzlos sein“, betont Janet L. Jones. „Dazu kommt die Tatsache, dass einige Trainingstechniken nicht so einfach gelernt und gelehrt werden können, wie wir das gern hätten.“ Wenn Ihnen ein Trainer sagt, wie Sie die Hände zu halten oder die Beine zu bewegen haben, können Sie die Anweisungen immer sofort umsetzen? Oder kennen Sie die Situationen, in denen Sie denken „Ich versuche es ja und weiß, was ich machen soll, aber mein Körper will es nicht richtig umsetzen“? Es braucht viele Versuche und Wiederholungen, um ein gut ausgebildeter Reiter zu werden und um ein Pferd entsprechend gut zu trainieren. „Allzu oft versagen die gewählten Techniken und Methoden im Hinblick darauf, wie das Gehirn funktioniert und arbeitet“, gibt unsere Expertin zu bedenken. So können wir Pferde bis zu einem gewissen Grad dazu bringen, sich einem angstauslösenden Objekt zu nähern, doch diese Methode arbeitet eigentlich genau gegen die Hirnfunktion des Pferdes statt mit ihr. Dieses „Reiten gegen das Gehirn“ geschieht häufiger, als wir denken.

GEHIRNE IM VERGLEICH

Auch wenn Gehirne im Laufe der Evolution durchgängig größer geworden sind, ist deren Funktion – sowohl beim Pferd als auch beim Menschen – sehr viel mehr durch die neuronalen Verknüpfungen bedingt als durch die absolute Größe. Dabei kann jedes Neuron, abhängig vom Typ, mit bis zu 10.000 anderen Neuronen in Verbindung stehen.

Diese Verbindungen sind daher auch das Geheimnis hinter Wahrnehmung, Lernen, Emotionen und Handlungen des Pferdes.

Das menschliche Gehirn …

• ist etwa anderthalb Kilogramm schwer,

• besteht zu 75 Prozent aus Wasser,

• ist etwa 11 Zentimeter hoch, 15 Zentimeter breit und 18 Zentimeter lang,

• sitzt eher waagerecht im Schädel,

• besteht aus etwa 100 Milliarden Neuronen und

• weist in einigen Regionen ein sehr dichtes Gewebe auf.

• Die verdichteten Bereiche lassen sich von den unverdichteten teilweise schon mit bloßem Auge unterscheiden.

Das Gehirn des Pferdes …

• hat ungefähr das Volumen einer Grapefruit,

• wiegt ungefähr 600 Gramm,

• hat eine längliche und etwas zusammengedrückte Form,

• ist ungefähr 10 Zentimeter hoch, 10 Zentimeter breit und 15 Zentimeter lang,

• zeigt an der Vorderseite ungefähr 45 Grad nach unten und

• besteht aus etwas über einer Milliarde Neuronen.

Ein neuer Trainingsansatz

Solche Konflikte fallen uns jedoch meist erst auf, wenn wir mehr über das Gehirn von Mensch und Pferd wissen und Zusammenhänge verstehen. „Das Problem beim Lernen und Lehren über Versuch und Irrtum ist auch, dass wir daraus nicht ableiten können, wie und warum eine bestimmte Technik funktioniert“, sagt Janet L. Jones. Genau hier könne die Gehirnforschung helfen: „Indem wir mehr über das ‚Wieso‘ und das ‚Wie‘ des Gehirns von Mensch und Pferd lernen, stärken wir unsere Teamfähigkeit deutlich“, so die Autorin. Ein entscheidender Punkt ist, dass wir uns Gedanken darüber machen, warum ein Pferd ein bestimmtes Verhalten zeigt. Dann sind wir bereit, zu überlegen, wie dieses Verhalten auf der Ebene des Gehirns verändert werden kann. Wer die Prinzipien versteht, nach denen Pferde handeln, ist in der Lage, viel besser einzuschätzen, welche Methode funktionieren wird. „ Berücksichtigen wir im Umgang mit Pferden die Funktionsweise des Gehirns, können wir neue Techniken entwickeln, die sich für individuelle Teams perfekt eignen“, erklärt Janet L. Jones und fügt hinzu: „Pferd und Reiter arbeiten gemäß ihrer Natur und in Einklang mit ihrem Innenleben harmonisch zusammen, gleichzeitig erkennen wir die Unterschiede zwischen Pferd und Mensch an.“ Das laufe im Grunde nach dem bekannten Prinzip: „Gib einem Menschen einen Fisch, und du ernährst ihn für einen Tag – bringe ihm das Fischen bei, und er hat in seinem Leben genug zu essen.“ Mit einem Trainingsansatz, der die Gehirnfunktion berücksichtigt, werden beide Seiten zufriedener und erfolgreicher sein.

VON SCHNELLEN PFERDEN UND LANGSAMEN MENSCHEN

Bei drohender Gefahr hat das Pferd eine feste Überlebensstrategie: Flucht. Dabei denkt es nicht lange nach. Im Pferdegehirn haben sich dazu feste Verbindungen zwischen Wahrnehmung und Aktion etabliert.

Nimmt das Pferd etwas Gefährliches wahr, wird ein Signal vom Auge in den Bereich des Gehirns geleitet, der optische Eindrücke verarbeitet. Sofort geht von hier aus ein Signal in den Bereich des Gehirns, der die Motorik kontrolliert, und das Pferd bekommt sozusagen das Kommando, zu fliehen. „Die Bereiche des Gehirns, die hierfür verantwortlich sind, liegen im sogenannten Cortex, in der Großhirnrinde. All das geschieht unbewusst“, erklärt Janet L. Jones. Wahrnehmung und Handlung im menschlichen Gehirn sind allerdings anders verknüpft. Wenn wir etwas sehen, wird die optische Information über den Sehnerv vom Auge in den visuellen Cortex im hinteren Bereich unseres Gehirns transportiert. Die Information wandert von hier aus relativ langsam auf leicht verschlungenen Pfaden durch das Gehirn zum Präfrontalcortex, dem Bereich gleich hinter unserer Stirn. Nun erfolgt zunächst eine unbewusste Analyse. Unser Gehirn untersucht sozusagen, was wir sehen und ob wir es schon einmal gesehen haben, und schließlich auch, was wir machen sollen beziehungsweise welche Handlung die beste ist und warum. In der Regel suchen wir nach der Handlungsvariante, die in der Vergangenheit am besten funktioniert hat. Die eigentliche Handlung wird allerdings erst vergleichsweise spät gestartet. Unser Pferd ist uns in der Reizverarbeitung und Reaktion also einige Pferdelängen voraus.

DER WASSERSCHLAUCH UND DIE K ATEGORISIERUNG

Hinter dem Stall hängt ein Wasserschlauch, der jeden Tag gleich aussieht. Für unser Pferd ist das allerdings nicht so. Dass es scheut, hat gute Gründe.

Verschiedene Reiter nutzen den Wasserschlauch zum Abspritzen ihrer Pferde. Anschließend rollen sie ihn wieder auf. Also hat sich nichts verändert, oder doch? „Wird der Schlauch einige Zentimeter zur Seite bewegt, nimmt das niemand wahr – außer den Pferden“, sagt Janet L. Jones. Während manche Vierbeiner nur ein Ohr entsprechend ausrichten, bewegen sich andere mit weit aufgerissenen Augen, giraffenähnlichem Hals und schnaubend unter Protest daran vorbei. Irgendwann lässt sich der Vierbeiner endlich abspritzen, doch am nächsten Tag beginnt das Spiel von vorn. Pferde nehmen im Gegensatz zu uns selbst kleinste Veränderungen in ihrer Umgebung wahr. Das menschliche Gehirn hingegen arbeitet auf der Basis der Kategorisierung. Darunter wird die angeborene Tendenz verstanden, gewisse Wahrnehmungen wie visuelle Eindrücke, Geräusche, Gerüche oder Berührungen in Gruppen zusammenzufassen. Zum Beispiel lernen wir ein Wort, und es hat für uns immer die gleiche Bedeutung – egal, wer es ausspricht. „Jede dieser Versionen wird als eine kleine, leicht andersartige akustische Information durch das Ohr wahrgenommen – aber unsere bereits gelernten Kategorien im Gehirn sagen uns, dass es sich immer um das gleiche Wort handelt“, erklärt unsere Expertin. „Der Nachteil dabei ist, dass unser Gehirn schnell Stereotype ausbildet. Es ist dafür gemacht, Dinge sofort aufgrund ihrer Wahrnehmung einzusortieren.“ Ein entscheidender Vorteil ist das Tempo, denn wir sind in der Lage, verschiedene Objekte automatisch und schnell zu gruppieren, ohne darüber nachzudenken. Dass unser Gehirn bestimmte Objekte kategorisiert, merken wir häufig nicht einmal.

Pferde kategorisieren sehr viel weniger. Da sie minimale Unterschiede an Objekten wahrnehmen, sieht der Schlauch an der Stallwand eben nicht jeden Tag gleich aus. Wir Menschen schauen einmal hin und wissen: „Ah ein Schlauch, kenne ich.“ Bei unserem Vierbeiner geht ein neuronales Feuerwerk an Informationen los. Er erkennt Unterschiede in der Farbe, der Position sowie der Lage des Schlauchs. Vielleicht tropft etwas Wasser heraus, oder der Boden ist nasser als beim letzten Mal. „Weil der Schlauch jeweils anders aussieht, ist er für das Pferd auch ein jeweils anderes Objekt“, sagt unsere Expertin.

Zusammenhänge verstehen

Zwar lehrt die aktuelle Sportpsychologie uns etwas über unsere Gehirnfunktion, aber wir erfahren so gut wie nichts darüber, wie das Pferdegehirn funktioniert. Das liegt unter anderem daran, dass vieles, was wir heute über das Gehirn wissen, relativ neu ist und die Forschung weiter voranschreitet. Hinzu kommt, dass Pferde relativ schwierig beziehungsweise aufwändig zu untersuchen sind. Wer seinen Vierbeiner besser verstehen möchte, sollte sich nicht nur damit beschäftigen, wie die Gehirne von Mensch und Pferd jeweils einzeln funktionieren, sondern auch damit, wie beide Gehirne interagieren. „Gegenseitiger Austausch und Kommunikation sind der Schlüssel für eine erfolgreiche Teamarbeit“, so Janet L. Jones. Genau dies sei es, was die Verbindung von Neurowissenschaft und Horsemanship verspreche: eine außergewöhnliche Partnerschaft, bei der die Gehirne zweier unterschiedlicher Spezies erfolgreich miteinander arbeiten. Stellen Sie sich vor, Sie geben Ihrem Pferd ein Kommando zum Vorwärtsgehen. Dabei ist eine kleine Gruppe von Nervenzellen in Ihrem Gehirn aktiv. Nun geht das Pferd einen Schritt nach vorn, was ebenfalls durch Nervenzellen ausgelöst wird. Durch sein Verhalten sendet der Vierbeiner Signale an Sie zurück. „Pferd und Mensch reagieren auf das Verhalten des jeweils anderen – ein Tanz zweier Gehirne“, hebt unsere Expertin hervor.

REALITÄT ODER TÄUSCHUNG?

Das Gehirn des Pferdes kreiert Wahrnehmungen auf eine völlig andere Art und Weise, als wir es tun. „Bei beiden Spezies wandert die optische Information vom Auge zum Gehirn, aber das menschliche Gehirn sendet sechsmal mehr Information zurück zum Auge“, schreibt Janet L. Jones. Diese Verdrahtung verstärke die Interpretation der Wahrnehmung. So würden vorhandene Erfahrungen mit dem Bild verschmelzen, welches das menschliche Auge von der äußeren Welt liefere. Nehmen Sie oder Ihr Pferd die Realität also objektiver wahr? Wahrscheinlich ist es Ihr Pferd, denn sein Gehirn ist weniger anfällig für Illusionen.

Beobachten, zuhören, lernen

Viele Reiter denken, das Pferd habe sich immer nach den Vorstellungen des Menschen zu richten. Natürlich müssen wir Grenzen setzen und haben eine gewisse Erwartung, die wir deutlich formulieren. Doch Training ist viel effektiver und schöner, wenn wir versuchen, zu verstehen, was das Pferd uns sagen möchte. Sie werden zum Pferdeflüsterer, wenn sie beobachten, zuhören, lernen und nachdenken. Versuchen Sie, mit Ihrem Pferd auf seiner Ebene zu kommunizieren, anstatt zu fordern, dass es sich Ihnen permanent anpasst. Stellen Sie sich vor, Sie üben das ruhige Führen. Womit fangen Sie an? Womöglich mit der Frage, wie Sie es Ihrem Pferd beibringen können. Doch sinnvoller ist es, einen Schritt früher zu beginnen: Wie lernt ein Pferd? Was sieht es? Warum hat es möglicherweise Angst? Wenn Sie sich ein gutes Miteinander mit Ihrem Vierbeiner wünschen, müssen Sie überlegen, wie Ihr Pferd eine Beziehung aufbaut und was Sicherheit für es bedeutet. Fragen zu stellen und die Antworten im Training umzusetzen, braucht Zeit. So mancher wird nun sagen, dass es doch schneller gehe, dem Pferd einfach Kommandos beizubringen. „Ein Lebewesen zum Befolgen von Kommandos zu zwingen, heißt aber nicht, dass es wirklich etwas lernt, und häufig funktioniert dies nur für kurze Zeit“, gibt Janet L. Jones zu bedenken. „Warum machen wir uns stattdessen nicht interessant für das Pferd und wecken seine Neugier, bis es selbst tun möchte, was wir von ihm wollen? Bedienen wir die Bedürfnisse des Pferdes – dann bedient das Pferd unsere.“

Raus aus der Einbahnstraße

Wenn wir mit dem Pferdegehirn arbeiten anstatt dagegen, wird jede Aktion entspannter – angefangen bei der Begrüßung in der Box oder auf der Weide. Und genau hier beginnt ja eigentlich schon das Training: bei der ersten Begegnung zwischen Mensch und Pferd. Wenn Sie die Einbahnstraße verlassen, in der Sie die Kommandos geben und Ihr Vierbeiner gehorcht, wird sich das Training verbessern. „Es wird sicherer, einfacher, schneller, effektiver und außerdem unendlich viel interessanter, sobald die Kommunikation zwischen den Partnern in beide Richtungen funktioniert“, sagt unsere Expertin. „Wir erleben die Welt dabei durch das Gehirn einer anderen Spezies. Das ist ein großartiges Gefühl und bedeutet letztendlich wahres Horsemanship.“

PFERDE HÖREN ANDERS

Unsere Vierbeiner haben ein anderes Hörverhalten. Das wirkt sich auf die Haltung und das Training aus.

Pferden erscheint unsere Sprache immer ein wenig leiser als einem daneben stehenden Menschen. Sie können Frequenzen von 55 bis 33.500 Hertz hören. Zwar ist dieser Bereich ähnlich groß wie der von zehn Oktaven bei Menschen (20 bis 20.000 Hertz), jedoch sind Ohren nicht alles. „Pferde nehmen viele dieser niederfrequenten Geräusche über Vibration in ihren Zähnen und ihrem Kiefer wahr, während sie grasen. Auch ihre Hufe übertragen leichte Vibrationen“, erläutert Janet L. Jones.

Evolutionär bedingt richten Pferde viel Aufmerksamkeit auf kurze, leise und dezente Geräusche. Wir zum Beispiel bekommen meist nicht mit, wenn irgendwo ein Zweig knackt. Das liegt unter anderem auch daran, dass Pläne, Gedanken oder Sorgen durch unsere Köpfe kreisen und uns ablenken.

„Pferde können aus der Tonlage unserer Stimme Emotionen herauslesen und reagieren entsprechend“, sagt unsere Expertin. Wenn Ihr Pferd beim Satteln herumhampelt und Sie genervt „Steh“ oder „Jetzt ist Schluss“ murmeln, wird es anders reagieren, als wenn Sie das Signal in einem klaren, deutlichen Tonfall sagen. Voraussetzung ist natürlich, dass es das erwünschte Verhalten vorher gelernt hat.

Pferde ständig mit Geräuschen zu konfrontieren, um sie daran zu gewöhnen, funktioniert nicht immer. „Das Pferdegehirn arbeitet nicht so“, erklärt Janet L.

Jones. „Obwohl junge Pferde sich bis zu einem gewissen Grad an Dinge gewöhnen müssen, ist eine Reizüberflutung nicht der richtige Weg.“ So verursacht eine Umgebung mit lauten, unerwarteten und ungewöhnlichen Geräuschen Stress beim Pferd. Das gilt übrigens auch für regelmäßig vorkommende laute Geräusche, wie beispielsweise brummende Traktoren. Aus Pferdesicht können Maschinen Geräusche überdecken, die für ein Beutetier wichtig sind. Sowohl Tiere als auch Menschen können in einer lauten Umgebung nicht entspannen. Das beeinflusst das Sicherheitsgefühl und behindert das Lernen.