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Fazıl Say: Die Weise von Liebe und Krieg


Rondo - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 29.03.2019

Das altgriechische Epos vom Trojanischen Krieg liefert den Stoff für eine neue Klaviersonate des türkischen Musikers .


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Blick zurück in die Geschichte: Den Mythos des Trojanischen Krieges, zugleich uralt und doch immer aktuell, erzählt Fazıl Say in seiner Sonate in Tönen nach


Foto: Marco Borggreve

RONDO: Wie kam es zur Troja-Sonate?

Fazıl Say: Das war 2018 ein Auftragswerk von der Stadt Çanakkale, von der die antike Stadt Troja etwa 30 Kilometer entfernt liegt, anlässlich der 55. Ausgabe des Troja-Festivals. Ich habe die Klaviersonate komponiert, um die Geschichte nur mit Klavier zu erzählen, ohne Worte. Das ...

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... war die Idee.

Die Geschichte und den Mythos hatten Sie immer schon im Hinterkopf?

Aber klar, die Geschichte ist doch jedem bekannt. Nicht nur durch Homers „Ilias“, auch durch andere Bücher, aber auch Kino-Filme und TV-Serien. Die Leute kennen das. Es gibt aber nicht allzu viele Musikwerke, die davon handeln, wie etwa „Les troyens“ von Berlioz.

Wie erzählt man diesen komplizierten Mythos denn ganz ohne Worte?

Meine Sonate ist 40 Minuten lang, zehn Sätze. Ich folge der Geschichte des Mythos, aber die Dimension der Götter habe ich bewusst weggelassen. Ich war beschäftigt mit der realistischen, weltlichen Dimension der Geschichte. Ich habe mich für die Figuren der alten Technik der Leitmotive bedient. Es gibt in der Sonate viele, viele Leitmotive für Charaktere wie Agamemnon oder Helena. Die letzten drei Sätze sind länger, sie erzählen vom Krieg. Aber die anderen beginnen einfach nur erzäh lend. Man kann ihnen beim Hören folgen. Die musikalische Technik ist dabei nicht nur atonal, sondern auch modal, und es gibt auch Melodien, die man erkennen kann.

Wenn man noch nichts davon gehört hat, können Sie erklären, wo die Sonate stilistisch beheimatet ist?

Es geht um Troja, das ist eine anatolische Landschaft. Und deshalb ist natürlich die anatolische Musik für mich die wichtigste Inspiration gewesen. Kompositionstechnisch findet sich auch Impressionistisches. Aber ich glaube, das Stück hat für sich allein eine Sprache.

Kann man die Sonate auch verstehen, wenn man gar nichts weiß von der Geschichte?

Es gilt das, was für viele, fast alle programmatischen Stücke gilt: Es ist natürlich besser, wenn man die Geschichte kennt, wenn man weiß, dass es um Troja geht, um den großen alten Mythos.

Man kann die Sonate dann auch als absolute

Musik hören?

Ich denke ja, sie ist auch als reine Musik hörbar. Sie ist aber auch einfach ein sehr pianistisches Stück.

Was sind Ihre wichtigsten musikalischen Vorbilder

als Komponist?

Tief beeindruckt war ich als junger Mensch immer von Strawinski und Bartók, die ja bekanntlich auch die östliche Kultur betont haben. Aber ich habe im Laufe der Jahre natürlich viel anderes kennengelernt, von Penderecki bis Ligeti.

Wie komponiert man als Pianist für sich selbst?

Das macht Spaß, denn es gehört viel Improvisation am Klavier dazu!

Aber haben Sie alles notiert, oder gibt es auch Momente, in denen Improvisation gefordert ist?

Nein, es ist ein vollständig aufgeschriebenes Stück.

Gibt es schon Interessenten unter den Pianisten-Kollegen?

Ja, es gibt Interessenten.

Viele Pianisten gibt es ja nicht, die auch komponieren ,

oder?

Doch, ein paar gibt es: Olli Mustonen zum Beispiel.

Zurück zum Auftragswerk: Sind deutsche Konzertveranstalter auch interessiert an dieser Komposition?

Die Trojanische Geschichte ist universal. Ich bin ja sehr oft mein eigener Komponist und kann die Veranstalter schon fragen, ob ich ein längeres Stück von mir unterbringe. Zum Beispiel, nächstes Jahr im Beethoven-Jahr, da mache ich in Wien und Paris die Hammerklavier-Sonate, die ist auch vierzig Minuten lang. Und da bietet sich an, im zweiten Teil die Troja-Sonate zu spielen.

Sind manche Veranstalter nicht immer noch skeptisch, Neue Musik ins Programm zu nehmen?

Bei mir eigentlich nicht mehr. Auch, weil ich mein Publikum habe. Aber generell haben Sie Recht. Ich habe mal eine Suite von Bernd Alois Zimmermann spielen wollen, da haben manche Veranstalter gesagt, das machen wir nur ungern. Man muss sie verstehen, denn sie haben ja auch Jahrzehnte darunter gelitten, dass das Publikum ablehnend reagiert auf solche Musik. Sehr wichtig ist einfach, wie beliebt der Interpret ist. Rostropowitsch hat einmal gesagt: „Ich spiele Dvořák und Lutosławski. Das eine kennen Sie, das andere werden Sie kennen lernen!“

Heute wird generell Neue Musik besser akzeptiert?

Ja, aber es war ein langer Kampf. Komponisten sind heute im 21. Jahrhundert allerdings auch zugänglicher geworden als in der Nachkriegszeit und danach. Es ist alles viel selbstverständlicher geworden.

Wie viele Konzerte spielen Sie pro Jahr?

Über 100 Konzerte, ich bin fast pausenlos unterwegs. Ich mache seit anderthalb Jahren das große Projekt, alle Beethoven-Sonaten aufzunehmen. Das wird in drei Monaten fertig sein. Das ist viel Arbeit, und solche Großprojekte machen auch das Gehirn müde. Die Sonaten, die ich neu gelernt habe – das war fast die Hälfte! –, musste ich auch im Konzert spielen, damit sie reifen, bevor ich sie aufnehme. Wenn das Beethoven-Projekt abgeschlossen ist, möchte ich danach erst einmal nur Einzel-Alben aufnehmen.

Aber Sie erweitern Ihr Repertoire fortlaufend?

Natürlich. Und ich muss auch wechseln im Repertoire, die Frische ist ganz wichtig! Ich habe beispielsweise mehr als 200 Mal die Liszth-Moll-Sonate gespielt. Dann habe ich vor zehn Jahren gesagt: Jetzt braucht Liszt zehn oder zwanzig Jahre Pause. Und dann wieder mit frischem und anderem Blick!

Neu erschienen: Fazıl Say: „Troja-Sonate“ und andere Klavierwerke ,Warner

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