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Federer Momente


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tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 120/2022 vom 17.10.2022
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Bildquelle: tennisMAGAZIN, Ausgabe 120/2022

ERLÖSENDER ERFOLG: Als Federer 2017 in Melbourne seinen 18. Grand Slam-Titel gewann, konnte er es selbst kaum fassen. Fotograf Frank Molter fing diesen intensiven Augenblick ein.

FRANK MOLTER, FOTOGRAF

Das perfekte Comeback

Mein persönlicher Roger Federer-Moment spielte sich am Abend des 30. Januar 2017 in der Rod Laver Arena in Melbourne ab. Das Herrenfinale der Australian Open stand an und es kam zum „Classico“: Federer gegen Nadal – mehr ging natürlich nicht. Zum Hintergrund: Federer hatte die Vorsaison bereits im Sommer beenden müssen, weil er Knieprobleme hatte, die er– das wissen wir heute – nie mehr komplett in den Griff bekam. Anfang 2017 aber war Federer beschwerdefrei, kam zurück auf die Tour und bezwang dann tatsächlich seinen Dauerrivalen Rafael Nadal 6:4, 3:6, 6:1, 3:6, 6:3. Für mich als Fotograf war es eines dieser epischen Matches, in dem man irgendwann die Kamera zur Seite legt und nur noch genießt und staunt. Nach 3:38 Stunden hatte Federer seinen zweiten Matchball verwandelt. Aber die Spannung war kaum auszuhalten, da es einer Hawk-Eye-Challenge bedurfte, ...

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... um seinen Triumph perfekt zu machen. Ich hatte das große Glück, in diesem Moment am Rand der richtigen Platzhälfte zu sitzen, um Federers Jubel aus wenigen Metern Entfernung einzufangen, während im Hintergrund auf einem Bildschirm noch die Challenge zu sehen war. Für Federer war es in seinem 100. Match bei den Australian Open der insgesamt 18. Grand Slam-Titel seiner Karriere, auf den er fast fünf Jahre lang, seit dem Wimbledonsieg 2012, warten musste. Es war das perfekte Comeback. Und für mich war es das perfekte Foto, das bis heute eines der emotionalsten ist.

JÖRG ALLMEROTH, FREIER JOURNALIST

Sonderbehandlung für Roger? Nein, danke!

Was von Federer in Erinnerung bleibt, sind die großen Kleinigkeiten. Federers Charakter, seine Menschlichkeit, seine Bescheidenheit. Sein Lebensmotto: Es ist nett, wichtig zu sein. Aber es ist noch wichtiger, nett zu sein. Und zwar zu jedem und überall. Wimbledon 2003: Federer war Titelkandidat, eine Größe in London, sein Bild tauchte jeden Tag in den Zeitungen auf. An einem Abend der zweiten Turnierwoche ging ich mit einem Freund über die Hauptstraße des Wimbledon Village, wir sahen eine große Schlange vor einem neu eröffneten italienischen Restaurant. Und wir sahen Roger Federer und seinen schwedischen Trainer Peter Lundgren in der Schlange. Plötzlich kam der Restaurantbesitzer heraus, mit großen Gesten drängte er Federer und Lundgren, an den anderen Wartenden vorbei doch bitteschön in das Lokal zu gehen. Federer aber winkte sofort und mit großer Selbstverständlichkeit lässig ab. Sonderbehandlung: Nein, danke! Ein Jahr zuvor in Dubai: Federer verlor sangund klanglos gegen Rainer Schüttler. Ich war 2002 als einziger deutschsprachiger Journalist vor Ort und wurde Zeuge, wie ihm Turnierdirektor Jeff Chapman wegen zu geringen Einsatzes das Preis- und Antrittsgeld streichen wollte. Ich saß mit Federer in der Umkleidekabine, er hatte Tränen in den Augen, es war klar, dass es um seinen guten Namen ging. „Ich werde das nicht auf mir sitzen lassen, ich habe auch meinen Stolz“, sagte Federer. Schließlich einigten sich das Federer-Lager und Chapman darauf, das gesamte Geld bei ordentlicher Leistung nach dem Turnier 2003 auszuzahlen. Und da hieß der Sieger: Roger Federer. Noch einmal 16 Jahre später: Federer war längst Teilzeitresident in dem Emirat, Besitzer eines millionenschweren Apartments an der Dubai Marina, holte er im mondänen Aviation Club seinen insgesamt 100. Titel. Als wir uns nach dem Finale im Presseraum trafen, sagte Federer lächelnd: „Wer hätte das gedacht?“

PAUL ZIMMER, FOTOGRAF

Der unkomplizierte Superstar

2002 plante ich ein Shooting mit Marat Safin. Ich hatte extra feine Herrenklamotten besorgt, doch Safin sagte plötzlich ab. Ich fragte bei der ATP nach, wen ich stattdessen fotografieren könne. Voraussetzung: Er musste in etwa die gleiche Kleidergröße wie Safin haben. So wurde mir Roger Federer vermittelt. Wir kannten uns schon ein wenig, weil ich im Jahr zuvor wie Federer in einem günstigen Drive-In-Hotel vor den Toren von Indian Wells abgestiegen war. Damals teilte er sich noch ein Doppelzimmer mit seinem Coach, um bei dem Großturnier in der kalifornischen Wüste anzutreten. In Miami 2002 jedenfalls schlüpfte er in den mitgebrachten Anzug und wir machten gute Bilder am Strand. Am Ende sagte ich zu ihm, dass er die Klamotten behalten dürfte. „Wie? Alle?“, fragte er erstaunt. Diese Vorgeschichte ist wichtig, damit mir 2005 in Doha eines meiner Lieblingsbilder mit Roger gelang. Ich hatte die Idee, ihn tennisspielend in einer Dischdascha, einem typischen Gewand für katarische Männer, zu fotografieren. Ich bekam eine Zusage von Roger und besorgte das weiße Kleidungsstück. Als wir den

Termin hatten, fegte ein Sandsturm durch die Wüste. Zwei Tage später klappte es: Auf den Dünen am Rande von Khor Al Adaid, einem Binnenmeer an der Grenze zu Saudi-Arabien, lichtete ich ihn so ab, wie ich es mir zuvor vorgestellt hatte. Roger selbst hat sich über das Foto gefreut. Es war immer total unkompliziert mit ihm, selbst als er längst ein Superstar war. Erst als er Familienvater wurde, hatte er für solche Shootings weniger Zeit.

DORIS HENKEL, FREIE JOURNALISTIN

Antworten mit kindgemäßer Fröhlichkeit

Zu den vielen Begleiterscheinungen der Federer-Zeit gehörte für mich von Anfang an die höchst erbauliche Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus der Schweiz. Natürlich wussten die mehr von ihm als unsereiner, aber manchmal konnte man sich dennoch nützlich machen. Ich erinnere mich mit großem Vergnügen an einen Fall aus Indian Wells 2013, als mich einer der Kollegen fragte, ob ich ihm helfen könne: Er habe von Federer die Zusage zu einem kleinen Videodreh für eine Kinder-Organisation, er werde das selbst aufnehmen, hätte mich aber gern zur Sicherheit mit meinem Handy dabei. Kein Problem, sagte ich, mache ich gern. Die Woche verstrich, irgendwie passte es dem Meister nicht. Dann verlor er, sichtlich angeschlagen, gegen Rafael Nadal, und der Kollege meinte, na gut, das können wir jetzt knicken. Mit Rückenschmerzen wird er nach der Pressekonferenz keine große Lust auf den Videodreh haben. Irrtum, Federer war bereit. Flankiert vom Schweizer Kollegen und mir wand er sich mühsam auf einen hohen Hocker und signalisierte freundlichst, es könne losgehen. Der Kollege las also Fragen der Kinder vor, und er beantwortete jede einzelne mit kindgemäßer Fröhlichkeit.

Am Ende wurde er nach seinem Lieblings-Witz gefragt. „O Gott, da bin ich ganz schlecht“, sagte er. „Ich kann mir keine Witze merken. Naja, vielleicht diesen: Warum hat die Schweizer Polizei immer eine Schere dabei, wenn sie Diebe verfolgt? – Damit sie ihnen den Weg abschneiden kann!“ Der Kollege lachte, ich lachte, Federer lachte. Dann rutschte er vorsichtig vom Hocker und verabschiedete sich: „Ciao, bis zum nächsten Mal!“ Daran werde ich mich ganz bestimmt selbst dann noch erinnern, wenn ich die meisten seiner Matchbälle schon längst vergessen habe.

MATTHIAS STACH, TV-KOMMENTATOR

Beim Tweener gegen Roger stimmte alles

Von den vielen Treffen mit Roger gab es eine Begegnung, die herausstach: Als ich ihn 2015 beim Rasenturnier in Halle für ein Siegerinterview auf dem Platz befragen sollte, kam mir die Idee, das Gespräch „spielend“ zu führen. Roger stimmte zu, wurde verkabelt, nahm seinen Schläger und wir gingen ans Netz, um uns ein Volleyduell zu liefern. Dabei unterhielten wir uns, vor knapp 11.000 Fans. Klar kam mir der Gedanke, dass ich mich als „alter Mann“ im vollen Stadion live im TV ziemlich lächerlich hätte machen können, aber auf meine Flugbälle ist in der Regel Verlass. Plötzlich fragte mich Roger: „Kann ich dich auch abschießen?“ Ich antwortete energisch: „Nein!“ Die Zuschauer johlten. Kurz darauf überlobte er mich. Ich lief zurück und spielte den Ball rückwärts durch die Beine an Roger vorbei ins Feld. Das Publikum rastete aus. Was Roger nicht wusste: Der „Tweener“ ist , kein Witz, aus meinen aktiven Zeiten ein ziemlich sicherer Schlag von mir. Dass ich ihn damit auch noch passierte, war natürlich Glück. Bei dem Schlag stimmte alles. Später am Abend traf ich Roger im Hotel. Ich hatte ein leicht schlechtes Gewissen, weil ich ihn in aller Öffentlichkeit, nun ja, etwas bloßgestellt hatte. Aber Roger sagte freudestrahlend: „Stachi, das Video von deinem Schlag geht gerade durch die Decke!“ Ich hatte das nicht mitbekommen und war heilfroh, dass er mir den „Tweener“ nicht übelnahm. Übrigens: 2003 beim ATP-WM in Houston führte ich mit ihm schon einmal ein Interview, während wir spielten. Damals kam ich zum verabredeten Termin zu spät. Er hatte aber eine Nachricht für mich hinterlassen, in der er sich dafür entschuldigte, dass er nicht länger auf mich hätte warten können. Einen Tag später klappte es dann mit dem Interview. Schon damals wurde mir klar: Dieser Typ ist nicht nur ein unfassbar guter Tennisspieler, sondern vor allem ein ganz besonderer Mensch.

JÜRGEN HASENKOPF, FOTOGRAF

Feder(er)leicht auf dem Persischen Golf

2011 war ich beim Turnier in Katar. Vor Turnierbeginn machten dort Gerüchte die Runde, dass die Verantwortlichen ein ganz spezielles Shooting mit Roger Federer und Rafael Nadal planen würden: Sie sollten auf dem Meer spielen. Zu dem Termin waren aber nur ausgesuchte Fotografen eingeladen. Ich gehörte nicht zu ihnen. Aber ich probierte einfach, auf das Fotografen-Boot zu kommen – und hatte Glück. Niemand kontrollierte mich. Die Abfahrt verzögerte sich. Ich erfuhr, dass Roger und Rafa draußen auf dem Wasser auf einer tennisplatzgroßen Plattform spielen sollten, die ein paar Zentimeter unterhalb der Wasseroberfläche schwamm. Die Message war klar: Die damals besten Tennisspieler der Welt sind so gut, dass sie sogar über Wasser gehen beziehungsweise darauf spielen können. Dann sickerte durch: Das Boot der Fotografen hätte zu großen Tiefgang, ein kleineres Schiff musste her. Nicht alle Kollegen passten drauf, ich hatte wieder Glück. Und wenig später erblickte ich tatsächlich, wie sich Rafa und Roger scheinbar auf dem Wasser schwebend die Bälle zuspielten. Im Hintergrund ragte die Skyline Katars empor. Langsam ging die Sonne unter, es war inzwischen früher Abend geworden. Was für ein Motiv!

Ich schoss meine Fotos und erfuhr später, dass Roger und Rafa genauso lange wie wir auf ihren Einsatz warten mussten. Aber sie sollen es mit Humor aufgefasst haben, scherzten herum und waren schließlich ziemlich beeindruckt von dem ganzen Setting. Ach ja, am Ende gewann Roger das Turnier und ich traf ihn in der Nacht nach dem Finalsieg vor dem Hotel. Er hatte einen Nachtflug zurück nach Europa, genauso wie ich. Er kam auf mich zu, grüßte und wünschte mir eine gute Heimreise: „Wir sehen uns!“ Nach mehr als drei Jahrzehnten als Fotograf auf der Tour kann ich ohne Übertreibung sagen: Eine solche Verabschiedung ist in Profikreisen alles andere als gewöhnlich.

ANDREJ ANTIC, TENNIS MAGAZIN-CHEFREDAKTEUR

Die Fragen von David Foster Wallace

Als ich 1998 bei der Orange Bowl, der inoffiziellen Junioren-WM, in Key Biscayne war, siegte ein blondierter 17-Jähriger. Ich muss gestehen, dass ich seinen Gegner talentierter fand. Die beiden Finalisten hießen Roger Federer und Guillermo Coria. Nach dem Match brachte ein Turnieroffizieller Federer zu mir. Wir saßen rund zehn Minuten an einem Picknicktisch unter einem Sonnenschirm und Federer, komplett offen und sympathisch, erzählte mir ein bisschen über seine junge Karriere. Mich ärgert noch heute, dass ich die Aufzeichnungen von dem Gespräch nicht mehr habe. Ich sollte neun Jahre auf meinen nächsten größeren Federer-Moment warten. Ein Sponsor hatte eingeladen. Beste Adresse: ein kleines Haus in den Tüllerien von Paris. Der Termin fand vor den French Open 2007 statt. Federer, 25 Jahre alt, war zu dem Zeitpunkt das Maß aller Dinge im Welttennis, hatte schon zehn Grand Slam-Titel gewonnen. Es war klar, dass er zwei Wochen später im Roland Garros-Finale gegen Nadal stehen würde (den er aber auch diesmal nicht besiegen werden würde – 3:6, 6:4, 3:6, 4:6). Mein Ansatz für das Gespräch: wenig Tennisfragen. Also fragte ich ihn, was er gar nicht kann. „Eiskunstlaufen. Ich bewege mich immer mit X-Beinen und alle lachen mich aus.“ Ich fragte ihn, wie es mit Kochen aussieht.„Ganz schlecht. Ich habe noch nie Spaghetti gekocht, obwohl ich die ständig esse. Aber fürs Kochen habe ich ja Mirka.“ Wir plauderten über Urlaub in der Karibik („Die Turks and Caycos-Inseln sind ein Traum“), übers Abschalten („Da bin ich Weltmeister“) und den Luxus des Schlafes („Wenn man einen vollen Terminkalender hat, dann schläft man nicht genug, lebt ungesund, egal, ob man reich oder arm ist“). Irgendwann waren wir beim Schriftsteller David Foster Wallace, der ihn ein Jahr zuvor in Wimbledon interviewt hatte. „Er hat ganz spezielle Fragen gestellt. Ich wusste, die Story würde völlig anders werden.“ Speziell war auch mein Treffen mit ihm – danke für diesen Federer-Moment vor 15 Jahren, Roger!