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„Fehlende Stars sind eine große Gefahr!


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 13/2022 vom 30.03.2022

BUNDESLIGA

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Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 13/2022

HANS-JOACHIM WATZKE ist BVB-Geschäftsführer, DFL-Aufsichtsratschef, 1. DFB-Vizepräsident undsitzt im Vorstand von Europas Klub-Verband ECA

SPORT BILD: Herr Watzke, als neuer DFL-Aufsichtsratschef, 1. DFB-Vizepräsident und Vorstandsmitglied von Europas Klub-Verband (ECA) sind Sie der einflussreichste Funktionär im deutschen Fußball. Den Posten des ECA-Vizepräsidenten haben Sie aber Ende 2021 „Newcomer“ Oliver Kahn vom FC Bayern überlassen – weil Sie die Bundesliga vornehmlich national vertreten wollen und Kahn international?

HANS-JOACHIM WATZKE (62): Zunächst einmal würde ich mir selbst nicht anmaßen, mich als so einflussreich zu bezeichnen, wie Sie es tun. Ich sehe mich als Teamplayer. Oliver Kahn habe ich bestärkt, das Amt bei der ECA zu übernehmen. Durch die neuen Aufgaben bei der DFL und beim DFB ist es einfach relativ viel für mich geworden. Von daher war von Anfang an zwischen Oliver Kahn, Fernando Carro (der Leverkusen-Boss sitzt mit im ECA-Vorstand; d. Red.) und mir klar, dass Oliver als Vorstandsvorsitzender des größten deutschen Klubs den Vorrang haben würde.

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Wie beschreiben Sie Ihr Verhältnis zu Kahn: eher freundschaftlich wie zu Karl-Heinz Rummenigge? Oder eher konkurrierend wie zu Uli Hoeneß?

Weder noch. Wir kennen uns noch nicht so lange. Kalle Rummenigge kenne ich seit fast 20 Jahren, das Verhältnis hat sich im Lauf der Jahre entwickelt. Und das wird auch in diesem Fall so sein. Die Kommunikation mit Oliver Kahn ist angenehm, wir reden offen und kollegial miteinander. Aber es ist nicht so, dass wir uns permanent zu jedem Thema austauschen.

Kahn beklagt ein „erdrutschartiges Missverhältnis“ beim Thema TV-Auslandsvermarktung: Die Bundesliga kassiert jährlich weniger als 150 Mio. Euro, Englands Premier

„Gerade jüngere Fans ziehen mit ihren Stars zum nächsten Verein weiter“

League über zwei Milliarden Euro. Ein Auftrag an die neue DFL-Chefin Donata Hopfen, dem Sie sich anschließen?

Das ist offensichtlich ein klarer Auftrag – aber wir sollten bei aller Fokussierung auf den englischen Markt auch nicht verkennen, wie es in Frankreich und Italien aussieht, die Summen sind dort ja ähnlich wie bei uns. Und dass wir uns beim Thema Auslandsvermarktung nicht an der Premier League orientieren können, ist auch klar. Das Ziel der DFL-Geschäftsführung muss sein, dass wir uns von Frankreich und Italien abheben – was nicht einfach ist, weil zumindest Paris ein paar Weltstars wie Messi, Mbappé und Neymar hat. Wir müssen zusehen, dass wir mehr und mehr auf Augenhöhe mit den Spaniern kommen, die Messi und Cristiano Ronaldo verloren haben. Die Attraktivität einer Liga bestimmt sich heute gerade bei den jüngeren Fans nicht mehr nur über die Klubs, sondern über die Spieler. Sie ziehen teilweise mit ihrem Star zum nächsten Verein, das hat es früher nicht gegeben, da waren die Kinder lebenslang Fan ihres Vereins. Das kann man traurig finden, es ist aber eine gesellschaftliche Entwicklung. Fehlende Stars sind eine große Gefahr für die Bundesliga.

Bedeutet? Wir müssen aufpassen und versuchen, viele der Stars, die wir noch haben, zu halten – was angesichts des großen finanziellen Drucks aus England schwierig ist. Wir haben in Robert Lewandowski und Erling Haaland zwei absolute Weltstars, die alle anderen überstrahlen – selbst Manuel Neuer oder Thomas Müller – und im Ausland am angesagtesten sind. Wenn sie irgendwann weggehen sollten, wird es natürlich noch schwieriger für Donata Hopfen und ihre Mitarbeiter.

Manchester City schnürt ein 355-Mio.- Paket für Haaland. BVB-Berater Matthias Sammer sagt, bei der Summe bekomme er ein „Schleudertrauma“. Sie auch?

Ich habe es mir abgewöhnt, Mediengerüchte zu beurteilen. Sonst müsste mein Tag 36 Stunden haben. Das, was Sie als Fakt nennen, ist ja keine offizielle Summe, die Zahlen standen in einem englischen Boulevardblatt. Der Begriff Schleudertrauma ist von daher auch eher ein Begriff, mit dem wir das Gerücht lächelnd begleitet haben. Wir wissen aktuell weder von Spieler-Seite etwas Konkretes, noch ist irgendjemand auf uns zugekommen. Aber wir wissen, dass wir finanziell nicht mithalten können, falls Manchester City kommt. Wir haben das schon ein paar Mal erlebt: Wir haben Lewandowski 2014 an die Bayern verloren und Aubameyang 2018 an Arsenal. Aber wir haben ehrlich gesagt auch immer einen neuen Star kreiert. Heute redet in Europa jeder über Bellingham – der spielt bei uns! Wenn Haaland geht, werden wir wieder ein neues Talent finden und zum Star entwickeln. Und auch der wird der Bundesliga dann guttun.

Können Sie die Zurückhaltung der Bayern im Vertragspoker mit Weltfußballer Lewandowski nachvollziehen?

Auch die Bayern haben wie wir alle seit zwei Jahren mit den finanziellen Folgen der Pandemie zu kämpfen. Heute überlegst du bei Investitionen immer einmal mehr, das ist legitim und verantwortungsvoll. Bayern Münchens Vertragsgespräche sind nun wirklich nicht mein Thema. Ich habe keine Innensicht. Ich vermute aber, dass Robert am Ende des Tages bei Bayern bleiben wird.

„Ich bin nicht sicher, ob das Geschäftsmodell der Premier League mit Oligarchen und arabischen Staaten hält“

Sie wollen den 20-jährigen Karim Adeyemi von Red Bull Salzburg zum BVB holen, der FC Bayern den 19-jährigen Ryan Gravenberch von Ajax Amsterdam. Entwickelt sich die Bundesliga zur Ausbil-dungs-liga für die deutlich finanzstärkere Premier League?

Auf hier gilt: Ich bestätige Ihnen keine Transfergerüchte. Aber ganz grundsätzlich: Ich bin schon lange dabei und weiß: Man muss den Fußball auch immer in Zyklen betrachten. Es gab eine Zeit, da war Italiens Liga der Leuchtturm, der alle anzog. Aktuell liegt die Premier League vorne. Aber auch das muss nicht für alle Zeiten in Stein gemeißelt sein.

Nicht?

Nein. Erster Grund: Wenn die Topstars alle nach England gehen, werden viele der extrem talentierten jungen Spieler aus England aufs Festland wechseln. Und werden hier ihren Weg machen, das haben wir schon bei Jadon Sancho gesehen. Das kann dem englischen Fußball wehtun.

Zweiter Grund?

Ich bin nicht sicher, ob das Geschäftsmodell der Premier League mit Oligarchen und arabischen Staaten ewig hält – auch gesellschaftspolitisch. Das wird zu beobachten sein. Man hat jetzt am FC Chelsea gesehen, wie schnell dieses Modell zu gravierenden Problemen führen kann.

Englands Regierung geht wegen des Ukraine- Kriegs massiv gegen den FC Chelsea und dessen Besitzer Roman Abramovich vor, der Russlands Präsident Putin nahesteht. Newcastle gehört dem Staatsfonds Saudi- Arabiens, das im Bürgerkrieg im Jemen verwickelt ist, Everton einem Milliardär aus dem Iran, der im Syrien- Krieg involviert ist, Southampton, Wolverhampton und West Bromwich Albion gehören Investoren aus China, das Taiwan als Teil seines Territoriums betrachtet ...

Wir als Liga müssen den Menschen in Europa und der ganzen Welt vor allem klarmachen: Die Bundesliga ist politisch korrekt und sauber. Und sie entwickelt definitiv die meisten jungen Spieler, hat die weitaus günstigsten Eintrittskarten, setzt auf Nachhaltigkeit-Themen.

Hopfen hat nicht nur mit fehlenden Stars zu kämpfen, sie soll auch trotz des Attraktivi- tätsverlustes durch die Verzwergung der Bundesliga durch immer mehr kleinere Klubs mit überschaubarem Fan-Anhang deutlich mehr Millionen reinholen. Drücken Sie deshalb nicht nur großen Traditionsklubs wie dem HSV oder Bremen, sondern auch Dortmunds Erzrivalen Schalke 04 die Daumen, dass er gleich wieder aufsteigt?

„Oliver Kahn und ich reden offen und kollegial miteinander“

„Ich bin sehr gespannt auf das Gesamtkonzept von Donata Hopfen“

Das ist unstrittig, ja. Aber: Die zunehmende Problematik der großen Traditionsklubs habe ich übrigens 2009, also vor 13 Jahren, zum Thema gemacht. Ich hatte damals darauf hingewiesen, dass mit dem Aufkommen der Werks-und Investorenklubs die Position der großen Traditionsvereine schwächer wird. Speziell Letztere sind mir damals aber nicht zur Seite gesprungen. Wenn es der HSV mit seinem riesigen Umfeld und den vielen Möglichkeiten vier Jahre lang nicht schafft, wieder aufzusteigen, ist das für die Attraktivität der Liga zwar extrem bedauerlich. Aber die Integrität des Wettbewerbs steht über allem. Wenn stattdessen Greuther Fürth aufsteigt, hat es dieser Klub einfach verdient.

„Ich habe großes Vertrauen in Neuendorf“

Hopfens nächstes Vermarktungsproblem: die Langeweile an der Spitze nach neun Meistertiteln der Bayern in Folge

Was man sich vor Augen halten muss: Der Abstand im Gehaltsvolumen zwischen dem Tabellenersten Bayern und dem Zweiten Dortmund beträgt mittlerweile wahrscheinlich mehr als 150 Millionen Euro. Und ist damit größer als der Abstand zwischen uns und Greuther Fürth auf Platz 18. Es gibt eine glasklare Korrelation zwischen finanziellem Aufwand und sportlichem Erfolg. Wer das nicht glaubt, der kann sich gern mal die vergangenen 20 Jahre bei Paris und Manchester City angucken – bevor die Scheichs investiert haben und danach. Für mich ist es angesichts dessen einigermaßen erstaunlich, dass in der Bundesliga aktuell der Abstand zwischen den Bayern und uns mit sechs Punkten nicht so groß ist wie zwischen uns und (neun Punkte; d. Red.).

„Geht Haaland, entwickeln wir ein neues Talent zum Star“ dem Dritten Leverkusen

Hopfen spricht über Meister-Play-offs, die auch Kahn nicht ablehnt. Wie denken Sie darüber?

Ich finde, dass wir solche Diskussionen zunächst intern führen sollten, wenn sie in den Kinderschuhen stecken. Die DFL mit Geschäftsführung und Aufsichtsrat muss Vorschläge jedweder Art doch erst einmal in Ruhe erörtern können, bevor die öffentliche Debatte beginnt. Ich selbst war noch nie ein Freund von Play-offs, aber

„Ich war nie ein Freund von Meister-Play-offs. Aber Denkverbote helfen selten“

falls das am Ende die Ultima Ratio ist, dann kann man zumindest darüber nachdenken. Denkverbote helfen selten.

Was erwarten Sie von der DFL unter Hopfen?

Wir dürfen nicht jammern, sondern müssen anpacken. Die Bundesliga muss digitaler werden, im Optimalfall sind wir in dieser Hinsicht besser als die Konkurrenz. Wir müssen intensiver in die wichtigen Märkte in Asien und Amerika reingehen, da ist viel, viel Kärrnerarbeit nötig. Am Ende des Tages bin ich im positiven Sinne schon sehr gespannt, was Donata Hopfen und ihre Mitarbeiter uns als Gesamtkonzept präsentieren. Auf politischem Terrain ist ja immer von den berühmten 100 Tagen im Amt die Rede. Den nähern wir uns. Und dann wird intern bald sicher intensiv über Pläne und Ideen diskutiert. Ich freue mich darauf.

Trotz des frühen Aus in der Champions League kassiert der BVB über 60 Mio. Euro an Uefa- Prämien, der FC Bayern bislang 107 Mio. Der Neuverkauf der TV- Rechte an der Champions League ab 2024 spült der Uefa 15 Milliarden Euro in die Kasse. Sind die fürstlichen Uefa-Prämien für die immer größer werdende Schere in den nationalen Ligen zwischen den Topklubs und dem Rest verantwortlich?

Nein. Weil alle Klubs profitieren, wenn auch nicht alle gleich. Aber das Geld, das die Bayern und wir mehr kassieren, kommt durch Ablösezahlungen den anderen deutschen Klubs oft wieder zugute. Außerdem ist die Bundesliga die Liga unter den Top 5 in Europa, die in den vergangenen zehn Jahren die meisten unterschiedlichen Klubs in die europäischen Wettbewerbe gebracht hat: 13! Die Chance, die Champions League zu erreichen, ist immer noch gegeben. Frankfurt hatte vorige Saison eine riesige Chance, lag zu Ostern sieben Punkte vor uns, Wolfsburg ist dann reingerutscht. Jetzt hat Freiburg eine realistische Chance. Das spricht gegen die Theorie von nis erzielt, und Koch sitzt nicht mehr im DFB-Präsidium. Wir haben auch schon Gespräche mit der Uefa geführt, und natürlich gibt es dort die Erwartung, dass speziell der DFB als größter Sportfachverband der Welt sein Spitzenpersonal in die Gremien von Uefa und Fifa entsendet. Was deren Besetzung angeht, werden wir im Präsidium diskutieren, nachdem wir auch mit Peter Peters und Rainer Koch gesprochen haben.

Könnte ein Investor für die DFL nach 2021 noch einmal ein Thema werden? Spaniens Liga hat solch ein Deal mit „CVC“ 2,7 Milliarden Euro beschert, Frankreichs Liga steht mit demselben Investor vor einem 1,5-Milliarden- Deal.

Ein Partner für die DFL macht nur dann Sinn, wenn er uns Know-how transferiert, etwa beim Thema Auslandsvermarktung, durch das wir Umsatzsprünge generieren können. Und der idealerweise auch bereit ist, die Investitionen, die dafür nötig sind, zur Verfügung zu stellen und mit uns ins Risiko zu gehen. Wir sind für vieles offen, auch dieses Thema ist eine der wichtigen Aufgaben von Donata Hopfen. Wir benötigen Investitionen, aber nicht als Selbstzweck, sondern um gemeinsam mit einem Partner etwas anzuschieben, auf die Beine zu stellen, zu entwickeln – sonst könnten wir ja auch zu einer Bank gehen, denn wir sind allesamt kreditwürdig. Ich stelle mir aber schon vor, dass die Bundesliga in fünf, sechs Jahren die am weitesten digitalisierte Liga in Europa ist. Und ich stelle mir vor, dass wir in der Auslandsvermarktung deutlich andere Wege gehen. Dafür benötigt man Mittel, genauso wie für das Thema Nachhaltigkeit, das mir ein echtes Anliegen ist.

„Wir haben das Schlimmste verhindert“

Watzke über die Financial-Fairplay-Reform

Die geplante Reform des Financial Fairplay der Uefa ab der nächsten Saison sieht vor, dass Klubs nach einer dreijährigen Übergangsphase noch 70 Prozent ihrer Einnahmen aus dem reinen Fußball-Geschäft (Tickets, TV, Sponsoren etc.) in den Kader (Gehälter, Ablösen, Berater-Honorare) stecken dürfen. Zudem darf ein Verein künftig innerhalb von drei Jahren nicht mehr nur 30 Mio., sondern 60 Mio. Euro

„Die Uefa erwartet, dass der DFB sein Spitzenpersonal in die Gremien von Uefa und Fifa entsendet“

Miese machen, wenn diese komplett vom Investor gedeckt werden. Wird die seriös wirtschaftende Bundesliga international endgültig abgehängt?

Innerhalb der ECA haben Kahn, Carro und ich hart dafür gekämpft, dass die Grenzen möglichst eng gesteckt werden. Wir haben ehrlich gesagt für 60 Prozent plädiert. Es gab aber natürlich auch völlig andere Interessen großer Klubs. Herausgekommen ist nach zwei Jahren ein Kompromiss, der das Schlimmste verhindert. Wir haben aber durchgesetzt, dass Verstöße klar und automatisch in der Folge-Saison sanktioniert werden. Und nicht erst zwei Jahre vor irgendwelchen Gerichten gestritten wird. Es ist einfach so, dass es in anderen Ländern andere Meinungen gibt. So schwer es fällt, auch das müssen wir akzeptieren und versuchen, möglichst stark für unsere Positionen zu kämpfen.

Der DFB hofft auf einen Neuanfang mit Präsident Bernd Neuendorf, Ihnen und Hopfen im Präsidium. Haben Sie die Sorge, dass der DFB trotzdem von seinen Altlasten eingeholt wird?

Erstens: Ich habe in den vergangenen Jahren immer gelesen, dass es wieder mal eine Hausdurchsuchung der Steuerfahndung beim DFB gab. Was ich aber nie gelesen habe: dass schon irgendwer angeklagt worden ist. Ich bin ein großer Freund von Unschuldsvermutungen. Zweitens: Die Chance auf einen Neuanfang ist so gut wie noch nie. Der Präsident ist neu, der 1. Vizepräsident Profis ist neu, der 1. Vizepräsident Amateure ist neu, der Schatzmeister ist neu – viel mehr geht doch nicht. Ich habe große Hoffnung und großes Vertrauen in Bernd Neuendorf. Ich werde alles dafür tun, dass es eine erfolgreiche Präsidentschaft wird. Neuendorf hat durch seine Arbeit in der Politik gelernt, wichtige von unwichtigen Dingen zu unterscheiden, er hat eine wohltuende Ausgeglichenheit. Es wird sicherlich auch mal Meinungsverschiedenheiten geben, aber wir haben uns zugesagt, diese nicht medial auszufechten.

Die beim DFB gescheiterten Koch und Peters bleiben in den Vorständen von Uefa bzw. Fifa. Erwarten Sie gerade mit Blick auf die EM 2024, dass Neuendorf auch international Verantwortung ü b e rnimmt?

Bernd Neuendorf und ich haben das Problem erkannt, wir analysieren es schon und werden es lösen. Die Situation ist jetzt eine völlig andere als im Januar, Peters hat bei der Abstimmung gegen Neuendorf k ein gutes Ergeb-nis erzielt, und Koch sitzt nicht mehr im DFB-Präsidium. Wir haben auch schon Gespräche mit der Uefa geführt, und natürlich gibt es dort die Erwartung, dass speziell der DFB als größter Sportfachverband der Welt sein Spitzenpersonal in die Gremien von Uefa und Fifa entsendet. Was deren Besetzung angeht, werden wir im Präsidium diskutieren, nachdem wir auch mit Peter Peters und Rainer Koch gesprochen haben.

„Ich empfinde Oliver Bierhoff alsextrem motiviert“

Sie plädieren für die Abschaffung der Marketing-Bezeichnung „Die Mannschaft“ für die DFB-Auswahl. Haben Sie darüber schon mit dem dafür zuständigen Oliver Bierhoff gesprochen?

Oliver Bierhoff und ich unterhalten uns momentan häufig, ich habe ihm auch dazu meine Meinung gesagt: dass wir die hohen Mauern, die lange Zeit um die Nationalmannschaft errichtet worden sind, auf ein Normalmaß stutzen müssen. Dass wir geerdeter rüberkommen müssen. Das Thema „Die Mannschaft“ ist weiter auf der Agenda, jeder kann gern Argumente dafür benennen, dass die Bezeichnung beibehalten werden soll. Dann wird das im Präsidium besprochen, und wenn die große Mehrheit der Meinung ist, dass alles beim Alten bleiben soll, dann ist es halt so. Meine Meinung, für die ich übrigens unfassbar viel positive Resonanz bekommen habe, bleibt trotzdem diese: Es wäre ein klares Zeichen von Demut und für einen Neuanfang, wenn man aus dem anderen gegenüber etwas herablassenden „Die Mannschaft“ einfach wieder die Nationalmannschaft macht. Wenn wir im Dezember in Katar Weltmeister werden, können wir es ja wieder ändern in „Der Weltmeister“, das trifft dann wenigstens zu.

Der neue Sport-Geschäftsführer Bierhoff steht nach den Pleiten bei der WM 2018 und EM 2021 selbst in der Kritik. Suchen Sie aufgrund der größten Fußball-Kompetenz im Präsidium seinen Nachfolger aus, wenn auch die WM in Katar vor die Wand gefahren wird?

„Werden wir WM-Dritter mit Leidenschaft und Willensstärke, wäre ich hochzufrieden“

Ich empfinde Oliver Bierhoff als extrem motiviert. Ich glaube, dass ihm auch der Zugewinn an Verantwortung durch die neue Position als Geschäftsführer gefällt und er diesen Gestaltungsspielraum ausfüllen möchte. Verantwortung heißt natürlich auch, dass du am Ende die Resultate mitverantwortest – die Spiel-und die Organisationsergebnisse. Das weiß er aber selbst.

Was erwarten Sie sportlich von der Nationalmannschaft bei der WM in Katar?

Entscheidend ist das Auftreten. Wenn wir so Dritter werden, wie wir 1970 in Mexiko Dritter geworden sind – mit begeisternden Spielen, mit totaler Willensstärke im Viertelfinale gegen England (3:2 n.V., d. Red.) und im Halbfinale gegen Italien (3:4 n.V.), von dem Spiel spricht man noch in 100 Jahren – wäre ich auch mit Platz drei hochzufrieden. Ich erwarte Leidenschaft, wir müssen Begeisterung erzeugen, die Menschen brauchen das nach zwei Jahren Pandemie, die die Gesellschaft gespalten hat. Hinter der Nationalmannschaft kann sich ganz Deutschland wieder versammeln, sie spielt diesmal eine besondere Rolle, das habe ich Bierhoff und Flick auch gesagt. Sie müssen den Fußball in Deutschland durch einen Top-Auftritt bei der WM wieder zum Strahlen bringen, das Spielermaterial dafür haben wir.

SPD-Chef Lars Klingbeil erwartet vor Ort eine „Haltung“ von den deutschen Spielern und Offiziellen wegen der Menschenrechtsverletzungen in Katar.

Ich weiß, dass wir eine WM unter schwierigen Bedingungen spielen, man hat uns monatelang vorgeworfen, dass wir überhaupt nach Katar fliegen. Mittlerweile fliegt sogar unser grüner Wirtschaftsminister Robert Habeck nach Katar, um eine Energie-Partnerschaft zu beschließen. Wir alle haben die Bilder noch vor Augen, es ist ja erst ein paar Tage her. Wir – und da können Sie sicher sein – werden in Katar sehr deutlich die Themen ansprechen, die den Menschen auf der Seele liegen. Allerdings ohne die typisch deutsche Besserwisserei zu betreiben. Die Begegnungen werden einen Prozess auslösen, ob es die Kataris wollen oder nicht. Ohne Begegnungen verändert man selten etwas zum Besseren.

2024 läuft der Vertrag von Jürgen Klopp beim FC Liverpool aus. Wäre er Ihnen dann als Englands Nationaltrainer lieber als als Trainer Ihres Konkurrenten FC Bayern?

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Klopp zu Bayern geht“

Ich kann mir aktuell nicht vorstellen, dass Jürgen zum FC Bayern geht. Wir haben mit ihm als Trainer jahrelang die Rivalität zu den Bayern gepflegt, das war nicht die schlechteste Zeit für den deutschen Fußball: 2012 das Double, 2013 das Champions-League-Finale zwischen den Bayern und uns in Wembley, 2014 wurden etliche Spieler aus diesem Finale in Brasilien Weltmeister. Ich glaube auch nicht, dass sein Lebensmittelpunkt nach seinem Vertragsende in Liverpool weiter in England liegen wird, was als Nationaltrainer aus meiner Sicht nötig wäre. Das sind aber alles nur Vermutungen. Ich habe mit ihm über diese Themen nicht gesprochen. Klar ist: Jürgen würde jede Mannschaft der Welt erfolgreich trainieren. Egal wo.