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„Feiern, tanzen, vergessen“


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 14.10.2021

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Marteria

Niemand bringt Marten um: vier Jahre nach dem letzten Album als Marteria ist er wieder da, der Sonnyboy des Deutschrap. Aber ist alles noch so sonnig? Auf 5. DIMENSION geht es eher um die Nacht. Ums Feiern, darum, sich zu verlieren in der Nacht und im Leben, bevor man irgendwann in den Sonnenaufgang tappst, wenn’s gut geht.

Wir stehen hoch über den Dächern Berlins, im blitzblanken Neubau seines Labels, der in manchen Ecken eher an eine Raumstation erinnert denn an ein Bürogebäude. Marteria ist gut drauf, Modus irgendwo zwischen Flummi und Dadjokes. Der geborene Entertainer halt, im giftgrünen Pulli vom eigenen Klamottenlabel, dazu Sonnenbräune fresh aus Gibraltar, wo er gerade mit Freunden geurlaubt (und, natürlich, gefischt) hat, und vielleicht auch noch aus Barbados, wo er nicht ganz absichtlich einen großen Teil der Pandemie verbracht und sein Album geschrieben hat. Klingt eigentlich ...

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... paradiesisch? Nicht ganz, wie er uns im Interview erzählt.

Wie war’s auf Barbados?

Scheiße. Warum das denn? Man denkt so: Barbados, geil, Sonne, Strand …

Nein, es war ja auch geil. Die Geschichte ist ja ein bisschen mehr als nur das. Ich war in Venezuela, wer sich ein bisschen auskennt in der Politik, der weiß, dass es nicht so viele Städte auf der Welt gibt, die gefährlicher sind als Caracas. Und dort zu sein während des Lockdowns ist nicht lustig, das hat etwas mit Todesangst zutun. Ich kam nicht raus, alle Flüge waren gestrichen und ich habe irgendwie noch ein Flugzeug bekommen, eine alte Cessna …

... die Cessna aus deiner Single „Niemand bringt Marten um“?

Kann man so sagen. Und dann bin ich nach Trinidad und Tobago geflogen, da durfte ich nicht rein. Sie haben mich mit Waffengewalt wieder in das Flugzeug gezwungen, zurück nach Caracas und ich dachte okay, das war’s jetzt. Ich hatte den Botschafter noch am Telefon, der hat gesagt, es gibt nur eine Möglichkeit, und zwar, irgendwie nach Barbados zu kommen. Dann bin ich für Unmengen Geld nach Barbados geflogen. Und habe erst einmal drei Tage gefeiert. Da gab’s damals auch noch keinen Corona- Fall, deswegen war es da locker. Ich dachte, ich bleibe hier kurz und fliege wieder zurück nach Deutschland, aber dann gab es dort auch einen Lockdown, kein Flugzeug ist mehr gegangen und ich blieb da vier Monate.

Todesangst ist ja auch so ein Gefühl, das auf dem Album eine große Rolle spielt. Eigentlich hatte ich ja eine andere Eingangsfrage für dich: Wie geht’s dir eigentlich, Marten?

Wie es mir geht? Mir geht’s sehr gut. Kommt darauf an, wie man eingestellt ist gegenüber dem Leben.

Das Album klingt jetzt aber nicht so, als ob es dir so richtig gut geht, um ehrlich zu sein.

Ich weiß, was du meinst, das Album hat auch eine Melancholie oder so einen Distortion-Filter drauf. Aber ich finde, „Niemand bringt Marten um“ ist ein total positiver Song, und es gibt da total viele, wenn man alle Songs durchgeht.

Ja? Für mich hat es sich so angehört wie das Gefühl, wenn’s einem schlecht geht und man geht feiern, obwohl es eine richtig schlechte Idee ist.

Aber das ist ja nichts Schlechtes! Es gibt ja auch darüber einen Song, „Paradise Delay“, es gibt natürlich auch Songs, die diese Lostness transportieren, aber es ist ja nicht immer alles schlecht. Es ist auch nicht immer alles gut. Die Platte ist nun mal eine etwas tiefergehende Platte, sie hat einen hohen Melancholie-Anteil und hat natürlich auch eine hohe Themendichte und das ist im Endeffekt eine Nacht, mit all den Aufs und Abs, mit all den Dingen, die da so passieren. Und es ist durch die Produktion mit DJ Koze und Siriusmo ein sehr besonderes Team, mit den The Krauts zusammen, aus einer sehr elektronischen Welt kommend, Musik zum Mixen. Eigentlich das, wie ich angefangen habe, Musik zu machen, mit meiner ersten Platte ZUM GLÜCK IN DIE ZUKUNFT. Meine erste große Single war verstrahlt, mit Robert Koch von damals Jahcoozi, einer krassen Electroband. Ich habe das immer genauso gemacht, bin immer inspiriert gewesen von Musik aus England. Sich neu zu erfinden, neue Sounds zu erfinden, nicht immer das, was in Deutschland ist, das ganze Spartending, HipHop, Techno, Electro. In Deutschland ist es ganz verrückt, das gibt es in anderen Ländern gar nicht mehr, aber die Deutschen brauchen das irgendwie, um klarzukommen.

Was sagt das wohl über Deutschland aus, dass wir diese Schub laden brauchen?

Das braucht man einfach. Deutschland liebt seine Schubladen. Aber das ist okay, so ist das halt. Ist ja nicht alles schlecht. (lacht) Schubladen können ja auch positiv sein, aber in der Musik braucht man das nicht. Deswegen habe ich als Kind schon eine Björk-Platte gehabt, eine von Prodigy, eine Wu-Tang-Platte und eine Pearl-Jam-Platte. HipHop fand ich für mich am besten. Ich bin kein Sänger, ich fand die ganze Kultur daran megageil. Linie Graffiti, Breakdance, die Schwächeren beschützen. Ich war der Einzige in der Klasse mit Baggypants, heutzutage ist HipHop die Sache. Und heutzutage wär’s für mich nicht mehr so interessant, weil man dann halt einer von allen ist. Und damals war man halt allein, ich fand dieses Außenseiterding ganz gut. Und trotzdem ist es eine geile Jugendkultur, die leider ein bisschen ihren kulturellen Anstrich verloren hat, aber die Kids haben bei einer Jugendkultur immer recht und ich verstehe sie auch, es gibt ja auch viel geiles Zeug. Aber mir ist es wichtig, dass man sich auch immer wieder neu erfindet bei einer Platte, nicht was schon mal funktioniert hat. „Ich mach jetzt Lila Wolken 2“ – das nervt mich immer, Künstler, die sich auf ihrem Status ausruhen. Wenn man sich nicht immer wieder neu erfindet, kann man auch einfach aufhören damit.

Hat es deswegen ein bisschen länger gedauert, bis du wieder etwas neues Eigenes gemacht hast, nach der Platte mit Casper?

Tja, was soll ich sagen. Eine gute Platte braucht immer ein bisschen. Das ist ja im Endeffekt eine Widerspiegelung von drei bis fünf Jahren, die dazwischen passieren. Ich erlebe halt ziemlich viele Sachen und deswegen kann ich auch viel schreiben. Das Album hat diese Melancholie, Kälte, aber auch Wärme von Berlin. Zwischen KaterBlau und Berghain und diese Lostness. Und dann ist da ja noch die andere Ebene, die es überhaupt noch nicht hat, und zwar, dass man das live macht. So ein Song wie „Paradise Delay“ wird einfach live noch mal eine ganz andere Ebene erreichen, weil er einfach dafür gemacht ist, zum Feiern gemacht ist, zum Tanzen und Bewegen, zum Vergessen.

„Es ist nicht die Zeit dafür, mit einem riesigen Auto durch die Stadt zu fahren. Es geht um andere Dinge, darum, sich auszumisten.“

Hat dir das Feiern so sehr gefehlt?

Nö, ich habe ja die ganze Zeit illegal gefeiert. (lacht)

Du bist also einer von denen!

Ja, genau, ich bin einer von denen, die so illegale Partys in der Hasenheide organisieren. (lacht) Nee, also auf Barbados habe ich viele Freunde, war dort lange, da ging auch noch so einiges, aber … Mann, es sind Dinge passiert, man ist kein perfekter Mensch. Und es war nicht so, als ob ich das in der Zeit vermisst hätte, die gesellschaftliche Situation war einfach nicht schön. Und für meine ganzen Freunde, die Leute, die hier in der Musikszene arbeiten, für die tut es mir megaleid. Leute mussten neue Jobs finden, neue Welten finden. Das war nicht leicht. Es ist trotzdem wichtig, positiv zu bleiben in so einer Pandemiephase – so habe ich das Gefühl, dass die Leute mir auch abnehmen, was ich sage. Es ist wichtig, dass man das spreadet, dass man Positives in die Welt bringt. In so einer Welt und Weltlage, in der wir uns einfach gerade befinden, die viele nicht richtig einordnen können. Und durch Angst entstehen halt keine schönen Dinge. Marteria steht dafür, zu sagen, ey Leute, wir sind zusammen und man muss auch andere Meinungen mal akzeptieren, aber akzeptiert bitte auch mich. Das Zusammensein ist besser als das Ausgrenzende, das habe ich mein Leben lang schon so erfahren. Und dafür stehe ich so ein bisschen auch. Das ist megawichtig. Wenn ich jetzt auch noch umfalle und schlecht gelaunt bin, das wäre absoluter Horror. Dann würde Deutschland zusammenbrechen.

So siehst du also deine Bedeutung für Deutschland?

(lacht) Nein, überhaupt nicht! Mach so einen Lacher dahinter, bitte, HA HA HA.

Aber denkst du, dass du eine Verantwortung für dein Publikum hast?

Ja, das sehe ich so. In meiner Musik geht es – und das ist ja gar nicht HipHop-mäßig – sehr viel um Schwächen. Es geht auch darum, dass man einfach zu den Schwächen stehen sollte, die man hat. Das passt auch zu der Zeit ein bisschen besser. Ich habe auch mal ein dickes Auto in meinem Leben gehabt, aber ich habe das jetzt alles nicht mehr. Dazu gibt es auch einen Song, „Zug der Erkenntnis“, das ist ein Schlüssellied für die Platte. Es geht halt nicht um materielle Dinge, es geht um Erlebnisse im Leben. Und das ist meine Lebenserfahrung, die ich jüngeren Leuten mitgeben kann. Ich bin jetzt nicht 100, aber ich bin 38 und habe sehr viel gesehen, und alles, woran ich denke, waren Reisen oder Erlebnisse und nicht eine Rolex oder ein krasses Auto. Das ist alles nicht wichtig. Und das passt nicht zu der Zeit gerade. Es ist nicht die Zeit dafür, mit einem riesengroßen Auto durch die Stadt zu fahren. Das fühle ich einfach gerade nicht. Also geht es um andere Dinge, um Werte und darum, so ein bisschen minimalistischer zu sein, sich auszumisten. Wenn ich meinen Kleiderschrank ausmiste, ist es auch ein wenig wie meinen Kopf auszumisten. Anfangen, für sich zu leben, und nicht dafür, anderen zu gefallen. Das ist etwas, was einem schwerfällt zwischen zwanzig und dreißig. Es ist ganz schwer, das zu erkennen. Als es bei mir so weit war, hat mir das sehr gut getan. Deswegen kann ich auch mit dieser Lostness und diesen Schwächen sehr gut leben und sie anerkennen. Und bin auch sehr stolz auf die Platte, weil sie so ist wie der Ursprung, als ich anfing, Musik zu machen. Sehr lost, in den Clubs, gucken, was passiert. Und nicht, weil ich deprimiert bin, sondern weil ich es geil finde, weil die Nacht mir Unerwartetes schenken kann. Und nichts anderes kann das. Es ist eine Ode an diese Zeit.

Vor einer Weile hast du noch gesagt, du bist durch mit dem Feiern, nach deinem Nierenversagen, dass du ja auch auf „Niemand bringt Marten um“ ansprichst. Da war so eine Hedonismus-Platte ein bisschen überraschend.

Ja, klar. Also … ich tu’ mich da auch ein bisschen schwer, zu sagen, ich trinke jetzt wieder. Ich habe ein Nierenversagen gehabt, was nicht so toll ist, auf keinen Fall. Und dann habe ich auch fast vier Jahre lang keinen Alkohol getrunken. Davon waren zwei Jahre echt okay und zwei Jahre waren tierisch langweilig und öde. Ist halt leider so, ich würde gerne etwas anderes sagen. Ich habe damals die größte Show meines Lebens in der Berliner Wuhlheide gespielt, mit 18 000 Leuten und geh’ dann in den Bus und guck’ eine Folge „Vikings“. Irgendwie hat das nicht so gematched mit dem, was man so macht. Es ist zwar dumm, das zu sagen, aber es ist einfach so, mein Leben ist ein anderes Leben. Ein sehr intensives, dolles Leben. Man muss da sehr auf seinen Körper hören. Ich bin extrem in so vielen Bereichen, ich bin extrem im Feiern, aber ich bin auch extrem im gar nicht Feiern und mache dann nur Sport.

Es klingt auf jeden Fall so, als ob du ein extremer Mensch bist, aber kannst du zwischen Marten, Marteria und Marsimoto unterscheiden? Kannst du den Bühnenmenschen und den Papa voneinander trennen?

Nein. Also Marten ist schon Marteria, das bin ich.

Wenn man deinen Lebenslauf so anschaut, denkt man, alles, was du tust, geht steil nach oben. Du spielst Fußball und bist einer der krassesten Jugendfußballer. Du bist Model und bist dann erfolgreiches Model. Du machst HipHop und wirst zu einem der erfolgreichsten deutschen Rapper. Unfair!

Das stimmt natürlich alles so nicht. Bei mir hat halt nichts geklappt. Ich hab’ das Fußballspielen aufgegeben für New York, Modelkarriere, die ich nach einem Jahr abgebrochen hab’, ein Schauspielstudium gemacht, wo ich nicht einen Job bekommen habe und bei hundert Castings war, beim Modeln habe ich drei Jobs bekommen, wo ich bei hundert Castings war und Hansa Rostock … ich habe das alles nicht geschafft. Ich habe das alles gemacht, ja. Aber um ehrlich zu sein, habe ich damit mein ganzes Leben zu kämpfen gehabt, weil ich meine Fußballkarriere aufs Spiel gesetzt habe, weil ich die Modelsache gemacht habe. Wäre mir das nicht passiert, wäre ich wahrscheinlich Fußballer geworden. Die einzige Konstante, die immer dabei war, war Musik. Ich bin auch nicht krass talentiert, ich kann nur Fußball spielen und Texte schreiben. Ich kann nicht singen, ich kann kein einziges Instrument spielen. Das sieht alles sehr, sehr schön aus, aber ich habe alles nicht geschafft. Aber das Musikding habe ich geschafft. Und darauf kann ich stolz sein. Ich kann darauf stolz sein, der erste Rapper in Deutschland zu sein, der ein ausverkauftes Stadion gespielt hat. Nicht in Berlin. Oder in Hamburg, in diesen Riesenstädten. Sondern in Rostock, in Mecklenburg-Vorpommern. Das ist für alle eher Urlaubsbundesland mit Faschoanteil. Und da habe ich es geschafft, mit der Musik das erste Stadion auszuverkaufen mit fast 35 000 Leuten.

Du bist ja schon einer der erfolgreichsten Exporte aus Mecklenburg-Vorpommern, aber hast bislang gar nicht so sehr über diese Geschichten gesprochen. Und jetzt hast du auf dem Album mit „Strandkind“ und „Neonwest“ gleich zwei Songs darüber, ostdeutsch zu sein und aus Mecklenburg-Vorpommern zu kommen.

Na ja, ich hab’ das schon gemacht, aber ich schlage da nicht so mit dem Holzhammer drauf. Es muss künstlerisch sein, Kunst wird immer gewinnen. Aber es passieren unfassbar viele Dinge in Meck-Pomm, gute Dinge. Ich wohne seit fünf Jahren auf dem Land, an der Ostsee, und jetzt sehe ich eben wieder die Realität, die normalen Menschen. Der eine AfD-Typ, der andere Querdenker, der Linke, der Professor, der Maurer. Alle. So wie die Welt nun mal ist. Und man redet da. Und eigentlich redet man da respektvoll. Was das Leben in der Stadt vergessen hat, leider.

Du bist ja 1982 geboren und in Rostock in einer Platte aufgewachsen. In einem Interview vor einigen Jahren hast du mal erwähnt, dass du den rassistischen Angriff auf das Sonnenblumenhaus in Rostock- Lichtenhagen mitbekommen hast, der sich ja gerade erst wieder gejährt hat …

Ja. Ich war zehn und saß mit meiner Mutter heulend im Wohnzimmer. Meine Mutter war damals sehr aktiv, sehr rot und sehr links. Es war hart. Meine Schwester, meine Mutter und ich. Meine Mutter heulend auf dem Küchenboden gesessen, die applaudierenden Leute gehört. Das war keine schöne Erfahrung, keine schöne Zeit. Aber auch da die andere Seite, die Lichterkette, die eine Woche später durch die Stadt ging, mit allen Leuten, die dagegen waren. Aber das sind nicht die Bilder, die um die Welt gingen.

Albumkritik S. 84

MARTERIA BOY

Marten „Marteria“ Laciny, Jahrgang 1982, Sohn einer Lehrerin und eines Seemanns, rappt seit er 16 ist. Ist ja auch ein Form von Seemannsgarn. Besonders, wenn er in sein Helium-schluckendes Alterego Marsimoto schlüpft. 2010 erschien sein Majordebüt ZUM GLÜCK IN DIE ZUKUNFT und seitdem gab es nur eine Richtung für ihn: steil nach oben. 2012 veröffentlichte er gemeinsam mit Dauer-Kooperateur Yasha und Miss Platnum die „Lila Wolken EP“, deren gleichnamige Single sich fast ein Jahr in den Charts hielt. Ein Jahr später coverte übrigens Heino den Song auch. Ob das wohl ein Kompliment ist? 2018 erschien sein Kooperationsalbum 1982 mit Casper, im gleichen Jahr spielte er als erster deutscher Rapper ein Stadionkonzert und zwei Tage später vor noch mal doppelt so vielen Menschen bei #wirsindmehr in Chemnitz. Marteria wohnt an der Ostsee und in Kreuzberg und ist passionierter Angler.