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Fellfilzen


Lavendelo - epaper ⋅ Ausgabe 19/2021 vom 15.06.2021

Filzen

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Bildquelle: Lavendelo, Ausgabe 19/2021

Das Fellfilzen ist bei uns bisher kaum bekannt, denn anders als bei echten Fellen wird ein gefilztes Fell nur aus dem Wollvlies des Schafes gemacht. Dafür wird das Schaf sorgfältig geschoren und dieser „Mantel“ aus Wolle auf der Rückseite verfilzt. Dadurch werden die Wollhaare festgehalten, das Fell ist auf der Rückseite ähnlich stabil wie ein gegerbtes, die Locken bleiben lose. Das Schaf springt derweil munter über die Weide und kann noch über mehrere Jahre hinweg geschoren werden.

Echte Tierfelle werden nach dem Schlachten des Tieres gegerbt, d.h., mit (zum Teil bedenklichen) chemischen Substanzen behandelt und dadurch haltbar gemacht.

Die meisten Schafe in Deutschland werden nicht wegen ihrer Wolle, sondern wegen ihres Fleisches gehalten. Aber auch diese Schafe werden geschoren. Die Wolle der Fleischrassen ist allerdings häufig nicht fein oder edel genug, um in der Woll- und ...

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... Textilindustrie weiter verarbeitet zu werden. Die Wolle der Fleischschafe wird ggf. als ökologisches Isoliermaterial aufbereitet, oft landet sie aber auf dem Müll, weil es keinen Markt dafür gibt.

Aus der Wolle dieser Rassen – und natürlich auch aus der von edleren – lassen sich aber wunderbare Felle filzen. Man benötigt dafür ein ganzes Vlies, also den vollständigen Fell“mantel“, der noch nicht auseinandergerupft wurde. Diese Vliese bekommt man z.B. bei einem Schäfer oder Schafhalter für zumeist wenig Geld. Man kann sie aber auch im Internet finden, z.B. über ebay(„Rohwolle Vlies“) oder den Onlineshop purewol.de aus den Niederlanden, wo das Fellfilzen weiter verbreitet ist als in Deutschland. Dort gibt es auch Informationen darüber, von welchen Schafrassen sich die Wolle besonders gut zum Filzen und Fellfilzen eignet.

Ein solches vollständiges Wollvlies wiegt ca. 3 kg und ist absolut naturbelassen, das heißt, es enthält noch Wollfett und oft auch noch Gräser, Stroh und Dreck. Die groben Verschmutzungen werden vor der Bearbeitung vorsichtig entfernt, aber das Vlies wird zunächst noch nicht gewaschen. Das Waschen würde die Wollhaare durch-einanderbringen und sie würden sich nicht mehr zu einem Fell zusammenfilzen lassen. Das fertig gefilzte Fell wird später noch gründlich gewaschen, aber schon während der Bearbeitung wird es durch den Einsatz von Seife und Wasser vorgereinigt.

Zum Fellfilzen braucht es tatsächlich nicht viel mehr als Seife und heißes Wasser. Die Arbeit im Freien bietet sich auf jeden Fall an, denn es wird viel Wasser benötigt. Tipp: Zum Üben empfiehlt es sich, mit einem Teil eines Vlieses zu beginnen, z.B. einem Viertel. Das ergibt ein Fell in der Größe eines Kissens.

Das hier verwendete Vlies ist von einem Skudden-Schaf. Das ist eine sehr alte, europäische Schafrasse, die relativ klein ist. Wahrscheinlich wurden Skudden schon von den Wikingern als Haustiere gehalten. Seit dem Mittelalter waren sie vor allem in Nord- und Osteuropa weit verbreitet. Nach dem zweiten Weltkrieg galt die Rasse als fast ausgestorben, konnte aber mit wenigen Tieren nachgezüchtet werden. Skudden werden heute vor allem zur Landschaftspflege eingesetzt. Sie sind robust und anspruchslos, fressen sogar Brennnesseln und Disteln. Weder ihre Wolle noch ihr Fleisch lassen sich gewinnbringend vermarkten, da sie den wirtschaftlichen Normen nicht entsprechen. Aber zum Fellfilzen eignen sie sich perfekt.

Material

• Schafwollvlies am Stück, ungewaschen

• Seifenstück, am besten Olivenseife

• Küchenreibe, grob

• Wasserkocher

• Schüssel

• Wassersprenger oder Gummi-Brause

Gartentisch, ggf. mit Plastikfolie abgedeckt und viel Wasser

Anleitung

Das Schafwoll-Vlies wird mit der geschorenen Seite nach oben auf einem Tisch ausgebreitet. Es sollte dabei so dicht wie möglich zusammengeschoben sein, so dass keine Löcher oder „Gräben“ entstehen. Grobe Verschmutzungen und lose Fellteile werden entfernt. Sie können kompostiert werden.

Dann werden mit Hilfe der Reibe Flocken von dem Seifenstück abgeraspelt und gleichmäßig auf dem Vlies verteilt.

Im Wasserkocher das Wasser zum Kochen bringen und in einer Schüssel mit so viel kaltem Wasser mischen, dass sich die Temperatur mit bloßen Händen gerade aushalten lässt. Den Wassersprenger damit füllen und das heiße Wasser, an einer Ecke beginnend, auf einem Teil des Vlieses verteilen. Bevor das Wasser abkühlt, mit flachen Händen mit sehr kleinen, sanft reibenden (anfangs eher streichelnden) Bewegungen die Seifenflocken auf der Oberfläche des Vlieses aufschäumen und die Stelle so lange bearbeiten, bis sich die Wollhaare verfilzt haben. Dann mit dem nächsten Bereich ebenso verfahren und nach und nach das gesamte Vlies auf diese Weise von der Rückseite filzen, dabei immer reichlich heißes Wasser verwenden und bei Bedarf noch mehr Seifenflocken dazu geben. Zwischendurch kontrollieren, dass die Locken auf der Unterseite unverfilzt bleiben.

Wenn nach und nach abschnittsweise alles gefilzt wurde, das gesamte Vlies nochmal am Stück bearbeiten, dabei etwas kräftiger reiben und drücken. Das geht am besten mit einer Bambusmatte (z.B. von einem alten Bambus-Rollo). Darin wird das Fell eingerollt und immer wieder fest hin- und her gerollt. Dabei wird das Filzstück immer wieder um 90° gedreht, damit es in alle Richtungen gleichmäßig schrumpft und sich dabei weiter verfestigt. Anschließend wird das gefilzte Vlies auf der Rückseite kontrolliert, ob es noch Löcher oder am Rand lose Bereiche gibt. Diese bei Bedarf gezielt nachbearbeiten. Die Rückseite sollte ein dichter, fest geschlossener Filz sein.

Durch das viele heiße Wasser und die Seife wird der Schmutz und das Wollfett im Vlies bereits zum Teil gelöst undkann anschließend mit reichlich klarem Wasser, am besten aus dem Gartenschlauch, ausgespült werden. Danach wird das gefilzte Fell ausgedrückt und zum Trocknen ausgebreitet.

Das fertig gefilzte Fell kann anschließend auch in der Waschmaschine gewaschen werden. Dafür sollte die Seife aber so gut wie möglich ausgespült sein. Dann wird das Fell in ein großes Wäschenetz(oder Moskitonetz) gesteckt und mit Wollwaschmittel (!) im Wollwaschgang (!) bei maximal 30 °C gewaschen. (Normales Waschmittel oder der falsche Waschgang würden die vorherige Arbeit zunichte machen und schlimmstenfalls in einem großen Filzklumpen enden).

Während das Fell trocknet, die Locken auf der Oberseite mit den Fingern lockern. Wenn es vollständig getrocknet ist (nicht im Wäschetrockner!), kann es mit einer Bürste gebürstet werden, so dass das „Fell“ glänzt und flauschig ist. Es kann wie ein echtes Fell verwendet werden. Falls doch noch Löcher vorhanden sein sollten, können diese mit einer Filznadel nachträglich zusammengefilzt oder mit einer Stopfnadel und einem farblich passenden Faden gestopft werden.•

Gudrun Rieck

„Ich liebe die Vielfalt – vor allem die faszinierende Welt der heimischen Wildpflanzen und die vielfältigen kreativen Möglichkeiten, die Naturmaterialien bieten.“ www.maison-rieck.de