Lesezeit ca. 4 Min.

„Fernsehen ist zu schön, um wahr zu sein“


Logo von Gong
Gong - epaper ⋅ Ausgabe 13/2022 vom 25.03.2022

Michael Mittermeier

Artikelbild für den Artikel "„Fernsehen ist zu schön, um wahr zu sein“" aus der Ausgabe 13/2022 von Gong. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gong, Ausgabe 13/2022

TV-FAN Mit der Comedyshow ?Zapped: Ein TV-Junkie knallt durch? gelang Mittermeier 1996 der Durchbruch

Schon als Kind schaute Michael Mittermeier gern und viel fern. Nun hat der Comedian über sein Lieblingshobby ein Buch geschrieben: „Nur noch eine Folge!“ (siehe Buchtipp). Mit Tochter Lilly diskutiert der 55-Jährige darüber im Podcast „Synapsen Mikado“. Mit uns spricht er über seine TV-Kindheit, seine T V-Helden, beglückende und schreckliche Momente. Mal nostalgisch, mal ironisch.

Herr Mittermeier, Sie haben jetzt rund 50 Jahre Fernseherfahrung. Was ist Ihre früheste Erinnerung?

MICHAEL MITTERMEIER: Ich saß auf dem Töpfchen vorm Fernseher und habe „Sandmännchen“ und „Bonanza“ gesehen. Das Kind saß wie auf seinem Thron und hat die Droge Fernsehen konsumiert. Meine Eltern waren die Dealer, und ich wurde dadurch zum TV-Junkie. Damals brauchte man keine Babysitter – dafür gab es das Fernsehen.

Es muss schlimm gewesen ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 0,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Gong. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 13/2022 von Flamingo-Kolonie ROSIGE AUSSICHTEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Flamingo-Kolonie ROSIGE AUSSICHTEN
Titelbild der Ausgabe 13/2022 von Blütenzauber in Europa. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Blütenzauber in Europa
Titelbild der Ausgabe 13/2022 von Das mutigste Tier der Welt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Das mutigste Tier der Welt
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Blütenzauber in Europa
Vorheriger Artikel
Blütenzauber in Europa
Das mutigste Tier der Welt
Nächster Artikel
Das mutigste Tier der Welt
Mehr Lesetipps

...

Ja, Fernsehverbot war als Kind die Höchststrafe. Ein Wochenende ohne Glotze war wie lebenslänglich mit anschließender Sicherheitsverwahrung. Ich bin mir heute sicher, dass Mattscheibenausschluss nicht konform mit den Genfer Konventionen war. Aber für die Internetgeneration von heute wäre Fernsehverbot sicher keine schlimme Strafe mehr. Heute ist das nur vergleichbar mit einem Handyverbot.

BUCHTIPP

Michael Mittermeier Nur noch eine Folge! Kiepenheuer & Witsch 224 S., 18 €

Haben Sie noch andere traumatische Erfahrungen erlebt?

Noch schlimmer war das Fernsehverbot, wenn die anderen gucken durften. Wenn der Rest der Familie selig „Daktari“ geschaut hat, während ich vor der Wohnzimmertür mit dieser geriffelten Milchglasscheibe stand und es nur verschwommen habe flimmern sehen.

Und schockierende Sendungen?

„Aktenzeichen XY“ war schlimm. Das war brutal, da wurde erschossen, erdrosselt, erschlagen, erstochen, ausgeraubt. Damit war 1967 das Genre „True Crime“ in Deutschland geboren. Geschockt hat mich auch die Anfangsmusik von „Der Kommissar“, die fand ich als Kind gruselig.

Wer waren Ihre frühen TV-Helden?

Pippi Langstrumpf fand ich super. Und als kleiner Bub wollte ich immer sein wie Michel aus Lönneberga. Ich glaube, diese Serie ist schuld daran, dass mein Rufname zu Michl wurde. Er war das Role Model meiner Kindheit. Er war frech, lustig und kreativ im Ausdenken neuer Streiche.

Und warum Pippi Langstrumpf?

Sie ist ein mutiges, starkes Mädchen und verkörpert ein Freiheitsgefühl, das mich begeistert hat. Sie kann tun, was sie will. Ich habe ihre Geschichten früher auch immer auf Schallplatten angehört. Dazu gab es Wiener Würstchen von meiner Oma. Das sind Erinnerungen, die ewig bleiben. Das ist auch die Absicht meines Buchs. Ich wollte nicht nur Gags übers Fernsehen schreiben, sondern einen persönlichen Bezug herstellen zu den Sendungen. Damit möchte ich ein wohliges Fernsehlagerfeuergefühl erzeugen.

Sie mochten als Kind auch „Lassie“?

Ich hatte eine Phase, in der ich mit Tieren gesprochen habe. Lassie konnte mit allen Lebewesen sprechen.

Wie findet Ihre Tochter „Lassie“?

Die Serie ist illegale Förderung des Hundehandels! Als meine Tochter eine Folge „Lassie“ gesehen hatte, war ihre Reaktion die gleiche wie meine 50 Jahre zuvor: Sie wünschte sich einen Hund. Aber noch halte ich stand.

Wirkte Fernsehen auch als Humorschule fürs weitere Leben?

Der erste Komiker, über den ich als Kind lachen konnte, war Jerry Lewis. Noch bevor ich überhaupt Worte verstanden habe. Er hatte eine eigene universelle Humorsprache und hat mich mitgenommen in seine Welt. Die war schrill, schräg, dreist, hyperaktiv, außer Kontrolle, liebevoll und saulustig. Meine Eltern haben mir erzählt, dass ich ihn früh nachgemacht habe. Bis heute lebt ein kleiner Jerry in mir. Wenn ich auf die Bühne gehe, darf er raus zum Spielen.

Hatten Sie eine Lieblingsserie?

„Raumschiff Enterprise“ ist meine Lieblingsserie für alle Zeiten. Es war eine der wenigen Science-Fiction-Serien, in denen es die Vision einer besseren Welt gibt. Und zu Beginn kam immer der Satz aller Sätze: „Die ,Enterprise‘ dringt in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“ Das ist zu meinem Lebensmotto geworden.

Können Sie das genauer erklären?

Ich habe niemals Grenzen in mir gespürt. Mit diesem Spirit bin ich als Comedian aufgebrochen, bin auf für mich fremden Planeten wie New York oder Moskau aufgetreten, um die dortigen Bewohner zum Lachen zu bringen. Und die Menschen dort hatten tatsächlich zuvor noch nie einen deutschen Komiker gesehen.

Wie steht es denn heute um Ihre Fernsehsucht?

Die ist groß. Bei Stress ziehe ich mir oft noch guten alten TV-Stoff rein.

Es wird immer mehr gestreamt. Ist das für Süchtige die härtere Droge?

Ja, und ich gebe zu, dass ich abhängig bin. Ich habe bisher sieben Staffeln von „The Blacklist“ gesehen, dafür hätte ich früher Jahre gebraucht. Das willst du durchschauen, da kannst du nicht wie früher eine Woche auf die nächste Folge warten. Deswegen heißt mein Buch „Nur noch eine Folge!“.

Ist das gute alte Fernsehen also tot?

Nein. Für mich ist streamen auch fernsehen. Ich schaue mir die Serie „Dark“ bestimmt nicht auf einem Handy an. Die Optik und der Sound sind dabei doch enorm wichtig. Das Fernsehen meiner Kindheit war eine andere Welt, das kann man nicht vergleichen. Aber es bleibt dabei: Fernsehen ist zu schön, um wahr zu sein.

INTERVIEW: THOMAS KUNZE