Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 17 Min.

Fernweh MAROKKO: DIE FACETTEN DES LEBENS


Motorrad ABENTEUER - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 13.12.2019

Lange mussten Biggi (Fotos) und Alex (Text und Fotos) Weede auf diese Reise warten. Immer wieder schoben sich andere Ereignisse in den Vordergrund. Doch dann wurde die ersehnte Tour nach Marokko doch Realität. Das Warten hat sich gelohnt. Die Fahrt durch den Nordwesten Afrikas wurde zu einem Highlight ihrer bisherigen Motorradtouren.


Artikelbild für den Artikel "Fernweh MAROKKO: DIE FACETTEN DES LEBENS" aus der Ausgabe 1/2020 von Motorrad ABENTEUER. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Motorrad ABENTEUER, Ausgabe 1/2020

FAT – Fun Action Tour: Biggi bezwingt den Gara Medouar/Rissani.


1


2


3


4


5


6


7


1 Traumgebiet mit fantastischen Ausblicken – Jebel Sarhro. 2 Erstkontakt in den Dünen von Erg Chebbi/Hassilabied. 3 Willi und Willi sind eins – Safi/ Dar Aicha. 4 Leckere Tajine in Chefchaouen. 5 ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Motorrad ABENTEUER. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 1/2020 von AKTUELL. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AKTUELL
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von AKTUELL NEUHEITEN 2020: NEUES FÜRS ABENTEUER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
AKTUELL NEUHEITEN 2020: NEUES FÜRS ABENTEUER
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von REISEFERTIG?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
REISEFERTIG?
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von BMW R 1250 GS: NUR DAS BESTE FÜR DEN BOXER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BMW R 1250 GS: NUR DAS BESTE FÜR DEN BOXER
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von LADAKH: DÜNNE LUFT UND DICKE BROCKEN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LADAKH: DÜNNE LUFT UND DICKE BROCKEN
Titelbild der Ausgabe 1/2020 von THERMO-UNTERWÄSCHE: WARM GEMACHT. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
THERMO-UNTERWÄSCHE: WARM GEMACHT
Vorheriger Artikel
AKTUELL NEUHEITEN 2020: NEUES FÜRS ABENTEUER
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel REISEFERTIG?
aus dieser Ausgabe

... 6 7

Jahrelang immer wieder auf die lange Bank geschoben wurde er, unser lang geplanter Marokko-Urlaub. Zeitliche Engpässe waren dabei der Faktor: Job, Zeit und zuletzt auch noch die Gesundheit. Dieses animierte mich trotz allem, meine Biggi davon zu überzeugen, das Projekt wahr werden zu lassen. Als ich kurz vor meinem Geburtstag dabei erwischt wurde, wie ich heimlich sämtliche Karten, Leselektüre und Laptop vor der Nase hatte, reichte es ihr und prompt wurde ich zum Fuffziger reich beschenkt: Marokko wir kommen!

Die Monate nutzten wir mit der Ausweitung unserer Tour. Biggi übernahm komplett das Zepter und plante eine Tour mit Anreise, Tickets und die ersten Unterkünfte. Dazu wurden die Reisepässe aktiviert und das eigene Wohlbefinden vom House- Doc abgesegnet. Eigentlich flutschte alles so, wie es sein sollte. Die alten 1150 GSen wurden von mir gecheckt und von meinem Kumpel Armin sensibelst repariert und abgesegnet.

Der Zeitplan lief wie am Schnürchen. Wir gehen über in den Sommer, der ein ganz wichtiger Punkt in Biggis Motorradfahrer- Leben werden sollte. Sie fuhr die neue Yamaha 700 Ténéré zur Probe (siehe auch Seite 26) und somit war es dann auch um sie geschehen. Dieses Sahneschnittchen ließ ihr keine Ruhe mehr und letztendlich bestellte sie kurz vor knapp des Frühbucher- Zeitfensters. Und dann, Freunde, fing sich das Hamsterrad immer mehr und immer schneller an zu drehen, als Biggi mir den Gedanken eröffnete, wie es denn wäre, wenn…?

Wenn sie ihre Ténéré noch bis zum lang ersehnten Urlaub bekäme, um damit nach Marokko zu fahren? Schöner Gedanke, aber nicht umsetzbar, sagte ich ihr! Keine Gepäcklösung, Maschine zulassen und die 1000er Inspektion stellte das größte Problem dar, wenn sie tatsächlich noch kurz auf knapp kommen sollte. Nicht für Biggi. Sie organisierte vorab eine Gepäcklösung und plante alle weiteren Schritte für den Ernstfall. Und es wurde dann auch ein sogenannter Ernstfall! Die T 7 traf genau fünf Tage vor Reisebeginn inklusive Wochenende ein. Das Hamsterrad samt Hamster schien sich schier vor Begeisterung zu überschlagen. Aber Biggi war bis zum Schlüsseltag am Mittwoch die Coolness pur. Bis dahin dauerte nämlich der ganze Zinnober, bis ihre T 7 fahrbereit für die Nacht zum Start bereitstand.

Abfahrt in die für uns andere Welt. 1000 Kilometer Kaltstart- Sprint bis nach Frankreich stehen nun ab 3:00 Uhr auf dem Programm. Denn nur einen Tag später muss ihre hübsche weiß-rote in Andorra bei Yamaha zur ersten Inspektion bereitstehen. Das ist ein satter Auftrag. Ich flaniere bei allerfeinster Innenraumtemperatur samt meiner BMW auf dem Hänger hinterher, während Biggi unerschrocken wie eine Le Mans-Rennfahrerin am Gashahn zupft und flugs Deutschland winkend verabschiedet. In Rodez erreichen wir das Ziel. Ich in der »Dose« und Biggi, die tänzelnd lachend und mächtig stolz auf sich von ihrer T 7 hopst, als wenn es hier um eine kleine Kaiserstuhl- Hausrunde ging und sagt mir: »Das wird ein mächtig schöner Urlaub, die Berta bringt mich überall hin«! Ich bin baff. So ist sie halt, meine verrückte Frau!

Das veränderte Klima ist schon zu spüren. Mit jedem Kilometer Kilometer wird es wärmer und unsere Stimmung ist bereits im Urlaub angekommen. Wir ziehen durch bis Andorra. Nach gutgelaunten 15 Stunden ist Feierabend und ein gutes Abendessen erwartet uns. Wir besprechen nochmals unser Vorhaben, den legendären »Pic Negre« (www.dangerousroads.org), den wir am übernächsten Tag rocken. Treibend, staubig und mit Speed erstürmen wir den Riesen. Ist immer wieder einen Besuch wert, dieser Bursche! Unsere Reise geht weiter, über Alicante (dort stellen wir unser Gespann auf einem bewachten Platz ab) nehmen wir nun Kurs auf Algeciras, wo uns die Fähre in ein neues Abenteuer bringen wird. Bye bye Europa!

Auf der Fähre nach Tanger Med herrscht ausgelassene Stimmung. Wir lernen eine nette Gruppe aus England kennen. Ihr Weg führt direkt dorthin, wo wir erst Tage später ankommen wollen: Merzouga – Wüste – im Sand spielen. Gegen 12 Uhr legen wir an, müssen uns samt englischen Freunden am Grenzübergang in Geduld üben: Die Herren in Blau fertigten nacheinander fast alle PKWs ab, bevor wir den heiligen Stempel und das wichtige Einreisekärtchen erhalten. Geschafft! Noch ein paar Euro wechseln (Dirham sind sofort nötig und heiß begehrt) und das afrikanische Tor steht uns offen.

Die erste Tour nach Chefchaouen verläuft anders als die von den meisten Motorradfahrern. Wir suchen den Weg über kleine kurvige Nationalstraßen bis runter nach Qued Laou und weiter durch das dort angrenzende Rif Gebirge.


Das Hamsterrad samt Hamster scheint sich schier vor Begeisterung zu überschlagen


Kleine Anekdote: »Rif bedeutet Kif«. Diese Beschreibung landete irgendwann mal in den 80ern bei uns in Deutschland und aus Kif wurde »Kiffen«. Hier im Rif Gebirge werden illegal bis zu 80 % des Haschischkonsums produziert und nach Europa transportiert.

Wir nehmen den letzten Ausläufer des Rif Gebirges, vorbei an schroffem Gestein und viel Grün, über eine leicht abfallende Schotterpiste geht es runter zur »Blauen Stadt« Chefchaouen. Ein Erbe der Architekturkunst. Vom Hochgebirge aus hat man den ersten schönen Eindruck von dieser herrlich farbenfrohen Stadt. Am Abend schlendern wir in die Souks und durch die blauen Gassen. Ein schönes fröhliches Flair, besucht von Einheimischen und Touristen. Das erste Mal genießen wir das Nationalgericht »Tajine«, herzhaft angemachtes Gemüse mit zartem Hühnchen. Genau der richtige Einstieg, um Marokko auf Anhieb zu lieben.

Am nächsten Morgen weckt uns der Muezzin kurz nach 5 Uhr. Das ist auch gut so, denn es steht eine 70 Kilometer lange Offroad-Rundtour durch das Rif Gebirge an und weitere 190 Kilometer zur Übernachtungsstätte nach Moulay Yakoub, einem kleinen Kurort, der zu Fes gehört. Wir satteln unsere Packtaschen und sind gespannt, wie sich die T 700 und die 1150 GS gewichtsmäßig schlagen werden.

Der Nationalpark lässt uns gleich mal eine Frühsportaufgabe erahnen. Steinplatten mit Stufen, loses Geröll und Mega-Anstiege treiben uns den Schweiß in den Helm. Wie aus dem nichts steht dann plötzlich ein Kerlchen mit einem kleinen Tütchen zwischen den Fingern am Wegesrand. Wir winken lachend ab. Kein Bedarf.

Vorbei an vielen Dattelpalmen und Gebirgszügen mit kleinen Furten in den Tälern erreichen wir unser erstes Highlight: The Hanging Rock. Der sieht aus, als würde er jeden Moment abfallen. Es ist ein Genuss, durch diesen seit 2004 eingerichteten Nationalpark zur Erhaltung des letzten bedrohten Tannenwaldes Marokkos zu fahren. Weichsand wie in der Wüste, kleine steil abfallende Spitzkehren und Schäfer mit ihren Herden huschen an uns vorbei. Kilometer für Kilometer schrauben wir uns rauf und wieder runter. Man kann sich das optisch so vorstellen, als ob man sich von Gebirge zu Gebirge »hangelt«, wie auf einer Achterbahnfahrt. Und die machten uns schon immer Spaß.

Auf den Weg nach Moulay Yacoub geraten wir ins Schwärmen: hellbraune glatte Gebirgszüge und ein wahnsinnig guter Asphalt. Kleine Berberdörfer mit spielenden Kindern begleiten uns auf unseren Weg. Die Kulisse hat sich hier nun komplett verändert. Überall riecht es nach Orangen und Datteln. Im Hotel angekommen, hopst Biggi in den Pool und ich lege meine alten geschundenen Beine hoch und lasse die Eindrücke sacken. Am nächsten Morgen gibt es schon fast tropische Temperaturen.

Die Hitze lässt uns nach dem Frühstück schnell auf die Motorräder schwingen, um die Haut mit Fahrtwind zu kühlen. Unser Ziel liegt im gut 280 Kilometer entfernten Zaida. Nichts Spektakuläres, eher Zwischenstopp, um endlich den Hohen Atlas zu erreichen.

Ein Highlight des Tages sind die putzigen Berberaffen bei Ifrane. Diese felligen kleinen Kameraden lassen sich füttern. Am liebsten mögen sie Erdnüsse, die wir dabei haben. Sie drehen vor Freude schier durch! Eine Sekunde weggeschaut…schwupp ist die Tüte weg! Der Chef der Bande hat sie mir mit einem Schlag aus der Hand gerissen.

Was uns auf der Weiterfahrt auffällt ist, dass aus Nobelhäusern kleine normale Häuser, aus normalen Häusern Lehmhütten und aus Lehmhütten Baracken im Nirgendwo wurden. Zusammengeschustert aus Plastik, Lehm und alten Brettern. Dazu überall streunende Hunde. Hier leben Menschen! Aber von was? Nur Berge, karges unbrauchbares Land und Müll. Hilfe vom Staat kommt hier nicht an, außer dem Asphaltierungwahn im ganzen Land. Nachdenklich fahren wir weiter.

Nach einer Nacht in Zaida geht es endlich dorthin, wo schon der klangvolle Name für Gänsehaut sorgt: der Hohe Atlas, die höchste Gebirgsgruppe im Süden Marokkos. Dominant, massiv und schroffes Gestein. Zwei Tage verbringen wir hier, ehe es weiter nach Agoudal geht. Die Stadt liegt genau an einem Scheitelpunkt zwischen Dades und der Todra-Schlucht.

Mit der Auberge Afoud haben wir ein typisches Berberhotel gefunden. So ursprünglich schön und erholsam ist es an kaum einem anderen Ort in Marokko. Auch das Essen ist ausgezeichnet. Wir schlafen wie die Götter. Unsere Tagestour am folgenden Tag führt rund um die Bergseen Lac d‘Tislit und Lac d‘lisli. Mit einem Wort: traumhaft!

Biggi hat diese Region lange studiert, Offroadwege gesucht, Bachfurten erspäht, die Bergseen für unsere Reiseenduros zugänglich gemacht. Wir fahren sämtliche kilometerlange Offroadpassagen, dazu Schluchten, bei denen es heißt: »Wollt ihr weiter, müsst ihr da durch«. Und wie wir da durch wollen! Spuren von den Berberfahrzeugen zeigen uns den Weg ins absolute Hintertal des Atlas‘, eine Gegend, die sich nur noch über deftige Rumpelpisten erreichen lässt.

Diese Gegend auf über 2000 Meter ist so unberührt aufregend und lässt das Offroadherz höher schlagen. Die Menschen hier sind fröhlich und freuen sich, dass sich auch mal Urlauber in ihr Paradies verlaufen. Hier ist für alles gesorgt, was Wanderer, Mountainbiker und Motorradfahrer erfreut. Die Infrastruktur hinkt dennoch gewaltig hinterher. Unser Auberge-Vater meint zu uns, die Region um Imichl sei leider von der Regierung vergessen worden. Schade, denn diese Gegend hat so viel Potenzial. Wir verbringen eine tolle Zeit hier.

1 Nach einer gelungenen Piste bei Imilchil war die Freude groß.


2 Abendstimmung mit Berber-Whiskey (Pfefferminztee) – Safi/ Dar Aicha.


3 Nix geht mehr – Tizi Bou Taouelt.


Dann nochmal ein Check Up an den Motorrädern. Öl, Wasser, Reifen, Kette und Luftfilter, alles gut. Meine 1150 GS gönnt sich noch ein Schluckerl Öl und weiter geht‘s. 330 Kilometer über Errachidia bis nach Merzouga, dort wo sich die Sahara am Schönsten zeigt. Es ist schon immer ein Traum von mir, das Gebiet um den Erg Chebbi zu erkunden. Der Weg dorthin ist mehr als spektakulär.

Auf dem Rücken des Atlas‘ verlässt man dieses gewaltige Gebirge nur ganz langsam und saugt diese Formationen, Farben und Wege intensiv auf. Menschen kommen uns hier selten entgegen. Kilometerlang sind wir völlig alleine unterwegs. Als wir jedoch irgendwo am kargen Hochpass eine kurze Pause machen, hält neben uns ein Berber, sein Pritschenwagen beladen mit Pferden, und bietet uns seine nicht benötigte Hilfe an. Ein schöner Moment auch, als er uns aus Gastfreundschaft sein angebissenes Fladenbrot anbietet. Im Gegenzug bekommt er von uns ein paar Schokoladenkekse. Die Freude darüber ist riesengroß.

Am Auslauf des Atlas‘ begleitet uns ein glutrotes Gebirge, dazwischen Palmenoasen. Die Farbspiele und Eindrücke nehmen nicht ab. Auf gut 300 Kilometer ein Land zu bereisen, das hinter jeder Kurve ein neues Highlight bereithält, ist unglaublich schön. Wir fahren ganz gechillt durch Erfoud, als plötzlich jemand schreit: »Alex und Biggi«! Wir trauen unseren Augen nicht. Es sind Freunde aus der Schweiz.

Ein gemeinsamer Kaffee, es wird gefachsimpelt, Strecken beraten und gelacht. Da es aber stechend heiß ist und eine Schlechtwetterfront hereinzieht, machen wir uns auf zum Hotel nach Hassilabied. Es beginnt zu regnen, seitlich von uns kommt eine riesige Sandwalze regelrecht angerauscht. Wir steuern das erstbeste Hotel an, suchen Schutz und buchen uns aus der Not in einem noblen und überteuerten Hotel ein. Die Sandwalze rollt regelrecht über den Platz hinweg. Es rumpelt gut zwei Stunden,

Fensterläden schlagen auf und zu, Leute eilen hastig durch die Gänge. Doch wir sind so müde, dass wir sofort einschlafen. Es ist eine wunderschöne (Aus)Zeit in der Sahara. Spaziergänge durch den rot glänzenden Sand, mit den Motorrädern am Erg Chebby entlang und dann unser nächstes dickes Ding. Es geht zu einem Yamaha T 7 Schauplatz, dem Gara Medouar. Hier wurden auch die Filme »Mumie« und »Spectre« gedreht.

Wir haben diesen geschichtsträchtigen Krater im neuen Yamaha T 7-Werbefilm entdeckt und in uns brodelte es immer mehr. Wir wollen da rauf. Vor allem Biggi will mit ihrer T 7 dort stehen, wo sie im Werbefilm immer eine Gänsehaut bekam, auf die Bergkanzel. Nach dem Heldenfrühstück, welches wir in unserem kleinen feinen Hotel jeden Morgen genießen dürfen, geht es los. Auf Abwegen geht es über Rissani weiter zu diesem phänomenalen Platz, wo im 11. Jahrhundert noch die Sklaverei betrieben wurde.

Die Einfahrt: Über eine Art Wüstenpiste lässt es Biggi mit ihrer Yamaha ordentlich krachen. Ich hinter ihr, höre immer dieses gar nicht aufdringlich kernige Brabbeln ihres Zweizylinders. Sogenannte Wellbleche, Tiefsand, große Pfützen vom Vorabend sind zu nehmen, bevor sich die versteckt berühmte »Hofeinfahrt« offeriert. Der erste Anblick enttäuscht uns. Nicht die Schönheit dieses Bauwerkes, sondern der Rummel: Da ist richtig was los – wir fühlen uns wie auf dem Jakobsweg. Wir lassen uns Zeit.

Während Biggi den Weg zur Spitze hinauf per Fußmarsch absolviert, bleibe ich bei unserem Hab und Gut. Eine Stunde später bekomme ich dann von ihr grünes Licht. Der Wandertourismus pilgert weiter und plötzlich soll ich meinen alten Willi im vollen Ornat hinauf prügeln. Ich spreche mich nochmal mit meiner Frau ab, ob es mit meinem Kampfgerät problematisch wäre!?! Sie meint, es wäre alles gut machbar. Es kämen nur 2 bis 3 deftige Stücke. Ich rumpele also los, reisse den Gasgriff auf und nehme den ersten Anstieg.

Nur 20 Meter weiter stehe ich schon: festgefahren in der gerölligen Steigung. Stoßgas und weiter. Raus aus der Fahrrinne, die nah am Abhang liegt. Links rüber, mit dem Versuch, trotz der schräg abfallenden Stufen wieder ordentlich Grip aufzubauen und um auf Geschwindigkeit zu kommen. Gas. Power und dann rumpelt mein alter treuer Weggefährte über alles hinweg, was ihm vor die Stollen kommt.


»Brauchst Du Hilfe?« »Nein, ich will das alleine mit Berta schaffen«, schreit Biggi


Biggi hinter mir hat trotz des geringeren Gewichts an den gleichen Stellen ihre Probleme, aber sie scheucht ihre Ténéré mit echter Frauenpower da hoch. Ich beobachte sie von oben und frage, ob sie Hilfe braucht. »Nein, ich will das alleine mit Berta schaffen«, schreit sie aufgeregt ins Headset. Die letzten Meter kommt sie im Drift ums Eck, eilt an mir vorbei und schreit vor Glück. Klasse Frau, mit einer unglaublich tollen agilen Maschine!

Den 360 Grad Rundumblick dort oben vergisst man nie. Man meint, es gibt keine anderen Menschen mehr. Wir treffen Gunter und Gabsi, eines der verrücktesten Ehepaare, die wir kennengelernt haben. Sie kommen gerade mit ihrem alten Gelände-LKW MB 1119 aus dem Senegal. Nach einem Wüstenkaffee laden wir sie zu uns ins Hotel ein und verbringen einen schönen, lustigen Abend mit vielen Abenteuer-Geschichten, zusammen mit dem Hotelchef, Angestellten und einem guten Essen. In der Wüste entstehen eben die schönsten Freundschaften.

Mittlerweile hat Biggis T 7 zu diesem Zeitpunkt fast 4000 Kilometer runter und fährt so zuverlässig, als ob dieses Motorrad schon Jahre in ihrem Besitz wäre. Die Wüste haben wir hinter uns gelassen, nun geht es über Tinghir, den malerisch schönen Jebel Sahero, der seit kurzem leider komplett asphaltiert ist, nach N´kob. Hier erwartet uns ein derber, schöner, gut 70 Kilometer langer Offroad-Pass, der auf die andere Seite des Atlas‘ nach Zagora führt.

Unser kleines Hotel im Ort liegt direkt an einer Palmenhalde. Wunderbare Urlaubsstimmung macht sich da breit, aber im Ort ist den Einwohnern der Anblick von Touristen noch recht fremd.

Beim Einkauf wird das ausgenutzt und man versucht, seinem Gegenüber das dreifache an Dirham aus der Tasche zu leieren.

Am nächsten Morgen geht es direkt aus dem Auberge-Tor hinaus zur Auffahrt des Mittleren Atlas‘. Diese Strecke geizt nicht mit Ausblicken, die aber erst mal verdient sein wollen. Das ist das deftigste, aber auch schönste, was wir in den letzten Jahren gefahren sind. Der Anstieg lässt keine Schikane aus. Er ist sehr gut zu vergleichen mit den letzten Metern zum Monte Jafferau (Skipiste). Meine 1150er wühlt und ackert sich bullig jeden Meter weiter hoch. Biggi gibt nicht klein bei und scheucht ihre feine Yamaha, Stück für Stück samt Gepäck hoch.

Durch das gesamte Atlas Tal gilt es, knifflige Wegverläufe zu meistern. Weggebrochene Wege, ausgetrocknete breite Bachläufe mit Geröll, Steigungen, die wirkliche Arbeit bedeuteten, werden gemeistert. Auch bei diesem andauernden Stressparcours hält die Ténéré mit ihren überforderten Pirelli STR voll dagegen. In Zagora fahren wir nahe der Algerischen Grenze entlang durch die Einöde bis nach Foum Zguid. Einsame Kamele und Esel begleiten uns am Wegesrand bei sengender Hitze. Der letzte Stopp zwischen Wüste und Atlasgebirge.

Nach einem schönen Abend, einem tollen Riad Chef Abdou, der uns von A-Z bekocht und verwöhnt, geht es ab ins Bett, um am anderen Tag die Blauen Steine von Tafroute aufzusuchen. In aller Frühe starten wir gen Tata. Dieser Morgen beginnt chaotisch! Die Tankstelle hat keinen Sprit und der Geldautomat zeigt an, dass die Visa Card defekt ist. Die nächste Tanke und der nächste Geldautomat sind im 140 Kilometer entfernten Tata. Ich muss reagieren.

In einem kleinen hektischen Dorf suche ich die Polizei auf. Dort helfen sie mir im Tausch mit Euro/Dirham aus und verraten mir, wo ich in dem kleinen Ort Sprit aus Pet-Flaschen bekommen könnte. Eine kleine Hinterhof-Werkstatt hat noch Bestände, die Biggis Berta eingeflößt bekommt. Erstmal alles safe bis Tata. Diese große Stadt gibt mir nun Hoffnung, dort irgendwie an Bargeld zu kommen.

Wir fahren durch super schöne Täler, an Palmenoasen vorbei und überall begleiten uns am Straßenrand winkende fröhliche Menschen bis in die große Stadt. Bingo! Visa defekt und unsere Postcard lässt die Dirham am Automaten rattern. Die ganze Zeit über habe ich mir überlegt: was ist, wenn? Merke: Immer bis zum Schluss ordentlich Bares bereit halten und natürlich mehrere Visa-Cards, um nicht in solchen Gegenden in brenzlige Situationen zu kommen.

Auf dem Weg zu den Blauen Steinen erleben wir Straßenpässe zum Niederknien. Die Augen wissen nicht mehr, wo sie zuerst hinschauen sollen. Teilweise sieht es hier aus wie in der Todra Schlucht. Die Überlandfahrt durch die kleinen Dörfer und Gemeinden strahlen eine solche Ruhe aus.

Die »Blauen Steine« des belgischen Künstlers Jean Vérame zieren das Gebirge um Tafroute. Mittlerweile wurden sie neu gestrichen, es kamen sämtliche neuen Farben hinzu. Ein schöner Platz hier, allein die Offroad-Anfahrt dorthin ist ein Gedicht. Wir machen noch einen letzten tiefen Schwenk runter in Richtung Westsahara über teils fordernde Landstraßen, die übersät sind mit Schlaglöchern. Aber die Gegend entschädigt für alles.

Wir sind durch riesige Kakteen-Plantagen im Hinterland bis hinauf nach Lezgira zu unserer Auberge gefahren, zum berühmten natürlichen Bogen, den der Atlantik aus dem Felsen geformt hat. Mittlerweile steht dort nur noch ein Naturwunder. Der andere riesige Felsen brach vor ein paar Jahren zusammen. Dieses Gebiet ist sehr beliebt bei Sufern, da immer guter Wind herrscht und auch ist diese Gegend nicht so überlaufen und voll wie zum Beispiel Casablanca.

1 Begrüßungs-Whiskey (Pfefferminztee) Riad Hiba bei Foum-Zguid.


2 Die zwei hübschen von Erg Chegagga.


3 70 Kilometer Hard Offroad – N`Kob/Zagora.


Ich habe Biggi hier drei Tage Auszeit versprochen. Eigentlich in Sidi Kaouki, aber wir sind in Safihängen geblieben. Ein kleines Hotel mit direktem Blick auf den Atlantik! Stundenlang kann man hier bei gutem Pfefferminztee aufs Meer schauen oder im Liegesessel die Ruhe genießen. Hier kann ich auch zum ersten Mal die Ténéré 700 fahren. Ich fahre abwechselnd zwischen Atlantik und Hinterland hin und her. Wie im Rausch.

Diese Maschine ist tatsächlich eine Allzweckwaffe. Auf der Straße gediegen brav (wenn man will) oder im Hinterland über Stock und Stein, bis dir wahrlich der Fahrerkittel kocht, macht sie alles klaglos mit. Kräftig, stark und die Leistung völlig ausreichend, scheint es: Diese Maschine ist ein Kumpel für lange Zeit. Ich kann Biggi jetzt auf jeden Fall verstehen. Eine Enduro, auf die ich mich freue. Meine neue T 7 steht ebenfalls schon in der Garage neben Berta und wartet auf ihre Einsätze.

Langsam neigt sich dieser unbezahlbar schöne Urlaub dem Ende zu! Wir müssen nun Kilometer fressen. Wir fuhren morgens früh los, machen Feuer über die Autobahn A1 bis Kenitra. Die Kosten für die Maut sind verhältnismäßig günstig. Es geht weiter über die Nationale gen Chefchaouen, dort wo wir vor 22 Tagen unseren Einstieg in den Urlaub gebührend feierten.

Nochmal zur Stadt, die niemals schläft: Leider ist unser Hotel, das wir am Anfang hatten, komplett ausgebucht und wir geben uns in der Nebenstraße mit einem sauberen kleineren Hotelzimmer zufrieden. Aber hier gibt es die volle Packung, bis spät in die Nacht: Hund, Katze, Maus… dazu ein streitendes Pärchen im Haus, bei dem die Ehefrau ordentlich einschenkt und endlos viele Gockel und Esel, die um die Wette schreien. Aber dieses Zimmer dient ohnehin nur zum Schlafen, denn wir wollen unbedingt noch in den Nordteil des Rif Gebirges fahren, mit Verbindung zum Ichtal.

Welch eine Kombination zwischen Bergbauern, Olivenplantagen, kleinsten Dörfern und Wegen, die sich wildwachsend in einer Art Achterbahn durch Matschfurchen, Steilhänge und über ebenso derb schöne Abfahrten schlängeln. Es ist an diesem letzten Tag aber auch zu spüren, dass in dieser Region so langsam der Herbst einzieht. Morgens ist es lange nebelig und am Abend relativ frisch. Dieser Urlaub ist eine Punktlandung. Keine Ausfälle, nichts ging kaputt und niemand wurde verletzt.

Dafür haben wir nun nach 6485 Kilometern endlich ein klares Bild von Nordafrika. Die Menschen sind so unglaublich nett und hilfsbereit. Klar gibt es auch Gegensätze, über die man aber hinwegschaut oder sich eben auf Diskussionen einlässt. Damit fährt man mittlerweile sehr gut und es klappt einwandfrei. Wir haben jedenfalls unsere Lieblingsecken in diesem Land ausgemacht. Und das sind ziemlich viele. So viele, dass wir wiederkommen werden. Zwar in einer anderen Kombination – hauptsächlich Hoher Atlas – und eben auch noch weiter runter in den Süden. Das nächste Hauptziel wird dann wahrscheinlich Dakar/Senegal heißen.

1 Urlaubsfeeling kommt in der Souk von Chefchaouen auf.


2 Endlose Offroadpiste bei 40 Grad Richtung Akka.


3 Berberdörfer mitten in einer Mondlandschaft – Richtung Moulay Yacoub.


Wissenswertes

Allgemeines: Marokko glänzt durch die Bank weg mit seiner Landschaft, den Menschen und dem Klima. Das Land wechselt alle 100 bis 300 Kilometer das Landschaftsbild. Noch nie haben wir Berge, Farben, Landschaft, Vegetationen so krass schön erlebt.

Die Marokkaner sind ein tolles Völkchen! Ob Jung oder Alt, immer war auf unserer Reise durch das Land jemand da, um helfen zu wollen. Sie sind wissbegierig, neugierig und überall zur Stelle, wenn es brennt.

Anreise: Achtung! Der Reisepass muss 6 Monate gültig sein, für einen Aufenthalt von bis zu 3 Monaten. Führerschein, Fahrzeugschein und vor allem die Grüne freigeschaltete Karte der Versicherung ist nötig.

Wir sind bis Alicante mit dem Autogespann angereist. Sprit und Mautkosten lagen bei 580 Euro für 1900 Kilometer. Dort haben wir einen Monat bei Claus Parking Alicante das Gespann für 90 Euro sicher abgestellt und sind die 600 Kilometer bis Algerciras mit den Motorrädern angereist.

Tickets direkt ab Algerciras, am besten bei Carlos kaufen (Suchmaschine aktivieren. Dort gibt es noch einen Apfelsekt und spanische Kekse gratis dazu). Bis rüber nach Tanger und Retoure haben wir 180 Euro für zwei Motorräder bezahlt.

Alternativ kann auch über Genova, Sete (bis zu 48 Stunden) mit der Fähre angereist werden.

Die Fiche (Einreiseformular) sollte eigentlich seit Oktober hinfällig sein, jedoch mussten wir die auf der Fähre noch ausfüllen.

Essen / Übernachtung: Das Marokkanische Essen ist eine Wucht. Frisch, günstig (7 bis 10 Euro) und lecker, beeinflussen die orientalischen Gewürze den Gaumen. Wir aßen hauptsächlich in guten Straßenlokalen, in der Auberge, wo wir schliefen oder in Hotels, da dort der Standard relativ hoch ist. Zu empfehlen ist das Nationalgericht Tajine, das im Tontopf serviert wird. Auch wenn es mal schnell gehen muss und irgendwie keine Zeit mehr zum Essen gehen ist: die kleinen Supermärkte verfügen über das Nötigste: Fladenbrot, Käse Wurst. Trinken gibt es in fast allen kleinen Orten. Aber Vorsicht! Viele Schlawiner versuchen Profit bei der Endsumme heraus zu schlagen.

Hier ein paar sehr schöne Übernachtungsmöglichkeiten: Hotel Parador in Chefchauen www.hotel-parador.com

Maison D`Hostes De Zaida in Zaida www.maisson-zaida.com

Riad Les Flamants Roses in Merzouga- Hassi Labiad www.riadlesflamants.com

Riad Hiba bei Foum Zguid www.riad-hiba.com

Maison d`hostes – Dar Aicha bei Safi– eine wunderschöne Aussicht aufs Meer

Auberge Afoud - Chez Nacer et Brahim in Agoudal

Reisezeit: Am besten zwischen den Monaten März bis Mai und Oktober bis November. Dort ist das Klima dann angenehm warm und nicht zu heiß. Jedoch muss man im Frühling mit hohen Wasserständen in den Tälern bei Bachdurchfahrten und mit Schnee im Hohen Atlas bei Offroadtouren rechnen.

Wir hatten im Oktober ein außerordentlich heißes Klima. Im Land und in Wüstengegend waren schon Spitzen von 40° Grad keine Seltenheit. Im Hohen Atlas waren es morgens um die 10° Grad und tagsüber milde 26° Grad.

Währung: 1 Euro entsprechen 10 Dirham. Visa Card ist allgemein kein Problem. In allen größeren Städten gibt es Bankomaten. Auch geht zum Teil das auf der Girocard geprägte V-Pay und wird akzeptiert. Immer genügend Bargeld dabei haben, ob Euro oder Dirham. Dieses Geld auch bis zum Schluss immer parat halten. Fast alles wird nur mit Bargeld bezahlt.

Straßennetz / Tanken: Marokko ist dem Asphaltierungswahn verfallen. Sämtliche Haupt- und Nebenstraßen werden geteert. Wo vor zwei Jahren noch ein Schotterpass existierte, ist heute alles planiert! Im Hohen Atlas ist dieses Vorhaben noch nicht so vorangeschritten. Dort gibt es bestenfalls Schlaglöcher, die so groß sind, dass sie schon eine eigene Postleitzahl verdient hätten. Vorsicht ab der Dämmerung, Schafe, Ziegen, Esel queren urplötzlich die Fahrbahn.

Tanken ist auf eine Entfernung von 300 km außerordentlich gut. Afriquia ist sehr zu empfehlen. Guter Sprit, der bei 1 Euro umgerechnet liegt. Südlich der Sahara sollte jedoch der Tank gut gefüllt sein, um zum Beispiel von Merzouga nach Foum-Zguid und weiter nach Tan Tan zu kommen. Hier wird das Tankstellennetz unter Umständen sehr dünn.