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FESTIVALSOMMER: LOS, AB NACH DRAUSSEN MIT EUCH!


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 16.05.2019

Vor 50 Jahren stieg das legendärste aller Open-Airs in Woodstock – drei Tage Love & Peace. Wie viel Spaß machen Festivals heute noch und was muss dringend besser werden?


Einen Text über „die Festivalbranche, ihre Ursprünge und ihre nahe Zukunft“ soll ich schreiben. Das klingt ungefähr so trocken, wie sich der Campingplatz in Ferropolis nach einem Wochenende „Melt“ ohne Regen anfühlt. Ich kenne also die Fallhöhe. Und verspreche deshalb, genügend Hinter-die-Kulissen-Blicke, Nerd-Scheiß, spannende InterviewpartnerInnen, Utopien, Dystopien und Dosenbierhumor (okay, davon nur einen kleinen Schluck) zu ...

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... liefern, damit ihr bis zum Ende dranbleibt und schon auf halber Strecke den Wunsch verspürt, euch mit einem kühlen Getränk auf eine Rasenfläche zu stellen und Musik zu hören. Fangen wir also am, äh, Anfang an …

DIE MUTTER ALLER FESTIVALS

Es ist Sonntag, der 17. August 1969, als Milchfarmer Max Yasgur die Bühne des Woodstock-Festivals betritt, die auf seinem Grundstück in der kleinen Gemeinde White Lake bei Bethel steht. Von Yasgurs Wiese ist kaum ein Grashalm zu sehen: Rund eine halbe Million Menschen sitzen in der Nachmittagssonne und lauschen diesem so ruhend wirkenden, bebrillten Mann im weißen Hemd. „Ich bin ein Farmer“, beginnt er unter lautem Jubel. „Ich weiß nicht mal, wie man zu zwanzig Leuten spricht, geschweige denn zu einer Menschenmenge wie dieser. Aber ich denke, ihr habt der Welt etwas bewiesen – nicht nur der Stadt Bethel, oder Sullivan County oder dem Staat New York, sondern der ganzen Welt. Dies ist die größte Menschenmenge, die sich jemals an einem Platz versammelt hat. Ihr habt bewiesen, dass eine halbe Million Kids – und ich nenne euch Kids, weil ich Kinder habe, die älter sind als ihr – zusammenkommen können und drei Tage lang Spaß und Musik haben können und zwar nur Spaß und Musik – und dafür … ach: Gott schütze euch!“

Wenn ihr euch die kurze Rede von Max Yasgur (die in der offiziellen Woodstock-Doku und bei YouTube zu finden ist) heute noch mal anschaut, wird es euch vielleicht wie mir gehen und ihr werdet Gänsepelle vom Nacken bis zum Hacken haben. Da steht ein amerikanischer Landwirt, der so gar nichts mit dem Hippietum zu tun hat, der aber sein Land verpachtete, nachdem die Woodstock-Organisatoren schon glaubten, überall unerwünscht zu sein, und ist verwirrt und ergriff en zugleich von diesem Anblick und der Tatsache, dass bei all dem organisatorischen Chaos kaum jemand zu Schaden kam.

Szenen wie diese sind die Essenz des Mythos Woodstock, der uns – verkürzt gesagt, aber auf Langstrecke betrachtet – die Festivallandschaft beschert hat, an der wir uns heute erfreuen. Aber wie das so ist mit Mythen: Sie sind eben genau das. Denn im Grunde war Woodstock mitnichten als der magische Hippie-Himmel geplant, der es am Ende dann doch irgendwie wurde.

Die Organisatoren haben schon damals ein Kunststück vollbracht, das die Festivallandschaft auch heute noch am Leben hält: Sie haben die Illusion erschaffen, ihr Festival sei viel mehr als das gute Geschäft, das sie sich erhoff t hatten. Denn obwohl es alles ganz anders kam und Woodstock natürlich ein Höhepunkt des Summer Of Love war und die Inspiration fü r alle größeren Freiluftfestivals lieferte, so war es am Anfang im Grunde ein rein kommerzielles Konstrukt. Michael Lang – Manager, Promoter, Produzent – hatte zuvor schon in Miami das „Th e 1968 Pop Festival“ mit Jimi Hendrix, Chuck Berry, John Lee Hooker u.a. veranstaltet und suchte mit seinem Kumpel Artie Kornfeld – damals Vizepräsident von Capitol Records – potente Geldgeber fü r ein Studio in Woodstock in den Catskill Mountains. Jener Gegend also, die u. a. Bob Dylan, Van Morrison, Janis Joplin und Jimi Hendrix in den Sechzigern zum Musikmachen aufsuchten. Lang und Kornfeld fanden diese in den Investoren Joel Rosenman und John P. Roberts, die allerdings nicht die Idee mit dem Studio kauften, sondern ein Drei-Tages-Festival vorschlugen, das den Spirit und die Kaufk raft der Hippie-Kultur entfachen sollte. Lang, Kornfeld, Rosenman und Roberts strebten mit Woodstock also eigentlich die Kommerzialisierung der gerade so gehypten Gegenkultur an, die spätestens seit dem „Monterey Pop Festival“ zwei Jahre zuvor und der Dokumentation von D. A. Pennebaker darüber so langsam vom Politischen ins Lifestylige kippte. Lang & Co. investierten eine durchaus vorzeigbare Summe in das Line-up und verkauften bereits im Vorfeld über 180 000 Tickets fü r 18 Dollar (was heute einem Preis von ca. 120 Dollar entspräche). Das Problem war nur, dass schon bevor die Zäune standen und die Kassenhäuschen besetzt waren, rund 30 000 Menschen auf dem Gelände kampierten. Also beschloss man, das bisher eingenommene Geld nicht in Zäune und Sicherheit zu stecken, sondern lieber die Bühne und die Anlage so zu bauen, dass so viele Leute wie möglich etwas von der Musik sehen und hören könnten und das Konzert als „free“ zu deklarieren.

Der Ausgang ist ebenso faszinierend wie bekannt: Die Menschenmasse schwoll bis auf eine halbe Million an, es gab „nur“ zwei Tote, denen zwei Geburten gegenüberstanden (Karma, Baby?), die erst skeptischen Anwohner machten ihren Frieden mit den etwas verdrogten, aber höflichen und engagierten Kids und nach vielen legendären Gigs spielte Jimi Hendrix wegen der immensen Verzögerungen sein Set schließlich am Montagmorgen um halb neun, vor den letzten 30 000 Anwesenden – und erfand damit quasi noch eben die Afterhour. Man muss es den Machern dabei jedoch hoch anrechnen, dass sie irgendwann den finanziellen Verlust in Kauf nahmen und alles taten, um die Menschen zu versorgen und das Festival am Laufen zu halten. Lang sagte dazu vor einigen Tagen dem „Billboard Magazine“: „Wir mussten von Tag zu Tag auf die Gegebenheiten reagieren. Es gab nichts, an dem wir uns orientieren konnten: Niemand hatte bisher so etwas gemacht.“

WOODSTOCK LEBT IN DÄNEMARK

Wer sich heute auf die Suche nach dem viel zitierten Woodstock-Spirit macht, sollte das auf keinen Fall beim Original tun. In diesem Jahr feiert die Mutter aller Festivals nämlich ihr 50. Jubiläum, und sie tut es, wie sie es schon zu früheren Jubiläen hätte lassen sollen: mit einer Neuauflage. Exakt 50 Jahre nach dem Original werden am 16., 17. und 18. August rund 200 km vom damaligen Schauplatz entfernt auf einer NASCAR-Rennstrecke namens Watkins Glen International eine Handvoll verbliebener Woodstock-Originale (John Sebastian, Melanie, Country Joe McDonald, Canned Heat) und weitere Altherren, Pardon Klassiker (Santana, John Fogerty, David Crosby und die Reste der Grateful Dead) auf zeitgenössische Zugpferde (Jay-Z, Th e Killers, Miley Cyrus, Imagine Dragons, Chance Th e Rapper) treff en, um mit Glamping und VIP-Tickets dem Summer Of Love nachzuspüren. Während ich diese Zeilen schreibe, macht gerade die Meldung die Runde, dass der Ticket-Vorverkaufsstart ohne Angabe von Gründen verschoben wurde. Dass die Veranstaltung abgesagt werde, sei zwar ein Gerücht, sagt Michael Lang, der noch immer die Fäden zieht und die Rechte hält, aber die Unsicherheit passt zu der nicht gerade glorreichen Tradition dieser Jubiläumsfestivals: Das Open-Air 1994 in Saugerties bei New York bekam den Spitznamen „Mudstock“, wurde ähnlich überrannt wie das Original und endete in Frustration und Chaos statt Hippiefrieden. Beim 30. Jubiläum auf einer Air-Force-Basis bei New York wurden während der Gigs von Korn und Limp Bizkit zwei jungen Frauen im Publikum von Männergruppen vergewaltigt. Am letzten Abend zerlegte die Meute nach dem Chili-Peppers-Gig das halbe Gelände, enterte Merch-Buden, steckte Lautsprechertürme in Brand und machte so ihrer Wut über die horrenden Getränke- und Essenspreise Luft. Das einzig angeblich wirklich schöne Jubiläum war das „Forgotten Woodstock“ im Jahr 1989, ein kleines, eher spontanes Zusammentreff en am Originalschauplatz, organisiert von dem Folk-Gitarristen Rich Pell.

Es sind vor allem jene Festivals, die einen Spagat zwischen Kommerz, Pragmatismus und Utopie hinbekommen, die noch am ehesten an das erinnern, was zwar nicht unbedingt die Macher von Woodstock, aber ihr Publikum wollten. Das Paradebeispiel ist vielleicht das Roskilde-Festival in Dänemark. Als ich im vergangenen Jahr den Pressesprecher Martin Hjorth Frederiksen sprach, bestätigte er mir, dass Woodstock die Inspiration lieferte: „Vor dem Roskilde fand 1971 bereits das Sound Festival statt, das zwei Gymnasiasten aus der Gegend ins Leben gerufen hatten, um Woodstock nachzueifern. Die beiden machten gro ßen Verlust, unter anderem, weil ein Promoter einen Haufen Geld in sein Auto packte und einfach verschwand. Dennoch war schnell klar, dass ein Festival dieser Art fü r eine Stadt wie Roskilde kulturell große Bedeutung haben könnte. Foreningen Roskildefonden, die das Festival übernahmen, gibt es schon seit den 30er-Jahren und machen seitdem gute Kulturarbeit, unter anderem etablieren die Verantwortlichen Einrichtungen fü r Kinder und Jugendliche oder organisieren Stadtfeste. Der Stadtrat von Roskilde bat den Verband, die Festivalidee der beiden Gymnasiasten weiterzufü hren.“ Was in der Praxis heißt, dass das Festival als gemeinnütziger Verein agiert und seine Gewinne an ausgesuchte Projekte und Organisationen spendet – darunter zum Beispiel auch Projekte mit Geflüchteten in Deutschland. Die historisch-verankerte Entscheidung, auch in der Größenordnung von über 100 000 BesucherInnen Non-Profit zu bleiben, wurde einfach nie infrage gestellt: „1972 erschien sie logisch, weil das Engagement komplett freiwillig war und man etwas fü r die gute Sache und fü r die Region machen wollte. Das hat sich bis heute im Grunde nicht geändert, auch wenn das Roskilde natürlich professionalisiert wurde und inzwischen ein festes Organisationsteam hat. Wir sind stolz auf unsere Geschichte und das, was wir leisten konnten. Warum sollten wir das wegwerfen?“ In Deutschland kommt vielleicht das Fusion-Festival dem Woodstock-Feeling nahe. Der Spagat, einerseits natürlich auch ein funktionierendes Wirtschaftsunternehmen zu sein, das ein Festival in der Größe organisieren und bezahlen kann, und zugleich diese bunte, durch und durch politisch angehauchte, freigeistige Veranstaltung zu sein, die auf viele gängige Regeln des Festivalmachens scheißt, ist ein Kunststück, das die Fusion-Macherinnen und -Macher erstaunlich gut hinbekommen.

NUR FRAUEN AUF DER MAIN STAGE

Wenn man die Festivalbranche fragt, welche große Th emen den Diskurs in diesem Jahr besonders prägten, fä llt schnell der Begriff „Gender Balance“. Ihr kennt ja auch den erhellenden und frustrierenden Sport, die Namen jener Acts auf einem Line-up-Poster zu streichen, in denen nicht mindestens eine Frau spielt. Das Ergebnis ist nach wie vor in den meisten Fällen niederschmetternd. Und in der Logik der gesamten Musikindustrie zwingend – denn die ist noch immer in weiten Teilen von Männern dominiert, zumindest an den Entscheidungspositionen. Insgesamt sitzen Frauen nur zu 7,4 Prozent in den Führungsetagen der Musikunternehmen – wie der Verein unabhängiger Musikunternehmen VUT in einer Erhebung im vergangenen Jahr errechnete. Beim Festival-Line-up kommt also das raus, was noch immer der Kern des Problems einer ganzen Branche ist. Trotzdem ist in den letzten Jahren Bewegung in das Th ema gekommen. Zum einen durch die „Keychange Initiative“ der amerikanischen PRS Foundation, bei der sich zahlreiche Festivals verpflichten, bis zum Jahr 2022 eine 50:50-Quote von Künstlerinnnen und Künstlern im Line-up zu erreichen. Dort versammeln sich vor allem jene Festivals, die als Showcase-Festivals gelten und quasi den Auftrag haben, NewcomerInnen eine Bühne zu geben. Ein weiterer Impuls mischte dann im letzten Dezember die Branche auf: Auslöser war ein Video und eine Pressemitteilung des Primavera Sound in Barcelona. Unter dem Motto „Th e New Normal“ präsentiert man ein Festival mit den anderswo erst angestrebten 50:50 und deklariert im spanisch-englischen Videoclip: „2019, the present finally went femenino.“


„ES MUSS SICH VIEL ÄNDERN: AUF JEDE KÜNSTLERIN FOLGEN SECHS MÄNNLICHE ACTS.“


Ich hatte Anfang des Jahres die Gelegenheit, die Primavera-Pressesprecherin und Musikjournalistin Marta Pallerès sowie Chefb ooker Fra Soler in Barcelona zu treff en. Marta stellte dabei klar, dass es sich – auch wenn die Kampagne dazu wahnsinnig gut ist – nicht in erster Linie um eine Kampagne handelt: „Unsere Booking-Abteilung hat schon viele Jahre darauf zugearbeitet – das kam nicht aus dem Nichts. Wenn ihr euch das Line-up vom letzten Jahr anschaut, seht ihr zum Beispiel, dass eine der Hauptbühnen am Samstag nur von Frauen bespielt wurde. Wir haben uns das also nicht bloß fü r dieses Jahr ausgedacht. Es war einfach an der Zeit. 2018 war ein großartiges Jahr fü r weibliche Popstars – da war es fü r uns eine ganz natürliche Entscheidung, Künstlerinnen wie Robyn, Cardi B oder Christine And Th e Queens als Headlinerinnen zu buchen. Wir hatten also keinen Plan oder keine Strategie – wir haben einfach aufgegriff en, was man spüren kann, wenn man in der Musikindustrie arbeitet: Weibliche Kunst ist auf dem Vormarsch – und wir wollen einfach die beste Musik zeigen, die wir finden können.“ Dann lacht sie und ergänzt: „Und ganz ehrlich: Ich habe gerade die Zeit meines Lebens in meinem Job.“

Fra, der wie die meisten Booker nicht unbedingt viele Interviews gibt, deutet aber auch an, dass es in der Praxis gar nicht so leicht war, dieses Line-up zusammenzubekommen, denn: „Die Geschlechterquote jener Acts, die uns fü r das Primavera angeboten werden, ist unterirdisch: Auf jede Künstlerin, die man uns pitcht, folgen sechs oder sieben männliche Acts. Es muss sich also noch viel ändern in der Musikindustrie. Das wird dauern. Aber mehr Auftrittsmöglichkeiten zu bieten, damit man mehr Frauen auf der Bühne performen sieht, ist ein Weg, der mehr Frauen inspirieren könnte, eine Band zu gründen oder in der Musikindustrie zu arbeiten. Da einen Teil beizutragen, wäre fantastisch. Es ist großartig, eine Diskussion zu eröff nen über etwas, das uns am Herzen liegt und das jeder auf dem Schirm haben sollte.“

Zurück nach Deutschland: Wer sich einen Überblick über den Job einer Bookerin und der Festivalbranche an sich verschaff en will, spricht am besten mit Julia Gudzent. Sie hat schon mit 16 in ihrer Heimatstadt München Punk-Festivals organisiert, war die zweite Festangestellte beim Melt-Festival und beschreibt ihren heutigen Job beim Festivalveranstalter Goodlive (der aus Melt und dem Intro Verlag erwachsen ist) so: „Ich buche bei uns diverse Festivalseigentlich alles, was wir machen, abgesehen vom Splash: also Lollapalooza, Melt und diverse externe Festivals, z. B. ein Festival in Irland namens Body & Soul, das sehr meltig ist, und zwei Festivals in Rumänien, das Untold und das Neversee am Schwarzen Meer.“

Zum Primavera-Scoup sagt sie: „Ich war schon ein wenig neidisch, als Primavera damit rausgegangen ist und habe zu einem Kollegen sagt: Mist, warum haben wir das nicht gemacht? Ich fand das richtig, richtig cool. Ich glaube aber, dass die sich keinen einfachen Weg ausgesucht haben. Es gab leider sehr viel negatives Feedback von Leuten, die schon seit Jahren auf das Primavera kommen. Und wenn man sich mit Booking und Gagen auskennt, merkt man, dass es sicher nicht einfach war, dieses Line-up so hinzubekommen.“ Denn es ist extrem ambitioniert, wenn man versucht, ein großes Festival bis in die Headliner-Positionen fifty/fifty zu besetzen. Julia bestätigt dabei Fras Aussage, dass ab einer gewissen Größenordnung einfach die Künstlerinnen fehlen, die die nötige Zugkraft fü r ein großes Publikum haben und dann auch noch verfü gbar sind. Hier zeigt sich wieder das branchenimmanente Problem, dass Frauen lange Zeit nicht die Sichtbarkeit bekamen, die sie verdient hatten und weibliche Vorbilder auf der Bühne viel zu selten waren. Deshalb sagt Julia: „Ich finde Keychange schon wichtig, sehe es aber auch ein wenig kritisch. Ich finde, 2022 ist ein sehr weich gefasstes Ziel fü r die Festivals, die dort mitmachen. Denn natürlich muss jemand wie das Reeperbahn Festival und gerade auch ein von Steuergeldern finanziertes Festival wie das Pop-Kultur in Berlin, genaujetzt ein 50:50-Line-up haben und nicht erst ein 50:50-Line-up haben und nicht erst in drei Jahrendas sind schließlich die Festivals, die kleine Künstler groß machen, die dafü r da sind, die Headliner von morgen zu finden.“

NICHT WIEDER KINGS OF LEON!

Ein gutes Stichwort: Die Sache mit den Headlinern – egal ob von gestern, heute oder von morgen – war ja schon immer ein Problem. Denn, mal ehrlich: Gab es, seit ihr auf Festivals geht, jemals eines, wo ihr nicht mindestens bei einem groß geschriebenen Act das große Gähnen bekamt? Ich kann mich an keines erinnern. Und dennoch stehen vor allem die Platzhirsche wie Hurricane, Rock am Ring oder das Lollapalooza jedes Jahr unter dem Druck, möglichst viele dieser Namen zu versammeln, die man vorzugsweise in großen Lettern schreibt. Die Formel dahinter ist jedoch bis heute nicht wirklich ersichtlich. Gibt es zum Beispiel einen nachvollziehbaren Grund, warum das bärtige Wegpennkommando Kings Of Leon heutzutage noch Headliner-Status hat? Vermutlich muss man sich der Einsicht stellen, dass die Mehrzahl der Festivalbesucher diese große Namen will. Und es braucht die Menschenmenge, um aus einem Festival ein Großevent zu machen.

Ein Festival, das in diesem Jahr besonders auftrumpft, ist das Hurricane / Southside. Dort stehen an den drei Tagen stolze sechs Acts aus der gefü hlt höchsten Preisklasse auf der Bühne: Foo Fighters, Mumford & Sons, Die Toten Hosen, Th e Cure, Macklemore und Tame Impala – Letztere sozusagen ein Neuzugang in dieser Liga. Anruf bei Stephan Th anscheidt, CEO bei FKP Scorpio und Booking-Chef. Ist das ein Gönn-Dir-Line-up oder eine bewusste Investition in einem Markt, in dem sich selbst Traditionsfestivals heutzutage behaupten müssen? „Das ist es gleichermaßen.

Wer sich mit Booking auskennt, weiß, dass man am Anfang des Prozesses nie abschätzen kann, was am Ende rauskommt. Wir starten natürlich mit der absoluten Wunschversion und dem bestmöglichen Line-up in der bestmöglichen Kombination. Für uns bei Hurricane / Southside ist dabei vor allem die Mischung essenziell: aus Etablierten und Newcomern, nationalen und internationalen Acts, aus den verschiedenen Genres, die wir bespielen wollen. Und ja: Dieses Jahr sind wir schon ein bisschen in die Vollen gegangen, haben sehr früh mit dem Headlinerbooking begonnen – und überraschenderweise alle ganz Großen bekommen, die wir haben wollten. Das passiert einem auch nicht so oft. Und natürlich macht das ein Line-up teurer als in anderen Jahren zuvor. Wir haben dieses Mal ja mehr oder weniger sechs Acts in der höchsten Headliner-Kampfklasse. Wir glauben aber auch, dass es ein gutes Signal ist und ein Zeichen, dass das Hurricane in der Lage ist, diese verschiedenen Künstler in der Größenordnung und Konstellation zu präsentieren.“

Ausruhen könne man sich als Veranstalter eines Großfestivals sowieso nie, selbst wenn man einen etablierten Namen und eine über zwanzig Jahre währende Geschichte hat: „Um überleben zu können, müssen sich die Festivals selbst wandeln. Gutes Essen, gute Getränke, ein gewisser Nachhaltigkeitsanspruch, originelle dekorative Elemente, Komfort und Sicherheit – diese Punkte sind heute viel wichtiger als damals, wo vielen noch ein, zwei Bühnen und eine Grundversorgung reichten. Auch unser Line-up muss modern bleiben und trotzdem unsere eine eigene Handschrift tragen. Wir schauen zwar, was die Leute wollen, wissen aber dabei auch immer genau, was wir wollen. Früher war Elektro zum Beispiel bei unserem Publikum nicht so ein großes Thema, obwohl schon Daft Punk auf dem ersten Hurricane spielten; aber inzwischen gibt es viele im Programm. Ähnlich ist es bei Hip-Hop. Die Fantastischen Vier, Fischmob oder Fettes Brot waren immer schon mal bei uns – aber heute hat Rap einen festen Platz im Line-up. So was machen wir nicht, weil wir wissen, dass es gerade wahnsinnig erfolgreich ist, sondern weil es der Zeitgeist ist und weil viele BesucherInnen längst nicht mehr in Genres Musik hören.“

Wie Goodlive – zu denen neben den Festivals zum Beispiel auch die klassische Booking-Agentur Melt Booking gehört – hat auch FKP Scorpio eine Struktur etabliert, bei der man zumindest in Teilen versuchen kann, eigene zukünftige Headliner aufzubauen oder an sich zu binden. „Das ist bei uns im Haus ein wichtiger Faktor“, erklärt Stephan. „Wir haben über 800 Bands, die wir auf Tour schicken und unsere Festivals sind dabei eng mit dem Touring verknüpft. Wir wollen natürlich immer neue Plattformen für KünstlerInnen finden, die wir aufbauen und im Idealfall vom Anfang ihrer Karriere an begleiten können. Mein Lieblingsbeispiel ist Ed Sheeran, der 2012 auf der kleinsten Bühne des Rolling Stone Weekender gespielt hat und mit dem wir jetzt Stadientourneen und eigene Open-Airs machen. Ich sage jetzt nicht, dass unser Festival an seinem Welterfolg schuld ist, aber es ist schon so, dass wir es auf diesem Wege schaffen, Künstler früh an uns zu binden. Bei Mumford & Sons war es ähnlich. Bei George Ezra ebenso. Deshalb sind der Aufbau und die Künstlerförderung immer ein Teil unserer Strategie – vielleicht sogar der, der am meisten Spaß macht.“

Julia erklärt wiederum, wie es Goodlive zugute kommt, dass dort Festivals in verschiedenen Größenordnungen zu Hause sind: „Die Headliner-Landschaft ist sehr begrenzt – und auch wahnsinnig langweilig. Da gibt es immer dieselben 20 Acts, die funktionieren und die im Wechsel touren. Deshalb muss man versuchen, sich die Headliner von morgen aufzubauen. Zumindest, wo man es kann. Beim Melt funktioniert das natürlich besser als auf einem Riesenfestival wie dem Lollapalooza. Wenn wir beim Melt also Jorja Smith einen Slot zu einer Headlinerzeit geben, machen wir das, weil wir glauben, dass sie den Slot ausfüllen kann. Außerdem weiß jeder, der sie einmal gesehen hat, dass diese Frau ein Superstar ist. Aber auch beim Lolla haben wir Talentslots – zum Beispiel auf der Weingartenbühne. Es ist natürlich auch ein Statement, dass diese Acts genauso ihren Platz auf dem Plakat haben wie andere.“

HEUSCHRECKEN IM ANFLUG

Aus „Kundensicht“ ist die heutige Festivallandschaft ja nicht die schlechteste. Es herrscht ein Überangebot in Europa, es gibt große Festivals, kleine Festivals, Festivals für in die Jahre gekommene Indie-Connaisseure, Grufti-Festivals, Altpunk-Festivals, Städtefestivals, nach denen man im Hotel pennen kann und Festivals wie das Parookaville, das wie ein gut gemachter Erlebnispark mit Scheißmusik (Einzelmeinung des Autors) wirkt. Wer etwas tiefer gräbt, erfährt auch, dass Festivals seit einigen Jahren noch viel mehr als cooles Brand-Marketing-Tool und/oder lukratives Investment gelten. Neben den großen Playern Live Nation und CTS Eventim mischen inzwischen auch große Investmentgesellschaften mit, die Festivals anscheinend als lukrative Anlagemöglichkeit entdeckt haben. Ein Beispiel ist die Firma Providence Equity Partners, die sich auf Beteiligungen in der Medien- und Kommunikationsindustrie spezialisiert hat und jetzt mit dem Portfolio Superstruct Entertainment auf große Einkaufstour im Festivalmarkt ging: Schon Anfang 2017 erkaufte Superstruct eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent am Veranstalter des Sziget-Festivals in Budapest. Es folgten Beteiligungen am Sonar in Barcelona, dem EDMEvent Veranstalter Elrow, dem Oya-Festival in Oslo und im November letzten Jahres am Flow-Festival in Helsinki. Federführend bei diesen Schritten war James Barton, der selbst aus der Festivalbranche stammt und lange bei Live Nation tätig war.

Und dann gab es ja noch das unrühmliche Fyre-Festival samt Netflix-Doku, das niemals stattfand und das vor allem eines beweist: In dieser Branche gibt es einen Haufen Menschen auf Kunden- und auf Veranstalterseite, denen Musik scheißegal ist und die darin nur hohlen Lifestyle-Glanz, VIP-Scheiß und eine Möglichkeit sehen, Leute abzuziehen. Denn bei all dem unfreiwilligen Witz und der Schadenfreude, die man beim Schauen der Doku empfindet: Man sieht dort in erster Linie einem Haufen unsympathischer Typen zu, die junge Leute abrippen und sich dabei fü r die Geilsten halten, nur weil sie fü r viel geborgtes Geld die erste Influencergarde und ein paar süße Hausschweine auf ein paar Yachten in der Karibik bekamen.

„DIE TICKETPREISE STOSSEN AN EINE GRENZE, DIE KOSTEN STEIGEN ABER WEITER.“


Ein Problem fü r den Markt stelle das alles jedoch noch nicht da, erklärt Stephan Th anscheidt: Dass Superstruct ein paar Festivals kauft, ist erst mal nicht das größte Problem. Das sind Vorgänge, die fü r das Live-Entertainment nicht komplett neu sind, aber heute schon andere Züge annehmen. Man muss schauen, wo das hinfü hrt. Am Sziget merkt man zum Beispiel schon, dass das Line-up besser und teurer geworden ist. Aber die Festivals, die sie gekauft haben, sind ja erst mal so, wie sie sind. Ob man die jetzt unendlich weiterentwickeln kann, weil man einen Investmentfonds im Rücken hat, bleibt abzuwarten. Da gibt es auch viele Beispiele, wo das nicht geklappt hat.“

Die Probleme, mit denen man als Festivalmacher zu kämpfen habe, lägen eher anderswo, erklärt er: „Der Festivalmarkt im Gesamten ist fü r uns herausfordernder geworden. Ein Punkt, der uns und viele andere in der Branche beschäftigt, ist zum Beispiel das Wetter. Es gibt Studien, die belegen, dass das in den letzten zehn Jahren extremer geworden ist – was wir beim Hurricane sehr deutlich gespürt haben. Darauf hat man natürlich nur bedingt Einfluss, aber wir haben zum Beispiel gerade sehr viel Geld investiert, um die Böden in Scheeßel zu stabilisieren, alle Äcker mit Rasen zu bepflanzen und Regenrückhaltepunkte in die Drainage zu bauen. Dazu kommt die extreme Verteuerung von Künstlern, von Personal, von Arbeitsmaterialien – das sind weitere Herausforderungen. Vor allem, weil der Ticketpreis so langsam an ein Limit kommt, die Kosten aber weiterhin mehr werden. Dafü r muss man Lösungen finden.“

Auch Julia Gudzent nennt vor allem die hohen Festivalgagen als ein Hauptproblem: „Ich finde die heutige Festivallandschaft aus geschäftlicher Sicht schwierig – ich würde sie nicht als boomende Branche bezeichnen. Es schießen zwar neue Festivals wie Pilze aus dem Boden und es wird gerade viel Geld investiert von großen Firmen, aber ich habe das Gefü hl, dass alle Festivals ein wenig zu kämpfen haben, weil eben sehr viel Konkurrenz herrscht. Außerdem sind die Gagen in diesem Jahr so horrende gestiegen, dass man kaum mehr hinterherkommt. Einige Einstiegsgagen haben sich in den vergangenen Jahren verzehnfacht.“

Wirkliche Zahlen, wie viel genau eine Band heutzutage verlangt, erfä hrt man übrigens selbst dann nicht, wenn man mit Bookerinnen oder Bookern gut befreundet ist. Dabei wäre gerade das doch mal ein Schritt, um auch uns Besuchern deutlich zu machen, dass nicht die schiere Gier die Ticketpreise in die Höhe treibt.

FEIERT DIE KLEINEN!

Obwohl hier vor allem die großen Player im Fokus standen, gibt es gerade in Deutschland eine Reihe wunderbarer kleiner Festivals, die vor allem durch Herzblut und Selbstausbeutung am Leben gehalten werden. Eines davon ist das Maifeld Derby, dessen Macher Timo Kumpf auf unserer Website kürzlich ein sehr aufschlussreiches und rührendes Interview gab, in dem er erklärt, warum er und das Festival sich im kommenden Jahr eine Pause gönnen: „Ich habe wohl sogar ein paar Freundschaften durch das Festival verbrannt, denn bei der Veranstaltung selbst sind wirklich alle, Freunde und Familie, mit eingespannt. Und ich konnte dann aus Zeitgründen diese Gefallen nicht erwidern.“

Ich möchte euch allen ans Herz legen, neben den ein oder zwei Großen, die man sich gönnt, auch eines der wundervollen Indie-Festivals zu besuchen, egal ob sie Jenseits von Millionen, Watt en Schlick, Maifeld Derby, Appletree Garden oder Immergut heißen. Hier sieht man nämlich nicht nur mit etwas Glück die Headliner von morgen, sondern spürt im Kleinen das, was Woodstock im Großen war.


ILLUSTRATION: STUDIO PONG