Lesezeit ca. 5 Min.

„Feuer“ im großen Zeh


Logo von Diabetes-Journal
Diabetes-Journal - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 28.01.2022

Artikelbild für den Artikel "„Feuer“ im großen Zeh" aus der Ausgabe 2/2022 von Diabetes-Journal. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Diabetes-Journal, Ausgabe 2/2022

HEFT 1/2022: Sport – gerade jetzt sinnvoll bei Übergewicht

HEFT 2/2022: „Feuer“ im großen Zeh

HEFT 3/2022: Blut- und Urinbefunde

Autor Dr. med. Gerhard-W. Schmeisl dr.gerhardw@schmeisl.de

Dr. med. Gerhard-W. Schmeisl (Bad Kissingen) schreibt über die Diabetes-Therapie und darüber, wie man Folgeerkrankungen verhindern kann. Im Urlaub ist er oft mit dem Wohnmobil in verschiedenste Richtungen unterwegs.

Je länger die Harnsäure im Blut erhöht ist, desto eher kommt es irgendwann zu einem Gichtanfall.

www.diabetes-online.de

Es sind vor allem Fleisch, Alkohol und Fruktose-haltige Softdrinks, die in den USA bereits dazu geführt haben, dass etwa 30 % der Kinder und Jugendlichen eine nicht durch Alkoholkonsum bedingte Fettleber haben – was eine Gicht vorprogrammiert. In den westlichen Ländern sind 1 bis 2 % der Erwachsenen von Gicht betroffen. Bei Männern tritt sie etwa viermal so häufig auf wie

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Diabetes-Journal. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2022 von Leichter. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Leichter
Titelbild der Ausgabe 2/2022 von Diabetes-Abfall. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Diabetes-Abfall
Titelbild der Ausgabe 2/2022 von Die Beeren sind los. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Beeren sind los
Titelbild der Ausgabe 2/2022 von Mitglied des Panels dia·link werden und gemeinsam forschen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Mitglied des Panels dia·link werden und gemeinsam forschen
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Starkes Übergewicht
Vorheriger Artikel
Starkes Übergewicht
100 Jahre behandeln mit Insulin
Nächster Artikel
100 Jahre behandeln mit Insulin
Mehr Lesetipps

... die bis zur Menopause in der Regel durch das vorhandene Hormon Östrogen geschützt sind. Deshalb kommt es bei ihnen in der Regel nicht vor Eintreten der Wechseljahre erstmalig zu einem Gichtanfall – oft an den Großzehen. Die Beschwerden können, gerade mit zunehmendem Alter, auch andere Gelenke betreffen, wie das Schultergelenk, die Handgelenke, die Fingergelenke, die Knie oder die Hüfte.

Warum kommt es zu Gichtanfällen?

Sind die Harnsäurewerte im Blut ständig erhöht und überschreiten irgendwann einen Sättigungspunkt, kann die Harnsäure im Gewebe auskristallisieren. Dass dieses überhaupt geschieht, liegt daran, dass beim Menschen die Harnsäure nicht zu dem viel besser wasserlöslichen Allantoin abgebaut werden kann. Dazu ist ein bestimmtes Enzym, die Urikase, erforderlich. Bei anderen Säugetieren als den Menschen geht der Abbau der Harnsäure meistens bis zum Allantoin, sodass diese keine Gicht bekommen können.

Gicht ist ein Risikofaktor für die Gefäße

Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass bereits eine erhöhte Harnsäure-Konzentration im Blut auch ohne Gelenkbeschwerden ein Risiko faktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sein kann, auch für eine erhöhte Sterblichkeit durch Herzinfarkt und Schlaganfall. Ebenso belegen Studien, dass durch einen Anstieg der Harnsäure im Blut um 1 mg/dl das Risiko, einen Diabetes mellitus Typ 2 zu entwickeln, um etwa 20 % steigt.

Formen der Gicht

primäre (erbliche) Hyperurikämie

99 % durch eine reduzierte Ausscheidung über die Niere

-- 1 % Enzymdefekt

sekundäre Hyperurikämie

-- gesteigerte Bildung

-- erhöhter Zell-Abbau (z. B. durch Chemotherapie wegen einer Krebserkrankung)

-- reduzierte Ausscheidung über die Nieren (bei Nierenschwäche/-insuffizienz)

Der Fall

Johannes M. (67 Jahre alt und Typ-2-Diabetiker, Gewicht 120 kg) hat seit etwa 10 Jahren immer mal wieder plötzliche Schmerzen im rechten Knie, verbunden mit einer Rötung, und auch leichtes Fieber. Bisher war man von einer Knie-Arthrose (Gonarthrose) ausgegangen. Übliche Schmerzmittel hatten meist nur eine geringe Besserung gebracht. Nachdem er an seinem 67. Geburtstag nachts plötzlich nicht mehr sein rechtes Knie wegen massiver Schmerzen bewegen konnte, suchte er am folgenden Morgen seinen Hausarzt auf. Außer einem üppigen Buffet mit reichlich Bier zusammen mit seinen Freunden war nichts Besonderes vorgefallen.

Nachdem bisher im Röntgenbild nichts Besonderes zu sehen war, punktierte sein betreuender Orthopäde schließlich sein geschwollenes Knie: Harnsäurekristalle – welch eine Überraschung! An eine Gicht hatte er bisher nicht gedacht!

Warum kommt es zum Anstieg der Harnsäure-Konzentration?

Die Harnsäure entsteht beim Abbau von Purinen aus Lebensmitteln (siehe Tabelle nächste Seite). Purine entstehen auch beim Abbau von Zellen im eigenen Körper, z. B. bei bösartigen Blutkrankheiten oder einer Chemotherapie im Rahmen einer Krebserkrankung. Dass die Gicht mit zunehmendem Alter häufiger vorkommt, scheint damit zusammenzuhängen, dass die Nierenfunktion im Alter nachlässt. Denn Purine werden zu etwa 80 % über die Nieren und nur zu einem geringen Teil über den Magen-Darm-Trakt ausgeschieden. Eine erhöhte Harnsäure im Blut (Hyper urikämie) ist also Folge entweder einer vermehrten Bildung durch verstärkten Purin-Abbau oder einer verminderten Ausscheidung von Harnsäure durch die Nieren über den Urin. In seltenen Fällen kann auch ein Enzym, das am Purin-Auf- und Abbau beteiligt ist, defekt sein.

Grundsätzlich kommen also zwei Ursachen in Betracht:

1. Es muss mehr Purin abgebaut werden, sodass mehr Harnsäure entsteht:

-- durch einen hohen Purin-Anteil in der Ernährung: viel Fleisch, viele Innereien wie Leber und Kalbsbries,

-- im Rahmen einer Chemotherapie wegen einer Krebserkrankung.

2. Die Ausscheidung der Harnsäure über die Nieren ist reduziert.

Folgende Erkrankungen treten häufig gemeinsam mit einer Gicht auf:

•• Bluthochdruck (arterielle Hypertonie)

•• Diabetes mellitus Typ 2

•• extremes Übergewicht (Adipositas)

Was löst einen Gichtanfall aus?

Übermäßiger Alkoholgenuss – Bier zum Beispiel enthält reichlich Purine – und ein üppiges Essen können eine Gicht begünstigen. Aber auch extremes Fasten oder eine extrem einseitige Ernährung stellen ein Risiko dar.

Nicht immer tritt ein Gichtanfall mit entsprechenden Vorboten auf. Manchmal kommt er aus völligem Wohlbefinden. Nicht selten ist ein Gichtanfall von Fieber begleitet. Dieser akute Anfall kann mehrere Stunden oder auch Tage anhalten, wenn keine entsprechende Therapie eingeleitet wird.

Typische Symptome

• in 50 % der Fälle plötzliche Schmerzen am Großzehen-Grundgelenk (Podagra) oft aus heiterem Himmel, verbunden mit einer Rötung und Überwärmung; bei Frauen häufiger die Handgelenke betroffen (Chiragra) oder die Fingergrund- oder Mittelhandgelenke oder eine Schleimbeutelentzündung am Ellenbogen (Bursitis olecrani)

• das betroffene Gelenk ist in der Regel extrem berührungsempfindlich, gerötet, teigig geschwollen, heiß und bewegungsschmerzhaft

• Gefühl, als ob kleine zerbröselte Scherbenstücke im Gelenk jede Bewegung das Gelenk zum Knirschen bringen würden

• meist beeinträchtigte Ausscheidungsfunktion der Nieren

• anhaltende Erhöhung der Harnsäure im Blut (Hyperurikämie)

• oft erhöhte Entzündungswerte im Blut

• leichtes Fieber

Gicht ist eine chronische Krankheit

Eine akute Gelenkentzündung (Arthritis) bei einem Gichtanfall erreicht ohne Therapie nach 2 bis 3 Tagen ihren Höhepunkt und klingt nach etwa 2 Wochen vollständig ab. Typischerweise treten wiederholt Gichtanfälle auch unter Therapie auf, denn die Harnsäure-Kristalle bleiben in den Geweben oft über Jahre erhalten. In Geweben, die sich nur langsam erneuern, können Kristall-Ansammlungen (Tophi) sichtbar sein. Zu solchen Geweben gehören Bindegewebe, Knorpel usw., aus denen z. B. die Ohrmuschel besteht. Bei der chronischen Gicht findet man überall im Körper verteilt Harnsäurekristalle.

Gicht – oder keine Gicht?

Um die Diagnose Gicht zu sichern, muss man letztlich das betroffene Gelenk punktieren, um so eine Gewebeprobe zu bekommen. Denn im akuten Anfall findet man häufig normale Harnsäure-Konzentrationen im Blut. Auf Röntgenbildern sind Veränderungen oft erst im Verlauf nachweisbar. Typische Tophi lassen sich mit einem speziellen Computertomogramm (CT), dem „Dual-Source-CT“, nachweisen.

Man muss unterscheiden zwischen der Gicht und anderen Kristall-Arthropathien (Gelenkveränderungen). Es gibt z. B. die Pseudo-Gicht (Chondrokalzinose). Hierbei sind Sehnen-und Knorpelveränderungen typisch, die zu Verkalkungen im Gelenk führen. Auch eine Arthritis durch eine Blutvergiftung, eine aktivierte Arthritis oder ein akuter Schub einer Arthritis im Rahmen einer Psoriasis sind denkbar.

Therapie akut und auf Dauer

Im akuten Anfall gibt man üblicherweise nicht steroidale Antirheumatika wie Diclofenac (Handelsname z. B. Voltaren), Ibuprofen oder einen Wirkstoff aus der Gruppe der Coxibe (z. B. Arcoxia).

Die effektivste Therapie ist bei 80 % aller Fälle Colchicin, das Gift der Herbstzeitlosen, das als Medikament verfügbar ist. Es muss mehrfach in bestimmten Abständen gegeben werden. Treten Übelkeit und Durchfall auf, muss das Medikament abgesetzt werden! Sobald sich die Beschwerden des Gichtanfalls bessern, erfolgt eine iden

Dosisreduktion am zweiten Tag. Eine Dauertherapie mit Colchicin ist nach Absprache mit dem behandelnden Arzt manchmal bis zu 6 Monate möglich bzw. notwendig. Dann müssen regelmäßige Blutkontrollen der Leberwerte und des Blutbilds erfolgen, denn es kann zu einer Reduktion der weißen Blutkörperchen (Leukopenie) kommen.

Die Gabe von Kortison erfolgt nur, wenn Antirheumatika oder Colchicin kontraindiziert sind, also nicht gegeben werden dürfen. Man beginnt mit hoher Dosis und fängt nach einer Woche an, die Dosis zu reduzieren.

Nach Abklingen des ersten Schubs sollte man mit dem Wirkstoff Allopurinol, ggf. auch Febuxostat (Handelsname Adenuric) als Reservepräparat, eine Dauertherapie einleiten, bei Unverträglichkeit evtl. Benzbromaron. Neuere Medikamente (Interleukin-Antikörper) können in besonderen Fällen ebenfalls sehr erfolgreich helfen.

Eine niedrige Harnsäure bedeutet nicht unbedingt, dass es sich nicht um eine Gicht handelt.

Zusammenfassung

Ein Gichtanfall ist immer noch ein „einschneidendes“ Ereignis/Erlebnis. Stärkste Schmerzen können „wie aus heiterem Himmel“ auftreten – es ist eine Erleichterung, wenn sie wieder aufhören! Aber auch langfristige Schäden drohen, wenn man nichts dagegen unternimmt. Vorzubeugen nach einem Anfall, ist immer noch die beste Lösung – Allgemeinmaßnahmen wie eine Änderung der eigenen Essens- und auch Trinkgewohnheiten helfen dabei!

Kontakt: Dr. Gerhard-W. Schmeisl // Internist/Angiologie/Diabetologie/Sozialmedizin // PrivAS Privatambulanz (Schulung) // E-Mail: dr.gerhardw@schmeisl.de