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FILM: »FRAUEN DÜRFEN AUSTEILEN«


arte Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 21.11.2019

LEBEN IM JETZT Schauspielerin Meret Becker und Filmemacherin Kerstin Polte über queere Götter, fliegende Katzen und faire Gagen.


»Ich kann alles ein bisschen und nichts richtig – aber das sehr gut«


Artikelbild für den Artikel "FILM: »FRAUEN DÜRFEN AUSTEILEN«" aus der Ausgabe 12/2019 von arte Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: arte Magazin, Ausgabe 12/2019

Zur Person

MERET BECKER,Schauspielerin und Sängerin

Meret Becker, geboren 1969 in Bremen, istFilm-, Theaterschauspielerin und Sängerin. Aktuell spielt sie die Kommissarin Nina Rubin im Berliner „Tatort“.

Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?:Tragikomödie

TVFreitag, 27.12. • 21.45 Uhr
bis 2.1. 2020 in der

MediathekRoadtrip zu Gott: Eine Frau will ihrem öden Alltag entfliehen, ihr Ehemann um sie ...

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MediathekRoadtrip zu Gott: Eine Frau will ihrem öden Alltag entfliehen, ihr Ehemann um sie kämpfen, ihre chaotische Tochter die Liebe finden und ihre altkluge Enkelin die Katze beerdigen. ARTE zeigt den tragikomischen Debütfilm von Kerstin Polte, der ihr unter anderem den Bayerischen Filmpreis für Nachwuchsregie einbrachte.

F iguren, die sich vom Fensterbrett stürzen, um wenigstens für kurze Zeit zu fliegen. Das sind die Helden – oder besser Antihelden – in Kerstin Poltes poetisch-skurrilem Roadmovie „Wer hat eigentlich die Liebe erfunden?“. Da wäre zum einen Charlotte, gespielt von Corinna Harfouch, der nach 37 Jahren, fünf Monaten und 21 Tagen Ehe angesichts der Routine mit Gatte Paul die Hutschnur reißt und die ihn kurzerhand an einer Raststätte aussetzt. Tochter Alex wiederum, verkörpert von Meret Becker, ist eine überforderte und alleinerziehende Fahrschullehrerin, die ihr Glück in der Liebe zu einer Truckerin findet. Eine abenteuerliche Reise führt diese unorthodoxe Familie in ein Inselhotel. Dessen Betreiber? Gott persönlich. Im Berliner Theater „Bar jeder Vernunft“ sprechen Meret Becker und Kerstin Polte über ihren gemeinsamen Film und die fließenden Grenzen zwischen Mann und Frau.ARTE MAGAZIN „Warum soll ich verschwinden, wenn ich noch gar nicht da gewesen bin?“ Mit dieser existenziellen Frage der kranken Charlotte beginnt der Film. Ist das eine Frage, die wir uns öfter stellen sollten?
Meret Becker Einerseits hoffentlich nicht, denn wenn man noch nicht da gewesen ist, ist das natürlich traurig. Aber andererseits schon. Man sollte bewusst leben, sprich im Jetzt.
Kerstin Polte Für mich hat diese Frage einen sehr persönlichen Hintergrund. Ich habe meinen Vater während der Drehbuchentwicklung bis zum Tod begleitet und verstanden, wie wichtig es ist, nicht immer alles aufzuschieben, sondern zu tun, worauf man Lust hat, Neues zu versuchen. Deswegen gibt es die Filmszene, in der die Katze aus dem Fenster springt. Woher wissen wir, ob wir fliegen können, wenn wir es nicht ausprobieren? Es ist also ein Plädoyer dafür, dass man öfter mal Sprünge aus dem Fenster wagen sollte.ARTE MAGAZIN Im Film tun dies vor allem die Frauen.
Kerstin Polte Stimmt, sie ergreifen hier nicht nur physisch, sondern auch sinnbildlich das Steuer ihres Lebens.
ARTE MAGAZIN Die Männer kommen dagegen weniger gut davon. Der eine ist so öde, dass er offenbar nichts anderes als die Raststätte verdient hat, der andere spielt Gott. Kerstin Polte Das könnte man meinen. Ich denke aber, dass Charlottes Mann Paul eine emotionale Unbeholfenheit hat, die sympathisch ist. Gott wiederum ist im Film weniger ein Mann als ein Mensch mit Fehlern – schließlich verliebt er sich. Zugleich ist er eine queere Gestalt. hat lackierte Fingernägel, geschminkte Augen. Mir war es wichtig, mit gewissen Bildern zu brechen: etwa dem von Gott als Mann, aber auch von der strikten Grenze zwischen Fantasie und Realität. Meret Becker Auch ich mag die männlichen Figuren. Aber selbst wenn Männer hier einiges abkriegen sollten: Ich finde, dass wir Frauen so viel eingesteckt haben und noch immer einstecken, dass wir ruhig ein wenig austeilen dürfen. Das Recht haben wir uns über Jahre angespart.
ARTE MAGAZIN Wie haben Sie diese Ungleichheit konkret erlebt?Meret Becker Auf viele Arten. Früher war ich dieTochter von Otto Sander, dann dieSchwester von Ben Becker und nun bin ich im Berliner „Tatort“ dieKommissarin an der Seite von Mark Waschke. Oft kriegen Männer zudem bessere Hotelzimmer, Massagen nach der Maske – und mehr Geld. Der nächste Punkt bei der #MeToo-Debatte, für die ich den Frauen, die sich getraut haben, sehr dankbar bin, sollten gleiche Gagen sein. Dafür müssen Männer auf Kohle verzichten, was im Kapitalismus rar ist, wofür ich aber kämpfen will – gemeinsam mit den Jungs. Kerstin Polte Es gibt noch viel zu tun. Das Stichwort heißt für mich Solidarität. Ich versuche oft, Frauen Jobs und Kontakte zu verschaffen.
ARTE MAGAZIN Frau Becker, Sie sind nicht nur Darstellerin, sondern haben auch den Titelsong zum Film gesungen. Meret Becker Mich reizen viele Kunstformen. Ich kann alles ein bisschen und nichts richtig – aber das sehr gut. Musik eröffnet mir eine surreale Welt, die ich sehr liebe.
ARTE MAGAZIN Aktuell stehen Sie hier in der „Bar jeder Vernunft“ im Stück „Die fünf glorreichen Sieben“ auf der Bühne. Gemeinsam mit anderen Frauen, darunter Katharina Thalbach, spielen Sie Cowboys mit all ihren Klischees. Klingt nach reichlich Spaß. Meret Becker Absolut. Besonders das Schießen ist toll(springt auf und imitiert einen Westernhelden mit Knarre) !
ARTE MAGAZIN Ein Kindheitstraum? Meret Becker Ja, denn ich musste immer Indianer sein, weil mein Bruder Cowboy war.
ARTE MAGAZIN Und Sie haben nachgegeben? Meret Becker Klar, er war ja älter als ich und hat sich durchgesetzt – und tut es bis heute. Mir gefällt bei dem Stück sehr, dass wir uns bei den Proben manchmal als „er“ bezeichnet haben. Man sagt mir, ich sei sexy als Mann. Vielleicht sollte ich öfter Bart tragen. Kerstin Polte Ich fände es jedenfalls großartig, mehr mit Geschlechtergrenzen zu spielen. Gerade das Dazwischen ist doch spannend.
ARTE MAGAZIN Charlotte lässt im Film genervt ihren Ehemann auf der Autobahn zurück. Hatten Sie selbst schon einmal das Bedürfnis, jemanden an der Raststätte auszusetzen? Meret Becker Ab und zu nehme ich Tramper mit. Einige hätte ich gerne wieder rausgeworfen, habe mich aber nicht getraut. Kerstin Polte Manchmal möchte ich mich selbst aussetzen, kurz aus dem vorbeirauschenden Leben aussteigen, um die Richtung zu überprüfen, in die ich fahre.


»Woher wissen wir, ob wir fliegen können, wenn wir es nicht ausprobieren?«


Zur Person

KERSTIN POLTE,Regisseurinund Drehbuchautorin

Kerstin Polte, Jahrgang 1975, hatFilm und Regie in Québec, Karlsruhe und Zürich studiert und ist kreativer Kopf der Stoffentwick lungsschmiede „Serienwerk“


FOTOS: MARINA ROSA WEIGL, ANDREAS TOBIAS