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FINISHED Der Grenzgänger


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Laufzeit - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 13.10.2021

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Die amerikanische Anti-Doping- Agentur USADA hatte den Chef des „Nike Oregon Project“ (NOP), das 2001 in Beaverton (Oregon) auf Initiative des damaligen Nike Vizepräsident Thomas E. Clarke entstanden ist, bereits im Herbst 2019 für vier Jahre gesperrt, weil er „verbotenes Doping-Verhalten orchestriert und gefördert“ habe. Zu seinem höchst erfolgreichen NOP-Team gehörten unter anderem der viermalige britische Olympiasieger Mo Farah, 1.500-Meter-Olympiasieger Matthew Centrowitz und der zweimalige Olympia-Medaillengewinner Galen Rupp, beide USA. Auch der Endokrinologe Jeffrey Brown, der zahlreiche Schützlinge Salazars behandelt hat, darf vier Jahre lang nicht mehr im Leistungssport tätig sein. Obgleich niemand in seinem Trainingskader jemals positiv getestet wurde, stellte die USADA fest, dass Salazar die verbotenen Substanzen L-Carnitin und Testosteron eingesetzt habe. Zudem seien Doping-Kontrollen ...

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... und -Ermittlungen manipuliert und behindert worden.

Der Vorstandsvorsitzende der USADA, Travis Tygard, der zuvor auch den Radprofi Lance Armstrong zu Fall gebracht hatte, erläuterte, dass während der mehrjährigen Ermittlungen Zeug*innen anonym mit dem Tod bedroht worden seien. Auch deshalb hob er explizit die Kooperation mit den Sportler*innen hervor, ohne deren Namen preiszugeben. „Sie hatten die Courage, auszupacken und die Wahrheit zu enthüllen“, sagte USADA-Chef Tygard, der Salazar und Brown vorwarf, „dass Gewinnen für sie wichtiger war als die Gesundheit und das Wohlbefinden der Athleten, die zu beschützen sie geschworen haben“.

Nur ein paar Tage nach der Dopingsperre gegen Alberto Salazar sowie Berichten über dubiose Praktiken wurde der Druck so groß, dass Nike, der Branchenriese unter den Sportartikelherstellern, sein ins Zwielicht geratenes Elite-Projekt kurzerhand auflöste.

„Die Situation und die unbegründeten Behauptungen lenken viele Athleten ab und beeinträchtigen sie dabei, sich auf ihre Trainingsund Wettkampfbedürfnisse zu konzentrieren“, erklärte Nike-

Geschäftsführer Mark Parker den Beschluss, der nicht zuletzt aufgrund der Negativwerbung unausweichlich war. „Das Oregon Project hat niemals Doping geduldet und wird es niemals dulden“, wehrte sich Salazar: „Während dieser sechsjährigen Untersuchung haben meine Athleten und ich eine ungerechte, unethische sowie äußerst schädigende Behandlung durch die USADA erfahren.

Dies belegt die von Travis Tygart veröffentlichte irreführende Aussage, dass wir das Gewinnen über die Gesundheit der Athleten stellen. Das ist völlig falsch.“ Salazar, der sein Konstrukt selbst zum krachenden Einsturz geführt hatte, präsentierte sich als Opfer und wiederholte, dass er ein reines Gewissen habe: „Ich werde Einspruch einlegen und nach vorne blicken.“ Mitte September dieses Jahres steht fest, dass sein Einspruch erfolglos bleiben wird. Das Oberste Internationale Sportgericht (CAS) in Lausanne hat die ausgesprochene, vierjährige Sperre gegen den ehemaligen US- Coach Mitte September bestätigt.

Schon 2017 hatte die russische Hacker-Organisation „Fancy Bears“, die verrückten Bären, die unentwegt die Datenbänke der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) durchkämmen, verschiedenen Medien einen USADA-Untersuchungsbericht über das Nike Oregon Project zugespielt. Alberto Salazar wurde darin beschuldigt, auf gefährliche Weise die Leistung seiner Athlet*innen gesteigert zu haben. Demnach sei es „nahezu sicher“, dass er gegen Anti-Doping-Bestimmungen verstoßen habe. Sowohl Mo Farah, der das NOP im gleichen Jahr verlassen hatte, als auch Salazar wiesen jegliche Vorwürfe vehement zurück. „Ich bin sauber, habe niemals die Regeln gebrochen“, ließ Farah verlauten.

Andere erhoben indes schwere Vorwürfe, wie beispielsweise Mary Cain, die in den USA einst als „Wunderkind“ gefeiert wurde. 2013 hatte sie sich dem NOP angeschlossen, nachdem Salazar auf die Fähigkeiten des Ausnahmetalents, das mit 17 bei der WM in Moskau gestartet war, aufmerksam geworden war. Für Cain sollte es eine schreckliche Leidenszeit werden, die sie irgendwann sogar an einen Suizid denken ließ. „Ich wollte die beste weibliche Athletin aller Zeiten werden“, verkündete Cain im November 2019 in einem Videobeitrag der „New York Times“. „Stattdessen wurde ich geistig und körperlich von dem System misshandelt, das Alberto erdacht und Nike gebilligt hat.“ Demnach soll sie von den NOP-Verantwortlichen von Beginn an aufgefordert worden sein, ihr Gewicht deutlich zu reduzieren. Konkret habe Salazar der 1,70 Meter großen Athletin vorgegeben, auf 52 Kilogramm abzuhungern. Dabei schreckte er laut Cain auch nicht vor demütigenden Maßnahmen zurück. Mehrfach habe sie sich vor den Augen anderer wiegen lassen müssen. Hatte sie das Gewichtsziel verfehlt, sei sie von Salazar vor versammelter Mannschaft runtergemacht worden. Auch habe er ihr die Einnahme von Antibabypillen und Diuretika verordnet, um so verstärkt Wasser aus dem Körper auszuscheiden.

„MIR WURDE GESAGT, ICH SEI ZU DICK UND HÄTTE DEN GRÖSSTEN HINTERN VON ALLEN AM START.“

(AMY YODER BEGLEY ÜBER IHRE ERFAHRUNGEN BEIM „NIKE OREGON PROJECT“)

Die Folgen gefährdeten massiv ihre Gesundheit: Sie habe fünf Knochenbrüche erlitten, so Mary Cain, ihr Menstruationszyklus habe drei Jahre ausgesetzt. Obwohl ihr Umfeld im NOP mitbekommen habe, dass es ihr nicht gut ging, habe niemand etwas unternommen oder ihr geholfen. „Ich war in einem System gefangen, das von Männern für Männer konzipiert war“, klagte sie, „es zerstört die Körper junger Frauen.“ Steve Magness, Salazars ehemaliger Assistenztrainer, bestätigte die Worte Cains, so dass das vom Internationalen und Paralympischen Komitee der USA gegründete „Center for SafeSport“, welches seit 2017 mit der Untersuchung solcher Fälle gesetzlich beauftragt ist, die Ermittlungen aufnahm.

Mary Cain, die mittlerweile 25 ist und in der Indoor-Saison 2020 ein Comeback gegeben hat, war mit ihrer Geschichte mutig an die Öffentlichkeit getreten, als die Entwicklungen rund um das Elite-Laufprojekt NOP, dem auch Sifan Hassan aus den Niederlanden, 2019 Doppel-Weltmeisterin über 1.500 und 10.000 Meter, Yomif Kejelcha aus Äthiopien, 2016 und 2018 Hallen-Weltmeister über 3.000 Meter sowie 2019 Hallen-Weltrekordler über eine Meile, und das deutsche Aushängeschild Konstanze Klosterhalfen, 2019 WM-Dritte über 5.000 Meter, angehörten, für beträchtliche Schlagzeilen sorgten. Klosterhalfen, die erst Ende April 2019 offizielles NOP-Mitglied geworden war, wurde aber nicht von Salazar betreut, sondern von Pete Julian, der auch weiterhin ihr Trainer ist. „Nach dem Doping-Enthüllungen fühlte ich mich plötzlich befreit“, betonte Cain, „das hat mir geholfen zu verstehen, dass dieses System nicht okay ist.“ Sie habe deshalb für sich beschlossen, Klartext zu reden und ihr Schweigen zu beenden. Amy Yoder Begley, 2008 Olympia-Teilnehmerin über 10.000 Meter, bestätigte Cains Version und sprach von ähnlichen Erfahrungen beim NOP: „Mir wurde gesagt, ich sei zu dick und hätte den größten Hintern von allen am Start.“ Kara Goucher, WM-Zweite 2007 über 10.000 Meter, die das NOP 2011 verlassen hat, berichtete, dass Salazar tatsächlich zu Yoder Begley gesagt habe: „Du hast keine Chance. Du bist zu fett.“

Nike, Branchenprimus unter den Sportartikelherstellern, hatte zunächst nicht auf Cains Äußerungen reagiert, sah sich schließlich doch zu einem Statement genötigt. Laut einem Konzernsprecher seien es „zutiefst beunruhigende Anschuldigungen“, die „zuvor weder von Mary noch ihren Eltern erhoben worden“ seien. Wie er ankündigte, wolle das Unternehmen eine Überprüfung einleiten und dazu Gespräche mit Ex-NOP-Mitarbeiter*innen führen, um Licht ins Dunkel zu bringen.

Seit den achtziger Jahren ist Alberto Salazar mit Nike eng verbandelt. Damals lief er bereits für „Athletics West“, ein von Nike gesponsertes Laufteam, das Star-Coach Bill Bowerman mit Phil Knight und Geoff Hollister ins Leben gerufen hatte. Dreimal in Serie von 1980 bis 1982 gewann der gebürtige Kubaner, der als Kind in die USA emigriert ist, den New York Marathon und 1982 obendrein den legendären Boston Marathon. Noch immer erzählt man sich gern die Episode, wie er auf der Boylston Street mit zwei Sekunden Vorsprung vor Dick Beardsley nach 2:08:52 Stunden wankend das Ziel erreicht hat: die glasigen Augen verdreht und völlig dehydriert. Sein Wille hatte einen Motor angetrieben, dem für die Kühlung nur noch ein Wassertropfen zur Verfügung stand. Als die weiße Linie hinter ihm lag, verließen ihn die Kräfte. Er kollabierte und wurde von hilfsbereiten Polizisten aus dem Zielraum geleitet. Ein Bild, das haften bleibt.

Ein Naturtalent war Alberto Salazar gewiss nicht, er machte diesen Nachteil durch extremen Trainingsfleiß, der bis zur totalen Verausgabung ging, wieder wett. Allerdings litt die Gesundheit unter seinen Exzessen. 1977 beim Falmouth Road Race, eine sieben Meilen lange, hügelige Strecke von der Ortschaft Woods Hole längs der Küste von Cape Cod nach Falmouth Heights, verausgabte er sich dermaßen, dass Salazar mit einem Hitzschlag in eine Badewanne voll Eis gelegt wurde und von einem Priester die Sterbesakramente erhielt. Gott sei Dank erholte er sich von seiner Pein, doch fortan machten ihm körperliche Probleme arg zu schaffen, sein Immunsystem brach zusammen, und er gab zeitweise das Laufen ganz auf. 1994 kam dann ein eindrucksvolles Comeback, als Salazar, den kaum einer mehr auf der Rechnung hatte, in Südafrika den Comrades Marathon, den welt größten Ultramarathon über 90 Kilometer, in 5:38:49 Stunden gewann.

Nach seiner aktiven Zeit wechselte er die Seiten. Alberto Salazar, der in den Neunzigern auch in der Marketing-Abteilung von Nike gearbeitet hatte, wurde Trainer, einer der erfolgreichsten seiner Zunft.

Nicht gerade wenige halten ihn noch immer für den Wichtigsten der Welt, ja vielleicht sogar der Leichtathletik-Historie. Er sei das Mastermind, das Superhirn!

Rund achtzehn Jahre stand Salazar, ein Grenzgänger, der alle erdenklichen Wege, ob erlaubt oder nicht erlaubt, ausprobiert hat, im Dienst des amerikanischen Laufschuh-Konzerns Nike und leitete das Nike Oregon Project in Beaverton, einem Vorort von Portland (Oregon), bis zu seiner Schließung. Ihre Beziehungen sind inzwischen erkaltet.

Untrüglicher Beweis: Nike hat das „Alberto Salazar Building“ auf seinem Campus in Beaverton im August umbenannt, was erst zweimal im vergangenen Jahrzehnt passiert ist. Im Juli 2012 hatte Nike den Namen von Joe Paterno aus dem „Joe Paterno Child Developement Center“ entfernt, als publik geworden war, dass der berühmte Football-Coach der Penn State

University über den sexuellen Missbrauch von Kindern durch seinen Co-Trainer Jerry Sandusky Stillschweigen bewahrt haben soll. Und im Oktober, gerade mal drei Monate später, erhielt auch das „Lance Armstrong Fitness Center“ eine andere Bezeichnung, was nun auch Salazar widerfahren ist. „Die Art der Vorwürfe und die Feststellung einer lebenslangen Sperre machen es angebracht, den Namen des Gebäudes zu ändern“, tat eine Nike-Sprecherin kund und teilte mit, dass das Gebäude künftig „Next%“ heißen werde.

In Anlehnung an den bekannten Laufschuh, den der Kenianer Eliud Kipchoge, Doppel-Olympiasieger und Weltrekordler, auf der klassischen Distanz, vorzugsweise trägt. Zur Person Salazar genügte Nike lediglich ein knapper Hinweis: „Alberto ist nicht länger Vertragstrainer.“

Nike hat quasi die Reißleine gezogen, obwohl sich Alberto Salazar und Phil Knight, der im Ruhestand befindliche Mitbegründer und Ex-CEO von Nike, persönlich sehr nahestehen. Beide sind eng miteinander befreundet. „Fast jeden Schritt, den ich je gemacht habe, wurde auf die eine oder andere Weise von Phil Knight und seiner Vision, wie sie von Nike verkörpert wird, unterstützt“, schrieb Salazar in seiner 2012 erschienen Autobiographie. So wie es jetzt aussieht, wird Knight die Ehre seines alten Kumpels auch nicht mehr retten können.