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Finnland trifft Syrien in Niedersachsen


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Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 01.08.2022

NACHGESPRÄCH

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„Auf dem Limberg schlurft nun die Frau durch den Saal, der Mann legt seine Sachen auf einen Zuschauerstuhl, blickt einmal ernstböse – und erpokert sich ein wenig Geld, um zukünftig Restaurantbesitzer sein zu können. Die Lakonie von Trennung und Aufbruch vermittelt sich nur ansatzweise. Da die Szenenfolge stilistisch und emotional nicht wie im Film mit verlangsamtem Ernst zu einem künstlichen Universum wirkungsvoll zusammengebunden ist, läuft sie immer wieder leer, und die verzweifelte Komik rutscht in die Comedy-Lächerlichkeit.“ *

Anke Stedingk und Posaunenchor Margaretenkirche

„Berührend wirkt dann doch das Ende. Nachdem sich das anfangs getrennte Paar wieder begegnet, was in traurigschön unsicherer Zartheit gespielt wird, erzählt ein Stadtensemble-Mitglied seine Fluchtgeschichte, die der Khaleds sehr ähnlich ist, und beglaubigt so die künstlerische Fiktion mit seiner ...

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... Biografie, ja, er verschafft gleichsam im Nachklang der Produktion den Respekt, den sie verdient.“ *

Ahmad Kiki, Stadtensemble und Posaunenchor

* Auszüge a us unserer Onlinekritik von Jens Fischer, hier im vollständigen Original:

ZUR VORLAGE

„Die andere Seite der Hoffnung“ ist eine deutsch-finnische Kinoproduktion von Aki Kaurismäki aus dem Jahr 2017, die auf der Berlinale den Silbernen Bären für die beste Regie gewann. Der Autorenfilmer führt hier die soziale Realität Geflüchteter in den melancholischen Existenzialismus seines cineastischen Universums ein: Wikström verlässt sein trostloses Leben – Job, alkoholkranke Frau, schäbige Wohnung – und erpokert sich ein wenig Geld. Damit übernimmt er, zunächst vollständig erfolglos, ein runtergerocktes Restaurant samt Personal. Parallel entsteigt der geflüchtete syrische Mechaniker Khaled als blinder Passagier einem Schiff im Hafen Helsinkis und ist Zynismus, Bürokratie und Rassismus ausgesetzt. Durch eine zufällige Begegnung mit Wikström wird er Teil der Schicksalsgemeinschaft des Restaurantteams und entgeht der Ausweisung durch das wie immer märchenhaft menschlich handelnde Personal der Kaurismäki-Filme. Diese zeichnen sich durch lakonisch ernsten Erzählfluss, trockenen Humor und pragmatischen Fatalismus der Figuren aus und waren schon häufig Vorlage für tragikomische oder absurd zugespitzte Theaterabende. „Die andere Seite der Hoffnung“ brachte das Theater Osnabrück am 11. Juni erstmals auf die Bühne – im außerhalb des Stadtkerns gelegenen Limberg-Theater und mit einem gemischten Schauspielensemble aus Laien und Profis sowie einem Posaunenchor.

JENS FISCHER Syrien ist in dieser Spielzeit das Partnerland des Theaters Osnabrück. Wie kamen Sie auf die Idee, dass dafür der Kaurismäki-Film „Die andere Seite der Hoffnung“ über die Schicksalsgemeinschaft Heimatloser und Ausgestoßener zu adaptieren sei?

JAKOB FEDLER Das Theater besaß die Uraufführungsrechte und schlug mir vor, das mit Ensemblemitgliedern und Laien zu machen. Ich fand die Idee toll, da es sehr wichtig ist, geflüchteten Menschen eine Plattform zu bieten, gerade jetzt, wo das Thema angesichts des Ukrainekriegs aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwindet.

JENS FISCHER Sich dafür auf einen ziemlich gelungen Arthouse-Film zu beziehen, schüchtert das erst mal ein oder beflügelt das?

JAKOB FEDLER Beides. In diesem Fall war unsere Stückvorlage das abgetippte Drehbuch, das ist nicht so inspirierend. Die Dialoge sind ja nicht schlecht, aber eben kein Theaterstück, das meiste erzählt der Film über die Bilder. Deswegen habe ich ihn mir sicher zehnmal und Ausschnitte immer wieder sehr genau angeschaut.

JENS FISCHER Um die Kraft der Bilder auch im Theater zu evozieren, braucht es einen geeigneten Ort. Angekündigt war die Premiere im urbanen, Kaurismäki-gemäßen Raum, einem leerstehenden Drogeriemarkt an einer der schäbigen Ecken der Osnabrücker Innenstadt, gespielt wurde aber weitab der Stadtgesellschaft in einem lichtdurchfluteten Multifunktionssaal.

JAKOB FEDLER Das Konzept war, die Zuschauer im Geschäft zu platzieren, so eine kleine Theaterinsel im Trubel des Lebens zu schaffen. Wir wollten direkt vorm Schaufenster und draußen auf der Johannisstraße spielen. Die ist sehr migrantisch geprägt, aber auch durch eine Drogenszene und viel junges Partypublikum.

JENS FISCHER Mitten zwischen den Paaren, Passanten, Junkies, Obdachlosen, Alkoholikern und Feierwütigen beginnt die Hauptfigur Khaled, sich erstmals in der neuen Welt zu orientieren: eine großartige Idee!

JAKOB FEDLER Aber abends waren die Störungen so massiv, dass eine Aufführung unmöglich war.

JENS FISCHER So mussten Sie schnell umdisponieren, und das Limberg-Theater war eine Notlösung, um den Premierentermin halten zu können – auf Kosten des Regiekonzepts?

JAKOB FEDLER Das kann man Notlösung nennen. Wir hatten drei Wochen auf der Probebühne gearbeitet, dann eine Woche in dem Drogeriemarkt und dann nur noch zehn Abende, die berufstätigen Laien können ja nur abends, um mit heißer Nadel alles, was wir szenisch hatten, zusammenzubauen und gleichzeitig dem neuen Raum anzupassen …

JENS FISCHER …der die klassische Trennung zwischen Tribüne und Bühne vorgibt.

JAKOB FEDLER Das versuchen wir aufzubrechen, indem wir das Licht auch für die Zuschauer anlassen und als Verbindungselement einen Posaunenchor in die erste Reihe setzen, der im ursprünglichen Konzept mobil im Raum und auf der Straße unterwegs gewesen wäre.

JENS FISCHER Bei Kaurismäki kommentieren finnischer Schlager und Altrocker-Folk die Feier von Humanität, Nächstenliebe und Solidarität, warum bei Ihnen ein Posaunenchor mit dem Charme des Amateurhaften?

JAKOB FEDLER Er steht für die deutsche Kleinstadt. Es gibt in Osnabrück eine große Tradition von Blaskapellen im Schützenfestbereich, unsere kommt aus einer evangelischen Kirche, spielt Eigenkompositionen, aber auch das deutsche Auswandererlied „Beamtenwillkür treibt uns fort“.

JENS FISCHER Kaurismäki konzentriert sich auf wenige Figuren und ihre Beziehungen, bei Ihnen verlagert sich der Schwerpunkt auf die Laien, die als sie selbst, in diversen Nebenrollen und als Chor in der Rolle des Khaled-Freunds Mazdak agieren.

JAKOB FEDLER So will ich ihr Schicksal größer machen. Fünf Syrer und drei Ur-Osnabrücker ohne Fluchterfahrung sind dabei. Denn es betrifft ja nicht nur Menschen mit dunklerer Hautfarbe, Flucht und Vertreibung sind ein universelles, ein Menschheitsthema.

JENS FISCHER Dabei geht die differenzierte Analyse der Situationen etwas verloren, auch weil Sie die Rollen klischeehaft besetzen und ausstellen. Also ein in Damaskus aufgewachsener Schauspieler gibt den syrischen Protagonisten, ein mackerhaft mit Sonnenbrille sich gebärdender Syrer gibt den Chef einer illegalen Pokerrunde …

JAKOB FEDLER …wir wollen unsere Inszenierung an die Realität anbinden, also auch realitätsnah besetzen. Ihre Beobachtung stimmt hier leider nicht. Genauso wie die syrischen Spieler mit Klischees spielen, spielen sie unter anderem auch deutsche Polizisten und Beamte. Es ist ein Spiel mit diversen Klischees.

JENS FISCHER Für mich eher ein Ausstellen von diversen Klischees.

Wenn die Hauptfigur letztmalig ein Verkaufsgespräch mit einer langjährigen Geschäftspartnerin führt, ist im Film deutlich, aber nur dezent angespielt, dass sie zum Abschied noch mal mit ihm schlafen möchte.

In Osnabrück umtanzt sie ihn wie in einem Sexclub, dazu läuft ein André-Rieu-Konzert auf dem Bildschirm, warum so überdeutlich?

JAKOB FEDLER Auch hier übertreiben Sie in Ihrer Beschreibung. Grundsätzlich wollten wir eine eigene Spielweise für die Umsetzung von Kaurismäkis Film für die Bühne finden und dabei auch eine eigene Komik entwickeln. Theater ist nun mal ein ganz anderes Medium als Film. Sicher sind wir dabei manchmal weniger subtil als Kaurismäki in seinem Film. Ich denke, die Stärke unserer Arbeit liegt woanders.

JENS FISCHER Für mich ist Ihre Inszenierung ein Gegenentwurf zu Kaurismäki. Bei ihm sehe ich diese streng komponierten, malerischen Einstellungen, bei Ihnen ästhetisches Durcheinander. Im Film herrscht ein lakonisches Tempo vor, um in der Langsamkeit die Unmenschlichkeit von Justiz, Polizei, Behörden, Mitmenschen spürbar zu machen. Für mich kippt der störrische Pessimismus Kaurismäkis in Osnabrück in einen fidelen Optimismus. Verdunkelte Farbigkeit, Zigarettenqualm, pointierte Dialoge, Retro-Ausstattung und körpersprachlicher Minimalismus binden die Szenen im Film emotional in einer melancholischen Atmosphäre zusammen, im Limberg-Theater bleibt es mit lockerer Dramaturgie bei einer entsprechenden Folge von Einzelszenen.

JAKOB FEDLER Ich sehe anscheinend Kaurismäki ganz anders als Sie. Vor allem sehe ich die Figuren des Films sehr viel optimis- tischer und positiver in ihrer Haltung, gerade die eine Hauptfigur Wikström. Er gibt alle Sicherheiten auf und beginnt ein neues Leben, ist sehr mutig, entschlossen und hoffnungsvoll in seinen Entscheidungen und Handlungen. Geradezu eine Heldenfigur. Er und viele andere Figuren helfen Khaled, vollkommen selbstverständlich und immer wieder. Auch das hat etwas sehr Positives. In seiner Menschlichkeit, dem heldenhaften Charakter Wikströms und seiner Form hat der Film etwas sehr Märchenhaftes für mich. Das wollten wir erzählen. Im Grunde ist der Film ein Aufruf zu mehr Menschlichkeit, Mut und zivilem Ungehorsam.

JENS FISCHER Sie wollen die Lebenswelt von Syrern in Osnabrück beleuchten. Warum gehen Sie dabei nicht häufiger übers Nacherzählen hinaus und kümmern sich um die Biografien der Geflüchteten, den konkret politischen Kampf um Asyl, gegen Rassismus und für aktuelle Träume vom neuen Leben?

So wie zum Finale ein Syrer die fiktionale Aufführung mit seiner Fluchtgeschichte beglaubigt.

JAKOB FEDLER Unser Projekt soll in erster Linie kein Dokumentartheater sein. Sondern der Versuch, gemeinsam aus verschiedenen Perspektiven eine Geschichte zu erzählen und zu spielen. Khaleds Fluchtgeschichte und sein Ankommen, die Ablehnung und sein Trotzdem-Ankommen in Helsinki stehen dabei zudem exemplarisch für die Fluchtgeschichten vieler Beteiligter.

Dokumentarische Ansätze sollen die Geschichte nur erweitern, nicht ersetzen.

JENS FISCHER Einmal immerhin platzen aus den Syrern ihre Eindrücke von Deutschen heraus.

JAKOB FEDLER Das sind natürlich auch Klischees, die sie erzählen – von der deutschen Ordentlichkeit, dem Biertrinken.

Aber das ist wirklich das, was sie uns gesagt hatten und auf der Bühne sagen wollten.

JENS FISCHER Im Film sucht Khaled seine ebenfalls geflüchtete Schwester, in Osnabrück sucht er seinen Bruder, warum?

JAKOB FEDLER Wir haben einfach keine syrisch- oder arabischstämmige Darstellerin gefunden, die mit uns öffentlich Theater spielen wollte.

JENS FISCHER Auch das wäre ein spannendes Thema gewesen …

Aber ist es überhaupt okay, diesen Bürgerbühnen-/Profischaupielmix zu kritisieren, professionell zu rezensieren?

JAKOB FEDLER Man muss nur die Produktionsbedingungen berücksichtigen und vielleicht eine besondere Qualität darin entdecken, wie wir Theater als Gruppenkunst leben. Das sind halt wirklich sehr verschiedene Menschen, die als Ensemble bei uns gemeinsam etwas machen. Das Zusammensein, der Zusammenhalt, das Zusammenspiel ist das, was ich toll finde.

JENS FISCHER Das ist schon eine realisierte Utopie?

JAKOB FEDLER Ja, das ist dieser „fidele Optimismus“, der sich auch aufs Publikum überträgt. Das ist ja eine Aussage unseres Abends…

JENS FISCHER …oder sogar DIE

Aussage des Abends.

JAKOB FEDLER Das ist mir das Wichtigste, ja!

UNSER GESPRÄCHSPARTNER JAKOB FEDLER, geboren 1978 in Köln, studierte Theaterregie an der Hochschule für Musik und Theater in Zürich.

Nach einer Assistenzzeit am Deutschen Theater Berlin realisierte er seit 2009 über 40 Inszenierungen als freier Regisseur. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf Stücken der neuen Dramatik und Umsetzungen partizipativer Projekte, in den letzten Jahren vermehrt auch in freien Zusammenhängen.