Weiterlesen mit NEWS. Jetzt testen.
Lesezeit ca. 14 Min.

FIONA APPLE


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 12.08.2021

Artikelbild für den Artikel "FIONA APPLE" aus der Ausgabe 9/2021 von musikexpress. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

me N° 121 HELDEN

Musik entsteht in Teams. Heute mehr denn je, wird sie an allen Ecken und Kanten optimiert. Künstler*innen verstehen sich als Kopf eines Kreativteams, der auf dem schmalen Handybildschirm mit dem Produkt nach draußen geht. Moderne Künstler*innen sind PR-Agent*innen in eigener Sache. Fiona Apple hat seit 2012 keinen PR-Agenten mehr.

Als FETCH THE BOLT CUTTERS erscheint, gibt es in Deutschland kein Cover, auf dem Apple zu sehen ist. Es gibt keine Zoom-Interviews und keine Instagram-Lives. Fiona Apple will das nicht. Kann das nicht. Wenn, dann will sie sich ganz einlassen auf Gespräche. Sie trifft wenige Journalistinnen. Emily Nussbaum vom „New Yorker“ lädt sie zu sich nach Hause. Zeigt ihr ihre Band und ihre Notiz- und Tagebücher. Lässt sich umgeben von Hunden und Hühnern im Garten fotografieren. Ganz nah oder gar nicht.

FETCH THE BOLT CUTTERS ist das erste Album von Apple seit 2012. ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 30 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von musikexpress. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 9/2021 von MAKING-OF. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MAKING-OF
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von LOW. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LOW
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von Little Simz über die Kraft der Introvertierten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Little Simz über die Kraft der Introvertierten
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von HIER GIBT ES WAS AUF DIE OHREN. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HIER GIBT ES WAS AUF DIE OHREN
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von Geh weg, Metal!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Geh weg, Metal!
Titelbild der Ausgabe 9/2021 von FOLGE 7 … ZUCKER, PUPPE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FOLGE 7 … ZUCKER, PUPPE
Vorheriger Artikel
ICH WILL DOCH NUR, DASS IHR MICH LIEBT
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel PLATTE DES MONATS
aus dieser Ausgabe

... Sie singt über fancy industry dinner („Under The Table“), auf denen sie ihre Klappe nicht hält, wenn dort Dinge gesagt werden, die sie wütend machen. Kein Wein, singt sie, kann ihr Feuer löschen. 2021 ist FETCH THE BOLT CUTTERS für zwei Grammys nominiert. Eine Woche vor der Verleihung erscheint auf der Fanseite „Fiona Apple Rocks“ ein Handyvideo, in dem Apple sagt, sie gehe da nicht hin, zu den Grammys. Nicht weil sie gegen die Grammys etwas habe, doch, doch, das habe sie auch, aber das sei nicht der Grund, warum sie nicht gehe, der Grund sei: Sie sei nicht gemacht für Fernsehen, ertrage den Vergleich mit anderen Menschen nicht. Sie wolle nüchtern bleiben. FETCH THE BOLT CUTTERS gewinnt „Best Alternative Music Album“. Wahrscheinlich wusste die Grammy-Jury, würde Apple nicht gewinnen, würde man sich auch irgendwie lächerlich machen. Weil FETCH THE BOLT CUTTERS ein Album ist, dem der Platz in der Jahrzehntbestenliste jetzt schon sicher ist. 10/10 bewertet „Pitchfork“., „A monumental album“ sagt NPR.

Fiona Apples fünftes Album ist anders als die Masse, die es umgibt. Ist nicht wasserdicht. Es wird auf Stühle geschlagen, mit Samen und Knochen geraschelt. FETCH THE BOLT CUTTERS ist Einstürzende Neubauten in unaffektiert. Denn Apples Stimme scheint nichts Gewolltes aufzuführen, sondern sich in einem zum Glück eingefangenen, perfekten Moment bis zur Erschöpfung auszutönen. Die Zeilen kosten und geben Kraft. Apple verspielt sich auf dem Album. Fuck, sagt sie, und man hört es. Sie sampelt „Fehler“ wie das Bellen ihrer Hündin Mercy. Und die „Fehler“ werden die Musik. Die einen, wie mit einem Bolzenschneider, aus der eigenen Isolation 2020 herausschneidet. Im Industrie-Jargon gesprochen ist FETCH THE BOLT CUTTERS ein Fiona-Apple-Download, den man sich auf den Körper ziehen kann, um zu „spreaden“ wie „strawberries“ („Heavy Balloon“). Aber wo genau spreadet man da hin, was zieht man sich auf den Körper? Es ist das Empfinden einer Frau, die, wie sie selber sagt, kein Schutzschild hat. Die immer wieder Metaphern dafür findet, wie sie verkabelt ist. Ikonisch, der Oktopus auf ihrem Kopf, im Video zu „Every Single Night“ (2012). In dem sie von Schmetterlingen wie kleinen weißen Flammen singt, die in ihr Gehirn fliegen, ihre Wirbelsäule nach unten sickern, in ihren Bauch, der anschwillt und sie nicht halten kann, die Gefühle, den Schmerz, der ihren Körper durchzieht wie ein zweites Skelett. Oktopusse haben neun Gehirne. Fiona Apple ist fasziniert von neurologischen Anomalien. Emily Nussbaum schreibt im „New Yorker“, wie Apple Gehirn-Scans über den Boden ihres Heimstudios in Venice Beach verteilt. Im „Every Single Night“-Video sitzt ein Oktopus auf ihrem Kopf, ein anderer, riesiger lauert ihr neben einer Brücke auf, darauf bedacht, diese Brücke, auf der Apple geht, einzureißen.

Während eines fancy industry dinners würde es vermutlich heißen, Apple verarbeite in ihrer so poetischen wie perkussiven, ja nervös durchklopften und irgendwie in Jazz und Broadway fußenden Musik ihre Ängste, Zwangsstörung und Depression. Ihr Ex-Freund, der „Bored To Death“-Autor Jonathan Ames, nannte Apple mal einen „negativity juicer“ also eine „Negativ-Presse“. Sie solle den Schmerz doch aus ihrem Leben bannen, riet er ihr. Da gibt es doch Bücher ,die einem dabei helfen können. Und Apple wehrte ab. Sie glaube nicht an diese Art Selbsthilfe, die einem unter dem Strich doch nur sage, dass man selbst schuld sei – am Schmerz. Und ist Kunst nicht immer sowohl Selbstzweck als auch Mittel, um mit der Welt klarzukommen? Sie anzuklagen, abzumalen, zu bewältigen? Was bewältigt Fiona Apple? „We don’t want your tiny hands, anywhere near our underpants“, schreibt sie 2017. „Tiny Hands“ ist ein Sprechchor, den Apple für den Women’s March gegen Trump auf Soundcloud hochlädt. Zerstört, was euch zerstört.

Fiona Apple McAfee-Maggart ist 12, als sie in dem Flur vor ihrer Wohnung vergewaltigt wird. Während der Vergewaltigung, das erzählt sie in vielen Interviews immer wieder, hört sie die Hunde in ihrer Wohnung bellen. Apple ist die Tochter einer Tänzerin und eines Musicaldarstellers, die sich beim Proben am Broadway kennenlernen. Sie trennen sich, als Apple vier Jahre alt ist. Sie und ihre Schwester bleiben bei der Mutter in New York, besuchen aber häufig den Vater mit seiner neuen Frau und fünf Kindern in Connecticut. Die neue Frau des Vaters will, dass sich alle Kinder untereinander gut verstehen. Apples Mutter Diana McAfee wurde nie nach Connecticut eingeladen, erinnert sich Apple im Gespräch mit Nussbaum.

DIE ZEILEN VON FIONA APPLE KOSTEN UND GEBEN KRAFT.

Journalist*innen behandelt Apple wie Therapeut*innen. Im Interview mit „Spin“ 1997 erzählte sie, dass sie in deren Gegenwart mit Absicht aufdrehe, damit die sie nicht wieder fragten: „Wie kann eine so große Stimme aus so einem kleinen Mädchen kommen?“ Oder: „Ich hab’ gehört, du wurdest vergewaltigt. Wie war das?“ Das Singen begann sie als Kind. Nachts. Wenn sie nicht schlafen konnte, sang sie sich Maya-Angelou-Gedichte, um sich zu beruhigen: „Pickin’ ’em up, and layin’ them down, getting to the next town“. Sie sagt, Angelou sei ihr größter Einfluss. Da sei Musik in ihren Zeilen. Apple lernt Klavierspielen. Hörte Billie Holiday und Bill Withers. Ella Fitzgerald und Joan Armatrading. Ihr Vater zieht weiter nach Los Angeles. Seine Tochter schreibe schwer verständliche Songs und Gedichte über die Dunkelheit, sie machen ihm Angst, sagt er dem „Rolling Stone“ 1998. Es ist die Ausgabe, auf der seine Tochter im Wasser neben einer Schlagzeile liegt, die klingt wie ein Pornotitel: „Getting in deep with Fiona Apple“.

Wenige Jahre vorher – Apple ist 16 – hilft ihr ihr Vater, drei Songs aufzunehmen. Einer heißt: „Never Is A Promise“. Über einen Babysitter landen die Songs bei Andrew Slater von Sony. Alanis Morissettes JAGGED LITTLE PILL war gerade erschienen. Jewel und Joan

Osborne liefen im Radio. Slater ist überzeugt, bucht eine Band und ein Studio. Und TIDAL entsteht. Slater hatte damals sofort eine Idee, wie Fiona Apple – das Produkt – sein sollte. Sexy sullen girl. Denn einer ihrer Songs heißt doch „Sullen Girl“. In den Interviews – damals waren es etliche – erzählte das sullen girl dann, worum es geht in dem Song: die Vergewaltigung mit 12.

Ihr offener Umgang mit der Gewalt, die sie erfahren hat, machte ihre Geschichte lauter als ihre Musik. Denn man sprach damals nicht darüber, wie alltäglich sexuelle Gewalt ist. Es war ein Reizbild: die sexy, kaputte Frau. Das Genie, das den Hit der Platte „Criminal“ innerhalb weniger Minuten geschrieben hatte, weil die Plattenfirma „gerne noch einen klassischen Hit haben wollte“, fiel dahinter zurück. Ihr Image war lauter, viel lauter als TIDAL. Dem Album, auf dem die 90er-Jahre in einem Piano-Bach zusammenliefen, der sich durch jazzige Songs schlängelt, getragen von einer jungen, dunklen Fiona-Apple-Stimme. Sie sang so schön, wie sie es nie wieder versuchen wird. Versuchen müssen wird. Denn TIDAL ist das Album, auf dem Apple sich noch selbst misstraut. Ist sie liebenswert, fragt sich die Platte, so liebenswert wie die anderen da draußen? „Never Is A Promise“, der Song von ihrem Tape hat es auf das Album geschafft. Ihre nächtlichen Notizen werden nun von einem Van-Dyke-Parks-Streicherarrangement untermalt. „ You’ll never feel the fever of this song“, singt Apple.

Und behält recht. Denn in den Zeitungen ist sie das sexy girl, das bei den MTV Awards unartig war. Sie wehrt sich auf der Bühne. Liest die Artikel vor, die ihre Konzerte ankündigen und karikieren. Diese Welt ist Bullshit, hatte sie bei den MTV Awards 1997 gesagt. Es gab Buhrufe. Was maßte sich diese Frau an? Auf ihrer Website erscheint eine Rechtfertigung: „Als ich gewann (…) fühlte ich mich wie ein Sell-out. Ich verdiene Anerkennung, aber ich bekam diese Anerkennung aus den falschen Gründen. Ich hatte das Gefühl, dass all die Menschen, die sich eigentlich einen Scheiß für mich interessieren, nun versuchten, mir nahe zu sein (…), aber nicht aufgrund meines Talents, sondern weil ich es, mit der Hilfe meiner Plattenfirma, Make-up-Artists, Stylisten und der Presse, geschafft hatte, die Illusion zu kreieren, dass ich perfekt bin (...).“ Apple fühlte sich wie eine Verräterin an ihrer eigenen Art. Dog nannten sie die Kinder in Schule, weil sie so anders war. Der Titel ihres zweiten Albums, das immer nur WHEN THE PAWN… genannt wird, ist ein Gedicht. Eine 444 Zeichen lange Antwort auf die Leserbriefe zu Apple in der Musikzeitung „Spin“. Das Gedicht endet in: „Und wenn du weißt, wo du stehst / Dann weißt du wo du landest / Und wenn du fällst wird das nicht schlimm sein, denn du wirst wissen dass du recht hast.“

Es ist ein Mutzuspruch, sich nicht verunsichern zu lassen. Von Leserbriefen, den anderen. WHEN THE PAWN.... ist abstrakter. Wütender. Ihr Produzent Jon Brion und sie experimentieren mit Drum-Loops. Es sind die Beats, aus denen Apple Musik macht. Ihre Songs entstehen aus Schritten. Wanderungen. Ihrem Puls bei der Steigung, dem Rascheln der Blätter unter ihrer Sohle. In „Fast As You Can“ singt Apple, dass ein Mann vor ihr weglaufen soll, so schnell, wie er nur kann, denn sie sei crazy, ein beast. Dann werden die gehetzten Drums von Saiten verdrängt. Sie sei müde, singt Apple auf einmal soft. Müde von all den Warums, sie ersticke an ihnen, was sie brauche, sei: ein Weil. Einen Grund. Aber die Drums jagen sie wieder weg. Sie weiß es. Sie wird jede Verbindung wieder einreißen. Der Song endet.

„Paper Bag“ ist Rag-Time. Musik also, die auch aus Märschen entstand. Alten Militärinstrumenten, die Schwarze in New Orleans aufkauften. Sie spielten auf Trauermärschen. Beerdigungen. Fiona Apples „Paper Bag“ ist Enttäuschung in Zeilen, so perfekt, dass es schon eigenartig ist, dass sie uns nicht massenhaft von T-Shirts und Feuilletonschlagzeilen entgegenblicken. Sie singt über eine Beziehung mit einem Mann, den sie für eine Taube am Himmel hielt, aber es war nur eine Papiertüte. Er konnte nicht bei ihr bleiben, ihre Hände nicht halten, weil sie zu sehr zitterten.

In dem Podcast „WTF with Marc Maron“ sagt Apple, dass Männer, mit denen sie eine Beziehung eingehe, sie oft „creature“ nennen, ein Wesen. Apple geht wieder einen Schritt weiter, nennt sich – und ihr drittes Album – eine EXTRAORDINARY MACHINE. Ein Album, das zunächst drohte, ihr SMILE zu werden. Denn wieder nahm sie mit Jon Brion auf. Dieses Mal aber, sagt sie später, habe sie nicht gewusst, wie die Songs klingen sollten. Und so habe Brion freie Hand gehabt. Er hat ganze Orchester gegen Apples Songs anspielen lassen. Ihren Gesang in Instrumenten ertrinken lassen. Es klingt toll – gesteht man sich als Apple-Fan leicht beschämt ein, denn Apple selbst hat die Brion-Version von EXTRAORDINARY MACHINE nie gemocht. Sie klingt wie eine herrlich dramatische Sturmversion von TIDAL. „Storm Surge“ würde ein Industry-Guy sie nennen. Aber in aller Sturmflut an Instrumenten wird Apples wütendes Spoken Word zu rund gewaschen.

Apple sagt, sie habe kein Album in Eile machen wollen. Wäre EXTRAORDINARY MACHINE so erschienen, wäre es Brions Album gewesen, nicht ihres. Sie wollte die Songs also noch mal anders aufnehmen. Aber ihre Plattenfirma wurde skeptisch, sagte, dann müsse sie jeden Song einzeln einreichen. Und Apple glaubte, das bedeute, dass die Plattenfirma nach jedem Song entscheiden würde, ob sie ihr Geld für einen nächsten geben würde. Kreativen Einfluss der Plattenfirma wollte Apple nicht. Sie zog ihr Telefon aus der Steckdose. Ihre Fans sahen die Situation von außen damals anders. Dachten, Sony wolle EXTRAORDINARY MACHINE nicht veröffentlichen. Sie protestierten. „Free Fiona“ hieß eine Website. Die Brion-Version war im Internet aufgetaucht. Apple sagt, es habe sich angefühlt, als habe sich jemand durch ihre Unterwäsche gekramt. 2005 erschien ihre Version von EXTRAORDINARY MACHINE. Nun ist es die Stimme, die die Songs navigiert. Die Streicher sind verschwunden, da ist weniger Dramatik, aber mehr Dringlichkeit.

THE IDLER WHEEL… (2012) ist Apples isoliertestes Album. Dessen dahinrauschender Jazz von „Valentine“ einen erst beruhigt, nur um dann – in dem Moment, in dem man sich gerade sicher fühlt, sich traut, die Körperspannung nachzulassen – wieder anzuziehen. Nachzubohren. Press Junkets gibt es seit diesem Album nicht mehr. Apple will sich auf ihre Fans verlassen, die Videos von ihren Auftritten ins Netz stellen. Apple vermeidet das Außen, das so stark auf sie einwirkt. Sagt die Tour zum Album ab, weil ihr Hund Janet gestorben ist. Er schlief immer mit ihr im Bett. Ohne den Hund findet sie in ihrem Schlafzimmer keinen Schlaf. Sie funktioniert das Zimmer zu einem Studio um. Früher war Musikmachen Musiker*innen Anweisungen geben. Nun kann Apple selbst die Musik sein. Sie traut sich, weil keiner sieht, wie lange sie braucht, bis sie den Beat hat, den sie will. Sie kann tricksen. Mit „Garage Band“ im Bett, ihre Comfort-Zone zum Klingen bringen. Sie bespannt Boxen mit Gummibändern, füllt leere Ölkanister mit Dreck. Selbst Janets Knochen bringt Apple zum Rascheln. Im Fernsehen läuft die Serie „The Fall“. Gillian Anderson sagt: „Fetch the bolt cutters“. Und Apple notiert das. Geht während der #MeToo-Bewegung die Wände rauf, und ihre eigenen Beziehungen mit Frauen durch. Warum hat sie in der Vergangenheit versucht, mit den neuen Freundinnen ihre Ex-Freunde befreundet zu sein? Sie hatte im Leben ihrer Ex-Partner nicht Bedeutung verlieren wollen, erkennt Apple. Sie findet sich eine Band, um mit ihr im Haus herumzuspielen, arglos wie Kinder. Mit Stühlen und Hundehalsbändern hat Fiona Apple Perfektion, Angst und Isolation zerschlagen. Wenigstens für den Moment. „Every single step I left on the track has led me here“, singt Fiona Apple auf FETCH THE BOLT CUTTERS. Dem Album, auf dem sie die Balance aus Abgeschiedenheit und Miteinander im Herz getroffen hat.

ZITATE

„Ich kann euch gar nicht sagen, was für ein Trost mir Fiona Apple in der Coronakrise ist. Ich liebe es, wie sehr sie sie selbst ist. Falls da draußen irgendwer ist, der glaubt, dass irgendjemand gerade relevanter ist als Fiona Apple, nur weil dieser irgendjemand mehr Follower auf Instagram hat oder so: Ich kenn' dich nicht. Hab’ deine Nummer nicht. Fiona Apple – das ist Kultur.“

Lady Gaga über FETCH THE BOLT CUTTERS

„Du wirst nie auch nur eine Fiona-Apple- Zeile hören und denken: kitschig.“

King Princess

„FETCH THE BOLT CUTTERS ist Jazz. Voller eigener Sounds und wirklich innovativer Rhythmen, und dazu noch diese gemein pointierten Lyrics. Sie ist eine einzigartige Künstlerin und ihre Stimme, ist die Stimme Gottes.“ Shirley Manson

„Meine Bibel-fanatische- Kirchen-Camp-Phase überschnitt und widersprach sich mit meiner Fiona-Apple-Fan-Club-Präsidentinnen-Phase.“

Solange

„Wegen Fiona wollte ich besser spielen können. Sie hat mich dazu gebracht, was sagen zu wollen, durch Musik. Obwohl Musik immer ein wichtiges Ventil für mich war, wusste ich damals einfach, ich lebte Musik nicht. Nicht wie sie.“

Sharon Van Etten darüber, wie sie Apple als Teenager entdeckte

WURDE BEEINFLUSST VON: Maya Angelou, Van Dyke Parks, Ella Fitzgerald, Joan Armatrading, Tori Amos, Laura Nyro, Aimee Mann, Carole King, Joni Mitchell, Bill Withers, Cy Coleman, Madonna, Sade, Sinéad O'Connor HAT BEEINFLUSST: Solange, Phoebe Bridgers, Sharon Van Etten, Beyoncé, Lady Gaga, Perfume Genius, St. Vincent, Haim, Lorde, Waxahatchee, Regina Spektor, Angel Olsen, Feist, King Princess, Soap&Skin, Lily Allen

DIE STUDIOALBEN

TIDAL 1996

TIDAL beginnt mit Beat. Auf diesen folgt eine Fiona Apple, die in poetischer Art und Wut mit ihrem Ex-Freund abrechnet. Ihr Furor wird alsbald sanft von Streichern umflogen. Landet in dem Pianospiel und der zeitloser Brillanz von „Sullen Girl“. Trifft auf die zwei Überhits: „Shadowboxer“ und „Criminal“. Songs, wie man sie heute nicht mehr von Apple hören wird. Interessant ist, wie gegenwärtig all die bisher genannten Songs klingen. Aber TIDAL hat auch 90er Patina-Momente, wie den tropical Latin-Jazz von „The First Taste“. Der in Bridge und Chorus an Sade erinnert. Die dunkle Melancholie von „The Child Is Gone“ wird in der Produktion mit einer Steel Gitarre an den Pool eines All-Inclusive-Urlaubs verjuxt. Das ärgert ein bisschen, aber ist verständlich. Denn TIDAL ist ein Debüt, auf dem das Apple-Talent noch auslotet, was es ist. Sein kann. Sein will. Ihre Unsicherheit wird abgefangen von Andrew Slaters Konfekt anbietenden Produktion. Bei der aber auch ein Van-Dyke-Parks-Streicherarrangement abgefallen ist, im heimlichen Highlight der Platte „Never Is A Promise“.

★★★★★

WHEN THE PAWN... 1999

Eine Entfesselung im Gegensatz zu TIDAL. Ihr Aufruhr ist nun selbstbewusster. Das Album öffnet mit der breiten Bond-Grandezza von „On The Bound“. Ihre Wut – die nur allzu oft als Hysterie gelesen wird (Hi, subtile Unterdrückungsmomente des Patriarchats!) – ist unmissverständlich wehrhaft und kommt in schlagfertigsten Zeilen: „So call me crazy, hold me down. Make me cry, get off now, baby. It won’t be long 'til you'll be lying limp in your own hands“. „Limp“ ist die Jazz-Variante von Sleater Kinneys „Be Yr Mama“ (1995). Ist Billie Holiday mit einem Messer in der Hand, über einem sanften Flaschenbeat – wie man ihn zu der Zeit in gesättigter Form z.B aus der Max Martin’schen Produkion von Britney Spears’ „Crazy“ kennt. Und dann sind da natürlich noch Songs wie „Paper Bag“, aus deren Mimikry Regina Spektor, Feist, Kate Nash und Lily Allen ihren Stil gebaut haben.

★★★★★★

EXTRAORDINARY MACHINE 2005

Es ist das am meisten diskutierte Apple-Album, das mit der komplizierten Entstehungsgeschichte. Vom einstigen Jon-Brion-Bootleg – dem gemeinen Off- Broadway-Core-Dschungel – blieb ein noch immer ziemlich gemeiner Broadway zurück. EXTRAORDI- NARY MACHINE in seiner offiziellen Version wäre keine „Enttäuschung“ gewesen, hätte man die ursprüngliche Version nicht gekannt. Rückblickend betrachtet, ist es aber doch eher eine Zwischenstation, auf dem Weg zur wilderen, freieren – zur besten Apple. Dabei darf man Lyric-Perlen wie „Better Version Of Me“ nicht übersehen. Oder den unfassbaren, zeitlosen Hollywood-Glanz von „Red, Red, Red“ und „Waltz (Better Than Fine)“ Oder gar den Titelsong „Extraordinary Machine“, den Beyoncé wie einen Staffelstab genommen hat, um mit ihm weiterzurennen, in ihre LEMONA-DE-Ära – man denke nur an: „Hold Up“ (2018).

★★★★★

THE IDLER WHEEL … 2012

Das Fiona-Apple-Album mit dem bis dato geringsten Personal. Apples Zusammenarbeit mit dem Drummer Charley Drayton konzentriert sich auf scharf konturierende Beats. Ihr Songwriting bedarf keiner große Produktion. Auf THE IDLE WHEEL... hat sie das gemerkt, scheint bei sich selbst angekommen. Was sich auch in den Lyrics spiegelt, die dieses Mal keine Anklagen an andere sind, sondern Selbstbeschreibungen wie „Every Single Night“. Oder treffende Beziehungsanalysen wie der Pophit „Werewolf“. Türen werden geöffnet, ihr Mund ist nah am Mikro, die Stimme bricht. „Periphery“ lässt einen ahnen, was als Nächstes folgen könnte ...

★★★★★★

FETCH THE BOLT CUTTERS 2020

Lässt einen THE IDLER WHEEL... nah an Apple ran, lässt FETCH THE BOLT CUTTERS den Apple’schen Geist wie aus einer Flasche in einen selbst einfließen. Es gelingt mit einer Beschwörung von einer Platte, auf der geklatscht, gebellt, geschrien wird. Und mal geflüstert, mal in höchsten und schönsten Harmonien gesungen. Man hört Jazz, dann Ambient, R'n'B, Kammermusik, Pop, Rap und das alles hält in einem wie zufällig erscheinenden, perfekten Moment zusammen. Mit FETCH THE BOLT CUTTERS hat Fiona Apple sich ein eigenes Genre geschaffen. In dem Meisterwerke wie „On I Go“ neben so eingängigen wie unbedingt gefühlten Hits wie „Cosmonauts“ und „I Want You To Love Me“ stehen. Apple schreibt nun auch über andere Frauen. Und es sind Zeilen wie: „Good morning good morning, you raped me in the bed your daughter was born in“. Der Platte wohnt eine neue Wut inne. Es ist die Wut einer Frau, die erkannt hat, dass Wut das unser Geschlecht verbindendes Element in diesem System ist.

★★★★★★

RARES & KURIOSES

Elvis wer?

Wenn man sich nur ein Fiona-Apple- Cover anhören möchte – nur ein einziges –, dann Apple, wie sie 2006 in Begleitung von Elvis Costello sein „I Want You“ singt. Ein User kommentiert auf YouTube: „Sie singt den Song nicht, sie ist besessen von ihm.“ Treffender kann man es nicht sagen. Wenn Künstler*innen – wie zuletzt Sharon Van Etten – Apple fragen, ob sie nicht einen ihrer Songs covern möchte, dann wollen sie in Wahrheit wahrscheinlich wissen, welches Potenzial ihre Musik entfalten könnte.

Schweinerei

Für die amerikanische Comic- Sitcom „Bob's Burgers“ schrieb Fiona Apple den unterhaltsam-verstörenden Banjo-Abspann-Song „Pig Trouble“.Die Lyrics sind nur ein bisschen beunruhigend: „There’s an oink, oink in the night. And it gives you such a fright. He’s got a tail that’s curly. And he’s coming for you, girly“. Falls Charly Kaufman den Song je hört, wird er wahrscheinlich einen Film draus machen.

Repeat, Repeat, Repeat

Fiona Apple singt nicht nur Abspänne, sondern hat auch den Titelsong der Serie „The Affair“ geschrieben. „Container“ aber einen Vorspann-Song zu nennen, wird der anderthalbminütigen Wucht nicht gerecht. Es reichen Klangschalen, ein sachtes Schlagzeug und Apples Stimme, wie sie singt: „I have only one thing to do and that's be the wave that I am and then sink back into the ocean“. Und man heult. Und das nicht nur, weil der Song nur so kurz ist.

Most Foul Imposter Syndrome

Auf Bob Dylans ROUGH AND ROWDY WAYS (2020) spielt Apple Klavier. Und gibt sich bezüglich der Zusammenarbeit natürlich mal wieder maximal selbstsicher: „Ich weiß nicht, warum ich auf dieser Platte bin. Ich war insgesamt vielleicht sieben Stunden da. Ich hab' Bob gesagt, ich bin mir wirklich, wirklich unsicher und er war so ermutigend und nett. Er war so: ,Du bist nicht hier, um perfekt zu sein, du bist hier, um du selbst zu sein.‘“