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Fisch des Lebens


Petri-Heil - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 02.07.2021

Artikelbild für den Artikel "Fisch des Lebens" aus der Ausgabe 8/2021 von Petri-Heil. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Petri-Heil, Ausgabe 8/2021

Wie ein Baumstamm ? der Rekordhecht und Fisch des Lebens von Paolo.

Ich liebe die Jagd auf Grosshechte mit der Fliegenrute. Ein einziger Wurf, ein Biss kann den Unterschied zwischen einem ereignislosen und dem besten Tag der Saison machen. Manchmal spüre ich eine enorme innere Anspannung, die der Ahnung entspringt, dass ein grosser Hecht in der Nähe lauert. Ebenso passiert es, dass ich in der Monotonie des Fischens ein wenig vor mich hinträume und plötzlich von einem brutalen Zug am Ende der Leine geweckt werde. Dieses Wechselspiel aus Spannung und Überraschung macht für mich den besonderen Reiz des Grosshechtfischens aus.

An einem schönen Tag im letzten August verbrachte ich einige Tage mit meinem Freund Roberto am Centro Cadore-See im Veneto im Nordosten Italiens. Vor Ort stiess mit Tommy Carrer ein weiterer guter Freund hinzu. Tommy guidet und kennt den See entsprechend gut, mit dem Boot wollte er uns an die besten Stellen bringen. Doch in der Nacht vor unserer ...

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... Anreise zog ein kräftiges Sommergewitter über die Landschaft. Am nächsten Morgen schien zwar wieder die Sonne, doch der Pegel des Centro Cadore war so hoch, dass viele Bäume im Wasser standen. Obwohl wir wussten, dass man hier die besten Fänge bei gleichbleibendem Wasserstand macht, begannen wir unbeirrt mit dem Fischen. Der erste Tag war eine echte Ernüchterung. Robert und ich hatten weder einen Zupfer, noch einen Nachläufer. Am zweiten Tag war der Wasserstand um 20 Zentimeter gefallen. Tommy brachte uns an eine Stelle voller Unterwasser-

pflanzen. Wir konnten endlich reichlich Beutefische sehen und schöpften ein wenig neuen Mut. Schon nach einigen Minuten hakte und verlor ich einen kleineren Hecht. Wir befischten verschiedene Stellen, durchkämmten dabei auch unterschiedliche Tiefen, es vergingen Stunden, aber wir bekamen keinen weiteren Biss.

Konzentriert weiterfischen

Das Schwierige an solchen Tagen ist, vertrauensvoll weiterzufischen und dabei konzentriert zu bleiben. Ich schaffte es, die Konzentration zu halten und weiter an den einen Biss zu glauben.

Wieder und wieder änderten wir den Angelplatz, ich wechselte von einem weissrosafarbenen Muster auf einen schwarzen Streamer mit orangenem Schwanz. Der nächste erfolgversprechende Platz war der Eingang einer hübschen Bucht, in der es viel Futterfisch gab. Wir wollten den tiefer werdenden Übergang zum Hauptsee mit tief geführten Streamern abklopfen. Ich warf meinen im Kopfbereich beschwerten Streamer aus und liess ihn einige Sekunden ganz bis auf den Grund sinken, um ihn von dort mit langsamen Zügen aufsteigen zu lassen – eine, wie ich glaube, besonders effektive Führung. Als ich mir sicher war, dass er unten angekommen war, begann ich zu strippen. Beim zweiten Zupfer kam Zug auf die Schnur, so als ob sich der Streamer am Grund festgesetzt hätte. Ich setzte dennoch einen Anhieb und baute Druck auf, um festzustellen, ob ich nicht vielleicht doch einen Hecht gehakt hatte. Zunächst war der Widerstandeinfach nur schwer und nichts rührte sich. Als ich den Druck nochmal ordentlich erhöhte, begann die Schnur sich gemächlich zu bewegen. Ich wusste sofort, dass ich einen gewichtigen Fisch gehakt hatte.

Endloses Zittern

Mit seinem Elektro-Motor fuhr Tommy uns sofort vom Ufer weg, wo der Hecht immer wieder hinzukommen versuchte, wahrscheinlich um Zuflucht in den Wasserpflanzen zu finden. Das ging so einige Male hin und her. Ich drillte hart und nach einigen Minuten konnten wir den Hecht zum ersten Mal sehen. Wir realisierten, dass wir einen echten Giganten am Haken hatten, die Konzentration und Spannung wuchs nochmals und nur der Anblick von Tommys riesigem Musky-Feumer sorgte für etwas Beruhigung – der würde reichen!

Sobald er das Boot sah, strebte der Hecht immer wieder mit kurzen, kräftigen Schlägen der Schwanzflosse zum Grund. Obwohl ich ihm den maximalen Druck meiner Rute entgegensetzte, nahm er sich bei jeder Flucht etliche Meter Schnur von der Rolle. Diese Fluchten gegen einen enormen Widerstand zeigten nach ein paar Minuten die erste Wirkung und der Gigant kam das erste Mal bis an die Wasseroberfläche – oh Gott, was für ein Fisch! Zwei, drei Fluchten später nahm Tommy seinen Mut zusammen und schob den Feumer schnell und entschlos- sen unter den korpulenten Fisch. Wir fielen uns in die Arme, jubelten, schrien unsere Anspannung auf den See hinaus. Immer wieder musste ich kurz auf den gigantischen Fisch blicken, konnte nicht glauben, was wir da im Feumer hatten. Ich verspürte ein Gefühl von Dankbarkeit und Ehrfurcht vor dem grossen Tier. Wir fuhren langsam und vorsichtig zum Ufer, um den Fisch messen und wiegen zu können. Die Masse hauten uns um: Bei einer Länge von 143 Zentimetern wog er genau 19,5 Kilogramm. Nach ein paar Fotos liessen wir den Chef des Stausees zurück in sein Reich gleiten. 

Überall wo es grosse Hechte gibt, hatte ich nach dem ultimativen Grosshecht gesucht: In Alaska, Kanada und in ganz Europa hatte ich grosse Mühen auf mich genommen und Tausende von Euro ausgegeben. Vielleicht macht dieser Umstand den Fisch für mich noch wertvoller.

Erst nachdem er in der Tiefe verschwunden und ich zur Ruhe gekommen war, realisierte ich, dass ich den Fisch meines Lebens gefangen hatte. Doch Moment, dieser Fisch war gross, sehr gross – womöglich ein neuer Rekord? Ich bin Repräsentant der IGFA, jener Gesellschaft, welche die offiziellen Weltrekord-Listen führt. Entscheidend für die Einordnung eines Fischgewichts ist die Vorfachstärke. Da ich ein 10-Kilo-Vorfach verwendete, übertraf mein Fisch den bisherigen Rekord um mehr als 6 Kilogramm – Weltrekord!

Für den Moment war mir das aber egal. Die Erinnerungen an meinen «Lebenshecht» haben sich glücklicherweise für immer in mein Gedächtnis eingeprägt. Nie werde ich seinen ersten Anblick im türkisfarbenen Wassers des Centro Cadore vergessen.