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FISCHER IM PORTRÄT: DER LETZTE SEINER ART


Blinker - epaper ⋅ Ausgabe 70/2018 vom 15.06.2018

Herbert Behr ist Elbfischer in vierter Generation – eine fünfte wird es wohl nicht mehr geben. Waldemar Krause begleitete ihn für einige Tage und berichtet vom Aussterben eines Handwerks, das vor einhundert Jahren noch kräftig florierte.


Artikelbild für den Artikel "FISCHER IM PORTRÄT: DER LETZTE SEINER ART" aus der Ausgabe 70/2018 von Blinker. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Blinker, Ausgabe 70/2018

Herbert Behr markiert seine Reusen nicht durch Bojen, da sie sonst gestohlen werden. Mithilfe des Ankers „hakt“ er die Fanggeräte.


„DIE ELBE WAR IM JAHR 1918 DER FISCHREICHSTE FLUSS DEUTSCHLANDS!“


Langsam schiebt sich ein etwas in die Jahre gekommener kleiner Kahn in mein Blickfeld. Auf ihm werkelt jemand mit einem Anker suchend im Wasser der Tidenelbe herum, um dann ...

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... plötzlich eine Reuse aus dem Wasser zu ziehen. Es ist Fischer Herbert Behr. Meter um Meter der Maschen zieht er an Bord. Und wenn etwas in den Maschen zappelt, holt er es heraus und wirft es in einen großen Eimer.

Auf einer Feier meines Nachbarn treffe ich durch Zufall auf den dorfansässigen Fischer. „Nimmst du auch manchmal jemanden auf deine Bootstouren mit? Ich hätte große Lust, mit dir herauszufahren und eventuell auch ein paar Fotos zu machen.“ Kein Problem – schon ein paar Tage später slippe ich mit Herbert seinen Kahn, ein altes Pioneerboot der Bundeswehr, in die Elbe.

Aufmerksam schaut der vom Wetter gegerbte und von der harten Arbeit gezeichnete Fischer in ein kleines Notizheft. Für mich machen die diversen Kürzel keinen rechten Sinn. „Was steht denn da drin?“ frage ich den Fischer. „Ach, das sind nur meine Reusennotizen. Denkst du, ich kann mir alle Plätze merken, an denen ich sie abgelegt habe?“ Warum er keine Bojen verwendet, hat seinen Grund: „Das habe ich alles schon gemacht. Das Problem ist nur, dass andere meine Plätze dann auch finden und nicht nur meine Reusen plündern, sondern leider auch alles komplett einsacken. Daher muss ich die Reusen mit dem heruntergelassenen Anker quasi ertasten und haken“, sagt Herbert Behr.

BEWEGUNG IM NETZ

Weit müssen wir nicht fahren. Herbert tastet mit dem Ankerseil in der Hand den Boden ab. Ein kurzer Ruck im Seil und die Reuse hängt am Haken. Sie hat über Nacht Unmengen an Laub und Dreck aufgenommen. Herbert Behr muss schwer asten, um die nasse Reuse über die Bordwand zu ziehen. Zwischen dem Unrat ist Bewegung auszumachen. Geschickt greift er in das Allerlei und zieht einen kleinen Aal heraus, der nur einen Moment später wieder im Wasser der Elbe landet. „Der kann in drei, vier Jahren wieder vorbeischauen. Dann hat er die richtige Größe“.

In der Regel wird ein Platz mit einer Kette von vier Reusen befischt. Nachdem Behr alle Reusen durchsucht und gesäubert hat, wird das Paket wieder ausgebracht und der nächste Platz angefahren. In einem schwarzen Eimer wimmelt es von total skurril aussehender Lebewesen. Wollhandkrabben – so viele auf einem Haufen habe ich noch nie gesehen.

Mittlerweile sind diese unter Anglern nicht gerade geschätzten Plagegeister ein wirtschaftlicher Faktor geworden. Bis zu fünf Euro pro Kilogramm wird für große Tiere gezahlt. Ein kapitaler Krabbler kann schon einmal 250 Gramm wiegen, ein lukrativer Geschäftszweig für den Fischer.

WENIG AAL, VIEL WELS

Im zweiten Eimer, der den Aalen vorbehalten ist, herrscht noch gähnende Leere. Am nächsten Platz wendet sich das Blatt: Gleich vier gute Aale zwischen 500 und 1000 Gramm werden in den Eimer befördert. Beste Räucherware. Sofort entspannt sich die Situation an Bord, und Herbert plaudert von noch viel besseren Fängen. Beim kürzlichen Hochwasser waren die Aale knapp eine Woche lang sehr agil und bis zu 15 gute Fische pro Tag waren in den Reusen. Nun hat sich der Wasserstand allerdings wieder normalisiert und der Aal „läuft“ nicht mehr so gut.

Plötzlich zeigt der Fischer auf einen dunklen Fischkopf im Netz. Im ersten Moment glaube ich, einen wirklich großen Aal zu entdecken. Aber nachdem der ganze Fisch zu erkennen ist, liegt eindeutig ein kleiner Wels vor mir. „Es vergeht kaum ein Tag ohne einen Wels im Netz. Die meisten sind um die 50 Zentimeter lang, aber manchmal ist auch ein metriger dabei“, verrät der Fischer, um gleich anzuschließen: „Damit ist aber noch lange nicht Schluss. Mittlerweile sind in der Elbe schon Welse um die zwei Meter Länge unterwegs, aber in die Reusen schwimmen diese Riesen nicht mehr.“

Ich möchte wissen, was er außerdem beim Fischen als Fang an Bord zu sehen bekommt. „Die Grundel wird immer mehr in der Elbe, Zander fange ich selten und wenn, dann sind es meistens nur kleinere Exemplare. Pro Saison habe ich ein bis zwei maßige Zander, die ich entnehme. Außerdem Elbbutt, ab und an auch in Speisegröße. Seit gut einem Jahrzehnt fange ich immer mal wieder eine Barbe und als Beifang Brassen. Aber wegen der Aale betreibe ich die Fischerei.“

FRÜHER WAR ALLES BESSER

Die Palette der Fänge ist kleiner als ich dachte. Als er meinen etwas enttäuschten Blick bemerkt, schließt er noch an: „Ja, früher haben wir deutlich mehr gefangen.“ Ja früher, denke ich. Früher waren die Sommer heißer, das Eis größer und die Mädchen hatten mehr Sommersprossen. Als ob er meine Gedanken lesen könnte, erwidert er: „Und wenn Du mir nicht glaubst, kannst Du gerne mal einen Blick in die alten Unterlagen der Fischereigenossenschaft werfen.“

Wir kontrollieren die noch ausstehenden Reusen. Insgesamt sechs räucherfähige Aale ergeben einen guten durchschnittlichen Tagesfang. Etliche kleine Aale hat Behr wieder zurückgesetzt. Viele dieser kleinen Schlängler entstammen einer Besatzaktion, die Herbert Behr und weitere Elbfischer seit mehreren Jahren durchführen. Und zwar nicht ohne Grund. Aufgrund einiger Faktoren, unter anderem Wasserkraftwerke und Parasiten, schwimmen immer weniger Schlängler in der Elbe.

GOLDGRUBE ELBE

Zu Hause studiere ich gesammelte Zeitungsausschnitte, Kopien von Fangstatistiken und Buchauszüge. Nach und nach wird mir klar, wie es „früher“ an der Tidenelbe ausgesehen hat. 1892 brachte die aus 36 Fischern bestehende Fischereigenossenschaft gemeinschaftlich 4175 Mark auf und kaufte dem damaligen preußischen Staat die Fischereirechte für die zirka 13,5 Kilometer lange Elbstrecke zwischen Haue und Marschacht ab. Eine sinnvolle Investition – die Elbe war zu jener Zeit der fischreichste Fluss Deutschlands und auch im Bereich der Tidenelbe war das Wasser glasklar. Die Fischer organisierten sich in Viererteams, um die Zugnetzfischerei in den Herbst- und Wintermonaten auszuüben. Zwei Mann blieben an Land und die anderen beiden brachten mit einem Ruderboot das Netz kreisförmig aus, um es dann mit vereinten Kräften wieder an Land zu hieven. Die Fangstatistiken sind bis heute überliefert: 1918 war ein ausgesprochenes Rekordjahr. So landeten die Fischer in diesem Zeitraum alleine 40.000 Kilogramm Quappen (!) und zig Zentner Weißfisch, Barsch, Hecht, Zander, Wels und Schnäpel an. Die Drager Fischereigenossenschaft lieferte große Mengen der Quappen lebendig in einem speziell für diesen Zweck gebauten Boot in den Berliner Raum. Hier galt die Drager Quappe als ausgesprochene Weihnachtsdelikatesse.

Mit den steigenden Temperaturen im Frühjahr kam auch das jährliche Frühjahrshochwasser. Wochenlang standen in den Innenkurven der Elbe große Bereiche des Vorlandes unter Wasser – beste Laichvorrausetzungen für den Elbhecht.

Der Aal ist für Herbert Behr der Brot- und Butterfisch. Die Zahl der Schlängler nimmt aber immer mehr ab.


In die Reusen des Fischers verirren sich neben Wollhandkrabben auch immer mehr Welse.


Die Fischer stellten ihre Netze auf den gefluteten Flächen auf und fingen viele starke Hechte. In den Sommermonaten arbeitete jeder Fischer auf eigene Rechnung. Es wurden Aalkörbe und Reusen gestellt und die Hamenfischerei betrieben. Hamen bestehen aus einem bis zu acht Meter breiten, rechteckigen Holzrahmen, der mit einem sich verjüngenden Netz in die Strömung gestellt wird. Es gab Hamen, die stationär von Land betrieben wurden, und solche, die mit einem Boot ausgebracht wurden. Wahrscheinlich wurde diese Art der Fischerei aufsteigenden Wanderfischen wie Lachs und Schnäpel zum Verhängnis.

Die Elbe und ihre Zuflüsse litten stark unter der Industrialisierung. Die Saale, ein Nebenfluss der Elbe, war damals der dreckigste Fluss Europas und all der Schmutz floss auch durch das Gebiet der Fischereigenossenschaft. 1954 kam es dann zu einem großen Fischsterben. Die Fische aus der Elbe waren stark belastet. Nur Hartgesottene schnitten den Aalen die Geschwüre ab, um sie anschließend zu räuchern. Die Berufsfischerei war Geschichte. Auch die Elbvertiefungen bei Hamburger Raum brachten verheerende Auswirkungen mit sich. Der Tidenhub stieg um gut zwei Meter, durch den starken Sog fielen die Flachwasserbereiche im Sommer trocken. Viele Fischarten hatten keine Chance mehr abzulaichen.

UNSICHERE ZUKUNFT

Der Elblachs? Ausgestorben. Der Elbstör? Ausgestorben. Der Schnäpel? Verschwunden. Auch Barsche gibt es nicht mehr viele. Aale haben bekanntermaßen ein generelles, globales Problem. Lediglich der Wels scheint mit den heutigen Bedingungen relativ gut klar zu kommen. Vielleicht profitiert er vom großen Vorkommen an Wollhandkrabben. Und der Weißfisch? Bildete er in der Vergangenheit die Basis für das gute Raubfischvorkommen, ist sein Bestand heute dramatisch rückläufig. Fehlende Laichmöglichkeiten und das Verdriften der Brutfische in der starken Strömung lassen kaum Hoffnung auf Besserung aufkommen. Sicherlich wird es in der Tidenelbe auch zukünftig Fische geben. Das traditionelle Handwerk wird eine Familie aber wohl nicht mehr ernähren können.

Garnelen gehören zur Lieblingsbeute vieler Elbfische.


FOTOS: C. GÖRG