Lesezeit ca. 5 Min.
arrow_back

FJØRTOFT Den Übersteiger erfand ich am Fjord!


Logo von Sport Bild
Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 47/2022 vom 23.11.2022

SERIE

Artikelbild für den Artikel "FJØRTOFT Den Übersteiger erfand ich am Fjord!" aus der Ausgabe 47/2022 von Sport Bild. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Jan Aage Fjørtoft arbeitet inzwischen als Fußball-Experte, begleitete zuletzt Man-City-Star Erling Haaland in seiner Doku ?The Big Decision?

Was sein Tor wirklich wert war, wusste Jan Aage Fjørtoft (55) nach Spielende selbst noch nicht. „Nach Abpfiff sind z waralle Fans jubelnd aufs Spielfeld gestürmt – aber ich musste erst mal in der Kabine nachfragen, warum wir nun doch nicht abgestiegen sind und warum wir dieses Tor unbedingt brauchten.“ Die ganze Dramatik des spannendsten Abstiegskampfes der Bundesliga-Geschichte wurde Frankfurts Sturm-Helden erst im Laufe des Abends komplett klar.

???

Samstag, der 29. Mai 1999: Bochum und Gladbach stehen bereits als Absteiger aus der Bundesliga fest. Am letzten Spieltag kann es mit Eintracht Frankfurt (Platz 16/34 Punkte), Hansa Rostock (15/35), dem SC Freiburg (14/36), dem VfB Stuttgart (13/36) und dem 1. FC Nürnberg (12/37) noch fünf weitere Teams erwischen. Eine Relegation gab es damals nicht.

Die Eintracht spielt gegen den noch amtierenden Meister Kaiserslautern (am Ende Platz 5) – doch ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Sport Bild. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 47/2022 von Der Iran bewegt die Welt – der DFB verpasst es!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der Iran bewegt die Welt – der DFB verpasst es!
Titelbild der Ausgabe 47/2022 von Fifa zerstört Fußball-Liebe. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Fifa zerstört Fußball-Liebe
Titelbild der Ausgabe 47/2022 von Ich möchte meinen Namen auf dem Ballon d’Or sehen!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ich möchte meinen Namen auf dem Ballon d’Or sehen!
Titelbild der Ausgabe 47/2022 von Der Binden-Skandal und die Folgen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der Binden-Skandal und die Folgen
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Elversberg sogar besser als Bayern
Vorheriger Artikel
Elversberg sogar besser als Bayern
Wo sehen Sie die WM-Tore als Erstes?
Nächster Artikel
Wo sehen Sie die WM-Tore als Erstes?
Mehr Lesetipps

... die 4:1-Führung kurz vor Schluss reicht nicht. Weil Rostock das Spiel in Bochum nach 1:2 noch in ein 3:2 dreht, Stuttgart gegen Bremen 1:0 gewinnt und Nürnberg – in der Blitztabelle zu dem Zeitpunkt auf Rang 15 – zumindest den Anschlusstreffer gegen Freiburg (1:2) erzielt.

TEIL 21

Unglaubliche Geschichten

Es läuft die 89. Minute: Fjørtoft stürmt plötzlich frei auf Lautern-Keeper Andreas Reinke zu. Mit rechts hatte er sich den Querpass von Christoph Westerthaler († 53/verstarb an einem Herzinfarkt) vorgelegt – kurz hinter der Strafraum-Markierung umkreist er mit dem rechten Fuß den Ball, schirmt ihn so vorm herangrätschenden Reinke ab und schiebt ihn ohne Zwischenschritt mit links ins Tor. Der legendäre Übersteiger zum 5:1 ist Frankfurts Rettung. Denn Eintracht zog damit bei der Tordifferenz (beide minus 10) mit Nürnberg, die gegen Freiburg nur auf 1:2 verkürzen konnten, gleich – und nur wegen der mehr geschossenen Saison-Tore (44 zu 40) in der Tabelle vorbei.

Fjørtoft wird zum Helden. In SPORT BILD erzählt er: „Als ich nach Hause kam, war die ganze Strecke von meinem Auto bis zum Eingang mit Schals und Fahnen geschmückt, etwa 80 Meter lang. Im Wohnzimmer lief gerade die Zusammenfassung des Nürnberg-Spiels. Und plötzlich sehe ich, dass Frank Baumann noch die Riesen-Chance zum 2:2-Ausgleich hatte. Der Ball lag einen Meter vorm Tor, doch er hat das Unmögliche geschafft, ihn nicht reinzumachen. Hätte er den gemacht, wären wir abgestiegen. Zwanzig Jahre später habe ich Frank wiedergesehen. Wir musste beide lachen, und er fragte: ‚Wer fängt an, über diesen Übersteiger zu sprechen?‘ Dann haben wir uns umarmt und die Geschichte erzählt.“

???

Den Teil der Geschichte, wie Fjørtoft den Übersteiger für sich erfand, hat er bislang kaum jemandem erzählt. Nun verrät er sein Erfolgsgeheimnis aus seiner Kindheit im norwegischen Dorf Gursken: „Ich war ja eigentlich ein Straßenfußballer – so kann man mich aber nicht nennen, weil es bei uns keine Straßen gab. Mit sechs, sieben Jungs, darunter mein Bruder und mein Cousin, haben wir immer auf einem Acker gespielt. Dahinter war ein Fluss, der in den Fjord führte. In meiner Karriere hatte ich nie einen harten Schuss – ich habe ihn nie trainiert, weil ich als Kind Angst hatte, dass der Ball in den Fluss fliegt.“

„ICH HATTE NIE EINEN HARTEN SCHUSS – WEIL ICH ALS KIND ANGST HATTE, DASS DER BALL IN DEN FLUSS FLIEGT“

Fjørtoft über seine Kindheit im norwegischen Dorf Gursken

Fjørtoft weiter: „Die Möglichkeit, uns auf YouTube Tricks der Profis anzuschauen, hatten wir nicht. Ebenso keinen richtigen Trainer. Mein Vater hat das zwar übernommen, war als Schiffs-Kapitän aber oft lange weg. In der Zeit hat uns Olaf, ein Bekannter von einem anderen Schiff, trainiert, der mit Fußball aber nie was am Hut hatte.“

Also musste Fjørtoft beim Abschluss selbst erfinderisch werden: „Wenn du zentral auf den Torwart zuläufst, hast du einen schlechten Winkel. Du musst also schnell am Torwart vorbeisprinten – schnell war aber ja nie mein Ding –, oder du kannst lupfen – was aber sehr schwierig ist. Dann habe ich angefangen, diesen Übersteiger zu trainieren. Da war ich ungefähr elf Jahre alt und hatte den Trick zuvor noch nie gesehen.“

Im Detail erklärt Fjørtoft: „Toreschießen ist für mich wie Mathematik. Der Übersteiger war ein Studium für mich. Ich habe herausgefunden, dass du den Ball vorher einen Tick nach links spielen musst. Wenn du dann mit rechts den Übersteiger machst, hängt der linke Fuß ja irgendwo dahinter – ohne, dass der Torwart ihn sieht. Ab diesem Zeitpunkt habe ich jede Saison etwa drei Tore auf diese Weise erzielt. Mit 18 habe ich dann zweite Liga in Norwegen gespielt, in einem Spiel haben wir 5:0 gewonnen, ich habe drei Tore gemacht, davon zwei mit diesem Übersteiger.“

1993 wird sein Übersteiger zum ersten Mal so richtig wichtig: Fjørtoft trifft beim 3:0 Norwegens gegen Polen per Übersteiger zum 2:0 – der Sieg reicht der Nationalmannschaft, um sich erstmals seit 1938 für eine WM (1994 in den USA) zu qualifizieren. Kurze Zeit später erscheint in Norwegen ein Buch mit verschiedenen Fußball-Tricks. Darin geht der Übersteiger als „Fjørtoft-Trick“ in die Geschichte ein.

„Den Begriff ,Übersteiger‘ gibt es in Norwegen gar nicht“, sagt er selbst.

Nach dem Rettungs-Tor gegen Kaiserslautern erzählte Fjørtoft auch dem damaligen Frankfurt-Trainer Jörg Berger († 65), dass sein Trick kein einmaliger Geniestreich war. Fjørtoft: „Berger meinte nur: Das gibt es nicht – nein, nein, so verrückt kann man nicht zweimal sein.“

Hat das Tor sein Leben verändert? „Zumindest hat es mir viele Wege eröffnet“, sagt Fjørtoft: „Ich bin in Deutschland immer noch ‚der Übersteiger‘, obwohl ich für Frankfurt nur 17 Tore gemacht habe. Ich habe in vielen Vereinen gespielt, aber das engste Verhältnis habe ich zu Eintracht. Meine Übersteiger-Geschichte und mein Schmäh haben sicher geholfen, dass ich später bei Sky gearbeitet und bis jetzt als Experte tätig sein kann.“ Übrigens: Der Acker, auf dem er als Kind kickte, wurde in seiner Jugend zum Sandplatz. An einer späteren Transfer-Ablöse für Fjørtoft wurde der Gursken AK prozentual beteiligt. Eintrachts Tor-Held: „Die Einnahmen hat der Klub in einen Rasenplatz investiert. Ich bin sehr stolz, dass er heute ,Jan Åge Fjørtoft Stadion‘ heißt.“

Nächste Woche Der Zoff zwischen Weisweiler und Netzer