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Flammen der Frustration


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 06.04.2018

BRANDSTIFTUNG Menschen, die absichtlich Feuer legen, handeln aus unterschiedlichsten Motiven – doch Pyromanie gehört eher selten dazu. Frust und fehlende Wertschätzung treiben die meisten Brandstifter an.


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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 5/2018

LEMANIEH / GETTY IMAGES / ISTOCK

UNSER AUTOR


Joachim Retzbach ist promovierter Psychologe und Wissenschaftsjournalist in Wiesbaden.

Am 12. November 1987, um halb vier Uhr morgens, schlagen fast 20 Meter hohe Flammen in den Nachthimmel über Frankfurt. Das Bühnenhaus der Frankfurter Oper brennt lichterloh.

Der Wind facht das Feuer an, Funken fliegen auf die umliegenden Gebäude. Die gesamte Berufsfeuerwehr ...

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... der Stadt ist im Einsatz. Am Morgen ist der Gebäudeteil, der die Bühne beherbergt, komplett abgebrannt. Der eiserne Vorhang verhinderte, dass die Flammen großflächig auf den Zuschauerraum übergriffen. Doch an Spielbetrieb war nach dieser Nacht nicht mehr zu denken. Dreieinhalb Jahre sollte der Wiederaufbau dauern, mehr als 100 Millionen D-Mark betrug der Sachschaden offiziell.

Noch in den Morgenstunden nach der Brandnacht stellte sich heraus: Das Feuer wurde absichtlich gelegt. Ein Obdachloser stellte sich der Polizei. Er sei auf der Suche nach Essbarem durch ein gekipptes Fenster in die Oper eingedrungen und habe aus Frust darüber, dass er nichts fand, mit alten Zeitungen an einer Holzvertäfelung gezündelt.

Der Opernbrand war spektakulär, an ihn erinnern sich die Frankfurter noch drei Jahrzehnte später. Die meisten Feuer finden nur regionale Beachtung. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik gab es 2016 rund 20 000 Fälle von Brandstiftung in Deutschland. Rund ein Drittel zählte zur »fahrlässigen Brandstiftung«, der Rest galt als vorsätzlich. 14 Menschen kamen dadurch ums Leben. Die Menge an Taten, und insbesondere Serien von Brandstiftungen durch so genannte »Feuerteufel«, werfen immer wieder Fragen auf: Was treibt Menschen an, die absichtlich Feuer legen, manche von ihnen immer wieder? Ist es die pure Lust an den Flammen, Pyromanie genannt? Oder ist das Feuer nur ein Mittel zum Zweck, um möglichst großen Schaden anzurichten – also profane Zerstörungswut?

Für Wissenschaftler ist klar: Es gibt viele Motive für das Legen von Bränden, eine Pyromanie im engeren Sinn ist jedoch äußerst selten im Spiel. Zu diesem Ergebnis kommt beispielsweise die niederländische Psychologin Lydia Dalhuisen in einer Reihe von Studien, in denen sie die psychiatrischen Gutachten über mutmaßliche Brandstifter auswertete. Die meisten Verdächtigen waren jung und männlich, viele von ihnen hatten psychische Störungen oder waren kognitiv beeinträchtigt. Das hatten auch frühere Studien bereits ergeben. Zudem zeigte sich: Die Betroffenen waren häufig alleinstehend, arbeitslos, sozial isoliert.

Dalhuisen, Professorin für forensische Psychiatrie an der Universität Utrecht, teilte die mutmaßlichen Täter auf Grund einer Vielzahl von Charakteristika in fünf Gruppen ein. Die größte davon, fast die Hälfte der Brandstifter, umfasste hauptsächlich Jugendliche. Manche von ihnen waren bereits vor der Tat verhaltensauffällig. Sie legten die Brände meist aus Langeweile, aus Frust oder um anderen etwas zu beweisen. In der Regel handelte es sich um kleinere Zündeleien, etwa in Brand gesteckte Mülltonnen. Manchmal brannten sie aber auch Gebäude nieder, erklärt die Psychologin, indem sie zum Beispiel Feuerwerkskörper durch den Briefschlitz alter Häuser warfen, in denen viel Holz verbaut war.

Die zweite Gruppe in Dalhuisens Untersuchung, rund ein Drittel der Stichprobe, waren Menschen mit ernsthaften psychischen Erkrankungen, vor allem psychotischen Störungen. Sie legten das Feuer häufig in Gebäuden, viele von ihnen am helllichten Tag. Diese Personen waren im Schnitt älter als die erste Gruppe, meist in ihren Dreißigern. Tatsächlich zeigten bereits frühere Studien, dass Brandstifter häufiger als andere Kriminelle an psychischen Krankheiten leiden, vor allem wahnhaften Störungen.

Feuer als Waffe

Die dritte Kategorie nennt die Psychologin selbst die »furchteinflößendste«. Diese Verdächtigen nutzten das Feuer gezielt als Waffe, um anderen zu schaden – Dalhuisen spricht von »gestörten Beziehungen« als Ursache für die Brandstiftungen. Das kann der Ehemann sein, der von seiner Frau verlassen wurde und sie nun angreift. Oder jemand, der Streit mit einem Nachbarn hat und aus Wut dessen Haus anzündet. Wieder andere wollen mit den Flammen ihren ehemaligen Chef attackieren. Die Täter haben oft soziale Anpassungsprobleme und wissen offenbar keinen zivilisierteren Weg, um sich zu behelfen, erklärt Dalhuisen. Rund zehn Prozent fielen in diese Kategorie.

Auf einen Blick:
Brandgefährliche Psyche

1 Brandstifter sind zum überwiegenden Teil junge Männer, auf die Feuer eine besondere Faszination ausübt.

2 Die echte Pyromanie, also das Legen von Bränden aus Lust am Feuer, ist jedoch sehr selten. Stattdessen sind meist Frust oder Rachegelüste die Auslöser.

3 Viele Brandstifter haben soziale Schwierigkeiten, leben isoliert oder fühlen sich nicht ausreichend wertgeschätzt. Ihr Profil zeigt Überschneidungen mit dem von Amokläufern.

1987 brannte das Frankfurter Opernhaus. Ein Obdachloser hatte das Feuer gelegt – aus Frust.


DPA / ROLAND WITSCHEL

Die vierte Gruppe umfasst Menschen, die das Feuer als Mittel zum Zweck legen, etwa um Versicherungsbetrug zu begehen oder um die Spuren eines Einbruchs zu verwischen. Diese »gewöhnlichen Kriminellen« richten zwar oft große Sachschäden an, die Gefahr für andere ist bei ihren Feuern aber am geringsten. Denn diese Personen planen die Tat meist so, dass dabei niemand zu Schaden kommt.

Die seltenste Kategorie schließlich – nur rund fünf Prozent der Stichprobe – sind Menschen, die laut Dalhuisen »Feuer begehren«. Sie haben eine ungewöhnlich starke Verbindung zu Feuer und ähneln am ehesten dem, was man landläufig unter einem Pyromanen versteht. »Es ist jedoch ziemlich schwierig, tatsächlich die Diagnose Pyromanie zu stellen«, sagt die Psychologin. In den gängigen psychiatrischen Diagnosesystemen taucht der Begriff zwar noch auf. Dort bezeichnet er pathologisches Feuerlegen: Auf die Betroffenen übt Feuer eine so starke Faszination aus, dass sich mit der Zeit eine Anspannung aufstaut, die sich nur durch das Beobachten eines Brands abbauen lässt. »Allerdings gibt es eine Reihe von Ausschlusskriterien, die dazu führen, dass eine klassische Pyromanie sehr selten ist«, so Dalhuisen.

Zum Beispiel liegt keine Pyromanie vor, wenn im Zusammenhang mit der Tat Alkohol oder andere Drogen konsumiert wurden. Gerade Alkohol sei aber häufig im Spiel, so die Psychologin. Forscher der Erasmus-Universität Rotterdam etwa berichteten im Jahr 2010, dass bei rund der Hälfte der Brandstifter schon einmal schwerer Alkoholmissbrauch diagnostiziert wurde, auch zum Zeitpunkt der Tat sind viele betrunken. Bei anderen Straftätern waren es dagegen nur zehn Prozent.

Laut Definition der Weltgesundheitsorganisation liegt ebenfalls keine Pyromanie vor, wenn ein Brandstifter an Schizophrenie, einer Störung des Sozialverhaltens oder einer hirnorganischen Erkrankung wie Demenz leidet. Das Handbuch der Amerikanischen Psychiatrievereinigung (APA) legt noch strengere Kriterien an: Hier ist die Diagnose Pyromanie ebenfalls ausgeschlossen, wenn ein Feuer aus Wut oder Rachegelüsten gelegt wurde, aus politischen Gründen sowie aus kriminellen Motiven wie Versicherungsbetrug oder der Vertuschung anderer Straftaten.

Das alles macht eine Vergabe der Diagnose Pyromanie in der Praxis beinahe unmöglich. In ihren Untersuchungen von mehr als 600 mutmaßlichen Brandstiftern fand Lydia Dalhuisen zwar eine im Durchschnitt erhöhte persönliche Verbindung zum Feuer, aber nur drei Fälle von Pyromanie. Und das ist nicht das einzige Problem, das Psychiater mit diesem Konzept haben. Viele lehnen es aus inhaltlichen Gründen ab. Denn der Begriff Pyromanie stammt aus der Monomanien-Lehre, die der französische Psychiater Jean-Étienne Esquirol (1772–1840) im 19. Jahrhundert populär machte – und die längst als überholt gilt. Eine Monomanie (wörtlich: »einzelner Wahn«) bezeichnete damals eine psychische Auffälligkeit, die sich auf einen bestimmten Bereich konzentriert, im Gegensatz zum vollständigen Wahnsinn oder »Delirium«. Aus jener Zeit haben sich nur die Pyromanie und die Kleptomanie begrifflich ins 21. Jahrhundert retten können. Dagegen gerieten Konstrukte wie die »Mord-Monomanie«, ein mehr oder minder heftiger Trieb, andere zu ermorden, zu Recht in Vergessenheit.

Zudem sahen Gelehrte im 19. Jahrhundert den Ursprung der Pyromanie, auch »Feuerlust« oder »Brandstiftungstrieb « genannt, meist in einer verlangsamten oder fehlgeleiteten psychosexuellen Entwicklung. Eine verspätete Pubertät oder ein unregelmäßiger Zyklus wurden vor allem bei jungen Brandstifterinnen als Erklärung herangezogen. Für Sigmund Freud war – wie könnte es anders sein – Brandstiftung ebenfalls sexueller Natur: »Stets ist die Flamme ein männliches Genitale, und die Feuerstelle, der Herd, ein weiblicher Schoß«, ist aus seinen Vorlesungen zur Psychoanalyse überliefert.

Sexuelle Motive sind selten

»Die Idee, dass die Täter vom Feuer sexuell erregt werden, dominierte lange die psychoanalytisch geprägte Sicht auf Brandstifter«, erklärt Gunther Klosinski, bis 2010 Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Tübingen. »In der zeitgenössischen Forschung gilt das aber nicht mehr als plausibel.« Es gebe zwar vereinzelte Berichte von männlichen Brandstiftern, die im Angesicht der Flammen masturbiert hätten. Das seien allerdings extrem seltene Fälle. Der Begriff der Pyromanie, obwohl umgangssprachlich weit verbreitet, sei wissenschaftlich nicht mehr haltbar.

Klosinski fungierte in dutzenden Fällen von Brandstiftung in Deutschland als Gutachter, vor allem bei Jugendlichen und Heranwachsenden. Für eine Untersuchung, die er 2003 zusammen mit seiner damaligen Doktorandin Simone Bertsch-Wunram veröffentlichte, wertete er 42 Fälle aus. Dabei identifizierten die Forscher drei Gruppen von Tätern. Eine davon waren Jugendliche, die generell viele kriminelle Delikte begingen, nicht nur Brandstiftung. Sie nutzten das Feuer oft, um andere Straftaten zu kaschieren. Damit ähneln diese Täter den jugendlichen Brandstiftern und den Kriminellen in Dalhuisens Aufstellung.

Ein weiterer Typus waren Jugendliche oder junge Männer, die ihr Elternhaus angezündet hatten, um sich an ihrer Familie zu rächen – vor allem am Vater oder Stiefvater. Rund ein Drittel der von Klosinski und Bertsch-Wunram untersuchten Stichprobe gehörte zu diesen »Nestanzündern«. In solchen Fällen sei immer eine besondere familiäre Dynamik zu beobachten, erläutert der Psychiater: Die Kinder oder Stiefkinder hatten Probleme, sich von den Eltern zu lösen, fühlten sich meist vom Vater drangsaliert und unterdrückt. Mit dem Feuerlegen konnten sie den Spieß kurzzeitig umdrehen, aus Ohnmacht wurde Macht. Um das Ermorden der Eltern ging es dabei nicht, wohl aber um größtmöglichen Schaden. So hatte ein Jugendlicher, der von einem Pfarrer adoptiert worden war, das Wohnhaus der Familie in Brand gesteckt. Vorausgegangen waren lange Jahre des Streits, etwa über die Beziehung des Jungen zu seiner biologischen Herkunftsfamilie. Die Flammen vernichteten nicht nur materielle Werte, sondern auch – das war für den Pastor das Schlimmste – seine Aufzeichnungen und Predigten aus mehreren Jahrzehnten.

Eine weitere Tätergruppe, die sich in Klosinskis Untersuchung fand, sind Feuerwehrleute. Diese Brandstifter waren häufig in der freiwilligen Feuerwehr aktiv, fühlten sich und ihre Leistungen aber nicht ausreichend gewürdigt. Die Feuer legten sie, um sich anschließend bei der Löschung an vorderster Front hervorzutun. Dass es solche schwarzen Schafe in der Feuerwehr tatsächlich immer wieder gibt, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Zwar werden insgesamt nur wenige Brände von Feuerwehrleuten gelegt – die Feuerwehren selbst sprechen von Zahlen im Promillebereich –, doch der Imageschaden ist gewaltig. Denn weil diese Fälle so außergewöhnlich erscheinen und dem »gesunden Menschenverstand « zuwiderlaufen, werden sie medial ausgeschlachtet und bleiben der Bevölkerung länger im Gedächtnis. Klosinski zufolge ermittelt die Polizei nach großen Bränden oft zumindest stichprobenartig in Richtung jener Feuerwehrleute, die den Brand zuerst gelöscht haben.

Der Feuerwehrmann, der endlich ein Held sein möchte, hat dabei viel mit dem Jugendlichen aus dem Problemviertel gemeinsam, der aus Zerstörungswut Feuer legt: »Viele Brandstifter fühlen sich von ihrem Umfeld nicht ausreichend akzeptiert oder wertgeschätzt «, erklärt Klosinski. Diese Eigenschaft teilen sie mit Jugendlichen, die Amokläufe an Schulen begehen. Hier wie dort steckt der Wunsch dahinter, für einen Moment lang wichtig zu sein, und sei es, indem man andere in Angst und Schrecken versetzt.

Brandanschläge auf Flüchtlingsheime: Politisch motivierte Feuer

Laut Bundeskriminalamt gab es im Jahr 2017 insgesamt 16 Brandanschläge auf Flüchtlingsheime. 2016 waren es 66 Fälle, 2015 – auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle – sogar 92. Bei den meisten davon gilt ein rechtsradikaler Hintergrund als wahrscheinlich. Bei diesen Brandstiftungen spielen Pyromanie oder eine besondere Faszination am Feuer kaum eine Rolle. Allenfalls die Symbolik der Flammen mag die Täter zusätzlich motivieren, davon abgesehen davon handelt es sich um simple »Hasskriminalität«. Darunter versteht man Straftaten, die sich gegen bestimmte gesellschaftliche Gruppen richten, also um sexistisch, rassistisch oder eben ausländerfeindlich motivierte Delikte.

»Feuerhexen« und »Zündlerinnen«: Frauen als Brandstifter

Die Mehrheit der Straftaten wird von Männern begangen. Das gilt auch für Brandstiftung. Doch bei diesem Delikt ist der Anteil weiblicher Tatverdächtiger vergleichsweise hoch – je nach Erhebung zwischen rund 15 und 30 Prozent. Einen ähnlich großen Frauenanteil gibt es bei Betrügereien, bei Diebstählen und Beleidigungen. Körperverletzung oder Sachbeschädigung dagegen verüben Frauen deutlich seltener.

Forscher um Emma Alleyne von der University of Kent (England) verglichen inhaftierte Brandstifterinnen mit männlichen Feuerlegern. Die weiblichen Häftlinge litten im Vergleich zu den männlichen eher an Depressionen. Dagegen hatten sie weniger das Gefühl, ihr Leben werde von außen gesteuert – sie begingen die Tat also wohl seltener aus Wut oder Rachegelüsten. Früheren Studien zufolge unterscheiden sich weibliche von männlichen Brandstiftern dadurch, dass erstere häufiger sexuell missbraucht wurden und unter Beziehungsproblemen litten. Im Übrigen werden ihre Taten öfter als Hilferuf beschrieben, der auf schwierige Lebensumstände aufmerksam machen soll.

Mangelnde Anerkennung, Frust und Isolation spielten wohl beim Frankfurter Opernbrand ebenfalls eine Rolle. Michael Wortha, der wohnsitzlose Brandstifter, saß in der DDR zweimal im Gefängnis, weil er versucht hatte, in die Bundesrepublik zu fliehen. Er wurde von der BRD freigekauft, ging aber freiwillig wieder zurück, da ihm das Leben im Westen nicht zusagte. Dort wurde Wortha erneut inhaftiert, bis man ihn in die BRD abschob. Er wusste nicht, wohin mit sich. Als er am Morgen nach dem Brand bei der Polizei anrief, um sich zu stellen, sagte er: »Ich habe das Feuer gelegt, da ich mit der Welt fertig bin.«

Auch Lydia Dalhuisens Erkenntnis lautet, dass es bei vielen Tätern in der Therapie darauf ankommt, das Selbstwertgefühl zu stärken. Die Patienten haben außerdem häufig Probleme, ihre Gefühle zu regulieren, und schlechte soziale Kompetenzen. Daher müssen sie angemessene Strategien lernen, zwischenmenschliche Probleme zu lösen. Ob Wut und Frust schließlich im Feuerlegen ein Ventil finden, hat allerdings der Forschung zufolge durchaus etwas mit ungesunden Einstellungen zum Feuer zu tun – dem, was der klassischen Idee der Pyromanie am nächsten kommt.

Der Kamin als Hobby? Unbedenklich!

Worin genau diese besondere Beziehung zum Feuer besteht, versuchten im Jahr 2014 britische Psychologen um Theresa Gannon und Caoilte Ó Ciardha von der University of Kent zu ergründen. Sie ließen 234 Probanden mehrere Fragebogen über ihre Einstellungen zu Feuer ausfüllen und destillierten aus den Antworten verschiedene Teilbereiche. Lediglich in einem – dem »alltäglichen Interesse an Feuer« – gab es keine Unterschiede zwischen Teilnehmern, die bereits Brände gelegt hatten, und solchen, die das nicht getan hatten: Sich an einem Lagerfeuer oder einem Kamin zu erfreuen, Streichhölzer mit sich zu führen oder vorbeibrausende Feuerwehrautos zu bestaunen, spricht demnach noch nicht für ein ungewöhnliches Verhältnis zu Feuer.

Ganz anders jedoch bei der Kategorie »Interesse an schweren Bränden«. Teilnehmer, die hier hohe Werte erreichten, haben etwa eine Vorliebe dafür, Menschen in brennender Kleidung zu sehen oder solche, die vor Feuer flüchten. Sie sind außerdem eher von Hausbränden und ihrer Löschung fasziniert. Ähnlich problematisch ist die »Identifizierung mit dem Feuer«. Diese Probanden bezeichneten Feuer als Teil ihrer Persönlichkeit oder gaben an, es zu »brauchen«. Vielen Brandstiftern fehlte es zudem an Wissen über die Gefährlichkeit von Bränden, und sie hielten es für ganz normal, hin und wieder kleinere Feuer zu legen.

In einer 2015 veröffentlichten Studie berichtete die gleiche Forschergruppe, dass es mit Hilfe einer maßgeschneiderten Therapie gelinge, diese problematischen Einstellungen in Bezug auf Feuer zu verändern. Die Teilnehmer – Häftlinge, die wegen Brandstiftung im Gefängnis saßen – erhielten entweder 28 wöchentliche Sitzungen einer speziellen Feuer-Gruppentherapie oder ihre übliche verhaltenstherapeutische Behandlung. In der Gruppentherapie sollten die Teilnehmer unter anderem darüber nachdenken, welche Einstellungen zum Feuer sie haben und wie diese zu ihrer Brandstiftung beigetragen haben könnten. Auch ihre Erfahrungen mit Feuer in der Kindheit sollten sie reflektieren. Die Behandlung konnte problematische Beziehung zu Feuer bei rund 39 Prozent der Probanden verringern. In der Kontrollgruppe waren es nur 16 Prozent. Zudem minderte die Gruppentherapie positive Einstellungen zu Gewalt und antisozialem Verhalten.

Ein abnormes Interesse an Feuer zeigt sich häufig schon in der Kindheit. Was können Eltern tun, wenn sie das Gefühl haben, ihr Kind ist etwas zu sehr von Bränden fasziniert? Es gibt Programme, die Heranwachsende an einen verantwortungsvollen Umgang mit Feuer heranführen sollen. Wichtig ist auch hier, dass die Betroffenen Wertschätzung erfahren. »Wer Flammen und Feuer faszinierend findet – und sei es wegen der vernichtenden Kraft –, sollte nicht das Gefühl bekommen, deshalb sonderbar zu sein«, so Gunther Klosinski. Stattdessen seien alle Maßnahmen geeignet, die Kindern Anerkennung und Selbstwirksamkeit geben.

Zerstörungsfantasien können beispielsweise kanalisiert werden, indem Kinder in kontrolliertem Rahmen etwas abfackeln dürfen und danach das Feuer wieder löschen. Manchmal wirkt eine Einbindung der Betroffenen in die Jugendfeuerwehr positiv auf die weitere Entwicklung. Kurz: Alles, was das Gefühl von Machtlosigkeit und sozialer Isolation durchbricht, kann verhindern, dass jemand später Brände legt – und dadurch Leib und Leben anderer gefährdet.

QUELLEN

Dalhuisen, L.: Firesetting and Firesetters in the Netherlands: Individualization, Identification and Treatment.
Eleven International Publishing, Den Haag 2016

Klosinski, G.: Brandstiftungen.
In: Häßler, F.et al. (Hg.): Praxishandbuch Forensische Psychiatrie. MWV, Berlin 2015, S. 179–188

Ó Ciardha, C.et al.: Multiple Factors in the Assessment of Firesetters’ Fire Interest and Attitudes.
In: Legal and Criminological Psychology 20, S. 37–47, 2015

Weitere Quellen im Internet: www.spektrum.de/artikel/1549581