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Flexibelin Rente


Rente & Co - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 18.03.2020

Viele Firmen in Deutschland planen mit weniger Mitarbeitern. Doch anders als früher wird nicht über Massen-Entlassungen nachgedacht. Stattdessen bieten viele Arbeitgeber flexible Modelle für Ältere, damit diese früher in Rente gehen. Rolf von der Reith recherchierte bei den 50 größten Arbeitgebern, fand viele lukrative Angebote, aber auch einige Fallen.

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Bildquelle: Rente & Co, Ausgabe 2/2020

Dienstag Vormittag, 10 Uhr. Hans-Jochen Gartmann sitzt entspannt in einem kleinen Café in Osnabrück. „Ich bin froh, dass ich diesen Schritt gemacht habe und das Angebot der Firma angenommen habe“, erzählt der 60-Jährige, „erst jetzt merke ich, wie ...

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... wahnsinnig anstrengend die letzten Jahre waren. Als das Angebot für Altersteilzeit kam, habe ich zuerst eine ganze Zeit gezögert“, sagt der gelernte Schlosser, „doch Geld ist nicht alles. Und wenn ich jetzt ehemalige Kollegen treff e, die ins VWWerk hecheln, weiß ich, dass ich alles richtig machte.“

Hans-Jochen Gartmann ist kein Einzelfall. Auch Monika Jüttner ist seit dem Herbst zu Hause. Die 61-Jährige arbeitete fast 40 Jahre für die Deutsche Bank. „Jeder wusste, dass die Bank Mitarbeiter abbauen will“, erzählt die ehemalige Firmenkunden- Beraterin, „im Frühjahr letzten Jahres fragte ich nach, ob ich früher aufh ören kann und welche Möglichkeiten für eine Frührente bestehen.“ Dann sei alles sehr schnell gegangen. „Ich war damals etwas über 60, bekam das Angebot für Vorruhestand bis zur frühestmöglichen Rente mit 63, handelte noch etwas aus, weil ich ja danach etwas weniger Rente bekommen werde“, erzählt die gelernte Bankkauff rau, „am Ende war ich überrascht, wie einfach und auch lukrativ das Ganze für mich ist. Und heute bin ich heilfroh, dass ich so entschieden habe.“

Zwei Beispiele, die stellvertretend für Zehntausende in Deutschland stehen. Denn viele Firmen wollen derzeit - trotz überall propagiertem Fachkräftemangel - Mitarbeiter abbauen. Einige Beispiele: Deutsche Bank 20_000, Bosch 15_000, Siemens 10_000, Volks wagen 7_000, Bayer 4_500, Ford 5_400, Thyssenkrupp 4_000, BMW 5_000, Continental 20_000 usw. Betroff en sind nicht nur Auto-Industrie, Energie-Versorger oder Banken, sondern auch viele Mittelständler bzw. Zulieferer. Die Gründe für den Personalabbau: Digitalisierung, Strukturwandel, E-Mobilität, mehr Roboter, aber auch sich rasant verändernde Märkte.


„Ich war überrascht, wie lukrativ das Angebot zum Vorruhestand war”


Da aber in vielen Branchen Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen eigentlich betriebsbedingte Entlassungen verhindern, haben viele Arbeitgeber die klassischen Frührenten- Modelle wie Altersteilzeit und Vorruhestand wiederentdeckt, um gerade älteren Mitarbeitern den vorzeitigen Abschied zu versüßen - teilweise werden höhere sechsstellige Summen als Mitgift gezahlt.

Eine Exklusiv-Umfrage von Rente &_Co bei den 50 größten Arbeitgebern in Deutschland ergab:

Mehr als drei Viertel der Firmen bieten inzwischen wieder klassische Altersteilzeit an, meist in Form des Block-Modells.

Beliebte Altersteilzeit

Fast die Hälfte der großen Arbeitgeber bietet alternativ oder separat einen Vorruhestand, das heißt die bezahlte Freistellung bis zum offi ziellen Rentenbeginn, meist mit 63.

4 von 10 Firmen zahlen zusätzlich oder alternativ Abfi ndungen bei vorzeitigem Verlassen des Jobs oder wenn ein teurer, älterer Arbeitsvertrag gegen einen neuen, niedriger entlohnten Vertrag in einer anderen Abteilung akzeptiert bzw. die Arbeitszeit reduziert wird.

Es gab schon lange nicht mehr so viele betriebliche Programme zu Frühverrentungen“, sagt Prof. Reinhold Schnabel von der Universität Duisburg-Essen, „wir sehen, dass viele Firmen heute sehr viel geschickter Personalpolitik betreiben, um den Wandel zu begleiten, in dem viele Branchen stecken.“

Die Modelle im Überblick

Altersteilzeit

Angeboten wird in der Regel das Blockmodell - die Zeit bis zum gewünschten Renten- Beginn wird halbiert, in der ersten Hälfte wird im bisherigen Umfang weitergearbeitet, in der zweiten Hälfte bleibt man zu Hause. Während der ganzen Zeit wird das gleiche Gehalt gezahlt; meist sind dies 50 % des bisherigen Gehalts, das dann vom Arbeitgeber auf etwa 70 % erhöht wird. Zudem übernimmt der Betrieb zusätzliche Rentenbeiträge, sodass die Renten-Ansprüche durch die Altersteilzeit nur wenig niedriger liegen.

Jede 3. Firma bietet inzwischen eigene Modelle für individuelle Altersteilzeit.


Genutzt werden Vorruhestand und Altersteilzeit auch, um Personal abzubauen.


Bis zu diesem Zeitpunkt rechnen

Wer überlegt, ein Angebot zu Vorruhestand anzunehmen, sollte sich nicht von Summen blenden lassen, sondern genau beachten, wann die gesetzliche Rente ohne Abschlag (!) möglich ist. Dieses Datum bildet die Basis des Berechnens für Altersteilzeit bzw. Abfindung.

Zu Hilfe kommen vielen Firmen aber auch neuere Tarifverträge wie der TV FlexÜ der IG Metall, die lukrative Angebote verbindlich für die gesamte Metallindustrie festschreiben, wenn Ältere früh ihren Arbeitsplatz räumen.

Und diese Phase beginnt bei den meisten Firmen relativ früh, wie die Exklusiv-Umfrage von Rente_&_Co zeigt:

Mehr als jeder dritte große Arbeitgeber bietet Frührenten- Programme den eigenen Mitarbeitern bereits ab 55 an.

Ein Viertel der Firmen hat den 57. Geburtstag als Start für den Ausstieg.

den Ausstieg. Doch was sind die Gründe, warum so viele Firmen fl exiblere Übergänge vom Job in den Ruhestand anbieten? Beispielhaft für viele Firmen sagt Ford Deutschland: „Wir befi nden uns in einer deutschlandweiten Umstrukturierung, sodass unterschiedliche Programme zum Tragen kommen, die allerdings nicht zwangsläufi g auch in der Zukunft permanent angeboten werden. Zusätzlich zur Altersteilzeit (ab 57 mit 6 Jahren Laufzeit) bieten wir aktuell ein Brückenmodell an, das ab 55 Jahren in Anspruch genommen werden kann und das dem Beschäftigten ein ‚Brückengeld‘ bis zum 63. Lebensjahr gewährt.“ Ganz ähnlich argumentiert die Commerzbank: „Wir wollen mit unterschiedlichen Modellen dem Bedürfnis nach individueller Gestal- tung der Arbeitszeit entgegenkommen und bieten z. B. ab 57 Altersteilzeit im Blockmodell und ab 59 alternativ Vorruhestand. In beiden Fällen endet dann das Beschäftigungsverhältnis mit der Altersrente.“

Vorruhestand

In der Regel heißt dies bezahlte Freistellung. Angeboten wird dies häufig von Firmen, die Personal abbauen wollen. Der Start ist meist später als bei Altersteilzeit. Das Vorruhestandsgehalt liegt oft bei 60 % des bisherigen Gehalts. Oft werden zusätzlich Abfindungen gezahlt, um die Renten-Nachteile auszugleichen.

Finanzielle Hilfen

Dazu zählen klassische Abfindungen (meist fürs Ausscheiden), aber auch Zahlungen, die während Altersteilzeit und/oder Vorruhestand Renten-Abschläge ausgleichen sollen. Zahlungen können auch an bestimmte Tätigkeiten geknüpft sein, z. B. Übergang in Qualifizierungsgesellschaft oder Übernahme eines Ehrenamts während des Vorruhestands (siehe nächste Seite: Telekom oder Post).

Doch für viele Beschäftigte bedeuten solche Angebote vor allem eines: rechnen! Lohnt das Angebot? Was geht an Steuern und Sozialabgaben weg? Wie hoch wird in drei oder fünf Jahren die Rente sein, wenn bis dahin weniger Beiträge eingezahlt werden? Wie lange reicht eine Abfi ndung, selbst wenn sie sich jetzt sehr hoch anhört, wenn damit mehrere Jahre überbrückt werden müssen? Bis zur Rente? Und können damit auch die lebenslangen Rentenabschläge verschmerzt werden, die bei den meisten Frührenten- Modellen zwangsläufi g sind.

Der ehemalige VW-Mitarbeiter Hans-Jochen Gartmann sagt: „Ich habe mir von einem privaten Rentenberater helfen lassen“, so der gelernte Schlosser, „am Ende hatte ich eine Zahl, die mir sagte, wie viel weniger Rente ich erhalte, wenn ich das Angebot der Firma annehme. Und mit dieser Zahl bin ich in die Gespräche mit der Personalabteilung gegangen. Mein Ziel war, dass ich wenigstens 80_% dieser Summe ausgeglichen bekomme - und das hat nach einigem Hin und Her auch geklappt.“

Hohe Abfindungen

Das Vorgehen von Gartmann sei beispielhaft, sagt der Rentenberater Wolfgang Räther aus Hannover: „Wenn es um Vorruhestand bzw. Altersteilzeit geht, kommt es vor allem darauf an, sich weder von den Summen blenden zu lassen, die plötzlich im Raum stehen, aber auch nicht vorschnell einem Vorschlag zuzustimmen, nur weil die Chance besteht, dass man sehr schnell nicht mehr arbeiten muss.“ Er empfehle jedem, „kühl die Folgen auf die spätere Rente auszurechnen; und zwar nicht nur bezogen auf die Brutto- Rente, sondern auch mit Blick auf zu erwartende Abschläge und die Hinterbliebenen- Vorsorge.“

Ab 55 sind bei Siemens Altersteilzeit & Co möglich.


Die wichtigsten Fragen, die man sich dazu stellen müsse, so Räther

Wie hoch ist das renten re levante Gehalt? Da es keine staatlichen Vorgaben mehr für Altersteilzeit gibt, kann hier frei verhandelt werden. „Am Ende ist dies oft wichtiger als ein paar Tausend Euro mehr Abfindung“, skizziert Räther.

Wie viele Zeiten bzw. Entgeltpunkte fehlen bis zur Regelaltersgrenze? „Dabei nicht bis zur frühesten Rente mit 63 rechnen“, so der Rentenberater, „sondern bis zu einer abschlagsfreien Rente. Sonst mindern die Abschläge die vereinbarten Summen im Nachhinein.

Läuft die Vereinbarung mit dem Betrieb bis zur Rente oder ist noch Arbeitslosigkeit vorgesehen? „Hier gilt es, vorsichtig zu sein“, so Räther, „weil ja eine Arbeitslosigkeit vor der Rente für besonders langjährig Versicherte nicht zählt.“

Wie werden Renten-Nachteile ausgeglichen? Durch eine Abfindung? Durch eine Einmal-Zahlung an die Renten-Kasse?

Wie viel stockt der Betrieb auf?

„Am wichtigsten ist immer“, so Räther, „stockt der Betrieb während Altersteilzeit oder Vorruhestand die Rentenbeiträge auf?“ Ideal seien, wenn wenigstens 70 bis 80_% als Berechnung zugrunde gelegt werden, dann sind die Einschnitte bei der späteren Rente noch überschaubar.“ Wie das aussieht, zeigt McDonald’s Deutschland: „Hier arbeiten Mitarbeiter 1,5 Jahre Vollzeit in der Arbeitsphase und bekommen währenddessen und in der anschließenden Freizeit-Phase 50_% des ursprünglichen Gehalts plus 20_% Arbeitgeber- Aufstockung.“ Dies sei heute ein übliches Modell, so Räther, „gute Angebote gehen darüber hinaus“.

So wie die Deutsche Bahn: Gehalt wird auf 85_% aufgestockt, die Renten- Beiträge sogar auf 90_%. Zusätzlich wird noch per Einmalzahlung ein Teil der Renten-Nachteile ausgeglichen. „Vieles wird hier individuell ausgehandelt“, rät Räther.

Und dabei entstehen auch sehr interessante Modelle. So bieten Deutsche Post und Deutsche Telekom den „engagierten Ruhestand“: Wer über 55 ist und ein Ehrenamt übernimmt, wird freigestellt. Dafür gibt es bis zum offiziellen Rentenbeginn dann die Vorruhestandsbezüge.

Unabhängig von solchen sehr individuellen Angeboten ist aber auch wichtig“, so Rentenberater Wolfgang Räther, „dass man sich selbst klarmachen muss: Wie viel ist mir der vorzeitige Ausstieg überhaupt wert? Denn man verliert einerseits natürlich Einkommen, auf der anderen Seite gewinnt man aber auch ganz viel zusätzliche Lebensqualität.“

Industrie-Unternehmen nutzen Frührenten genau wie Dienstleistungs- Firmen.


„Es geht nicht nur um Geld und Rente, sondern auch um Lebensqualität, die man gewinnt“



Fotos: Getty Images/Ozgur Donmaz/Ian Lishman, Plainpicture/Jean-Pierre Attal, Picture-Alliance/Sueddeutsche Zeitung Photo/dpa (2)/REUTERS/Sven Simon/Westend61, privat (2), Audi AG, BASF SE, Bayer AG, BMW Group, Commerzbank AG, Continental AG, Daimler AG, Ford, Postbank, Volkswagen AG