Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 11 Min.

Flirrvogelleben


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 38/2019 vom 13.09.2019

Prominente Ein Mann geht durchs Leben, und plötzlich ist er berühmt. Ein Besuch bei Wolfgang Joop, der im Herbst 75 Jahre alt wird – und der seinen Erfolg bis heute angeblich selbst nicht so ganz versteht.

Von geburtswarmen Hundewelpen bis zum Hodendreher dauert es nur fünf Minuten, so funktioniert Begrüßungs-Small-Talk mit Wolfgang Joop. Hier flippern die Synapsen, das geht blitzschnell, am besten, man gewöhnt sich gleich daran. Er kommt gerade von der Sportstunde, elastisch setzt er sich in grüner Turnhose und Karohemd (auf dem Rücken ein Bild von Kurt Cobain, auf der Brust ein »Sold out«-Anstecker) an ...

Artikelbild für den Artikel "Flirrvogelleben" aus der Ausgabe 38/2019 von Der Spiegel. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 38/2019

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Der Spiegel. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 38/2019 von Hausmitteilung Betr.: Titel, Kurz, Joop, »DEIN SPIEGEL«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Hausmitteilung Betr.: Titel, Kurz, Joop, »DEIN SPIEGEL«
Titelbild der Ausgabe 38/2019 von Im Schongang. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Im Schongang
Titelbild der Ausgabe 38/2019 von Meinung. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meinung
Titelbild der Ausgabe 38/2019 von Krankenhäuser: »Schließungen machen Angst«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Krankenhäuser: »Schließungen machen Angst«
Titelbild der Ausgabe 38/2019 von Die große Heuchelei. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die große Heuchelei
Titelbild der Ausgabe 38/2019 von »Unsere Verantwortung kennt keinen Schlussstrich«. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
»Unsere Verantwortung kennt keinen Schlussstrich«
Vorheriger Artikel
Kultur
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Radikale Parteinahme
aus dieser Ausgabe

... den Küchentisch. Darauf eine Schüssel gezuckerte Beeren und ein blasser Kuchen. Ein ländliches Stillleben, das man lieber aquarellieren als instagrammen will.

Kind Joop um 1952 Ungewollt beobachtete Erektion


Sein Buch passt zur Pose, es sträubt sich gegen die Proportionen einer Biografie, was Portionierung und Perspektive angeht: Fast ein Drittel der Seiten sind mit Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend gefüllt, viel davon über den Hof seiner Großeltern im Potsdamer Stadtteil Bornstedt, in dessen umgebautem Kuhstall er jetzt sitzt. Seit gut einem Jahr wohnt er mit seinem Lebensgefährten Edwin Lemberg wieder hier. Die Villa Wunderkind am Ufer des Heiligen Sees, in der er zuvor 16 Jahre lang gelebt hatte, hat er 2017 an den SAP-Gründer Hasso Plattner verkauft.

Joops Buch passt zum Hopserlauf seines Erzählstils: Sein Leben ist aufgeteilt in gereihte Anekdoten, keine resümierende Schweinchen-Schlau-Rückschau aus dem Lehnstuhl, die alle Zufälligkeiten und Verpurzeltheiten eines Lebens nachträglich in logische Reihung puzzelt und Bezugslinien klöppelt, wo es keine gab. »Als Stilmittel habe ich mir einfach gesagt: Sag nicht voraus, spiel nicht den Propheten«, sagt Joop. Stattdessen sei er bei jeder Lebensstation strikt in dem Wissensspektrum geblieben, in dem er eben auch in dieser Zeit steckte. »Ich wollte aus der Perspektive von jemandem schreiben, dem diese Welt geschieht«, sagt er, ganz wie »Hans im Glück« eben, seiner Lieblingsfigur, die betriebswirtschaftlich bedenklich, aber unbelastet von Lebensstrategien und Masterplänen durch das Leben scharwenzelt.

Schließlich sei ihm auch die Welt der Mode nur geschehen, sagt Joop, zusammen mit seiner damaligen Frau Karin rutschte er 1970 zufallshalber in den Modewettbewerb der Zeitschrift »Constanze« und tauschte seine drei ersten Preise dann eben gegen eine Stelle als Moderedakteur beim Frauenmagazin »Neue Mode« ein und diese dann bald gegen ein Leben als freier Designer.

Warum er es schließlich in dieser Branche geschafft hat, obwohl er zuvor mehr Engagement als Fälscher flämischer Ölgemälde bewiesen hatte, die er im Backofen seiner Mutter zur gewünschten Farbfestigkeit buk, darauf haben weder sein Buch noch Joop selbst am Bornstedter Teetisch eine Antwort: »Keiner kann erklären, warum man da auf einen bestimmten Typus gewartet hat, und alle anderen fliegen raus. Du musst irgendwas mitbringen, aber was, kann ich auch heute kaum erklären.« Er sei eben so durchgeflutscht: »als divine dilettant« – ein klassischer Joopismus, diese für ihn typische, immer wieder mal eingestrudelte internationale Weltläufigkeit.

Statt konstruierter Kausalitäten erzählt Joop Geschichten aus den Mikrowelten seiner Kindheit, und er geht dabei so demokratisch vor, wie es wahrscheinlich nur Kinder können: Dem traurigen Ende eines alten Gänserichs, den seine Oma nach 13 Le bensjahren schließlich doch noch schlachtet, widmet er ebenso viel Platz wie dem Wiedersehen mit seinem Vater, der irgendwann überraschend aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrt, worauf Joop mit ihm und seiner Mutter 1954 aus Potsdam nach Braunschweig umzieht.

Fortan pendelt der junge Joop als Kind und Jugendlicher zwischen den Welten und Systemen. Den Hof in der DDR besuchte er weiter in den Schulferien, und später, heiß verliebt in Karin, seine spä - tere Frau, seien Bornstedt und Potsdam geradezu »eine Droge« für ihn geworden, sagt er; das nach dem Krieg verfallene und abgesperrte Schloss Belvedere die ge - eignete Kulisse für seine Königskindfan - tasien – trotz Einsturzgefahr.

»In diesem Wahn, in dieser erotisch aufgeheizten Stimmung blenden ja die Menschen – und auch die Tiere in der Savanne – die Außenwelt und die Gefah-ren, die dort lauern, aus«, sagt Joop: »Im Gegenteil, wir suchten diese Gefahren noch zur Stimulation, und dort oben auf dem Belvedere sich zu lieben, auf einem großen Klotz Sandstein, der nur noch von einem krummen Eisenteil gehalten wird, das fanden wir nun grade toll.«

Lebensgefährten Joop, Lemberg 2014: »Ich hatte das entscheidende Moderätsel gelöst«


Okay, wenn Joop das Gespräch schon selbst aufs Pikante lenkt, kann man auch gleich noch die Erektion seines Vaters ansprechen, die er als Kind einmal ungewollt im nächtlichen Wohnungsflur beobachtet und die er mit einem der schönsten Sprachbilder des Buches beschreibt: Der Vater stürzte damit so eilig Richtung Schlafzimmer, »als müsse er etwas schnell weitertragen, das gleich wie ein Frosch davonhüpfen könnte«. Er habe diese Geschichte noch niemandem erzählt, weil sie ihm so peinlich gewesen sei, sagt Joop: »Diese aufgeregte Fassungslosigkeit, die Menschen haben, wenn sie kurz vor dem Geschlechtsakt sind!«

In kleinen Szenen wie dem Froschphallus merkt man den Zeichner in seinem Schreiben, der mit schnellen Strichen malt und die entscheidenden Details trifft, obwohl seine Figuren im Buch sparsam beschrieben werden: »Ich hätte gerne noch die Augen meiner Großmutter beschrieben, die immer glitzerten und in tiefen Höhlen lagen«, sagt Joop. »Wie bei Karl Lagerfeld seltsamerweise, deswegen war er mir auch immer so spooky vertraut: Er sah aus wie meine Oma! Ich habe es damals nicht gewagt zu sagen, weil ich dachte, er würde es nicht hören wollen.«

Von Oma zu Lagerfeld, so geht das dauernd. In einem Gespräch mit Joop fühlt man sich wie beim Bingewatching einer amüsanten, sehr personalintensiven Serie mit 20 Staffeln (plus jede Menge deleted scenes). Er startet vielleicht mit der Beschreibung des erhebenden Gefühls, in die Safarijacke von Yves Saint Laurent zu passen, streift im Vorbeigehen die polnische Art-déco-Malerin Tamara de Lempicka, schwärmt von seinem Lieblingsbuch (»Der goldene Handschuh« von Heinz Strunk), schießt ein paar Bemerkungen zur Modemarke Supreme als »neuer Kriegswäsche« dazwischen, landet dann bei der Hochzeit von Sophie Prinzessin von Preußen, von der er die ganze Zeit eigentlich erzählen wollte, und kommt am Ende in den choreografierten Sexshows des ehemaligen Hamburger Eta blissements »Salambo« raus, die er in seinen Hamburger Jahren gelegentlich mit Jil Sander besucht habe – das alles mit Überleitungen, die man schon fünf Minuten später nicht mehr nachvollziehen kann, und in derselben Zeit, in der andere Leute erzählen, was sie gestern zu Mittag gegessen haben.

Joop ist ein interessierter Sozialflaneur, einer, der aufbricht, eingeladen wird, kurz zuschaut, aber niemals bleibt. Für das Buch und seinen Verlag sei das gelegentlich anstrengend und verwirrend gewesen: »Ich habe eine ganze Orgie bei Robert Mapplethorpe beschrieben, das war natürlich viel zu viel für den Verlag. I’m a good German, man darf es nicht vergessen.« Deshalb erzählt er diese gestrichenen Passagen eben jetzt hier, beim Pfefferminztee: wie Egon von Fürstenberg ihn ungefähr 1980 zu dieser Party im New Yorker Klub »The Saint« im East Village ein - geladen habe, bei der sich plötzlich die Dachkuppel geöffnet habe, um Grace Jones einschweben zu lassen, und bei der ein junger Mann als Showeinlage auf der Bühne von einer Pythonschlange penetriert worden sei.

Joop will als Einziger komplett nüchtern gewesen sein, er habe kurz hingeschaut und dann gefragt: »Kann ich bitte ‘ne Cola haben?« – und sei erschrocken, weil ihm all das irre Getöse um ihn herum so schrecklich banal vorgekommen sei.

Vater Joop, Tochter Jette 2000 »Man muss auch ugly können«


Zur eigenwilligen Gewichtung seines Buches gehört auch, dass seine Geschäftsgeschichten, die Gründung seines Labels JOOP!, das Lizenzbusiness der Neunzigerjahre, der spätere Verkauf, nur beiläufig erwähnt werden, als täten sie wenig zur Sache in diesem Leben, zu dem dazugehörigen Menschen, als wären Erfolge und Misserfolge wirklich ein Hans-im-Glückmäßiges Zufallsdefilee von aufgeploppten und dann eben eingesteckten Gelegenheiten. »Ich hatte und habe von mir selbst gar keine Vorstellung, weder persönlich noch beruflich. Erschreckend eigentlich«, sagt Joop. »Und das holt mich manchmal ein. Dann denke ich: Oh Gott, dir ist ja gar nichts eingefallen zu dir selber! Warum das so ist? Zu verwöhnt, vielleicht?«

Ausführlich und im Stil einer Wende - satire erzählt er im Buch von seiner höchst schrägen Zusammenarbeit mit der Meißener Porzellanmanufaktur, für die er nach der Wiedervereinigung ein Service entwarf. Später designte er auch Möbel, Tapeten, auch mal Stützstrümpfe. Dem Verkauf der Marke JOOP! 1998 schenkt er im Buch nur einen Absatz, sein Label Wunderkind – dessen Kleider, sagt er heute, »aussahen wie von verwöhnten, verstörten Kindern, denn Kinder haben keine Taille« – kommt gar nicht vor. Ausführlich erzählt er dafür, wie er als Internatsschüler das entscheidende Geheimnis der Modeund Lifestylebranche knackte: Von einem Besuch in Bornstedt hatte er die Rippenunterhemden, ausgebeulten Cordhosen und Clogs seines Opas mit ins Internat in Bad Harzburg gebracht und paradierte, solchermaßen ausstaffiert, dort nun als stylischer Bauernjunge umher. Und präsentierte den wunderlichen Aufzug mit solcher Selbstsicherheit, dass er dafür nicht ausgelacht wurde, sondern damit einen florierenden, natürlich kostenpflichtigen Verleihservice aufziehen konnte.

»Da hatte ich das entscheidende Moderätsel gelöst, dass man den Leuten etwas nicht zugänglich machen darf«, sagt Joop. »Dass man ein Kleid zuteilen muss, nicht anbietet, sondern wegnimmt.« Mode funktioniere nämlich genauso wie eine Reli gion: »Du verbietest erst mal alles, und dann erteilst du per Oblate ein bisschen Liebe.«

Die Kleider für seine erste Wunderkind- Kollektion, erzählt er, habe er extra bleichen lassen, wie verschossen von der Sonne sollten sie aussehen: »Eigentlich der Supergau.« Ihn interessierten aber immer wieder solche Anekdoten des Verbotenen, des Überbaus: »Das, was überhaupt nicht passieren darf, habe ich immer spielerisch und verwöhnt eingebaut. Flirting with Desaster ist ohnehin die Überschrift für mein Leben.«

Mode heute, sagt er, interessiere ihn mäßig, eine »erschreckende Appetitlosigkeit« habe »ihn als Fashionista« erwischt: »Es kommt einem alt vor, guten Geschmack zu haben. Man muss heute auch ugly können, denn wir werden nicht mehr von Designern eingekleidet, sondern von Stylisten. Es geht darum zu mixen, die Bilder zu verwirren, viele Emotionen anzutriggern.« Aber er krame noch gern in Secondhandläden und freue sich, wenn er etwas findet, »mit dem ich noch mal 15 Minuten hinkriege, in denen ich Spaß habe, mich zu zeigen«.

Zuletzt waren das sechs Hawaiihemden, original aus den Fünfzigern, und eine Jacke aus den Vierzigerjahren, er springt auf, sie zu holen, läuft extra die Treppe hoch und kommt mit einer klitzekleinen braunen Jacke wieder und freut sich sichtlich darüber, dass er noch mühelos hineinpasst. »Aber diese Plätze sind so rar geworden, an denen die Leute bemerken würden, dass ich mir mit meiner Kleidung gerade einen kleinen Scherz erlaube.«

Die Unbekümmertheit ist weg, das Flirrvogelleben der Achtzigerjahre, die seine Zeit waren, vielleicht wirklich »die einzig mögliche Zeit«, in einer anderen hätte er nicht funktioniert, sagt er, und man kauft ihm ab, dass er das nicht kokett meint.

1 Joop in seinem Atelier 2017


2 Partybesucher Joop in Berlin 1996


3 Zwischen Models 1992


4 Joop-Gemälde »Cloud Number 7«, 2012


5 Mit seiner früheren Frau Karin 1995


6 Mit Hund in seiner Potsdamer Villa 2016


Der internationale Durchbruch gelang ihm mit einer Pelzkollektion, heute engagiert sich Joop im Tierschutz und fördert das Potsdamer Tierheim: »Wer hat sich das denn ausgedacht, dass so viel Tierleiber zersägt und gefressen werden müssen? Der ganze Planet ist wie ein großer Magen, der nur noch verdaut und scheißt. Er ist uns unsympathisch geworden, durch uns selbst.« Wenn er eine Hermès-Tasche sehe, denke er sofort: Du warst eine Kuh. »Aus vielen Hundert Fellen werden dafür die drei aussortiert, auf denen kein Kratzer ist, die flawless sind. Aber who gives a shit, ob diese Tasche einen Kratzer hat? Für kluge Leute ist das heute schon ein Lowclass- Verhalten.«

Für ein neues, großes Projekt designt er gerade Hotels, beim Traditionshemdenschneider van Laack hat er sich als Kreativdirektor der Sexywerdung des Businesshemds angenommen. Seine Zweit- oder Drittkarriere, an der er gerade werkelt, hat er auch seinem Engagement für »Germany’s Next Topmodel« zu verdanken, 2014 und 2015 saß er als hoch sympathisches Mischwesen aus aufrichtig warmherzigem Onkel und – dank seiner sprunghaften Assoziationen – leicht erratischem Edelkauz mit in der Jury und ist seitdem beliebtes Selfieobjekt einer neuen Zielgruppe. »Als ich neulich kurz auf Sylt war, kamen mir in Westerland ganze Menschenhorden entgegen, es war wie im Video von ›Thriller‹. Und wenn sie einem dann näher kommen, verlieren sie die Nerven«, sagt Joop und spielt kurz vor, wie ein Zittermädchen mit bebenden Händen die Kontrolle über sein Smartphone verliert: »Das ist schon eine ganze Menge, was da in den Menschen wachgerufen wird.«


»Dieses Capri macht einen ja völlig wahn sinnig. Dann dieses Onassis-Schiff!«


Für Aldi hat Joop im Frühjahr eine Einrichtungskollektion entworfen, Platzsets, Kuscheldecken, Bettwäsche, alles unter 30 Euro. »Das Kissen, mit Wendepailletten bestickt, erinnert mich zum Beispiel an den Neunzigerjahreglamour Manhattans«, zitiert ihn die Pressemitteilung. »Vielleicht hat auch Heidi geholfen, diese omnipräsente Erfolgsfee, dass ich plötzlich gesehen habe, wer meine Kunden sein können«, sagt Joop. »Da habe ich gemerkt, wir haben ein gutes Verhältnis, ich und diese Masse Mensch, auf die wir früher manchmal so verächtlich geschaut haben, als wir großen Modeschöpfer noch unter uns weilten.«

Im August war er auf Klums Hochzeit, die ihn »sehr berührt« habe: »Gleichzeitig war es auch irgendwie traurig, dieses Capri macht einen ja völlig wahnsinnig. Dann dieses Onassis-Schiff! Richtig beklemmend war es dann, am dritten Tag in die Blaue Grotte zu rudern.« In der Nacht zuvor nämlich habe er einen klaustrophobischen Traum gehabt und sich in der Grotte mit der tiefen Decke darin wiedererkannt: »Ich sah dann im Halbdunkel die Köpfe der anderen in den anderen Booten, von unten beleuchtet, Kinder und Erwachsene, und es holte mich die schreckliche Vision ein, dass nicht weit entfernt, im selben Gewässer, auch Menschen treiben, voller Angst und doch mit Hoffnung.« Die schnurrende Assoziationsmaschine stoppt jetzt tatsächlich, es ist kurz still, bis auf das Dösegebrumm der Hunde.

Im November wird Joop 75 Jahre alt. Ein Alter, »in dem jeder Tag ein Abschiedsgeschenk des Schicksals ist«, schreibt er mit barockem Memento-mori-Schnörkel in seinem Buch. Er fürchte sich vor Ferien, sagt er, fährt nur widerwillig in Urlaub, weil er weiß, dass er die Erholung braucht. Und nimmt seine Arbeit – das Buch, die Entwürfe für den Massenmarkt – vielleicht ernster denn je, nicht trotz, sondern wegen seines Alters: »Es muss jetzt funktionieren «, sagt er, weil er sich immer denke: »Jetzt kannst du nicht schon wieder mit einer Avantgarde- und Keiner-verstehtmich- Nummer kommen. Jetzt musst du den Leuten zeigen, dass du weißt, was du kannst.«

Er sei überrascht, wie angenehm physische Nüchternheit sein könne, sagt er – also fast, natürlich sagt er »soberness«. Und ist froh, wieder im Haus seiner Kindheit zu sein, auch wenn er sich Sorgen macht, was einmal aus dem Hof werden soll, ob er seinen beiden Töchtern wichtig genug sein wird. »Ich bin jetzt der, der komplett Verantwortung für einen Ort übernehmen muss. Auch für mich als alternden Menschen. Da ist niemand, der überprüft, wie du damit umgehst, wie du dich hältst. Welche Gnade ist es, dass Edwin und Karin mir nicht abhandengekommen sind.« Seine Ex-Frau, mit der er eng befreundet ist, lebt in Bornstedt gleich nebenan.

Zum Ende des Besuchs, nach drei Stunden Gespräch, möchte Wolfgang Joop noch die Gemälde in seinem Schlafzimmer zeigen. Dort hängt das Bild einer mondblassen, rothaarigen Frau, gemalt von einem Präraffaeliten des 19. Jahrhunderts. An der Wand gegenüber, flächenfüllend, ein Bild von Jesus am Kreuz. An einer anderen eine Reihe von Schimpansenporträts, gemalt von Joop: »Ich male Affen, denn ich traue mich nicht, Menschen zu malen«, sagt er. »Sie werden immer zu schön.«


© PRIVAT

INGE PRADER

PETER BISCHOFF / GETTY IMAGES

INGE PRADER

MICHAEL TINNEFELD / API

ADOLPH PRESS

INGE PRADER

HORST GALUSCHKA / ULLSTEIN BILD

ANDREAS MÜLLER / VISUM