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Floßfahrt ins Abenteuer


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 20.05.2022

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 6/2022

Die Kon-Tiki auf hoher See. Für den Bau des Floßes wurden nur traditionelle Werkstoffe verwendet. Doch die Crew hatte einen Kompass sowie drei Funkgeräte dabei

Ein junges Paar wandelt durch den Garten Eden, trifft auf einen einsamen Kannibalen – und hat eine weltverändernde Erkenntnis. Das ist kein Witz. Aber es ist auch kein Wunder, dass es Thor Heyerdahl nie so recht gelang, vom Abenteurer in die Riege der seriösen Wissenschaftler aufzusteigen. Die erste Feldforschung, die der Norweger in seinem Buch »Fatu Hiva« beschreibt, klang vielleicht doch zu wildromantisch. Nicht zuletzt, da die achtmonatige Robinsonade gleichzeitig die Hochzeitsreise mit seiner ersten Frau Liv darstellte.

»Kaum ein Volk hat sich jemals so rasch ausgebreitet«

Der amerikanische Ethnologe Patrick Kirch über die Polynesier

Die Insel Fatu Hiva gehört zur Gruppe der Marquesas-Inseln. Das Eiland mit seinen tropischen Regenwäldern hatte sich Heyerdahl 1937 ursprünglich ausgesucht, um die dortige Fauna zu studieren: Für seine Examensarbeit wollte der 22-Jährige untersuchen, wie ...

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... sich Tiere mit Wind und Meeresströmungen auf den Inseln im Südpazifik verbreiteten.

Die pazifische Gretchenfrage: Woher kamen die Vorfahren der Polynesier?

Viel mehr als die Herkunft der Tiere interessierte den jungen Zoologen jedoch bald die der menschlichen Insulaner. Woher kamen die Polynesier? Wie hatten sie diese Inseln erreicht, die zwischen Hawaii, Neuseeland und der Osterinsel mitten im Ozean liegen? Woher auch immer sie kamen, ihre Urahnen mussten fantastische Seefahrer gewesen sein! In einer Zeit, in der Ethnologen noch unbesorgt mit »Rassen«-Vergleichen arbeiteten, fiel erst mal das Offensichtliche auf. Die hellhäutigen Polynesier sahen so ganz anders aus als die Bewohner Neuguineas oder Australiens. Dazu hatte Heyerdahl mythologische Skulpturen gefunden, die ihn an Katzen erinnerten. Vor der Ankunft der Europäer hatte es jedoch keine Katzen gegeben auf Polynesien. Außerdem meinte er den Stil peruanischer Götterfiguren wiederzuerkennen.

Als sich seine Frau Liv eines Tages wunderte, wieso die Wellen derart an den Strand vor ihrem Pfahlbau donnerten, während das Meer auf der anderen Inselseite ganz ruhig war, kam ihm eine Idee. »Wir sind ja auch auf der Windseite«, soll ihr Thor geantwortet haben. Dann suchte er den alten Mann auf, der mit ihnen an der Ostküste lebte.

Wie Heyerdahl später schrieb, war Tei Tatua nicht nur der letzte Kannibale Fatu Hivas, sondern auch der letzte Überlebende aller ausgestorbenen Stämme des Ostufers. »Tiki«, erklärte ihm der Alte, »war Gott und Häuptling zugleich. Tiki war es, der unsere Vorväter auf die Inseln gebracht hat. Früher wohnten wir in einem großen Land weit hinter dem Meer.« Dabei soll Tei Tatua in die Richtung genickt haben, in der die Sonne aufgeht – dort wo irgendwo im weiten Ozean das heutige Südamerika liegt.

Gut 7000 Kilometer Wasserweg, und doch schien es Heyerdahl die nächstliegende Lösung für das Rätsel um den Ursprung der Polynesier. Der Wind wehte nun mal aus Osten; und auch die Äquatorialströme hätten ein prähistorisches Vehikel nach Westen befördern müssen.

Soweit Heyerdahls Theorie, die er in den nächsten zehn Jahren ausarbeitete. Einerseits vertiefte er sich in Inka-Überlieferungen, die von einem geheimnisvollen Volk sprachen, das nahe des Titicacasee Steinstatuen hinterlassen hatte. Ihr Anführer soll eines Tages über das Meer nach Westen verschwunden sein.

Nur Zufall? Totempfähle, Doppelkanus und Maoris mit grimmigen Zungen

Eine zweite Spur wies ihn auf die Ureinwohner der kanadischen Nordwestküste. Einige der Indianerstämme erinnerten ihn mit ihren hochseetauglichen Doppelkanus, Totempfählen, und vor allem aber mit der Drohgebärde des Zungenbleckens, zu sehr an die Maori, die Ureinwohner Neuseelands. Konnte das noch Zufall sein? Er war so überzeugt von seiner Theorie, dass ihn weder der Spott der Fachwelt abhielt noch seine Angst vor dem Wasser.

Heyerdahl fand fünf mutige Mitstreiter und baute ein Balsa-Holz-Floß nach Anleitung der Indios – bis ins kleinste Detail genauso wie es die spanischen Chroniken beschrieben. Heyerdahl taufte das Boot »Kon-Tiki«, nach dem Schöpfergott der Inka. Am 28. April 1947 ließen sie das Floß im peruanischen Hafen Callao zu See. 101 Tage später strandeten sie in überraschend gutem Zustand am Raroia-Riff im Tuamotu-Archipel. Ein Erfolg, den Heyerdahls Mannschaft nicht nur dem Wind und den Strömungen zuschrieb, sondern auch der äußerst flexiblen Bauweise des Bootes: Das frisch geschlagene Holz sog sich nicht mit Wasser voll. Und die weichen Stricke arbeiteten mit den Bewegungen der leichten Balsa-Stämme, anstatt sie zu zermürben.

Damit hatte Heyerdahl nicht nur belegt, dass ein Kontakt der Urvölker über 7000 Kilometer möglich war, sondern gleichzeitig auch die »Experimentelle Archäologie« begründet. So sehr er jedoch als Abenteurer bewundert wurde – dass die Landratten Südamerikas die Südsee entdeckt haben sollten, klang der Fachwelt weiterhin eher nach Defoe als nach Doktorarbeit.

Zudem verdichteten sich die Hinweise, dass die Polynesier aus dem asiatischen Raum stammten: Just im Jahr 1952, als Heyerdahl seine Theorie endlich der Wissenschaft vorstellen durfte – auf dem 30. Internationalen Amerikanisten-Kongress in Cambridge – entdeckten Archäologen in Neukaledonien Spuren einer unbekannten Kultur. Sie wurde nach dem Fundort »Lapita« benannt. Es waren Tonscherben mit einem unverkennbaren Lochmuster. Ähnliche Scherben fand man später auf dem Bismarck-Archipel, aber auch noch viel weiter östlich: auf den polynesischen Inseln Samoa und Tonga!

Dem Alter der Fundstücke nach hatte sich das Lapita-Volk von Nordwesten kommend nach Süden und Osten ausgebreitet. Und zwar über die Bevölkerung hinaus, die schon vor rund 30 000 Jahren vom südostasiatischen Festland aus über Papua-Neuguinea bis zur nördlichsten Insel der Salomonen vorgedrungen war. Später machten sich einige der Siedler wohl erneut auf und erreichten um 300 n. Chr. auch die Marquesas, zu denen Fatu Hiva gehört. Die vermeintlich indianischen Skulpturen stellten also keine Katzen dar, sondern wie man heute weiß: Totenköpfe für den Ahnenkult.

Verwandte Sprachen und eine rätselhafte Mutterkultur der Südsee

Die Lapita-Theorie passt auch zu den Studien der Linguisten. In den über 200 Sprachen im pazifischen Raum wurden viele gemeinsame Wurzeln gefunden – die jedoch nichts mit Südamerika zu tun haben. Und schließlich wurde selbst Heyerdahls Lieblingsargument widerlegt: Die polynesischen Doppelkanus waren sehr wohl in der Lage, gegen den Wind zu kreuzen. Und das mussten sie auch gar nicht unbedingt.

Alle paar Jahre dreht sich die Strömung nämlich für einen gewissen Zeitraum. Zu seiner Verteidigung: Das El-Niño-Phänomen war Heyerdahl nicht bekannt.

Richtig spannend wurde es jedoch, als sich die Genetiker in die Debatte einmischten. 1993 wurde erstmals ein »Polynesisches Motiv« identifiziert. Die Verbreitung passte nahtlos zur Lapita-Theorie. Zumindest auf den ersten Blick. Es gab nämlich ein Problem: Die Forscher hatten keinen Zugriff auf sehr alte DNS. Den Polynesiern sind die Gebeine ihrer Urahnen heilig. Erst 2016 konnten Experten das Erbgut von vier Insulanern untersuchen, die wohl zwischen 1100 und 300 v. Chr. auf Vanuatu und Tonga lebten. Die Analyse deutete Richtung Philippinen und Taiwan. Ebenso wie die DNS von Pazifischer Ratte oder dem auf Polynesien traditionell genutzten Papiermaulbeerbaum.

Und doch blieb all die Jahrzehnte ein Zweifel in Knollenform. Schon Heyerdahl hatte auf die Süßkartoffel verwiesen, die eindeutig aus Südamerika stammt, aber bereits Jahrhunderte vor der Ankunft der Europäer im Südpazifik verbreitet war. Vielleicht war sie tatsächlich übers Meer angeschwemmt worden, aber das Quechua-Wort, der Sprache der alten Andenvölker, »kumal« gleicht dem Begriff der Polynesier verdächtig: »Kuumala«.

Nicht nur der südamerikanische Export der Süßkartoffel war ein Rätsel, auch die mysteriöse Herkunft der Haushühner der Altamerikaner. Auf dem Kontinent hatte es nie wilde Hühner gegeben. Die Antwort lieferte schließlich eine Studie von 2007. Archäologen unterzogen Hühnerknochen von der chilenischen Halbinsel Arauco einer C-14-Analyse und datierten sie damit eindeutig auf die Zeit vor den spanischen Konquistadoren. Ihre DNS verriet: Sie hatten polynesisches Erbgut. Südamerikaner und Südseeinsulaner mussten sich also schon einmal irgendwo getroffen haben.

Indizien der kulturellen Kontakte: Süßkartoffeln und Haushühner

Ein multidisziplinäres Team untersuchte jüngst die Genome von Menschen von 17 verschiedenen polynesischen Inseln und verglich sie mit denen von 15 indigenen Gruppen an Südamerikas Küste. Dabei stießen die Forscher auf Beimischungen, die eindeutig den Zenu in Kolumbien sowie den Zapoteken und den Mixe in Südmexiko zuzuordnen sind. Die Länge der DNS-Abschnitte wiederum verriet, wie viele Generationen der Gen-Mix zurückliegt. Miterleben durfte Thor Heyerdahl das alles leider nicht mehr; er starb 2002 nach einem Leben v oller archäologischer Abenteuer.

»Fortschritt ist die Fähigkeit, die Einfachheit zu erschweren«

Thor Heyerdahl

Einzig die Frage nach der Richtung des Austauschs bleibt offen. Während manche Wissenschaftler vermuteten, dass die Südamerikaner den Osten Polynesiens sogar noch vor den Polynesiern aus dem Westen erreichten, bleiben die meisten Experten weiterhin davon überzeugt, dass die Südamerikaner Landratten waren.

Demnach waren es also die Polynesier, die bis nach Südamerika segelten, und auf der Rückreise Frauen und Süßkartoffeln importierten.

Fest steht nämlich auch, dass die Urahnen der Polynesier unheimlich reisefreudig waren. Dabei navigierten sie zum Beispiel mit Wolkenformationen, oder peilten ihre Ziele anhand der jahreszeitlichen Reihenfolge an, in der die Sterne aufgehen. Die Nähe zum Land zeigte sich durch tief hängende Wolken an; durch die Spiegelung einer Lagune am Himmel; Pflanzen, die ein Sturm in den Ozean spülte; den Flug bestimmter Vogelarten; oder auch eine Änderung im Muster der Wellen. Mündlichen Überlieferungen nach erinnern ihre Wasserwege an einen Oktopus, dessen Kopf auf die Insel Raiatea zentriert ist und dessen Tentakel sich über den Pazifik ausbreiten. Statt sich schrittweise von Insel zu Insel zu tasten, wagten sich die »Wasserfresser« mit Vorliebe ins Unbekannte – und teilen vermutlich das Schicksal der Wikinger: als verkannte Amerika-Entdecker.

Mit einem hatte Heyerdahl jedoch Recht. Laut Genetikern fand der früheste Kontakt zwischen Polynesiern und Südamerikanern schon 1150 n. Chr. statt. Und zwar durch die Urahnen von Fatu Hiva, auf der Heyerdahl seine Flitterwochen verbrachte.

LESETIPPS

Thor Heyerdahl: »Kon-Tiki. Ein Floß treibt über den Pazifik«. Ullstein 2019, € 11,–

Ragnar Kvam: »Heyerdahl. Auf dem Floß zum Forscherruhm«. Mare 2012, € 24,–