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Fluch der Moderne


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 41/2018 vom 05.10.2018

Parteien Die CSU durchlebt die schwierigste Zeit ihrer Geschichte. Wie konnte sie die absolute Mehrheit verspielen, obwohl es Bayern wirtschaftlich besser geht als je zuvor? Porträt einer verunsicherten Partei kurz vor der Landtagswahl.


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 41/2018

Hut eines Strauß-Verehrers im oberbayerischen Gaißach
»Gott sei Dank, dass er das nicht mehr erleben muss«


SEBASTIAN WIDMANN / IMAGO

Die Gruft von Franz Josef Strauß liegt am Ende des Friedhofs, im Schatten der Klosterkirche von Rott am Inn. Man muss ein paar Stufen hinabsteigen zu jenem Ort, über den der CSU-Politiker Peter Gauweiler sagt: »Dort ist unser Herz ...

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... begraben.«

Spinnweben durchziehen den dunklen Raum vor der Nische, in der die Leichname von Franz Josef und seiner Ehefrau Marianne eingemauert sind. In der Ecke steht ein Entfeuchtungsgerät, das aus den Tagen von Strauß’ Tod am 3. Oktober 1988 stammen könnte. Durchfegen müsste man auch mal wieder.

Ein paar Tage zuvor wäre »Dr. h. c. Franz Josef Strauß«, so die Inschrift im Beton, 103 Jahre alt geworden. Zwei Kränze mit Schlaufen liegen Anfang September auf dem Boden, einer von der »Landeshauptstadt München«, einer mit der Aufschrift »In Liebe, Deine Kinder«. Von der CSU oder der Staatskanzlei ist zum Geburtstag kein Kranz gekommen.

Ein älteres Ehepaar betritt die Gruft. Es kannte Strauß noch persönlich, der hier in der Klosterkirche geheiratet und eine Zeit in Rott gelebt hat. Die beiden stellen sich schweigend vor die Ruhestätte, den Kopf gesenkt, die Hände vor dem Schoß gefaltet. »Gott sei Dank, dass er all das nicht mehr erleben muss«, sagt der Mann, als sie die Gruft wieder verlassen haben.

Es sind schwere Zeiten für die CSU. Plötzlich ist denkbar, was zu Strauß’ Zeiten undenkbar war: ein Absturz weit unter 40 Prozent bei der Landtagswahl am 14. Oktober. Im aktuellen ARD-Bayerntrend ist die CSU gerade auf 33 Prozent gesunken. Für eine Partei, die jahrzehntelang wie selbstverständlich absolute Mehrheiten holte und sich nicht ohne Grund als Staatspartei verstand, sind 33 Prozent eine Katastrophe. Als würde der FC Bayern die Saison auf dem Relegationsplatz beenden, ach was: direkt absteigen.

Weil nichts mehr gilt, was ehemals sicher war, ist die Partei tief verunsichert. Verunsicherung äußert sich oft in Verhaltensauffälligkeiten – und davon waren zuletzt einige zu beobachten, vor allem bei Parteichef Horst Seehofer, der Drama-queen der CSU. Sie, die lange Allmächtigen, merken, wie ihnen die Kontrolle über das Volk entgleitet, wie etwas auseinanderdriftet. Aber es fehlt das Verständnis dafür, wie es so kommen konnte.

Eine Geschichte über die CSU im Jahr 2018 ist zwangsläufig eine tragische. Sie handelt vom Aufstieg zur stärksten und eigentümlichsten Volkspartei Deutschlands und von der Endlichkeit des Erfolgs. Die Ursachen für den Schwund sind zahlreich, und sie ragen weit über die Seltsamkeiten des Horst Seehofer hinaus.

Es geht um eine Partei, die ihr Land so hemmungslos verändert hat, dass es ihr selbst fremd wurde.

»Adelgundis, wo hab ich die Uhr vom Strauß?«, ruft Wilfried Scharnagl.

»Die müsste oben sein.«

»Dann hol sie doch mal bitte.«

Wenig später kommt Frau Scharnagl mit dem guten Stück ins Esszimmer und legt sie vor ihn auf den Tisch. Scharnagl, 79, blickt sie verzückt an, die Uhr.

24 Jahre lang war er Chefredakteur der Parteizeitung »Bayernkurier«, des Zentralorgans der CSU. Auf dem Tisch liegt die Kopie eines »Bild«-Artikels über Strauß und ihn von 1985. »Was ich denke, schreibt Scharnagl«, lautet die Schlagzeile. Ein Strauß-Zitat. Scharnagl nimmt die Uhr in die Hand, die Strauß so oft trug, eine silberne Omega, Modell Speedmaster Professional. Nach Strauß’ Tod bekam er sie von dessen Kindern zum Geburtstag geschenkt. Sie blieb stehen bei fünf vor halb sieben.

Scharnagl schießen Tränen in die Augen. »Ich muss da immer ankämpfen, dass es mich nicht zu sehr berührt. Es ist da eine tiefe Traurigkeit«, sagt er. »Ich muss mit Strauß immer noch fertig werden, mit dem Verlust, nach 30 Jahren.« Zusammen sind sie um die Welt gereist, haben als Vertreter Bayerns die Großen dieser Erde getroffen. Deng Xiaoping, der beim Treffen einen Spucknapf neben sich stehen hatte. »Der hatte eine Art zu spucken, dass sich der Napf gedreht hat.« Einmal im Jahr fuhren sie privat für ein paar Tage mit dem Geländewagen über die Alpen bis nach Südfrankreich. »Das war die verlorene Zeit, die wir gesucht haben.«

Strauß wird in Bayern auch deshalb bis heute verehrt, weil er die Industrialisierung eines armen Agrarstaates, in dem nach dem Krieg fast jeder Zweite in der Landwirtschaft arbeitete, wie kein Zweiter vorantrieb. So konnte aus dem ärmsten Bundesland die Nummer eins werden.

Im Scharnagls Esszimmer hängen Dutzende Kruzifixe in jeder Variante an der Wand. Hinter ihm sitzen zwei Puppen adrett gekleidet auf einem Stuhl. Es wirkt, als wäre die Zeit stehen geblieben.

»Die Entwicklung meiner Partei macht mich traurig«, sagt Scharnagl, er spricht leise und langsam. Es lief nicht gut für ihn in den vergangenen zwei Jahren. Knochenbrüche, ein Schlaganfall. »Die CSU ist ein großer Teil meines Lebens«, sagt er in seinem Stuhl. Er humpelt noch heute brav zu den Vorstandssitzungen.

Wenn er den Erfolg des Landes sehe, die offiziellen Zahlen, das Wachstum der Wirtschaft, die Arbeitslosenquote von 2,8 Prozent, wenn er sehe, wie schön und attraktiv Bayern sei, so attraktiv, dass alle dorthin ziehen wollten, dann könne er nicht glauben, dass seine geliebte CSU ausgerechnet jetzt in ihrer größten Krise stecke. »Das ist völlig absurd.«

Scharnagl hat vieles durchgestanden mit seiner Partei, die Spendenskandale, die Amigo-Affäre, die 43,4 Prozent bei der Landtagswahl 2008, das bislang schlechteste Ergebnis, das sie nach 40 Jahren Alleinherrschaft für kurze Zeit in eine Koalition mit der FDP zwang. »Aber ein Ergebnis mit einer Drei am Anfang? Das ist unvorstellbar.« Er schüttelt den Kopf.

»Wie kann es sein, dass die CSU bei dieser großartigen Lage nicht besser dasteht? Dass wir in Umfragen Resultate haben, die grotesk sind? Ich versteh’s nicht. Ich versteh die Menschen nicht.«

Wie viele in der Parteiführung hadert Scharnagl mit der Undankbarkeit der bayerischen Bürger. Und wie sie hadert er mit Angela Merkel, der viele die Hauptschuld an der Misere geben. Horst Seehofer habe recht mit seiner Aussage, dass die Migrationsfrage die Mutter aller Probleme sei. »Aber die Merkel begreift das nicht. Die wird das nie verstehen«, sagt Scharnagl. »Die Frau Merkel ist ein Unglück. Sie ist ein Unglück für die Union.«

Leider sei seine CSU »eine gefügige Partei « geworden. Sie traue sich nicht, den Bruch mit der Schwesterpartei zu riskieren. »Es muss mal krachen. Aber das tut’s nicht. Es ist grotesk, wie Merkel und Seehofer sich letzten Endes doch wieder zähneknirschend einigen.« Scharnagl wirkt ratlos. Niemand wisse, wie man aus dem aktuellen Dilemma rausfinde. Niemand.

Ortsverbandsvorsitzender Staudhammer: »Wir hatten immer über 80 Prozent«


Im Oberneukirchen ist die Welt der CSU noch intakt. Bei der Landtagswahl 2013 kam sie in dem 850-Einwohner-Ort auf 85,2 Prozent. »Da musst du selbst am Tag mit Licht fahren«, sagen die Leute. »Weil der Ort so tiefschwarz ist.«

Landwirt Rupert Staudhammer, ein Mann mit kräftigem Händedruck und braun gebrannter Haut von der Feldarbeit, leitet den CSU-Ortsverband seit fast 30 Jahren. In seinem Flur stehen riesige Kuhglocken, die an bunten Bändern hängen, Auszeichnungen für prächtige Rinder, die er gezüchtet hat. Seit 1828 firmiert der Hof unter dem Namen Staudhammer. »Ich bin schon der dritte Rupert.« Er wohnt hier mit seiner Frau, seiner Mutter, 70 Kühen und dem ältesten Sohn samt Familie.

»Wir hatten immer über 80 Prozent, bei jeder Wahl«, erzählt er. »Diesmal sind wir gut, wenn wir über 70 kriegen.« Schon bei der Bundestagswahl vor einem Jahr holte die AfD 15 Prozent in Oberneukirchen. »Davon 80 Prozent CSU-Wähler«, sagt Staudhammer, der jeden Dorfbewohner und dessen Wahlverhalten persönlich kennt. »Man muss aber auch sagen: Wir haben jetzt gar keine Flüchtlinge da bei uns. Keinen einzigen. Aber gut.«

Staudhammer steht auf und steigt ins Auto, er will sein Dorf zeigen, jenes Biotop, in dem die CSU all die Jahrzehnte so prächtig gedeihen konnte. Man habe sich bei der Siedlungspolitik für das »Einheimischenmodell « entschieden, sagt er hinter dem Steuer seines BMW. Wer in Oberneukirchen bauen will, muss aus der Gemeinde kommen oder in ihr arbeiten. »Da kommen automatisch weniger Fremde.« Einmal habe man das Modell im Gemeinderat kurz gelockert. »Da haben wir aber gleich auf die Finger gekriegt. Seither ist es wieder sehr strikt.« Das führe zu einem starken Gemeinschaftsgefühl. »Und die CSU ist irgendwie Teil von dem Ganzen.«

Staudhammer fährt nun am Haus der Freiwilligen Feuerwehr vorbei. »Unsere Jugendfeuerwehr ist in Husum gerade deutscher Meister geworden«, erzählt er. 80 Prozent der Dorfkinder seien Mitglied im Trachtenverein. Der Schützenverein sei auch stark besetzt. Die Vereine waren all die Jahrzehnte Vorfeldorganisationen der CSU. Für den Erfolg spielten sie eine ähnlich große Rolle wie die Kirche und das Wirtshaus. Und der Bayerische Rundfunk natürlich. Aber auf den ist auch kein Verlass mehr.

Staudhammers Wagen hält im Ortskern, zwischen Wirtshaus und Kirche. In Bayern besucht nur noch jeder zehnte Katholik regelmäßig den Gottesdienst. In Oberneukirchen mag die Quote etwas besser sein, aber auch hier bröckelt etwas. Wenn es schlecht läuft, haben sie bald nicht mal mehr ihren eigenen Pfarrer. »Kirche und Wirtshaus, das ist ja etwas, was sich gegenseitig bedingt«, sagt Staudhammer. Leider würden im Wirtshaus die Pächter immer häufiger wechseln, da fehle die Konstanz.

Früher habe der Wirt die Gemeinde-politik ebenso stark mitgeprägt wie der Pfarrer, sagt Staudhammer. »Aber heute gibt es ja ganz andere Kommunikationsmöglichkeiten. Da holen sich die Leute ihre Meinung aus dem Internet.« Und die Meinung im Internet ist, anders als die Meinung der Wirte, nicht zwingend pro CSU.

Ministerpräsident Markus Söder versprach im Wahlkampf ein Programm zur Förderung der Wirtshauskultur. »Weil ich nicht nur möchte, dass die Kirche, sondern auch das Wirtshaus im Dorf bleibt.« Es ist verständlich, dass die CSU Institutionen wiederbeleben will, denen sie so viel verdankt. Wie sie es tut, hat etwas Verzweifeltes. Im Frühjahr ordnete die Staatsregierung an, dass in allen Amtsstuben Kreuze hängen müssen. Wie in den Fünfzigern.

Die Forschungsgruppe Wahlen hat vor Kurzem in einer Umfrage für die CSUnahe Hanns-Seidel-Stiftung die gesellschaftspolitischen Einstellungen der Bayern gemessen: Integration von Ausländern, Energiewende, Ganztagsbetreuung, Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben. Bei keinem Thema gab es eine Mehrheit für traditionelle Positionen.

Der Wertewandel in der Gesellschaft schreitet auch in Bayern voran, die Säkularisierung, die Individualisierung, die Egozentrik und Ausdifferenzierung. Die bayerische Bevölkerung denkt heute viel moderner und ist somit viel gesamtdeutscher, als die CSU es wahrhaben will.

Gut 8 Millionen Einwohner hatte Bayern, als sie 1945 erstmals den Ministerpräsidenten stellte. 13 Millionen sind es heute. Aus der ganzen Republik sind Menschen nach Bayern gekommen, angezogen vom Versprechen auf Arbeit und Wohlstand, nicht aus Liebe zur CSU. Die Partei wird so von ihren eigenen Erfolgen eingeholt.

Die Bedingungen seien schwieriger geworden, sagt Markus Söder beim Gespräch über die Entwicklung seiner Partei. »Der wirtschaftliche Erfolg hat viele angezogen, die mit dem Bayernmythos noch nicht so vertraut sind.« Er erinnert an die alte CSU-Landesleitung in der Nymphenburger Straße. Die stand in einem gutbürgerlichen Münchner Viertel. Gegenüber wurde »Kir Royal« mit der Urmünchner Figur Baby Schimmerlos gedreht. Die heutige Landesleitung liege in der Mies-vander-Rohe-Straße. Da gehe es schon mal mit dem Namen los. Klar, international angesehener Baumeister, alles wunderbar. Aber: »Das gesamte Viertel dort ist kosmopolitisch. Hier arbeiten Mitarbeiter großer Weltfirmen. Das sind Leute, die haben in Berlin, in London oder den USA gearbeitet. Das Verständnis für die Besonderheiten Bayerns, das Bayern-Gen, ist da nicht so selbstverständlich.«

Ganz Europa habe sich verändert, sagt Söder. Bayern könne sich nicht von internationalen Trends loskoppeln. Auch zu Strauß’ Zeiten habe die CSU selten mehr als zehn Prozent über dem Bundesdurchschnitt der Union gelegen. »Nennen Sie mir ein Land in Europa, das die Stabilität von Bayern hat.«

Er zählt alle Faktoren auf, die nichts mit ihm, dem Spitzenkandidaten, zu tun haben. Jetzt ist die Digitalisierung an der Reihe. Die physische Präsenz der CSU, der analoge Teil, sei intakt. Nach wie vor. Der Unterschied sei, dass es heute zudem einen digitalen Teil gebe. »Die Digita-lisierung führt natürlich auch zu einer Veränderung der Demokratie. Es bilden sich Echokammern und Filterblasen, die sich gegenseitig in Fake News bestätigen, emotional und auf Dauer immer radikaler werden.«

Anders als die analoge Welt lässt sich die digitale weniger effektiv lenken. Es ist ein Kontrollverlust, der seiner Partei schwer zu schaffen macht. So gesehen ist die CSU eine Digitalisierungsverliererin.

»Leider gibt es auch aufgrund der Digitalisierung zuweilen eine Wahrnehmungsverzerrung «, ergänzt Söder. »Es ist paradox, dass es uns zum einen objektiv so gut wie nie geht und wir subjektiv so gespalten wie nie sind. Da muss es einen Anker geben, der Richtung und Kompass ist. Das muss der Ministerpräsident sein.« Sein Ziel sei es, unter all den schwierigen Bedingungen das Beste für die CSU herauszuholen.

Ehrenvorsitzender Stoiber
Mehr Laptop als Lederhose


An einem sonnigen Vormittag im September hat die CSU zum Sonntagsstammtisch auf die Ebersberger Alm geladen. Vor der Gaststätte hat jemand ihre drei kräftigen blauen Buchstaben auf eine saftige Wiese gestellt. Es wirkt so harmonisch, als gehörte beides zusammen, als hätte nicht der Herrgott, sondern die CSU diese wunderbare Natur erschaffen.

Manchmal gelingt sie noch, die Inszenierung der Symbiose von Land und Partei, von schönen Bergen und weniger schönen Amtsträgern. »Oberbayern ist schön, Bayern ist schön«, ruft Söder den Stammtischbesuchern zu. »Es gibt kein schöneres Land auf der Welt.« Wie unironisch er das sagt, hat etwas Faszinierendes.

Der Saal der Gaststätte ist rappelvoll, viele Dirndl, viele Trachtenjanker. Aber auf den Tischen stehen mehr Kaffeetassen und Wassergläser als Bierhumpen. Das hätte es so früher auch nicht gegeben.

Söder spricht von den »großen Persönlichkeiten « an der Spitze des Freistaats: von Strauß, Stoiber und natürlich von sich selbst. Dieses CSU-Gen sei offenbar weitergegeben worden, erklärt er: »Wie bei Coca-Cola, da gibt’s so ’ne Geheimformel, die kennen nur die Chefs. So ein CSUGen. « Der Name Seehofer fällt nicht.

Als später Fragen gestellt werden dürfen, treiben die Gäste nicht die Gene ihrer Ministerpräsidenten um. Ein Mann mit Trachtenhut erhebt sich. »Wir haben gestern einen Stammtisch gehabt, und da hat der Alois eine Idee zu der Wohnungsnot gehabt«, sagt er. »Die wor gar ned schlecht.« Die Wohnungsnot liege ja vor allem am Zuzug der großen Firmen, die ihre Leute mitbrächten, weshalb dann, logisch, die Preise stiegen. »Wenn da jetzt eine große Firma kommt und 1000 Leute anstellt, dann sollen die mindestens für 500 Leute Wohnungen bauen müssen. Also i find die Idee gar ned schlecht.« Der Mann erntet donnernden Applaus. Eine befriedigende Antwort bekommt er nicht.

Als Nächstes steht eine Mutter von zwei Kindern auf. Sie will von Söder wissen, wie er die Kinderbetreuung verbessern will. »In der Grundschule hört der Unterricht oft schon um 11.30 Uhr auf. Und da ist es für Eltern wirklich schwierig.«

In Bayern können sich viele Polizisten, Krankenschwestern oder Straßenbahnfahrer nicht mehr leisten, in jener Stadt zu wohnen, in der ohne sie alles zusammenbräche. Nicht nur in München, auch in Bamberg, Nürnberg oder Erlangen.

Ein solches Bayern ist nicht über Nacht entstanden, es ist auch das Ergebnis von Politik oder besser: von unterlassener Politik. »Das wäre Franz Josef Strauß niemals passiert«, sagt Peter Siebenmorgen, Verfasser der umfassendsten und kenntnisreichsten Strauß-Biografie. »Er hätte spätestens vor zehn Jahren ein gigantisches Wohnungsbauprogramm gestartet.«

Seit Jahren behauptet die CSU auch, sich um die digitale Infrastruktur zu kümmern. Sie führt das zuständige Bundes-verkehrsministerium in Berlin. Aber die Funklöcher in Bayern sind dennoch gewaltig.

Zwei große Leitsätze, zwei große Versprechen habe es in der Geschichte der CSU gegeben, sagt Siebenmorgen. »Konservativ heißt, auf der Seite des Fortschritts zu marschieren.« Das war Strauß’ Credo. »Laptop und Lederhose« hieß der Slogan, den Edmund Stoiber gern zitierte. Der ist nun 20 Jahre alt. Seither wartet Bayern auf einen neuen beherzten Politikentwurf, von dem alle Bürger profitieren.

Als der Stammtisch in Ebersberg beendet ist, schreitet Edmund Stoiber, sein Wasserglas balancierend, über die Terrasse des Ausflugslokals. Er trägt ein weiß-blau kariertes Hemd und Trachtenjanker, aber er passt noch immer besser zum Laptop als zur Lederhose. Die Gäste verneigen sich vor ihm. »Grüß Gott, Herr Ministerpräsident. « Wie kein zweiter Lebender verkörpert der Ehrenvorsitzende Stoiber die einstige Größe und Allmacht der CSU.

Er bestellt einen Räucherfischteller auf Salat. »Ach, und ein Wasser hätt ich gern.« Dann bemerkt er, dass er schon eins in der Hand hält. »Ach ne, ich hab ja schon eins.«

Er müsse mal eine Anekdote erzählen, sagt Stoiber. Die erkläre letztlich die ganze Kraft der CSU. Er erzählt von den Koali-tionsgesprächen im Jahr 1983, als CDU, CSU und FDP über die neue Regierung verhandelten und er Strauß nach Bonn begleiten durfte. Strauß habe gleich zu Beginn erst mal allerhand Sonderforderungen aufgetischt, Projekte, die speziell für Bayern gedacht waren. Irgendwann habe der CDU-Ministerpräsident Ernst Albrecht auf den Tisch gehauen: Das könne ja wohl nicht sein, dass hier ein Bundesland lauter Extrawürste einfordere. Er hätte da für Niedersachsen auch manche Sonderwünsche. »Tja, Herr Albrecht«, entgegnete Strauß trocken. »Dann müssen Sie eben auch eine eigene Partei gründen.«

Stoiber ist heute noch begeistert, wenn er die Geschichte erzählt. Er lacht laut auf. »Genau das ist es! Das ist der Unterschied. Die Eigenständigkeit!«

Ohne sie wäre die CSU tatsächlich nie geworden, was sie ist. Sie erlaubte ihr, in Bonn oder Berlin immer wieder Politik für Bayern durchzusetzen, darunter die unselige Pkw-Maut, auch wenn der Rest der Republik kein Interesse daran hatte. Erst in dieser Woche erreichte die CSU im Koalitionsausschuss, dass Ferkel bei der Kastration weiter nicht betäubt werden müssen. So wünschten es die bayerischen Ferkelzüchter. Es gibt nur eine Partei in Deutschland, die rücksichtslos Regionalinteressen in der Bundesregierung durchdrücken kann.

Stoibers Stimme wird nun leise, fast geheimnisvoll, er hat den Kopf weit über die Räucherfische gebeugt: »Die Kirche steht bei uns in München«, raunt er. »Also die Zentrale. Nicht in Berlin. Wir beschließen hier.« Es sei ein historischer Glücksfall, dass die CSU schon 1945 gegründet wurde, die CDU erst später. Damit sei ihr die Eigenständigkeit nicht mehr zu nehmen gewesen, trotz aller Versuche von Konrad Adenauer bis Heiner Geißler.

»Es ist ein struktureller Vorteil, den man nutzen kann, ohne sonderlich intelligent sein zu müssen«, sagt der Passauer Politologe Heinrich Oberreuter, selbst seit 50 Jahren CSU-Mitglied und intimer Kenner der Partei. »Aber man kann dieses Erfolgsprinzip auch versauen, wenn die Qualität des politischen Personals weiter abnimmt.«

Strauß und Stoiber wussten diese Sonderrolle noch zu nutzen. Nachdem Strauß die Industrie nach Bayern geholt hatte, holte Stoiber die Hochtechnologie. Gegen Ende seiner Amtszeit verfiel Stoiber einem regelrechten Spar- und Modernisierungswahn und verlor das Gespür für die Stimmung im Lande. So oder so hatte dieses Wachstum seinen Preis.

Ex-Mitglied Kremmling
»Ich vermisse das geliebte C«


An diesem Sonntag will der CSU-Ortsverband Unterschleißheim seinen 70. Geburtstag feiern. Alle sind gekommen, mit denen die CSU solche Jubiläen traditionell feiert. Der Heimat- und Trachtenverein »Die Würmbachtaler e.V.«. Der Schützenverein »Eichenlaub«. Die Katholischen Arbeitnehmervertreter. Der Männergesangverein Lohhof. Die Freiwillige Feuerwehr. Die Schützenkompanie Unterschleißheim.

Die Stadt Unterschleißheim liegt im Norden Münchens, im sogenannten Speckgürtel, wo es wirtschaftlich derart brummt, dass die Stadt ein riesiges Gewerbegebiet umgibt. Die Feier findet im neu errichteten Ballhausforum statt, das Teil des Infinity Hotel & Conference Resort Munich ist. Daneben stehen ein McDrive, eine Allianz-Niederlassung und ein Sportzentrum. Auf der langen, betonierten Auffahrt des Konferenzzentrums feuern die Schützen in ihren Trachten zur Begrüßung drei Salven in die Gewerbegebietsluft. Die Stadtkapelle spielt einen zünftigen Marsch. Sie geben sich alle Mühe, einen Hauch von Heimatgefühl in diese seelenlose Moderne zu blasen, aber es wirkt, als hätte sich der Alm-Öhi in einen MediaMarkt verirrt.

Im Innern der neuen, meterhohen Veranstaltungshalle verlieren sich die Gäste an den langen Tischreihen. Der Raum ist viel zu groß. Es erklingt kein Prosit der Gemütlichkeit, sondern das Rauschen der Klimaanlage. Obwohl es draußen warm ist, frieren die Leute.

Der Ortsverbandsvorsitzende kommt bei seiner Ansprache gleich auf die neue Halle zu sprechen. »Das Ballhausforum würde es ohne die CSU Unterschleißheim nicht geben. Deshalb ist es passend, dass wir unsere 70-Jahr-Feier in diesem Ballhausforum begehen.« Da sitzen sie nun einsam und fröstelnd. Immerhin wird alles per Livestream übertragen.

Der Abend ist ein Sinnbild für die Lage der CSU. Sie hat das Land vielerorts auf den neuesten Stand der Technik gebracht und die Globalisierung mit offenen Armen begrüßt. Aber es ist zudem etwas kühler und unpersönlicher geworden. Auch da wurde sie Opfer ihres eigenen Erfolgs.

Auf der Terrasse von Uli Hoeneß ist das Idyll noch intakt. In der Ferne glitzern die Alpen, unten liegt der Tegernsee, auf dem an diesem sonnigen Septembertag noch einmal die Segelboote spazieren gefahren werden. Hinter dem Gartenzaun läuten die Glocken glücklich grasender Kühe.

Hund Ben hat sich unter den Holztisch gelegt. Hoeneß hat Butterbrezen vorbereitet. Er selbst ist nicht Mitglied der CSU, aber er gehört zu jenem bayerischen Kosmos aus Politik, Wirtschaft und Partei, in dem alle irgendwie zusammenhalten und von gemeinsamen Interessen zusammengehalten werden.

Über eines müsse man sich im Klaren sein, sagt Hoeneß: »Wenn die CSU ein schwaches Ergebnis kriegt, wird es Bayern nicht mehr so gut gehen wie heute.« Seine Fingerkuppe tackert auf die Tischplatte, wie um den Satz festzunageln.

Hoeneß ist in brennender Sorge über die politischen Entwicklungen. Wenn er den Fernseher anmache und Reden wie neulich in Chemnitz höre, »da hast du das Gefühl: Du bist wieder bei 1933«. Wenn ihn seine »Steuergeschichte« nicht lähmen würde, hätte er schon längst die Stimme erhoben. Sein Fax quillt über mit Anfragen von Talkshows

Es gebe ja viele Parallelen zwischen der CSU und dem FC Bayern, sagt Hoeneß. Beides seien Erfolgsgeschichten. Beide seien von starken Persönlichkeiten geführt worden. Aber dann kommt er auf die Unterschiede zu sprechen. »Wenn wir in der Führung des FC Bayern Meinungsverschiedenheiten haben, dann bleibt das unter der Decke. Wir streiten uns manchmal, dass die Wände wackeln. Aber wenn wir aus der Tür rauskommen, ist alles einig und friedlich.« Horst Seehofer und Markus Söder dagegen lieferten sich lange eine Schlammschlacht, ehe Seehofer Söder unter bis heute sichtbaren Schmerzen das Amt des Ministerpräsidenten überließ.

»Der Gegner in meinem Bett, das ist der gefährlichste«, sagt Hoeneß. Man müsse nachts in Ruhe schlafen können, ohne zu fürchten, eine drübergebraten zu bekommen. Ihr Generationenkonflikt habe die CSU zu viel Kraft gekostet. Je länger er redet, desto klarer wird, dass er Seehofers Verhalten nicht mehr verstehen kann. Eigentlich, sagt Hoeneß, habe es die CSU leicht. »Es ist eine Schande, wie sie diesen Traum von einem Land so wenig vermarkten. Sie haben es nicht geschafft, das, was sie gut machen, gut zu verkaufen.«

Neulich war Hoeneß bei einer Podiumsdiskussion. Dort erklärte ein Mann, dass er vor Kurzem aus der CSU ausgetreten sei. Aber der Partei sei das egal gewesen. Hoeneß war fassungslos. »Wenn bei mir jemand austritt, rufe ich da an und versuche, ihn zu retten«, sagte er auf dem Podium.

AfD-Kandidatin Ebner-Steiner: »Horst Seehofer macht Wahlwerbung für uns«


Reinhard Kremmling, der Mann, den Hoeneß gern gerettet hätte, hat einen großen weißen Ordner mit der Aufschrift »CSU-Ortsverband« auf den Gartentisch gelegt, gleich neben die Schüssel mit den Weißwürsten. Fast zehn Jahre lang hat er den Ortsverband in der 1300-Einwohner-Gemeinde Görisried im Allgäu geleitet. Sein Ordner erzählt seine Geschichte mit der CSU, die Geschichte einer Entfremdung.

Kremmling, 65, ist ein freundlicher Herr mit Kuhfell-Clogs an den Füßen. Seine Frau und er betreiben im Nachbardorf einen Friseursalon. In der Freizeit organisiert er Friedensgebete, seine Frau sitzt im Vorstand der Kirchengemeinde.

Als er im Juni austrat, taten es ihm mehrere Vorsitzende aus den Nachbargemeinden gleich. Kremmling zieht das Antwortschreiben der Partei vom 3. Juli aus seinem Ordner, das letzte Dokument: »Wir erhielten die Nachricht, dass Sie aus der CSU ausgetreten sind. Wir haben Ihren Austritt vollzogen und bestätigen dies hiermit.«

»Jeder Kaninchenzüchterverein würde nicht so eiskalt reagieren«, sagt Kremmling. Sein Ablösungsprozess begann, als Horst Seehofer Kanzlerin Merkel auf der Bühne des CSU-Parteitags im Herbst 2015 öffentlich die Leviten las. Mehrfach schrieb Kremmling an den CSU-Chef, immer wieder warnte er, dass der Rechtsruck infolge der Flüchtlingskrise der Partei schade. Er kritisierte die Forderung nach einer »Obergrenze« und die Radikalisierung der Sprache. »Ich vermisse dieses C, das geliebte C«, sagt Kremmling, der gläubige Christ, über seine frühere Partei. »Das C ist zur Worthülse geworden.« Eine Antwort von Seehofer bekam er nie.

Seit seinem Austritt fühlt sich Kremmling wie ein Geächteter im Dorf. »Wenn du austrittst, musst du aufpassen, dass sie dich nicht teeren und federn.« Manche täten jetzt so, als würden sie ihn auf der Straße nicht erkennen. Seine Frau und er merken auch, dass weniger Kunden in ihren Friseursalon kommen.

Neulich hat Kremmling Katharina Schulze geschrieben, der Vorsitzenden der bayerischen Grünen. Er empfinde es als wohltuend, wie sie in der aufgekratzten Lage so offen und sympathisch bleibe. Schulze antwortete gleich. Auch das gefiel ihm.

Reinhard Kremmling ist nicht der einzige liberale Christ, dem die Grünen eine neue Heimat bieten. Die CSU kämpft heute einen Kampf an zwei Fronten, links wie rechts, zu beiden Seiten bröckelt ihr Fundament. Sie verliert Menschen wie Kremmling an die Grünen und viele andere an die AfD.

Viele CSUler sehnen sich längst nach der guten alten SPD als Gegner zurück. Die kam zwar selten über 30 Prozent, gab aber das gewünschte Feindbild ab, um die eigenen Anhänger zu mobilisieren. Im Umgang mit der SPD war man erfahren, sie spielte immer brav nach den alten politischen Regeln. Mit der AfD hat man es nun mit einem Gegner zu tun, der auf Guerillataktik setzt. Damit hat die CSU keine Erfahrung.

Die Deggendorfer AfDKandidatin Katrin Ebner-Steiner bestreitet ihren Wahlkampf mit vier freiwilligen Helfern. Zwei begleiten sie zum Infostand, zwei hängen Plakate auf. 63 Mitglieder hat die AfD in Deggendorf. Die Bayern-AfD beschäftigt eine Vollzeit- und eine Halbtagskraft, für den Wahlkampf hat sie das Personal vorübergehend verdoppelt.

Es ist ein ungleicher Kampf. Hier die Staatspartei mit ihren 140 000 Mitgliedern, die fast drei Viertel aller Landräte stellt und überall bestens vernetzt ist. Dort die AfD, die im Grunde nur eine gewitzte Werbeagentur zu bieten hat, deren Plakate genau auf die Achillesferse des Gegners zielen: »Wir halten, was die CSU verspricht«, heißt es da. Oder: »Wo CSU draufsteht, ist Merkel drin«. »Funktioniert beides sehr gut«, sagt Ebner-Steiner.

Es gebe ja leider kaum noch bayerische Lokale, hatte sie vor dem Treffen gesagt. Sie schlug dann das Gasthaus Zur Knödelwerferin am Deggendorfer Stadtplatz vor. Dort bestellt sie Zwetschgenröster mit ordentlich Sahne. Sie lacht viel an diesem Nachmittag, es könnte kaum besser laufen. Schon bei der Bundestagswahl hatte die AfD in Deggendorf und im angrenzenden Bayerischen Wald rund 20 Prozent geholt. Jetzt sind die Prognosen noch besser. »Das ist schon peinlich für die CSU«, sagt Ebner-Steiner.

Es sei nicht nur die Flüchtlingspolitik, die die Leute zur AfD treibe, sagt sie und spricht dann über die großen und kleinen Skandale örtlicher CSU-Politiker: dass der Landtagsabgeordnete seine Frau mal auf Staatskosten im Büro angestellt habe. Dass die Firma eines lokalen CSU-Politikers, ein Bauunternehmer, den Zuschlag für den Bau einer Flüchtlingsunterkunft bekommen habe. Sie lacht. »So ist das bei uns. Alle dürfen ihren Zaun nur 1,50 Meter hoch ziehen. Aber wenn du in der CSU bist, darf er gern zwei Meter hoch sein.«

Schon zu Strauß’ Zeiten habe sich die CSU zu einem »Dividendenverein« entwickelt, sagt dessen Biograf Siebenmorgen. Die verschiedensten Leute hätten sich unter ihrem Dach versammelt, weil sie sich davon einen persönlichen Profit erhofften. Einen Bauauftrag der öffentlichen Hand habe man anders kaum bekommen. Die Mauschelei sei immer die Schattenseite ihres Erfolgs gewesen.

Die CSU habe überall ihre Spitzel, sagt Ebner-Steiner. Sie kenne Bedienstete der Stadt Deggendorf, die nicht an ihrem AfDStand stehen bleiben dürften. »Für diese Leute ist es wie ein Befreiungsschlag, wenn sie jetzt heimlich AfD wählen können. Die sagen: Jetzt muss mal Schluss sein mit den Amigos und der sozialen Kontrolle. « Dieses Empfinden habe sich über Jahre angestaut. Das Fass zum Überlaufen gebracht habe dann die Flüchtlingspolitik.

Auch da, sagt Ebner-Steiner, verstehe sie die CSU nicht. »Man kann die AfD so leicht bekämpfen, aber sie tun es einfach nicht.« Vor allem Horst Seehofer mache alles falsch. »Der ist für uns wie ein Pressesprecher. Der macht Wahlwerbung für uns.« Sein Satz, die Migrationsfrage ist die Mutter aller Probleme, sei großartig für die AfD. »Er hebt das Thema immer wieder hoch. Und jeder weiß, dass die AfD dieses Thema dominiert. Ich versteh nicht, dass die das nicht kapieren.«

Parteiurgestein Gauweiler
»Alle Ziele sind erreicht«


DIETER MAYR

Die CSU ist nicht allein mit ihrer Wehmut nach der Vergangenheit, nach der stolzen alten Zeit. Fast alle Volksparteien müssen um ihren Status kämpfen, in Deutschland wie in Europa. Bei der CSU fällt der Schwund nur stärker auf, weil sie alles jenseits der absoluten Mehrheit als unter ihrer Würde empfindet. Ergebnisse von 50 Prozent sind im Zeitalter der gesellschaft-lichen Differenzierung und der Aufsplitterung der Parteienlandschaft aber wohl endgültig zur Illusion geworden.

Dennoch hat die Partei viel zu ihrer Krise beigetragen. All die Jahre war es ihr gelungen, sich selbst zu erneuern. Sie brauchte nicht die Wähler, die sie zum Nachdenken in die Opposition schickten. Ihr Gespür war wach genug, um sich rechtzeitig selbst zu hinterfragen, getreu dem Motto des Kabarettisten Gerhard Polt: »Wir brauchen keine Opposition, weil wir sind schon Demokraten. « Dieses Gespür ist der Führung zuletzt abhandengekommen.

Am schwersten aber wiegt ein Paradoxon: Während die CSU fröhlich das Land modernisierte, versäumte sie es, sich selbst zu modernisieren. Seit Jahren reproduziert sie den gleichen Typus an der Spitze; männlich, rabaukig, mehr oder weniger gerissen. Für Frauen oder Migranten ist bis heute kaum Platz.

Beim Parteitag vor drei Wochen muss irgendjemandem aufgefallen sein, dass alle wichtigen Reden von Männern gehalten werden: Generalsekretär, Parteichef, Ministerpräsident. Man schob dann noch eine Diskussionsrunde zwischen die Reden, an der gleich sechs Frauen teilnehmen durften: Sie sprachen kurz über Hebammen, Sterbebegleitung, Pflege, Familiengeld. Damit war auch das erledigt.

Letztlich habe man die große Zäsur von 1989/90 noch nicht richtig verarbeitet, sagt Peter Gauweiler, während er auf dem Sofa seiner Münchner Kanzlei an einem Zigarillo zieht. Gerade die CSU leide heute unter einer Erfolgsdepression. »Alle Ziele sind erreicht: Moskau erledigt, der Kommunismus besiegt, Bayern die Nummer eins in Deutschland. Mehr gewinnen kannst du ja gar nicht.«

Jetzt befinde man sich eben in einer Übergangsphase. Die CSU müsse sich neu erfinden, sie brauche eine Neubegründung, sagt Gauweiler. »Aber das sind quälende Prozesse, bis aus der Verpuppung wieder ein Schmetterling wird.«