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FLUCHT AUS KABUL


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Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 25.04.2022

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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 5/2022

Immer, wenn ich meine Augen aufschlug, begegnete ich dem Blick meiner Mutter. Mein Vater, mein Bruder und meine kleine Schwester lagen schlafend auf dem Fußboden in meiner dunklen Wohnung am Westrand von Kabul.

Sie hatten gerade noch fliehen können, bevor die Taliban ihr Haus in Herat im Westen Afghanistans plünderten. Jetzt würden wir einen letzten staubigen Sonnenaufgang zusammen erleben. Denn noch hatten die Taliban nicht an meine Tür geklopft, doch wir wussten alle, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis das passieren würde.

Ich war 27 Jahre alt und eine „schlechte Muslimin“: eine gebildete, unverheiratete Frau, die zu viele Fragen stellte und nur selten ein Kopftuch trug. Ich arbeitete als Journalistin, gehörte der Volksgruppe der schiitischen Hazara an und war die Tochter eines Soldaten der afghanischen Nationalarmee. Ein von der neuen Macht berauschter Talibankämpfer, der meine ...

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... Stimme zum Schweigen brächte, käme auf der goldenen Himmelsleiter weit nach oben.

In meinen Träumen hatte ich versucht zu kämpfen, wegzulaufen. Ich hatte mir einen Weg durch Chaos und Rauch gebahnt, wurde von der Menge im verzweifelten Ansturm auf den Flughafen erdrückt. Hände griffen nach mir. Frauen schrien. Schüsse hämmerten.

„Fatema, was ist los?“, fragte meine Mutter, als ich hochschreckte. Sie hatte in der Nacht kein Auge zugetan, hatte über mich gewacht. „Nur ein Albtraum“, murmelte ich.

Es wurde Zeit. Ich musste raus aus Kabul.

15. August 2021

Der Tag, an dem Kabul fiel

Dass eine Zivilisation an einem einzigen Nachmittag um mehrere Jahrzehnte zurückgeworfen wird, das Leben, das einem vertraut ist, vor Mittag aufhört zu existieren, scheint unmöglich. Und doch war es so.

Am Sonntagmorgen standen die Taliban am Rand von Kabul. Ich kaufte mir in der Bäckerei ein warmes „Sie ist am Osttor. Taliban überall, sie lassen sie nicht durch. Sie kann nicht sprechen und die Verbindung ist schlecht.“

AUS: USA TODAY (30. SEPTEMBER 2021); © 2021 USA TODAY NETWORK

Alex Cornell Du Houx „Fatema, bleib bitte da, wo du gerade bist. Wir versuchen einen Platz im Flugzeug zu bekommen.“

Fatema Hosseini „Sie schießen scharf!“

Fladenbrot und wollte noch Geld abheben, weil es Befürchtungen gab, die Banken könnten schließen. Der Automat war defekt, darum ging ich direkt ins Büro. Ich trug wie üblich Jeans, darüber ein Kleid, einen Schal und Turnschuhe.

In den Straßen wimmelte es von Menschen. Hunderte Verkäufer boten über Lautsprecher Gemüse und Obst an: „Äpfel! Melonen! Mangos!“

Ich bahnte mir einen Weg zwischen ihren Karren, zwischen Frauen in bunten Kleidern. Kabul muss eine der lautesten Städte der Welt sein.

Ich kam an meinem Lieblingsrestaurant Taj Begum vorbei, das den Namen einer afghanischen Kriegerprinzessin trägt. Die Besitzerin ist die kämpferischste Frau der Stadt.

Auf ihren Fahrten durch die Straßen schreit sie ständig die anderen Fahrer an, alles Männer.

Im Büro von Kabul Now, der englischsprachigen Abteilung der Nach-richtenagentur Etilaat-e-Roz, für die ich arbeite, standen die Telefone wegen der vorrückenden Taliban nicht still. Meine Mutter rief mich weinend an: „Zieh dein langes Kleid an. Die Taliban sind überall.“

„Mama, beruhige dich. Mein Kleid ist lang genug.“

Es ging das Gerücht um, Präsident Aschraf Ghani habe das Land verlassen. Bald war nicht mehr an konzentriertes Arbeiten zu denken. Männer, die morgens in Anzügen zur Arbeit erschienen waren, kamen später in Perahan Tunban wieder, den traditionellen langen Hemden und Pluderhosen. Inzwischen waren die Taliban im Präsidentenpalast, aber das wussten wir nicht.

Am frühen Nachmittag beschloss ich, nach Hause zu gehen. Doch ein Kollege sagte mir, ohne männliche Begleitung könne ich nicht vor die Tür. Da erst begriff ich, dass es sehr ernst war.

Für den größten Teil des Weges nahm ich ein Taxi. Die Läden, in denen es am Morgen noch geschäftig zuging, waren geschlossen und die Straßen fast leer. Die Besitzerin des Taj Begum hatte die Tür verriegelt.

ICH WURDE JOURNALISTIN, RECHERCHIERTE ÜBER KORRUPTION UND GAB FRAUEN EINE STIMME

Ein Lastwagen mit Taliban raste vorbei. Die letzten Minuten ging ich zu Fuß. Die wenigen Männer, die mir begegneten, starrten mir lange nach.

Zu Hause nahm ich meine Mutter in den Arm. Ganz langsam sagte sie: „Dein Kleid ist doch zu kurz.“

An der Wand hingen Fotos, die mich in den Augen der Taliban als Ungläubige auswiesen: meine Freundinnen und ich bei ganz normalen Dingen. Wir aßen Eis, lachten, trugen lustige Brillen. Ich mit offenen Haaren. Meine Lippen leuchteten in einem fröhlichen Kirschton.

Die Taliban wollen mein Gesicht nicht sehen. Sie wollen mich nicht mit Freundinnen von der unabhängigen Universität für Frauen in Dhaka, Bangladesch, sehen, wo ich ein Semester lang studiert hatte. Meine Bildung und meine Arbeit sind eine Bedrohung für ihre Ideologie. Eine sichtbare Haarsträhne ist in ihren Augen eine Beleidigung Gottes.

Die Hazara gehören zu den am stärksten unterdrückten Ethnien in Afghanistan und den fortschrittlichsten, was die Rechte und Bildung von Frauen angeht. Bevor mein Vater der Armee beitrat, bewachte er eine Bibliothek voller Bücher, die er nicht lesen konnte. Meine Mutter liebte die Schule, konnte nach ihrer Heirat aber nicht auf eine höhere Schule gehen.

Meine Eltern nahmen einen Kredit auf, um mich auf die internationale Schule Afghan Turk zu schicken. Hier lernte ich Farsi, Englisch, ein bisschen Arabisch, Türkisch und Paschtunisch.

Unsere Verwandten reagierten mit Unverständnis: „Sie ist doch nur ein Mädchen. Wozu in ihre Bildung investieren – das wird ihr eh nichts nützen.“

Aber ich wurde Journalistin, recherchierte über Korruption und gab Frauen eine Stimme. Und jetzt nahm ich meine Fotos von der Wand, und auch diesen Songtext: „Niemand kann sagen, was aus uns wird, warum also schreiben wir die Sterne nicht neu?

Vielleicht gehört die Welt dann uns.“

Ich ließ alles in einen Eimer fallen, zündete ein Streichholz an und warf es hinein. Der Raum füllte sich mit Rauch.

Kim Hjelmgaard, der 44-jährige Auslandskorrespondent von „USA Today“ in London, machte sich Sorgen um Fatema Hosseini, die neben ihrer Arbeit bei Etilaat-e-Roz auch als freie Journalistin für die US-amerikanische Zeitung schrieb.

Hosseini hatte nie unter der Herrschaft der Taliban gelebt. Als sie 3 Monate alt war, flüchtete ihre Familie in den Iran, um der Verfolgung der Hazara und der menschenverachtenden Behandlung von Frauen zu entgehen. Mit zehn kehrte sie zurück, nachdem die Taliban durch die US-Invasion von 2001 vertrieben worden waren.

Hjelmgaard wusste, dass Fatema Hosseini später Talibankämpfer interviewt und über das Leben während derer Herrschaft berichtet hatte, als Frauen und Mädchen vom öffentlichen Leben und von der Bildung ausgeschlossen waren. Als sie öffentlich ausgepeitscht wurden, wenn sie ohne männliche Begleitung das Haus verließen, sich die Nägel lackierten oder Popmusik hörten.

Allein ihre Hashtags auf Twitter waren ein sicheres Todesurteil: #TalibanGoToHell, #TalibanTerror, #TalibanNeverChange, #FreeAfghanistan, #TalibanGehtZurHölle, #TalibanTerror oder #FreiesAfghanistan.

Hjelmgaard kontaktierte Hosseini am 15. August, kurz vor Mittag Londoner Zeit. „Ich hoffe, es geht dir gut“, schrieb er per WhatsApp. „Sag mir, wie ich helfen kann.“

Hosseini mailte ihm ihre Reisepassdaten und eine Kopie des Visums-antrags, den sie an das US-amerikanische Außenministerium geschickt hatte. Der einzig sichere Weg, Kabul zu verlassen, führte über den Internationalen Flughafen Hamid Karzai. Der Landweg war zu gefährlich.

Später fragte Hjelmgaard: „Wärst du bereit, das Land auch ohne deine Familie zu verlassen?“

Ihre Antwort: „Ich denke schon.“

Am nächsten Morgen schrieb der Auslandskorrespondent allen, die Verbindungen zu Afghanistan oder dem Nahen Osten hatten: Kontakten bei der US-Armee, Kongressmitgliedern, europäischen Diplomaten, Entwicklungshelfern, Journalisten.

Als das US-Militär die Evakuierungen intensivierte, strömten Tausende Afghanen zum Flughafen. Frauen wurden niedergetrampelt, schreiende Kinder über Flughafenmauern gehoben.

Auf der Startbahn klammerten sich verzweifelte Menschen an das Fahrgestell eines Flugzeugs. Als die Maschine abhob, stürzten sie in den Tod.

Wie sollten sie die Journalistin sicher durch einen Flughafen schleusen, in dem alles außer Kontrolle geraten war?

Dann meldete sich ein Reserveoffizier der US-Navy bei Hjelmgaard. „Hi Alex, ich habe eine richtig große Bitte“, hatte Hjelmgaard ihm geschrieben.

„Das wird nicht einfach“, antwortete der Offizier. Er versprach nichts, doch es war ein Hoffnungsschimmer. Die beiden Männer hatten sich zwei Jahre zuvor auf einem Schiff der US-Navy kennengelernt, der im Persischen Golf patrouillierte. Alex Cornell du Houx, 38, war Hjelmgaards Ansprechpartner auf dieser Fahrt gewesen.

Wenige Stunden später meldete er sich erneut bei Hjelmgaard. Die Regierung der Ukraine stellte auf einem Flug einige Plätze zur Verfügung. Hjelmgaard dachte, jetzt sei es bald geschafft.

Um die Weiterreise in die USA würde man sich später kümmern.

17. August

Mein erster Versuch, den Flughafen zu erreichen

Ich erhielt eine Nachricht der ukrainischen Spezialkräfte: Ich sollte zum Flughafen fahren. Als ich beinahe dort war, hieß es, ich solle umkehren und zu Hause auf weitere Anweisungen warten.

Durch das offene Taxifenster roch ich das faulende Obst vom Markt.

Kabul war eine Stadt, in der die Menschen zu kämpfen hatten, aber trotzdem Lebensfreude verbreiteten. Den Anblick der Taliban, die in erbeuteten US-amerikanischen Panzerfahrzeugen durch die Straßen jagten, konnte ich nur schwer ertragen.

MEINE MUTTER SITZT AUF DEM BODEN. SIE ZERSCHNEIDET DOKUMENTE, AUSWEISE UND FOTOS

Am Abend begegnete ich einer verheirateten Polizistin, die auf derselben Etage wie ich wohnte. „Was hast du vor?“, fragte sie.

Ich wusste nicht, wie viel ich ihr sagen konnte.

„Du solltest dir besser Gedanken machen, denn die Taliban zwingen junge Frauen und Witwen, sie zu heiraten. Sie werden dich finden und verheiraten.“

Sie hatte recht. Als die Taliban im vergangenen Sommer die Stadt Bamiyan einnahmen, wo ich geboren wurde, befahlen sie den Ortsvorstehern, eine Liste der Mädchen über 15

Jahren aufzustellen, die mit Talibankämpfern verheiratet werden sollten.

„Ich werde nie einen Taliban heiraten“, sagte ich. „Lieber sterbe ich.“

18. August

Angespanntes Warten

Meine Mutter saß auf dem Boden und zerschnitt Dokumente, in englischer Sprache verfasst, die uns verraten hätten. Ausweispapiere meines Vaters und Fotos, die ihn in seiner Uniform zeigten. Bescheinigungen meiner Schwester über Kurse in EDV, und Buchhaltung. Nachweise meines Bruders über Englischkurse und Box-Trainings.

Stumm verrichtete sie die Arbeit. Die Dokumente waren eingeschweißt, sie hatte Mühe, sie mit der Schere zu zerkleinern. An ihren Fingern bildeten sich Blasen.

Seit 2009 führte ich ein Erinnerungsbuch mit Zeichnungen und Gedichten auf Farsi und Englisch. Meine Freundinnen schrieben mir jedes Jahr etwas hinein. „Ich glaube, du wirst eines Tages eine wichtige Persönlichkeit sein. Du bist intelligent und clever“, lautete ein Eintrag aus dem Jahr 2014.

Ich gab es meiner Mutter. „Ich bringe es nicht fertig, es zu verbrennen. Vielleicht kannst du es ja.“

Ich besaß einen Koran im Taschenbuchformat. Der Islam interessierte mich, also hatte ich den Koran gelesen, Passagen unterstrichen, kommentiert. Während ich ihn jetzt durchblätterte, kam mir der Gedanke, dass ein Kopftuch vielleicht weniger als Schleier zu verstehen war, hinter dem man sich verbarg, sondern vielmehr als eine Art moralische Barriere.

OB ICH MEINE FAMILIE JE WIEDERSEHEN WERDE? MIT MÜHE HALTE ICH DIE TRÄNEN ZURÜCK

Wenn es im Koran heißt: „Dem Dieb und der Diebin trennt die Hand ab ...“, ist das vielleicht keine zwingende Strafe, sondern ein Stilmittel, um die logischen Folgen des Handelns zu vermitteln. Und wie war es möglich, dass ein anderer Vers (Sure 4:34) zu so viel Gewalt gegen Frauen führte, wo es doch darin heißt, dass Männer ihre Frauen ehren und schützen sollen?

Niemand weiß, welche Interpretation des Korans die richtige ist. Aber die radikale Version der Taliban ist eindeutig falsch.

Ich brachte es nicht über mich, den Koran zu verbrennen oder wegzuwerfen. Wenn die Taliban ihn fanden, würden sie mich verfolgen, weil sie keine Fragen duldeten. Nicht zum Islam. So ging ich zur nächsten Moschee und gab ihn den Männern am Tor. Zusammen mit etwas Geld, damit sie nicht zu genau hinschauten.

Auf Twitter feierten die Taliban ihren Sieg. Ich löschte die App von meinem Smartphone. Ich betete nicht.

Damals nicht und auch nicht in den schwierigsten Situationen später. Ich schämte mich, Gott anzurufen, wenn ich etwas brauchte, auch wenn ich nie daran zweifelte, dass es ihn gab.

Mittlerweile überlegten Alex Cornell du Houx und Iryna Andrukh, eine 33-jährige Offizierin der ukrainischen Armee, wie Hosseini in eine Militärmaschine nach Kiew gelangen könnte.

Kennengelernt hatten sich die beiden 2019 in einem Schulungszentrum der NATO in Bayern.

Andrukh war eine Kriegsheldin. Im Krim-Konflikt zwischen ihrem Land und Russland 2014 war sie unbewaffnet über ein Schlachtfeld gegangen und hatte die Freilassung ukrainischer Gefangener erreicht.

„Wir schicken dieses Flugzeug nach Kabul, um unsere Leute herauszuholen. Vielleicht könnten wir daraus einen humanitären Auftrag machen“, lautete Andrukhs Vorschlag, der von einem General abgesegnet wurde. Cornell du Houx gab Hosseini Anweisungen per WhatsApp.

Iwan*, ein Soldat der ukrainischen Spezialeinheiten, der Afghanistan aus vielen Einsätzen kannte, wurde damit beauftragt, Hosseini am Flughafen zu finden und durchs Tor zu bringen.

*Name von der Redaktion geändert

In Kabul war es inzwischen 22.30 Uhr. Cornell du Houx hatte noch eine Nachricht für Hosseini: „Bitte sei flexibel, wenn die Spezialkräfte dich auffordern, an eine andere Stelle zu gehen. Sie sind noch nicht gelandet und haben keinen Überblick über die Gesamtsituation.“

„OK“, schrieb Hosseini zurück.

19. August

Abschied von meiner Familie

Meine Mutter weckte mich um vier Uhr. Sie hielt mir einen Schal an den Rücken, nahm Maß und nähte mein Universitätsdiplom darin ein. Diese Urkunde hatte sie einfach nicht zerschneiden können.

Aus einem weiteren Schal nähte sie einen Gürtel für meinen Pass und eine Festplatte mit einigen meiner Arbeiten. Darüber zog ich ein Kleid und eine Jeansjacke. Dann legte ich einen langen Tschador meiner Mutter an, nur mein Gesicht blieb unbedeckt.

Ob ich meine Familie je wiedersehen würde? Mit Mühe hielt ich die Tränen zurück. Die ganze Woche lagen die Temperaturen bereits über 32 Grad, ich war viel zu warm angezogen. Doch meine Mutter hatte mir gesagt: „Es ist nur für einen Tag.“

Mein Bruder und mein Schwager begleiteten mich, denn ich durfte das Haus nur noch in männlicher Begleitung verlassen. Der Verkehr wurde dichter, je näher wir dem Flughafen kamen. Die Gegend wimmelte von Taliban, die Autos durchsuchten und Menschen zurückwiesen.

Kim Hjelmgaard rief an, doch ich konnte nicht antworten. Ich wollte nicht, dass der Taxifahrer hörte, wie ich Englisch sprach. Ich versteckte das Telefon unter meinem Tschador und tippte schnell: „Kann nicht sprechen.“

An allen sechs Flughafentoren hatten die Taliban Checkpoints errichtet, die Reisende passieren mussten, bevor sie zu den Absperrungen kamen, die von den US-und NATO-Streitkräften kontrolliert wurden. Die Taliban hatten Listen mit Personen, die sie nicht ausreisen lassen wollten. Am Flughafen musste Hosseini drei Tore passieren: das Haupttor, das Abbey-Tor und das Osttor, wo die Ukrainer nach ihr Ausschau halten würden.

Aussichtsloser Kampf

Ich stieg aus dem Taxi und verlor meinen Bruder, der meinen Koffer trug, sofort in der Menge. Ein Talibankämpfer jagte hinter ihm her, dann war er weg. Mein Schwager war bereits auf dem Heimweg.

Als ich zum ersten Kontrollpunkt kam, wartete dort schon eine riesige Menschenmenge – die Männer in einer Reihe auf der einen, die Frauen auf der anderen Seite. Ich kämpfte mich nach vorn. Zwei Taliban schlugen mit Peitschen auf die Menschen ein und schossen in die Luft.

„Mein Bruder ist da drüben, lasst mich durch!“, rief ich auf Farsi.

Einer der Männer stieß mich wütend zurück, verfluchte mich. Irgendwie konnte ich meinen Blick nicht von seinem Gesicht abwenden, von seinen irren, mit Kajal umrandeten Augen, und das weckte seinen Zorn.

ICH RENNE DURCH DEN KONTROLLPUNKT. EIN TALIBAN SCHREIT, ICH WÄRE TOT, WENN ER MICH NOCH EINMAL SÄHE

„Du bist schamlos!“, schrie er. „Senk den Blick, wenn du mit mir sprichst!“ Er schwor bei Gott, dass er mich töten würde. Mit dem Gewehrkolben stieß er mich weg und hob die Hand, um mir einen Peitschenhieb zu versetzen. Sein Kollege hinderte ihn daran. Er sah mich an und sagte: „Das ist deine einzige Chance.“

Ich rannte durch den Kontrollpunkt, hinter mir stritten sie weiter. Der eine schrie, wenn er mich noch einmal sehen würde, wäre ich tot.

Ich schaffte es bis zum zweiten Kontrollpunkt. Dort standen NATO-Soldaten auf der Mauer und warfen Wasserflaschen hinunter. Taliban öffneten sie und kippten das Wasser über uns aus – und wir hatten so Durst.

Ein Taliban verkündete etwas in einer Sprache, die ich nicht verstand. Ich drängte mich weiter nach vorn.

Da hob er seine Peitsche. Ich wich aus, der Hieb traf die Frau hinter mir an der Schulter. Ich hörte sie schreien.

Ich konnte nicht weg, also setzte ich mich hin, direkt vor den Mann.

Um mich herum schrien die Leute, es wäre meine Schuld. So sehr ich es auch wollte, ich konnte mich nicht umdrehen und um die Frau kümmern, der Taliban hätte mich erschossen oder geschlagen.

„Lässt du mich bitte durch?“, fragte ich ihn auf Farsi. „Wo willst du hin?“ „Auf die andere Seite. Dort ist mein Bruder. Ich will ihn zurück nach Hause holen.“

Ich muss schrecklich blass und durstig ausgesehen haben. Meine Stimme klang rau. „Lass mich doch einfach durch.“

Hjelmgaard, Cornell du Houx und Iwan versuchten, Hosseini zu erreichen, aber die Verbindung brach ständig ab. „Bleib stark, Fatema“, schrieb Hjelmgaard. „Du schaffst es!“

Über WhatsApp konnte Hosseini ihren Standort in Echtzeit mit Alex Cornell du Houx Hosseinis teilen, er leitete die Informationen dann an die Ukrainer weiter.

Hosseini schickte eine Sprachnachricht: „Ich glaube, ich habe noch fünf Minuten [bis zum Osttor], aber hier sind zu viele Menschen, und es wird scharf geschossen. Ich komme nicht näher heran.“ Und dann: „Ich brauche Hilfe!“

Hilflos

Der Osteingang wurde von einer großen Menschenmenge belagert. Soldaten schrien sie an, zurückzuweichen, damit die hohen Tore geöffnet werden könnten. Jemand fragte mich nach meinen Papieren, und als ich sagte, ich habe einen Pass, schüttelte er den Kopf.

„Jeder hier hat einen Pass“, sagte er. „Der nützt Ihnen nichts. Sie brauchen ein besonderes Dokument.“

Es sah so aus, als dürften nur Ukrainer durch dieses Tor. Alex Cornell du Houx sagte mir, ich solle dort warten, damit Iwan mich finden könne.

Dann klingelte das Telefon. Iwan sagte: „Geh zum Nordtor!“ Bevor ich etwas erwidern konnte, legte er auf.

Ich fühlte mich so hilflos, dass mir die Tränen kamen. „Wo ist das Nordtor?“, fragte ich jeden, dem ich begegnete.

Die Menschen hier hatten tage-und nächtelang ohne Essen und Wasser gewartet. Ich war so durstig, traute mich aber nicht, jemanden nach Wasser zu fragen. Mütter weinten, Kinder schrien. Überall stapelten sich zurückgelassene Koffer.

Beim letzten Öffnen der Tore, so hieß es, wurden Menschen im Gedränge niedergetrampelt. So viele Verletzte. So viele Kinder.

Ich musste weiter. Das Flugzeug sollte um 13 Uhr abfliegen, jetzt war es schon kurz nach halb eins. Ein Mann riet mir, am Kanal entlangzugehen, der außen um den Flughafen führte, und dann ein Taxi zum Nordtor zu nehmen.

Ohne zu überlegen tat ich, was er sagte. Ich ging so schnell ich konnte, während ich versuchte, meiner Familie eine Textnachricht zu schicken. Als ich vom Telefon aufsah, starrte mich eine Gruppe bewaffneter Taliban an.

Sie hätten mich totschlagen können, doch ich war zu erschöpft, um Angst zu spüren.

Dann kam ich in eine stark belebte Gegend, wo ich einen Ladenbesitzer bat, mir ein Taxi zu rufen.

„Geh nach Hause“, sagte er. Man könne mir ansehen, dass ich mit Ausländern arbeitete, aber die Taliban würden das nicht herausfinden, wenn ich zu Hause bleiben und eine Burka tragen würde.

Ich hatte nie eine Burka getragen, und konnte dieses Gerede einfach nicht mehr hören. Ich brach in Tränen aus und weinte so laut, dass die Leute vor mir zurückwichen. Schließlich stieg ich in ein Taxi mit einem verrückten Fahrer, der mir ständig versicherte, die Taliban wären seine Brüder. Er hielt vor einer Moschee, wo eine Gruppe Taliban saß, drehte die Scheibe herunter und grüßte sie.

Die Taliban sahen mich finster an.

Nach 20 Minuten kamen wir an einem Schild vorbei, auf dem „Willkommen in Bagram“ stand. „Das ist nicht der Weg zum Flughafen“, dachte ich. „Man hat mich entführt.“

Niemals würde ich eine Sexsklavin der Taliban werden. Ich suchte einen Gegenstand, mit dem ich mir die Pulsadern aufschneiden konnte, falls das Schlimmste passierte.

Dann hielt das Auto wieder, der Fahrer zeigte auf die türkische und die afghanische Flagge, die in einiger Entfernung am Nordtor des Flughafens wehten. Ich musste noch etwa zehn Minuten gehen, es war schon nach 13 Uhr, und ich befand mich immer noch auf der falschen Seite des Checkpoints. Dort saßen Männer und Frauen dicht beieinander, denn die Taliban hatten gewarnt, jeden zu erschießen, der aufstehen würde. Tief geduckt ging ich weiter.

Mein Blick streifte eine Frau, deren Arm schlaff herunterhing. Plötzlich landete ein Tränengaskanister vor mir. Die Leute rannten auseinander. Tränen strömten mir übers Gesicht. Als ich mich aufrichtete, fasste mir ein Mann grob zwischen die Beine. Ich konnte weder weitergehen, noch mich hinsetzen, aber ich konnte auch nicht aufrecht stehen, weil mir die Kugeln um den Kopf pfiffen. Ich konnte seine Hand nicht wegstoßen. Seine Familie beobachtete die Szene.

EIN TALIBAN FEUERT DICHT NEBEN MIR SEIN GEWEHR AB. EINE FRAU WIRD VON KUGELN GETROFFEN

Dann richtete ich mich doch auf und schrie: „Ich will hier raus!“

Ein Taliban, der unmittelbar neben mir stand, feuerte sein Gewehr dicht an meinem Ohr ab. Eine Frau neben mir wurde von Kugeln getroffen. Der Soldat versetzte mir einen Stoß, und ich stolperte aus der Menge heraus. Um mich herum wurde alles schwarz.

Am Straßenrand kam ich wieder zu mir. Jemand gab mir Wasser. „Es ist salzig“, sagte er. Ich trank alles.

Dann klingelte mein Handy. Es war mein Bruder. Ich sagte: „Bring Wasser und hol mich nach Hause.“ Für mich war es vorbei. Ich schrieb Kim Hjelmgaard: „Ich schaffe es nicht. Zu gefährlich. Sie schießen scharf und werfen Tränengas.“

Dann meldete sich Alex Cornell du Houx: „Warte noch und denk an etwas Schönes.“

Das tat ich. Wie ich in meinem Schlafzimmer zu Musik aus Bollywood-Filmen tanzte und laut und selbstvergessen mitsang. Das Gefühl, allein in meiner Wohnung zu sein.

Das Lachen meiner kleinen Schwester Mobina. Wie mutig ich mich fühlte, wenn ich die Wohnung so verließ, wie ich mir gefiel. Der rhythmische Tanz meiner Finger auf der Tastatur, wenn eine Geschichte entstand.

Ich dachte an meine Lieblingspassage aus dem Buch Azadi heißt Freiheit von Arundhati Roy: „Was wir brauchen, sind Menschen, die bereit sind, unbeliebt zu sein. Bereit, sich selbst in Gefahr zu bringen. Bereit, die Wahrheit zu sagen. Mutige Journalistinnen und Journalisten können es und haben es getan. Mutige Anwältinnen und Anwälte können es und haben es getan. Und Künstlerinnen und Künstler ... Es gibt viel zu tun. Und eine ganze Welt zu gewinnen.“

Ich könnte versuchen, nach Hause zu gehen, aber was erwartete mich dort? Die Taliban würden mich töten oder mich in ihre Gewalt bringen.

Hoffnung

Mein Telefon klingelte. Es war Iwan, der mir einen Mann beschrieb, nach dem ich Ausschau halten solle.

ICH BIN DIE ERSTE AFGHANIN, DIE ALEX CORNELL DU HOUX AUS KABUL EVAKUIERT, 500 WEITERE FOLGEN

Wenige Minuten später hatte ich ihn gefunden. Er brachte mich an eine Stelle, wo schon viele ukrainische Familien darauf warteten, durch das Tor gelassen zu werden.

Ein Drahtzaun verbarrikadierte den Weg. Die NATO-Truppen hatten Angst vor Selbstmordattentätern, und als wir zu nahe herankamen, eröffneten sowohl die Taliban als auch die ausländischen Truppen das Feuer.

Ein Talibankämpfer versuchte, mich zurückzudrängen. Ich sah ihm direkt in die Augen, er war etwa in meinem Alter. Die Worte strömten aus mir heraus, bevor ich es verhindern konnte: „Mein Gott, ihr seid so brutal. Warum prügelt ihr auf die Leute ein, warum tötet ihr sie? Wir sind doch ein Volk.“

Er stieß mich weg. Aber ich hatte keine Angst mehr. „Siehst du die Soldaten auf der anderen Seite?“, fragte ich. „Sie warten auf mich und beobachten uns. Wenn du mich schlägst, kriegst du es mit ihnen zu tun.“

Er ließ mich näher an den Zaun heran, wo ich mich so hoch aufrichtete wie ich konnte, meine Hände in den Himmel reckte und schrie: „Iwan! Ich bin’s, Fatema!“

Er stand direkt vor mir auf der anderen Seite des Zauns und schickte einen Soldaten, um mich zu holen. Halb trug, halb zog mich dieser Mann auf die andere Seite des Zauns, und ich stieg über wer weiß wie viele andere Wartende auf dem Weg durchs Tor.

Das Flugzeug der ukrainischen Luftwaffe verließ Kabul erst zwei Tage später, da die Spezialeinsatzkräfte weitere Landsleute und andere Flüchtende zu retten versuchten.

Dann war es endlich so weit: Am Sonntag, dem 22. August, verließ ich um 9.30 Uhr das Ankunftsterminal des Flughafens Kiew-Boryspil. Iryna Andrukh schickte Kim Hjelmgaard ein Foto von uns beiden. Unser strahlendes Lächeln zeigt unsere riesengroße Erleichterung.

Ich war die erste Afghanin, die Alex Cornell du Houx aus Kabul evakuierte. Später gelang es ihm, zusammen mit seinen Kontaktpersonen 500 weitere Menschen aus Kabul herauszuholen, darunter meine Eltern, mein Bruder und meine Schwester. Wenige Minuten, bevor IS-Terroristen einen Selbstmordanschlag am Flughafentor verübten, hob das Flugzeug mit meiner Familie ab. Beim Anschlag wurden 170 Afghanen und 13 US-Soldaten getötet.

Nachdem meine Familie sicher in der Ukraine war, sprach ich mit meiner Mutter über die Dinge, die wir zurücklassen mussten. „Mein Tagebuch“, sagte ich, und dachte daran, wie ich es ihr zum Verbrennen gegeben hatte.

„Das habe ich mitgebracht“, erwiderte sie. Das war typisch für meine Mutter. Sie rettete meine schönsten Erinnerungen – Erlebnisse, bei denen ich meine Stimme fand.

Die Taliban tauchten später in unserem Viertel in Kabul auf. Videos zeigen, wie sie eine Frau schlagen und Männer in Kofferräume zwingen.

Meine Familie blieb in Kiew. Am 11. September flog ich zum Flughafen Dulles bei Washington – dem Flughafen, von dem genau 20 Jahre zuvor die Passagiermaschine startete, die von Terroristen gekapert wurde und ins Pentagon stürzte.

Anhänger von Osama bin Laden sind auch jetzt noch in Pakistan und Afghanistan aktiv. Und Frauen müssen sich unter schwarzem Stoff ducken. Es gibt immer noch eine Welt zu gewinnen, und dafür kämpfe ich.

Als Russland in die Ukraine einmarschierte, musste Fatema Hosseinis Familie erneut fliehen. Sie gelangte sicher nach Polen.

Der Gedanke, einmal in seiner Größe gefasst, kann nicht mehr verschwinden. Solange es Menschen gibt, wird auch der starke Wunsch da sein, den Turm zu Ende zu bauen.

FRANZ KAFKA, DEUTSCHSPR. SCHRIFTSTELLER (1883–1924)