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Flucht im Postsack


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 24.09.2019

Während des Zweiten Weltkriegs operierten in Frankreich zahlreicheAgentinnen für den britischen Geheimdienst. Sie organisierten Widerstandsnetzwerke, tarnten sich geschickt und riskierten unentwegt ihr Leben.


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Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 5/2019

1 Marie-Madeleine Méric (später Fourcade) bildete das Zentrum der Al liance (hier 1958)

2 Als Agentin der britischen Special Operations Exe - cutive (SOE) kam Odette Sansom nach Frankreich (hier 1946).

3 Die SOE-Kräfte wurden im Fallschirmspringen geschult 1941.

4 Einige SOE-Leute nutzten solche Pistolen.

Gabriel Rivière staunte nicht schlecht: »Mein Gott, es ist eine Frau!« Erst vor ein paar Tagen ...

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... waren der schnurrbärtige Offizier der Handelsmarine und ein Bekannter für den Agentenring »Croisade« (»Kreuzzug«) angeworben worden. Nun, im Dezember 1940, sollten beide dem lokalen Oberhaupt des geheimen Netzwerks begegnen.

Der Treffpunkt war ein Café in der wichtigsten Hafenstadt im unbesetzten, von NS-Deutschland abhängigen Vichy-Frankreich unter Marschall Pétain: Marseille. Die Person, die den Männern entgegentrat, hieß amtlich Marie-Madeleine Méric, aber fast alle ihre Mitstreiter kannten sie als »Igel«, später auch als »POZ 55«. Nach einem kurzen Gespräch hatte man die Tarnung für die künftigen Aktionen beschlossen: Die Widerständler erwarben einen Großhandel mit Obst und Gemüse, der auch unauffällige Kontakte in den Hafen erlaubte.

»Igel« war in Marseille geboren. Aber das erzählte sie den neuen Agenten nicht – je weniger private Details, desto besser. So hatte sie es seit 1936 gelernt, als sie von einem umtriebigen, charismatischen Major – Deckname »Navarre« – in Paris gefragt worden war, ob sie in einem Infor man tennetz gegen die deutsche Aufrüstung an der Grenze und gegen kommunistische Saboteure innerhalb des französischen Militärs mitmachen wolle.

Méric war dank ihrer Fähigkeiten und Kontakte bestens für Untergrundaktivitäten geeignet. Aufgewachsen in Shanghai, hatte sie neben dem Klavierstudium nicht nur den Führerschein, sondern auch einen Pilotenschein erworben. Mit ihrem Mann hatte sie eine Weile in Marokko gelebt, sich dann von ihm getrennt und war nun bei einem Rundfunksender tätig.

Nachdem Hitlers Truppen 1940 den Norden und Westen Frankreichs besetzt hatten, war Pétains Amtssitz, der Kurort Vichy, zum geheimen Zentrum der Untergrund-»Alliance« geworden. Im Auftrag »Navarres« besorgten Informanten detaillierte Angaben zur deutschen Rüstung und zu deutschen U-Booten, die von Frankreich in Richtung England ausliefen, und gaben sie an den britischen Geheimdienst MI 6 weiter.

Marie-Madeleine Méric arbeitete sich so schnell in die Geheimdiensttätigkeiten ein, dass selbst erfahrene Spione, darunter der Brite Kenneth Cohen vom MI 6, beeindruckt waren. Sie vereinige »das Gedächtnis eines Elefanten, die Schlauheit eines Fuchses, die Tücke einer Schlange, die Ausdauer eines Maulwurfs und die Wildheit eines Panthers«, lobte ihr Mentor »Navarre«. Als er 1941 in Algier inhaftiert wurde, war sie plötzlich die »Patronne« des gesamten Netzwerks und wurde auch von den Briten als Chefin der militärischen Nachrichtendienste anerkannt.

Die wichtigste Waffe der Spione , um Informationen an die Briten zu übermitteln, waren Funkgeräte – bis zu 17 dieser Geräte hatte die Alliance zeitweise in Betrieb. Die Funker riskierten viel: Je länger sie vom gleichen Ort aus Morsezeichen durch den Äther schickten, desto leichter wurde es für die geübten Peilkommandos der Nazis, den Sender ausfindig zu machen.

Trotz mancher Rückschläge weitete sich der Agentenring aus, angeworben wurde vor allem auch im öffentlichen Dienst. Als im November 1942 auch das restliche Frankreich unter deutsche Besatzung fiel, konnte die Alliance und mit ihr die Briten auf mindestens 145 Informanten zählen. Sogar der französische Kinderfilmstar Robert Lynen machte mit – und besonders viele Frauen: Etwa 24 Prozent der Mitglieder waren weiblich, mehr als in jedem anderen Widerstandsnetzwerk.

Die Alliance war nicht die einzige Untergrundgruppe, die Informationen an die Gegner der Deutschen übermittelte. Unterstützt wurden einige von ihnen von einer speziellen Abteilung des britischen Geheimdienstes, die im Juli 1940 gegründete Special Operations Executive (SOE). Ihre Aufgabe war es, den Widerstand in den von Deutschland besetzten Gebieten mit Material und Agenten zu stärken; allein nach Frankreich schleuste die SOE insgesamt 417 Agenten ein. Unter ihnen waren auch 39 Frauen.

Gewonnen
Am 26. August 1944 feierten Mitglieder der Résistance und französische Soldaten die Befreiung von Paris.


Störrisch sei sie gewesen, habe »immer ihren eigenen Kopf gehabt«, schrieb ein Historiker anerkennend über Méric.


Nicht wenige waren mit falscher Identität ins Land geschmuggelt worden. Zum Beispiel die Britin Odette Sansom: Mitte 1942 kletterte sie nachts am Strand der Riviera aus einer Feluke und übernahm sofort Kurierdienste in Südfrankreich. Mitte April 1943 geriet sie nach einem Verrat der Wehrmachtabwehr in die Fänge und musste schwerste Folterungen der Gestapo erdulden; unter anderem wurden ihr alle Zehennägel aus - gerissen. Geistesgegenwärtig stellte sie ihren Freund, den Agentenführer Peter Churchill, als Verwandten des britischen Premiers dar, sodass sie als angebliches Faustpfand selbst das KZ Ravensbrück überlebte.

Weniger Glück hatte Andrée Raymonde Borrel. Nach nur einmonatiger Ausbildung durch die SOE sprang die 22-Jährige Ende September 1942 mit dem Fallschirm östlich von Blois im Rhônetal ab und arbeitete dann als Kurierin und Anwerberin für den nordfranzösischen Widerstandsring »Pros - per«. Doch im Juni 1943 zerschlugen die Besatzer das Netzwerk. Andrée Borrel kam in ein Gefängnis des SD, des besonders brutalen Sicherheitsdienstes der SS. Nach langem Leiden wurde sie Anfang Juli 1944 im elsässischen Konzentrationslager Natzweiler hingerichtet.

13 der 39 SOE-Spioninnen verloren ihr Leben. Marie-Madeleine Méric hingegen, die nicht für die SOE, sondern direkt für den MI 6 tätig war, täuschte die Häscher immer wieder – einmal sogar auf dem heimlichen Weg nach Spanien und zurück, viele Stunden lang in einen lebensgefährlich engen Postsack kauernd. Selbst als sie im November 1942 von der französischen Polizei verhaftet wurde, kam sie dank einer Ausrede wieder frei. Bei einem Zwischenaufenthalt in London wurde sie bald darauf selbst vom MI-6-Vizechef Claude Dansey, der als Frauenfeind galt, respektvoll begrüßt. Achtmal musste sie das Hauptquartier ihrer Al lian ce verlegen; im Juni 1943 brachte sie in Lyon obendrein einen Sohn zur Welt.

Bald darauf gelang dem Spionagenetz ein spektakulärer Coup: Die Agentin Jeannie Rousseau hatte einem deutschen Offizier entlockt, dass das Hitler- Regime die Entwicklung verheerender Langstreckenwaffen plante; sogar den Ort der Erprobung gab er preis. Bald darauf bombardierten britische Geschwader das pommersche Peenemünde und hemmten so entscheidend die Entwicklung der V2-Rakete. Doch dann misslang Jean nie Rousseau die geplante Flucht nach England; sie wurde in mehreren deutschen Konzentrationslagern gequält, überlebte aber und starb erst 2017 mit 98 Jahren.

Die Widerständler ließen sich nicht einschüchtern, obwohl die Deutschen ihnen immer näher kamen. Im Juli 1944 geriet Marie-Madeleine Méric in Aix-en-Provence doch noch in die Fänge der Gestapo. Die Tarnung als Obsthändlerin – samt einer Gebissprothese, die sie naiv wirken ließ – nützte nichts. Hatte das Glück sie verlassen? Entschlossen zwängte sie sich durch die Gitterstäbe des Untersuchungsgefängnisses, entkam tatsächlich und konnte Ende August 1944 in Paris mitfeiern, als der britische General Patton und seine Truppen dort einrückten.

Störrisch sei sie gewesen, habe »immer ihren eigenen Kopf« gehabt, so schrieb der britische Geheimdiensthistoriker Michael Foot später anerkennend. An die 3000 Agenten hatte sie geführt, von denen etwa 600 in deutsche Gefangenschaft geraten und 438 umgebracht worden waren.

Bald nach Kriegsende nahm Marie-Madeleine Méric den Namen ihres zweiten Mannes, Four - cade, an, kämpfte mit ihm für den Wahlsieg von General Charles de Gaulle und brachte es mit verblüffender Energie bis ins Europäische Parlament. Nahezu jeden Monat empfing sie Besuche von ehemaligen Untergebenen aus der Alliance. Als die Unbeugsame 1989 starb, wurde sie als erste Frau überhaupt unter den Kriegshelden des Pariser Invalidendoms beigesetzt, unweit von Napoleon.