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Flucht vor Intimität?


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 08.09.2021

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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 10/2021

Eine junge Frau ruft, wenn sie sexuelle Bedürfnisse hat, einen ihrer Freunde an, und der kommt dann vorbei. Ein junger Mann sucht in Onlineforen nach Sexpartnerinnen. Eine Beziehung wollen beide nicht. Diese zwei Beispiele aus der therapeutischen Praxis sind keine Einzelfälle. Die Beziehungen junger Erwachsener, also von Menschen zwischen 18 und 30 Jahren, haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten stark verändert: Sie sind durch häufige Partnerwechsel und große Unverbindlichkeit gekennzeichnet – man könnte sie etwas provokativ mit „Sex ja, Liebe nein“ umschreiben. Das ist eine überraschende Entwicklung, denn sie scheint nicht so ganz zu den Prozessen zu passen, die man in der vorangegangenen Lebensphase beobachten kann, bei Jugendlichen, also etwa 12- bis 18-Jährigen. In dieser Zeit laufen romantische Partner und Partnerinnen den Eltern, den Freunden und Freundinnen bald den Rang ab und werden ...

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... zur wichtigsten Vertrauensperson. Diese ersten Beziehungen stellen die Basis für Liebesbeziehungen im Erwachsenenalter dar, denn in ihnen lernen die Jugendlichen wichtige Fähigkeiten, um eine Partnerschaft zu führen, unter anderem gemeinsam Konf likte zu lösen und mit negativen Gefühlen umzugehen.

Warum sie das im jungen Erwachsenenalter nicht fortsetzen, ist eine wichtige Frage. Haben wir es noch mit einer „normalen Entwicklung“ zu tun oder liegt vielleicht eine krankheitswertige Beziehungsstörung vor? Um dies zu verstehen, ist es notwendig, sich zunächst mit den Entwicklungsfortschritten während der Adoleszenz zu beschäftigen und dann zu schauen, was im jungen Erwachsenenalter an Aufgaben ansteht und warum die unverbindlichen Beziehungen in dieser Phase vielleicht „genau richtig“ sind.

Zu Beginn des Jugendalters stellen Freundschaften den Kontext dar, in dem sich Partnerbeziehungen, die in der Forschung romantische Beziehungen genannt werden, herausbilden; entsprechend sind romantische Beziehungen in diesem Alter stark durch freundschaftsbezogene Merkmale gekennzeichnet, zum Beispiel durch Vertrauen oder gemeinsame Aktivitäten. Erst in der mittleren und späten Adoleszenz kommen neue Aspekte wie Leidenschaft und sexuelle Anziehung hinzu. Verglichen mit den Eltern, engen Freunden oder Freundinnen, spielen der romantische Partner oder die romantische Partnerin zunächst eine eher untergeordnete Rolle. Über die Adoleszenz hinweg gewinnen sie jedoch zunehmend an Bedeutung und ersetzen nach und nach Eltern, Freunde und Freundinnen als Vertrauenspersonen. Am Ende der Adoleszenz sind sie die wichtigsten Personen für Jugendliche. Dieser allmähliche „Aufstieg“ der romantischen Partnerin oder des romantischen Partners wurde in vielen empirischen Studien belegt. Aufgrund der häufigen Partnerwechsel, die typisch für die Adoleszenz sind, handelt es sich natürlich um jeweils andere Partner oder Partnerinnen, die aber dennoch über die Jahre insgesamt bedeutungsvoller werden.

Zahlreiche Studien auf internationaler Ebene, aber auch in Deutschland verdeutlichen, dass es relativ lange dauert, bis aus den unverbindlichen Treffen Jugendlicher schließlich „das Paar“ entsteht. Während die Jugendlichen zunächst meist in größeren Gruppen „herumhängen“, kommt es mit der Zeit zu einem stärkeren Bedürfnis, nur mit einem bestimmten Partner, einer bestimmten Partnerin auszugehen. Die emotionale Nähe oder auch Intimität zwischen beiden nimmt zu, sexuelle Aspekte werden wichtiger, der Verpf lichtungsgrad zueinander steigt. Selbst wenn die Beziehungsdauer noch kurz ist und sich erst gegen Ende der Adoleszenz etwas verlängert und auch wenn Trennungen nach wie vor häufig sind: Die Paarbildung und -bindung ist eine Entwicklungsaufgabe, die vielen Jugendlichen am Ende der Adoleszenz gelungen ist.

Eine romantische Beziehung einzugehen ist also ein Lernprozess, der erst nach längerer Erfahrung erfolgt, dann aber einen gewissen Rückzug aus den engen Freundschaftsbeziehungen mit anderen Jugendlichen mit sich bringt, denn die Zeit, die Jugendliche ab Mitte, Ende der Adoleszenz mit ihren Partnern oder Partnerinnen verbringen, geht zulasten der Zeit, die sie für Freundschaften haben. Dies birgt sehr viel Konf liktpotenzial, insbesondere in Mädchenfreundschaften.

Jugendlichenpartnerschaften entstehen im Peerkontext: Die ersten Beziehungen werden in der Regel durch den Freundeskreis initiiert, die ersten Treffen finden in Begleitung von Freunden und Freundinnen statt, und auch bei der Trennung trösten diese; ein erheblicher Teil ehemaliger „Lover“ wird in das bestehende Freundschaftsnetzwerk integriert. In den engen Freundschaften von Jugendlichen wird eine Menge gelernt: Sie sind durch große Nähe und das Mitteilen von vertraulichen, privaten Dingen gekennzeichnet, also durch Merkmale, die für die späteren romantischen Beziehungen ebenfalls typisch sind. Mädchen sind im Vergleich zu Jungen in ihren Freundschaftsbeziehungen schon weiter entwickelt, und dies ist mit ein Grund dafür, dass sie für den Beginn romantischer Beziehungen „gut gerüstet“ sind. Es ist aber auch Anlass für Konf likte, die durch die unterschiedlichen Erfahrungen und Kommunikationsformen von Jungen und Mädchen in den ersten Partnerschaften entstehen können.

Diese Entwicklung findet keine direkte Fortsetzung im jungen Erwachsenenalter. Die Forschung zeigt ganz eindeutig, dass sich hier etwas verändert hat. Die jungen Erwachsenen scheinen große Probleme zu haben, sich auf dauerhafte Beziehungen einzulassen, die durch Intimität und eine gewisse Verbindlichkeit gekennzeichnet sind. Studien in den Industrieländern haben gezeigt, dass der Beginn einer Ehe oder festen Partnerschaft bis zum Ende des dritten Lebens-jahrzehnts verschoben ist. In den Zwanzigern folgen auf kurze Perioden romantischer Stabilität häufig Phasen kurzlebiger oder instabiler Beziehungen, und selbst das Zusammenleben bedeutet für viele nicht unbedingt eine feste Beziehung. Insgesamt fand die Forschung vier verschiedene Muster, die dadurch gekennzeichnet sind, dass sich die Beteiligten nicht als Paar erleben.

Sich Zeit lassen, bevor man sich bindet: Früher taten das vor allem Männer, heute auch Frauen

Bei One-Night-Stands handelt es sich um unverbindliche und emotional belanglose sexuelle Begegnungen mit in der Regel unbekannten Personen. Man trifft sich zum Beispiel mit mehreren Leuten, f lirtet, trinkt Alkohol und es kommt zum Geschlechtsverkehr. Eine eng verwandte Form der nichtromantischen sexuellen Beziehung ist Freundschaft plus, die teilweise schon bei Jugendlichen auftritt und bei jungen Erwachsenen eine herausragende Rolle spielt. Dabei wird die sexuelle Aktivität als Ergänzung der Freundschaft betrachtet. Die von uns Befragten berichteten weder über romantische Gefühle noch über die Erwartung, romantische Partner oder Partnerinnen zu werden. Beim sex with the ex schlafen Ex-Partnerinnen und -Partner trotz Beendigung ihrer romantischen Beziehung weiterhin miteinander. Und schließlich gibt es die On-off-Beziehungen, die durch häufige Trennungen und Wiedervereinigungen gekennzeichnet sind.

Natürlich gibt es auch im jungen Erwachsenenalter enge und langdauernde Paarbeziehungen, aber die Forschung hat immerhin bei bis zu 70 Prozent der jungen Erwachsenen solche „Nichtbeziehungen“ gefunden, besonders oft bei Studierenden, allerdings auch unter allen anderen Gruppen. Frauen haben hier stark aufgeholt, denn diese Muster existierten schon früher, zumeist bei Männern, während Frauen tendenziell auf der Suche nach festen Beziehungen waren. Das Ausprobieren und Sich-Zeit-Lassen ist also inzwischen auch für Frauen selbstverständlich geworden.

Wenn man die hohe Kompetenz im Umgang mit Paarbeziehungen berücksichtigt, die während der Adoleszenz erreicht wurde, ist zunächst irritierend, dass diese Entwicklung nicht fortgesetzt wird. Wie geschildert wurde, ist für die Paarbindung im Jugendalter ein längerer Lernprozess notwendig. Für Jugendliche sind exklusive, sehr idealistische Partnerbeziehungen charakteristisch, in denen beide meinen, keine Minute ohne den anderen sein zu können. Erst spätere Beziehungen zeichnen sich durch größere Unabhängigkeit und eine realistischere Wahrnehmung des anderen aus. Dies ist auch der Grund, weshalb Konf likte in jungen Partnerschaften eher vermieden werden, in reiferen, schon länger andauernden romantischen Beziehungen aber deutlich häufiger sind und – bei konstruktiver Lösung – wesentlich zum Bestand der Beziehung beitragen.

Die nichtromantischen sexuellen Kontakte, die relativ häufig bei jungen Erwachsenen gefunden wurden, lassen weniger Möglichkeiten, eine Beziehung zu entwickeln, und tatsächlich wird aus den sporadischen Formen, die häufig über Dating-Apps wie Tinder oder Bumble entstehen, auch nur äußerst selten eine längerfristige Partnerschaft. Gemeinsame Erfahrungen, etwa die, auch über negative Gefühle offen sprechen oder Konf likte bewältigen zu können, werden so kaum gemacht.

Um besser nachzuvollziehen, warum sich viele junge Menschen heute keine feste Liebesbeziehung wünschen, muss man sich klarmachen, dass das romantische Ideal, das für vergangene Jahrzehnte die lebenslange monogame Beziehung zu nur einem Menschen propagierte, heute weitgehend hinterfragt wird. Hinzu kommt, dass junge Männer und Frauen vor neuen Unwägbarkeiten stehen, wenn es darum geht, Karriere und romantische Beziehungen zu koordinieren. Sie verfügen über die Fähigkeiten und Erfahrungen, sich auf eine Beziehung einzulassen, müssen diese jedoch gleichzeitig mit beruf lichen und finanziellen Anforderungen vereinbaren, die heute viel schwieriger, unvorhersehbarer und belastender geworden sind. Früher erfolgten viele der Aufgaben, etwa der Auf bau eines eigenständigen Haushalts, die beruf liche Professionalisierung, finanzielle Unabhängigkeit und feste Partnerschaft beziehungsweise Heirat, nacheinander, also in einem sequenziellen Modus – das hat die Belastungen entzerrt. Heute streben junge Leute viele Aufgaben gleichzeitig an und scheinen bei aller nach außen wirkenden Sorglosigkeit doch unter einem erheblichen Druck zu stehen.

Die jungen Erwachsenen erleben es offenkundig als belastend, komplex und zeitaufwendig, den verschiedenen Ansprüchen gerecht zu werden. Bis diese Koordination erreichbar ist, scheinen viele von ihnen eher auf enge Beziehungen zu verzichten und stattdessen ungezwungene, nichtromantische sexuelle Beziehungen einzugehen. Sie stellen eine Verbindung zu einer anderen Person her, die keine „Arbeit“ oder Verpf lichtung erfordert. Um dieses Muster des (Nicht-)Engagements zu erklären, berichten sie, dass sie zu jung seien, um sich zu binden, oder beruf lich oder studienbedingt zu beschäftigt und dass diesbezüglich eine erhöhte Mobilität von ihnen verlangt werde. Dafür sprechen auch die Daten unserer 2017 erschienenen Studie mit 3000 jungen Erwachsenen mit unterschiedlichem Berufsstatus – arbeitssuchend, in der Lehre, bereits berufstätig und studierend. Sie ergab, dass Gleichaltrige, die bereits in einem Beruf angekommen waren, stärker partnerschaftlich gebunden und weniger selbstbezogen waren.

▶Junges Erwachsenenalter

Als junges Erwachsenenalter gilt der Lebensabschnitt von 18 bis 30 Jahren, ty pische Herausforderungen dieser Zeit sind der Aufbau eines eigenen Haushalts, einer beruflichen Karriere oder einer festen Beziehung. Die Phase davor wird Jugend oder auch Adoleszenz genannt. 12- bis 14-Jährige werden meist der frühen Adoleszenz zugerechnet, 15- bis 17-Jährige der mittleren, 18- bis 21 -Jährige der späten. Dieser letzte Abschnitt überschneidet sich mit dem des jungen Erwachsenenalters

Die Rolle der Eltern

Wir dürfen dieses Muster der jungen Männer und Frauen keinesfalls pathologisieren, etwa in Richtung einer Bindungsstörung. Es sollte bedacht werden, dass es von vielen gesellschaftlichen Entwicklungen begünstigt wird: von Optimierungsdruck etwa oder einem gewissen Narzissmus, der in den sozialen Medien durch eine geschönte Selbstdarstellung und den ständigen Vergleich sehr gefördert wird.

Wie eine Studie nahelegt, die ich dieses Jahr publiziert habe, sind aber noch weitere Faktoren zu berücksichtigen: Dazu zählt die verzögerte und veränderte Identitätsentwicklung, die durch starke Exploration, also das Ausprobieren und Entdecken neuer Erfahrungen gekennzeichnet ist und ebenso durch ein verringertes Commitment. Die Untersuchten hatten die Tendenz, sich nicht festzulegen. Auch die spezifische Qualität der Beziehung zu den Eltern spielt eine wichtige Rolle. Ein nicht unerheblicher Prozentsatz junger Erwachsener erlebt die Semiautonomie von den Eltern als problematisch, beschreibt die Beziehungen zu ihnen als zu eng, bedrängend, intrusiv. Nicht zuletzt durch Corona sind einige „zurück ins Kinderzimmer“ gezogen. Ihre Eltern, die sich schlecht von den erwachsenen Kindern trennen können, versuchen durch Druck, übergriffiges Verhalten und Schuldgefühle („ Deine Mutter liegt die halbe Nacht wach und weint, weil du …“) Einf luss auf die Entwicklung ihrer „Kinder“ zu nehmen, mit sehr negativen Folgen .

Es gibt zwar kritische Stimmen, die behaupten , dass ungezwungene sexuelle Beziehungen die Fähigkeit junger Erwachsener beeinträchtigten, in Zukunft intime, vertrauensvolle Interaktionen mit einer Partnerin oder einem Partner zu entwickeln, aber die meisten Forscher stellen das infrage. Auch diese unverbindlichen Begegnungen bieten kommunikative Herausforderungen und Lernmöglichkeiten und führen durchaus auch zu Enttäuschungen. Schmerzhafte Erfahrungen können die jungen Erwachsenen zum Nachdenken darüber anregen, was sie in Beziehungen schätzen und wie sie von nun an besser damit umgehen können.

Schaut man in den weiteren Lebensverlauf, so wird deutlich, dass doch Lernprozesse gemacht werden, wie ich in einer Langzeitstudie mit israelischen Forschenden gezeigt habe. Wir untersuchten über sieben Jahre hinweg Menschen im Alter von 23 bis 30 Jahren. Während deren unverbindliche sexuelle Beziehungen in ihren frühen 20ern ziemlich häufig waren, gingen sie mit Ende 20, Anfang 30 zurück, es entstanden wieder stetige Beziehungen mit einem Partner oder einer Partnerin. Unter den Teilnehmenden hatten viele aus den früheren instabilen kurzzeitigen sexuellen Begegnungen gelernt und waren in der Lage, diesen Lernprozess zu nutzen, indem sie Partner oder Partnerinnen fanden, die besser zu ihnen passten. Dies waren 36 Prozent. Allerdings gab es auch 44 Prozent, die das alte Muster (noch) weiterführten. Weitere 20 Prozent blieben über sieben Jahre in der gleichen Partnerschaft , entwickelten sich aber gemeinsam in dieser festen Beziehung.

Wir müssen daraus den Schluss ziehen, dass das, was zunächst als Entwicklungsstillstand oder Rückschritt erscheint, möglicherweise doch eine wichtige Funktion für das zukünftige Leben haben kann: Während die Beziehungsentwicklung quasi „auf Eis“ gelegt wird, wurden zeitgleich wichtige Herausforderungen im beruf lichen Bereich, in der finanziellen Absicherung und dem selbständigen Wohnen vollzogen. Danach setzte ein starkes Bedürfnis ein, nun auch in der Partnerschaft mehr Nähe, Verbindlichkeit und emotionale Tiefe zuzulassen. n

Inge Seiffge-Krenke ist Professorin für Entwicklungspsychologie und Psychoanalytikerin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem romantische Beziehungen und das junge Erwachsenenalter. Dieser Text ist eine gekürzte Version ihres Vortrags bei den Lindauer Psychotherapiewochen 2021

ZUM WEITERLESEN

Inge Seiffge-Krenke: Identität und Beziehungen. Auswirkungen der veränderten Identitätsentwicklung auf Partnerschaften . Psychodynamische Psychotherapie, 20/1, 2021, 17–27

Alle Quellen zu diesem Beitrag finden Sie auf psychologie-heute.de/literatur